der Weg der Mitte: halb gut ist gerade richtig

Sünde? oder einfach eine runde Sache?

Sünde? oder einfach eine runde Sache?

Ja. Ich beantworte Ihre Briefe. Wenngleich eher im Brief-Rhythmus des vergangenen Jahrtausends, als im email- Rhythmus.

Der Beweis?

Hier ein Briefwechsel zu Fragen der Mitte, der Diät, des Grübelns und des Selbstwertgefühls.

 

 

 

 

Ich hab da eine Frage zu einem Rezept in Ihrem Chinesische Hausmittel-Buch

Sehr geehrte Frau Li,

vor Jahren schon hatte ich ihr Buch in der Bibliothek entdeckt und ein paar Sachen ausprobiert. Dann habe ich es vergessen und vor kurzem wieder gefunden. Und jetzt probiere ich mit Freuden alle möglichen Rezepte aus.
Jetzt hätte ich eine Frage zu einem bestimmten Rezept.
Bei den Tees stehen ja immer die Zeiten dabei, wie lange man sie jeweils kochen soll. Sind denn das Richtwerte? Kann man die Tees auch länger kochen lassen? Oder verändern sie dann ihre Wirkung? Zum Beispiel steht bei der chinesischen Perlgerste gegen Feuchtigkeit, dass man sie 20 Minuten kochen lassen soll. Sind denn 30 Minuten auch okay, oder verändert sich dann, wie gesagt, die Wirkung?

Vielen Dank schon einmal für Ihre Antwort und vor allem für so ein schönes Buch.
Es macht wirklich Spaß die Rezepte auszuprobieren, auch wenn man seit dieser EU-Verordnung von vor zwei Jahren nur noch schlecht an manche Kräuter rankommt.
Viele Grüße

Ihre x.y.

meine Antwort:

liebe Frau Y.

Danke für Ihr Interesse an chinesischer Medizin und Ihre freundlichen Worte über mein Buch über die chinesischen Hausmittel.
Viele Menschen wundern sich, dass manche Rezepte in diesem Buch so vage gehalten sind. Das liegt daran, dass es eben chinesische Hausmittel sind und keine Rezepte aus der offiziellen chinesischen Medizin (auch wenn es natürlich Überschneidungen gibt). In der chinesischen Medizin werden komplizierte und potentiell gefährliche Krankheiten behandelt. Diese Medizin muss jahrelang studiert werden.
Die Hausmittel wiederum sind Rezepte aus Omas und Opas Küche. Verwendet wird das, was grade zur Hand ist. ist. Von wenigen Ausnahmen abgehen sind es normale Lebensmittel, oder Schalen oder sonstige Reste von Lebensmitteln. Die richten keinen Schaden an. Wie beim Kochen müssen auch die Mengen nicht so genau genommen werden. In chinesischen Küchen gibt es keine Waage.

Sie brauchen es also auch nicht so eng zu sehen. Experimentieren Sie einfach selbst. Tauschen Sie Sachen aus oder kombinieren Sie (mit etwas Erfahrung) verschiedene Mittel.
Die chinesische Gerste zum Beispiel wird einfach ganz, ganz weich gekocht. Wenn sie weich ist, ist sie fertig. Da braucht es keine Uhr. 🙂
Wer die Zeit hat, kann sie auch eine Stunde kochen, mit viel Wasser und dann die wässrig-milchige Brühe trinken. Das ist eine echte Rettungsmassnahme für ganz und gar zerrüttete „Mitten“, zum Beispiel nach einer Sommergrippe.

Viel Freude dabei,
Christine Li

Liebe Frau Li,

herzlichen Dank für Ihre schnelle Antwort … meine Mitte ist leider immer zerrüttet, ziemlich, schon seit meiner Kindheit (ich bin 40), durch pausenlosen Stress, Druck, Einsamkeit, Selbstverleugnung in der Familie.
Deswegen versuche ich seit ein paar Wochen jeden Tag lang gekochten Hirsebrei, die 7 Kostbarkeiten fürs Blut (auch lang gekocht mit Reis), gedünstetes Gemüse und Meditation zu machen. Die Perlgerste werde ich jetzt einfach auch dauerhaft einbauen…

Darf ich sie noch ein paar Sachen fragen? Ich stell Ihnen einfach mal die Fragen, aber, wenn Sie nicht antworten wollen, ist das auch in Ordnung:

– Ich trinke unheimlich gerne sehr starken grünen Tee, ein bis zwei große Tassen am Tag. Ist denn grüner Tee nun kalt oder kühl? Und macht er bei einer zerrütteten Mitte Sinn, oder ist es besser, wenn ich ihn weglasse?
– Auch 70%-ige Schokolade esse ich gerne (und zu viel: etwa 1/3 bis 1/2 Tafel pro Tag, allerdings immerhin Bio und mit Vollrohrzucker). Ist das auch „contraproduktiv“? Sollte ich so „harten Tobak“ wie Bitterschokolade und starken grünen Tee besser weglassen, weil es den Aufbau der Mitte stört?
– Und dann lese ich oft, dass es sinnvoll ist, zwei Mal die Woche Fisch zu essen. Leider gibt es (Bio-)Fisch ja nur tiefgekühlt. Tiefkühlkost soll man aber bei Kälte und Schleim im Körper doch nicht essen. Oder machen zwei Mal die Woche ein bisschen Fisch „das Kraut nicht fett“?

Verzeihen Sie mir mein halbseidenes Amateurwissen, aber ich finde die TCM und die Ernährung nach den fünf Elementen einfach sehr spannend und manchmal habe ich eine Frage, weiß aber nicht, wem ich sie stellen soll…

lieber Gruss,
Ihre X.Y.

Betreff: Re: AW: Fragen zu einem Rezept in Ihrem Chinesische Hausmittel-Buch

Liebe Frau Y,

Ihre Fragen sind wirklich interessant und Sie machen sich anscheinend viele, und unter StudentInnen der chinesischen Medizin sehr verbreitete, Gedanken zur chinesischen Medizin. Sie merken dabei selbst, dass manche Fragen nicht so klar zu beantworten sind.
Fisch, ja, aber bio, aber dann auch wieder nicht tiefgefroren. Glauben Sie mir, da haben sich Leute auf Kongressen für chinesische Medizin schon nächtelange die Köpfe heissgeredet. Nicht- Chinesen, wohlgemerkt.

Chinesen sehen es viel lockerer.
Vor vielen Jahren habe ich einmal die Vorträge eines alten chinesischen Arztes übersetzt. Nach den Vorträgen durften alle dann Fragen stellen. Es prasselte nur so auf ihn ein. Genau solche Fragen, wie Sie sie auch stellen. Über Ernährung.
Eine Schülerin wollte dann auch noch wissen, warum er, als berühmter Experte für die Stärkung der Mitte, immer Eiskrem essen würde, die doch wirklich das Schlimmste für die Mitte wäre- kalt, süss, Milchprodukte. Der vorwurfsvolle Ton in ihrer Stimme war nicht zu überhören.
Da antwortete er, halb schmunzelnd, halb ernsthaft:

„Wenn das Qi stimmt, braucht man keine Vitamine.“

(Das löste dann noch erhitztere Diskussionen aus. Manche Leute können es nicht lassen.)

 

Denn sehen Sie:

Was die Mitte am meisten schädigt, ist das Grübeln.

Oft ist Kummer der Auslöser. Bei Kummer sind wir nicht richtig traurig, wir sind nur einfach nie richtig froh. Diesen Kummer tragen viele von Kind auf mit sich herum, oft stammt er von den Eltern oder gar Grosseltern.
Wir wissen oft gar nicht recht, was nicht stimmt, aber irgendetwas stimmt nicht. Also grübeln wir darüber nach.
Grübeln findet in der Mitte statt. Die Mitte ist der Sitz unserer Gedankenseele. Die Gedankenseele lenkt das Qi. Bei den einen mit klaren Intentionen, bei den anderen mit sinnlosem Herumgegrübel. Beides verbraucht Kraft. Nur dass wir mit klaren Intentionen Neues kreieren und uns dadurch erfrischt und beflügelt fühlen, während sich beim Grübeln unser Qi im Kreis herumdreht, sich verknotet und stagniert. Die Mitte, der Quell unseres Qi, wird dadurch blockiert. Wir fühlen uns dauerschlapp und lustlos.
Medizinisch gesehen kommt bei Dauer-Grübeln und Endlos- Sorgen der Stoffwechsel durcheinander. Der Blutzucker steigt und fällt. Wir sind ständig hungrig, mögen aber nicht essen oder bekommen Heisshunger auf Süssigkeiten. Es fühlt sich mulmig und eng an im Oberbauch. Der Rockbund kneift.

Die Lösung hier wäre Meditation, lange Spaziergänge in der Natur, Angeln, Singen oder in den Arm genommen werden- alles, was die Mitte besänftigt und zur Ruhe kommen lässt. Oder auch Akupunktur, um dem Kummer radikal auf den Grund zu gehen.

Stattdessen grübeln wir.

Wir können uns auf diese Weise dick und müde denken. Wer zuviel über sein Essen nachdenkt und ständig neue Ernährungsprogramme plant, erreicht oft das Gegenteil- was dann zu noch mehr Grübeln führt.

Essen soll Freude machen. Wenn wir uns über das Essen freuen, ist von selbst genug Herz- Feuer da, um die Mitte zu wärmen.

(Interessanterweise vertragen Menschen mit heissem Herzen, zum Beispiel Kinder, oft sogar ganz kaltes Essen, Zucker und kalte Getränke zunächst recht gut. Langfristig entsteht eine Spannungssituation: denn die kalten Nahrungsmittel erfordern geradezu, dass die Kinder noch mehr Feuer aktivieren, also noch hektischer werden und dann wieder kalten Zucker brauchen. Ein Teufelskreis also. Die Folgen sind ja bekannt und Ritalin ist da auch keine Lösung.)

Und was ausserdem auch noch wichtig ist: „Mitte“ heisst ganz wörtlich: In der Mitte.
Halb gut, halb schlecht. Halb richtig, halb falsch.
Nichts ist ganz Yin oder ganz Yang. Solche dualen Aufteilungen entsprechen der westlichen Denkstruktur. Die Chinesen kennen kein entweder-oder.
Yin und Yang bringen sich gegenseitig hervor. Sie sind kein Gegensatz.
Im alten China sprach man vom Weg des Mittelmasses (wörtlich der „Weg des mittleren gewöhnlichen“.)
Konfuzius hat ausführlich darüber geschrieben.

Die Lehre vom Mittleren

Die Lehre vom Mittleren

 

„Mittelmässig“ zu sein galt als Vollendung.

(Ich weiss, ich weiss, moderne chinesische und japanische Eltern, die ihre Kinder bis in den Selbstmord treiben vor lauter Lerndruck, zeigen hier wenig konfuzianische Einsicht.)
Wir sollen gar nicht perfekt sein. Perfektionismus ist ein Zeichen von Selbstüberschätzung und zugleich von mangelndem Selbstwert. Im Perfektionismus schwanken wir zwischen hochtrabenden Plänen und völligem Burnout. Beides Zeichen einer schwachen Mitte. Immer perfekt sein zu müssen, verbraucht viel Qi und führt zu ständiger Unzufriedenheit- weil wir es natürlich nicht schaffen können.
Halb gut ist gerade richtig. Mitte heisst ausgewogen, balanciert, gelassen, zufrieden.

Für unsere Diätsorgen bedeutet das: Halb gesund, ist ziemlich prima. Das ist deutlich entspannter als all das verzweifelte Suchen nach der allerperfektesten Diät. Mit den unvermeintlichen Abstürzen, die wir dann, ganz biblisch, als „Sünde“ bezeichnen, und für die wir uns dann wieder hassen und anklagen und noch mehr grübeln.

Was Ihre dunkle Schokolade und den grünen Tee angeht, da haben Sie doch ein perfekt ausgewogenes „Mittelmass“ gefunden. Sich etwas gönnen. Naschen. Aber andererseits keine fiesen Sachen. Von nichts Unmengen. Immer schön mittendrin bleiben.

Und nun noch ein paar konkrete Antworten auf Ihre Fragen zu grünem Tee, schwarzer Schokolade, braunem Zucker und tiefgekühltem Fisch:

Grüner Tee ist kühl, aber er ist auch bitter und trocknend. Daher mag die Mitte ihn gerne, denn Feuchtigkeit schwächt die Mitte.
Schwarze Schokolade ist schwarz- und schwarze Lebensmittel gelten in der Volksmedizin immer als gut, weil schwarz die Nieren stärkt.
Brauner Zucker gilt als Mitte-stärkend, weil er süss ist und braun. In grossen Mengen ist er zu klebrig, wie alle süssen Dinge und schwächt dann die Mitte. Was dann wieder vom Tee und vom bitteren Kakao ausgeglichen wird. Genial 😉
Und den Tiefkühl-Fisch essen Sie halt, wenn Sie Lust darauf haben. Mit Freude und aktiviertem Herz- Feuer. Dann ist er auch nicht zu kalt.

Und noch etwas. Jeder Mensch ist anders. Was die einen stärkt, ist für die anderen nicht so gut. Je gelassener Sie mit Essen umgehen und umso weniger Sie nach Vorschriften essen, umso mehr werden Sie empfänglich für die Signal aus Ihrem eigenen Körper.

Und auf den eigenen Bauch hören, sich selbst ein bisschen sanfter und zärtlicher behandeln, wäre die Krönung des Mitte- stärkens und das füllt dann auch ihr kindliches Defizit langsam wieder auf.

Alles Liebe,

Christine li

PS
Wenn ich Zeit habe, werde ich Ihre Fragen, natürlich völlig anonym, für einen Blogpost verwenden, denn in dieser oder ähnlicher Form haben das schon viele gefragt. Und entsprechend viele lange Briefe hab ich auch schon geschrieben. Wir sind halt alle ein bisschen verunsichert worden. Ging mir nicht anders in meiner Kindheit:)

Liebe Frau Li,

besser spät als nie: vielen herzlichen Dank für Ihre ausführliche Antwort. Sie war sehr hilfreich, hat mir aber auch viel zu denken gegeben.

Sollten Sie meine Erlaubnis brauchen: gerne können Sie meine Fragen im Blog anonym veröffentlichen.

Viele Grüße und lieben Dank noch einmal,
Ihre X.Y.

Nachtrag: die eher undiätetische, aber sehr runde, Blumentorte ist eine Kreation der Hamburger Taiji Lehrerin Roberta Polizzi. Sehr zu empfehlen.

 

5 Gedanken zu “der Weg der Mitte: halb gut ist gerade richtig

  1. Liebe Frau Li!
    Ach, wie gerne ich Ihren Blog lese! Es wurde wirklich mal Zeit, das Ihnen zu sagen 🙂 Danke für diesen und alle anderen Beiträge, alles sehr sehr interessant!

  2. liebe frau li,

    sollte diese mail sie tatsächlich erreichen und nicht von ihrer eigenwilligen homepage abgelehnt werden (!!), dann hoffe ich sehr auf eine technische antwort meiner technischen frage:

    wo ist das inhaltsverzeichnis ihres gesamten blogs??

    ich lese in ihren beiträgen sooft ich kann…meistens mittags mal ein stündchen wenn mein kind schläft.
    ich lerne sehr viel von ihnen.

    manchmal lese ich schnell „rüber“, manchmal „studiere“ ich ihre texte…mich interessieren auch ihre „technischen“ details, da ich selbst recht ähnlich arbeite.

    dann ich will nochmal einen beitrag lesen, oder einen gedanken verfolgen…..und finde den beitrag nur noch sehr mühsam mit hin und herblättern.

    es gab mal ein herrliches inhaltsverzeichnis…wo ist es hin?

    vielen dank für eine antwort…ihre jana k.

    • liebe Jana, leider kann ich nur zustimmen. Die homepage hat ihren eigenen Kopf. Seit die Software sich upgegradet hat, ist das Inhaltsverzeichnis für manche, die mobilen, Geräte verschwunden. Für andere nicht. Das ganze ist im Augenblick sehr unübersichtlich, auch für mich. Ausserdem wird das layout auch immer grausiger. Das geschieht quasi ohne mein Zutun. Das tut mir wirklich leid, vor allem wenn Sie, was moch sehr freut, aus meinen Texten etwas „herausziehen“ können.
      Im Juni werde ich aber, unter anderem, auch meiner Homepage einige Wartungsarbeiten zukommen lassen. Ich hoffe, es gelingt.
      Ausserdem werde ich beginnen, die Homepage, mit zusätzlichen bisher unveröffentlichten Texten und Inhaltsverzeichnissen und Bildern als PDF herauszugeben. Dann gibt es so ein Gewurstel nicht mehr und die homepage wird strand- und krankenbett- tauglich.
      Bis dahin kann ich nur um etwas Geduld bitten.
      Alles Liebe,
      christine Li

  3. Pingback: Erkältung, Triefnase, Heuschnupfen und jede Menge Hausmittel - christine li

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