Gastbeitrag: Der wiedergefundene Name- Bericht von meiner Behandlung

 Es war ein Buch. Ein besonderes Buch. Eine Bekannte hatte es mir geschenkt. Der Weg der Kaiserin. Von Christine Li und Ulja Krautwald. Schon beim Titel klang etwas tief in meinem Inneren an. Der Weg der Kaiserin?, aber ich bin doch gar keine Kaiserin, dachte ich mir. Als ich das Buch umdrehte, um den rückwärtigen Einband zu lesen, wusste ich: das ist eine Lektüre der besonderen Art. Etwas für Mutige. Also legte ich das Buch flugs aus der Hand und machte einen Bogen ‘drum. Denn der ganz normale Alltag verlangte mir schon genug Mut ab. Mehr Mut hatte ich nicht.

Aber das Buch schien mich zu rufen – ohne Anklage, ohne Eile. So schlich ich hin und wieder einmal zur Fensterbank, auf die ich es wegen seines hübschen Einbandes gelegt hatte. Oder vielleicht doch nicht wegen der schönen Optik, sondern unbewusst, damit ich es nicht vergesse?! Immer und immer wieder las ich die Aufzählung der Kaiserinnensätze und zweifelte mal an mir und mal an der Bekannten. Was will sie mir damit sagen? Ich bin doch gar nicht so, wie die Frau, die da beschrieben wird. Oder traue ich mich einfach nicht so zu sein, flüsterte es leise in mir.

Als ich das Buch dann eines Abends endlich zu lesen begann, legte ich es nicht mehr aus der Hand. Ich war tief beeindruckt. Es war für mich wie ein Zeichen. Ein Zeichen, dass das Leben gelebt werden will. Ohne Kummer, ohne Machtkampf. Einfach nur um glücklich zu sein. Und um voller Stolz – und auch gleichzeitig voller Demut – einfach ich selbst zu sein.

Viele Monate später sitze ich an meinem eigenen Schreibtisch und überarbeite mein Marketing und mein Corporate Identity (CI). Und schon zwickt und zwackt es in meinem Bauch. Identitätskrise. Gebt euren Kindern Wurzeln, dann wachsen ihnen Flügel. So oder ähnlich lautet ein Spruch. Von wem eigentlich? Wer war‘s, der den tieferen Zusammenhang zwischen Wurzeln und Fliegen erkannt hatte? Ja, ja, das Fliegen. Die Welt sieht von da oben bestimmt auch sehr hübsch ausAber fliegen ohne Wurzeln, davon rät der Spruch wohl ab. Aber woher Wurzeln nehmen, wenn man in drei verschiedenen Kontinenten aufgewachsen ist, man sich etwa alle zwei Jahre eine neue Adresse merken musste, man im Gespräch mit seinen Geschwistern wahllos zwischen verschiedenen Sprachen hin und her springt und Außenstehende ein Lexikon benötigen würden, um das Gesagte komplett zu verstehen? Und der eigene Vorname in den vielen Orten und Kulturen ständig an Sprache und Mundart angeglichen wurde und sich so mit der Zeit sechs verschiedene Namen ergeben? Ich zerbreche mir also über mein CI den Kopf. Wie heiße ich eigentlich? An wen könnte ich mich wohl mit dieser ernst gemeinten, banal-blöden Frage wenden, ohne dass er den Notarzt ruft?

An Christine Li – sagt mir eine Stimme im Kopf. Eine Ärztin, die ein Buch wie das des Weges der Kaiserin schreibt, heißt eine in gängiger Meinung delirierende Frau bestimmt willkommen. Also greife ich mutig zum Telefonhörer.

Drei Wochen später öffnet mir Frau Li die Praxistür. Hatte ich sie mir so vorgestellt? Wir geben uns die Hand und schon fühle ich mich „in guten Händen“. Im Zeitraffer beschreibe ich Frau Li meine Kindheit, die Vor- und die Nachteile und mein Dilemma. „Aha,“ sagt sie, „also müssen Wurzeln her und Ihre wahre Identität.“ Was, so einfach? Wie?, ein Mensch, der mich auf Anhieb versteht? Ich fühle mich angekommen.

Pulsdiagnose

Frau Li’s Finger spielen auf meinem Handgelenk Klavier. Mit ihrer linken Hand macht sie sich in Chinesisch Notizen. Schade, dass ich kein Chinesisch kann, sonst könnte ich lesen, was ihr mein Puls erzählt. Aber lange muss ich nicht warten. Doch zunächst darf auch meine andere Hand ihre Geheimnisse preisgeben. Es folgen beeindruckende Antworten aus der Tiefe meiner Seele. Akupunktur. Nadeln an Stirn, Händen und Fesseln, und ich fühle mich wohl. Schon freue ich mich auf meinen zweiten Termin.

Trance

Jetzt werden Wurzeln gelegt. Frau Li setzt Nadeln, und mein Gehirn wechselt auf Alpha. Es tauchen Erlebnisse auf, die ich mehr oder weniger bereitwillig noch einmal durchlebe, um sie loszuwerden. Alle Speicherungen werden gelöscht, und Frau Li streichelt endlos über meinen Unterarm und führt die Erinnerungen im Rewind-Modus zurück. Irgendwann fühle ich mich wohl. Und mag gar nicht mehr aufhören. So muss sich ein Säugling fühlen, wenn er eine liebevolle Mutter hat, denke ich. Satt und zufrieden fahre ich nach Hause, lege mich ins Bett und träume von mütterlichen Händen.

Hypnose

Dritter Besuch. Meine wahre Identität. Tja, wie heiße ich denn nun? Für welchen der vielen Vornamen soll ich mich entscheiden? Wer macht das Rennen, wer kommt ins CI und auf die Visitenkarten? Diesmal viele Nadeln, Frau Li’s Finger knapp über meinen Augen. Irrationale Fragen zu Farbe und Anzahl der Finger. Ich unterdrücke ein Grinsen, gebe meinem rationalen Gehirn Pause und sinke in einen tiefen, warmen, leeren Ozean. Hier unten gibt’s nur mich. Und ich kann alles selbst gestalten und bestimmen, sagt Frau Li. Wirklich? Darf ich das wirklich? Keiner, der um die Ecke biegt und sagt: Kofferpacken! Keiner, der mich zum x-ten Mal von meinem Zuhause wegreißt? Da unten im Ozean sehe ich mich als kleines Kind. Fröhlich, arglos und von Blumen und lustigen Tieren umgeben. Das sind meine Spielgefährten. Ich wachse, werde älter und begegne meinem Prinzen. Hochzeit, eine große Familie. Alter und Tod. Grabstein. Frau Li’s Stimme: „Welcher Name steht da?“ Name? Wieso Name? Ach ja, ich bin ja hier, weil ich keinen Namen habe. Ich konzentriere mich. „Welcher Name steht da? Welcher Name kommt auf die Visitenkarte?“ „Jeannette Cluny!“.
Jeannette Cluny. Ich höre, wie Frau Li’s Feder über das Notizblatt kratzt. Sie schreibt den Namen nieder. Jeannette Cluny. Ja, das bin ich. Das ist der Name, mit dem meine Seele am tiefsten verbunden ist.

Lieber, weiser Spruch: Jetzt habe ich Wurzeln, weiß wer ich bin und wo ich hin will. Meintest du das mit“ Flügel“?

Liebe Frau Li, in Gedanken kehre ich immer wieder gern zu meinem persönlichen warmen Ozean zurück. Und spiele mit seinen Schätzen tief auf dem Grund. Tausendundein Dank.

Herlichst,

Ihre J– C–

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Über Christine

Ärztin und Heilerin für Chinesische Medizin, Akupunktur, Trance und Träume. Aber auch Tänzerin, Dichterin, Liebende und weise Frau. Zuständig für das ganz alte China, Daoismus, Yin und Yang, Geister, Drachen, Liebeskummer, Ängste und heilsame Transformationen. Bücher: "Der Weg der Kaiserin", "Der Weg des Schamanen", "Chinesische Medizin für den Alltag" und bald noch viel mehr.

Ein Gedanke zu “Gastbeitrag: Der wiedergefundene Name- Bericht von meiner Behandlung

  1. Ein wunderbarer, lebendiger Bericht. Danke. Viel Glück mit allem, was Sie angehen, liebe J. K.!