Trickster, kosmische Verführer und Tanz ums Drachenfeuer

 

Wieder einmal ist es heiß. Luft flimmert über dem Asphalt. Politiker lügen. Schweiß trieft. Vollmond. Feuerwerk, Sternschnuppen und qualmende Grillfeuer. Sonnenbrand und Sommerliebe. Glitzerndes Wasser.

Zeit für den Sommertext. Manege frei für den Trickster.

Wenn Licht sich an der Materie reibt und die Luft erhitzt, entstehen Spiegelungen. Wenn Schweiß in die Augen rinnt, verwischt sich der Blick. Und über tausend Feuern tanzen unfassbare Figuren.

Dies ist die Welt des Tricksters.

 

Der Trickster ist Mann und Frau und wir begegnen ihm unter tausend Namen. In einem Märchen hilft er der Müllerstochter, Stroh zu Gold zu spinnen (eine Aufgabe ganz nach seinem Geschmack!) und fordert dafür ihr Kind, wenn es ihr nicht gelingt, seinen Namen zu erraten. Machttrunken tanzt er über dem Feuer und gibt, für dieses eine Mal, seinen Namen preis: Rumpelstilzchen. Das Kind, die Seele, wird gerettet. Wer den Trickster besiegen will, muss schlau sein und unsere Legenden sind voll solcher Geschichten.
Was die Legenden verschweigen: Trickster liebt es, wenn wir ihm die Stirn bieten.

Doch wer ist er? Schwer zu sagen. In seiner Welt, ist jedes Aufblitzen nur eine Spiegelung und so gibt es keinen wahren Namen.

Eleggua

der Name der genannt werden kann, ist nicht der wahre Name

 

Man kennt ihn als Old Man Coyote, Kokopelli, Loki, El Duende, Hephaistos, Feuergott Nezha, Rumpelstilzchen, Pomba Gira, Eleggua, Meister Tabak und tausend andere Drachen und Verführer der Nacht.

Schillernd steigt der Trickster aus dem Feuer und nimmt die Gestalt an, die uns am meisten behagt: Ein betörender Mann (Frau), eine Gottheit oder Buddha, die uns Erleuchtung und Heilung verspricht, ein Drache, der einen großen Schatz bewacht und uns in einen Kampf auf Leben und Tod lockt. Das alles sind nichts als gespiegelter Lichter. Eine kosmische Lichtshow. Ein gigantisches Feuerwerk.
Genau wie die große kollektive Blendung, das Internet, wer anders als Iktome, die trügerische Spinne, könnte dieses Netz gesponnen haben?

spiderprincess by christine li

 

 

 

 

 

Wenn das Licht sich aus der Materie befreit und zurück in den unendlichen Raum geht, wo nichts es mehr brechen kann, wird alles rein, klar und farblos. Hier durchschauenen wir all unsere Täuschung und das Herz wird still. Dies ist der ungetrübte See, den die konfuzianischen Meditierenden der Songzeit (vor circa 1000 Jahren), inspiriert vom Buddhismus, in China suchten. Ein strenges und freudloses Unternehmen.

Körperlose Erleuchtung bringt uns hier auf der Erde nicht weiter. Wer zu verbissen nach Erleuchtung strebt, wird am Ende merken, dass er nur einem besonders raffinierten Lockruf des Tricksters gefolgt ist.

Keiner kommt hier lebendig raus. Ganz gleich, was uns versprochen wurde.

Solange wir hier sind, wird Klarheit nicht lange währen. Solange wir hier im Körper leben, reiben wir uns, und solange wir uns reiben, wird der Blick sich trüben. Wir erhitzen uns, das Drachenfeuer flammt auf und schon geht es los. Das Spiel des Tricksters.

In älteren Zeiten, bis zur Zeit von Ge Hong und Bao Gu (der Heldin des Buches, an dem ich arbeite) suchten die Daoisten nach der Extase. Wie bei ihren Vorfahren, den Schamanen, waren Tanz, Gesang, allerlei Pflanzen und heiliges Krötengift der Weg. Wenn wir ohhnehin schon hier auf der Welt herumirren: Warum uns nicht mit Haut und Haaren hineinstürzen, mit den Dingen verschmelzen, dabeisein und mitspielen.
Wer nicht spielen mag, wird gespielt. Dafür sorgt Trickster.

Spielen wir also und bieten ihm die Stirn.

Und „spielen“ heisst auch: Wir dürfen uns amüsieren. Wir dürfen sogar riesigen Spaß haben.

Trickster ist Master of the Game.

Er weiss, was Frauen wollen. Er weiss sogar, was Männer wollen. Trickster hat für jeden die richtige falsche Karte im Ärmel. Du willst eine große Heilerin sein? Bitteschön! Ein Blues- Gitarrist wie keiner vor Dir? Ein Teufelsgeiger? Der Gründer von Apple? Ein Rolling Stone? Aber ja doch. Gerne. Den Mann deines Lebens finden. Wenn Dir nichts Besseres einfällt. Warum nicht?

Folge Deinen Träumen, raunt Trickster. Aber träum ein bisschen bunter!

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Spielen heisst auch, wir lernen die Regeln. Und diese Regeln besagen: Dies hier ist echt. Das Spielgeld ist echt. Die Schmerzen sind echt. Die Waffen sind echt. Die Schluchten und Erdbeben sind echt. Das Blut ist echt. So lauten die Regeln.
Bei all dem bleibt es ein Spiel, wie die Buddhisten gerne betonen. Das nutzt ihnen aber nichts. Denn auch ihr Blut ist echt.
Spielschulden sind Ehrenschulden und Mogeln gilt nicht. Es wird natürlich dennoch gemogelt. Manch einer versucht, sich rauszuschleichen und Erleuchtung zu spielen. Doch kaum einer kommt für lange Zeit davon.

Wieder andere bleiben auf ihren Karten sitzen. Horten ihr Spielgeld. Sichern alles ab. Versichern sich. Planen. Sparen Zeit und Geld. Wissen alles besser. Leben gesund. Wünschen sich nichts. Spielen nicht mit. Verweigern sich. Nehmen Zuflucht.
Das fordert Trickster heraus. Nun wird er keine Ruhe finden, bis er die passende Verlockung gefunden hat. Ewige, leidenschaftliche Liebe, einen großen Schatz, unendliche Macht.
Für ganz Ängstliche gibt es den medizinischen Fortschritt, der alle Krankheiten besiegen wird, und für Total-Verweigerer gibt es die Erleuchtung in einer Religion eigener Wahl. Ein großer Guru sein, mit riesen Gefolgschaft auf Twitter und einer eigenen Insel? Ein Plan ganz nach dem Geschmack des Tricksters.

Jede Form esoterischer Weisheit findet Trickster äußerst amüsant. Der Blog von Christine Li? Chapeau!

Trickster ist, wohlgemerkt, kein Lügner. Er erfüllt alle Wünsche, wenn ihm danach ist. Er erfindet neue Wünsche und erfüllt auch diese. Er kann, wenn er mag, bezaubernde Geschenke machen. Er ist der Lieblingsgott aller Narzissten. Er ist auch ihr unerbittlichster Lehrer, denn er kann all seine Kreationen, Schönheit, Macht, die Oscarnominierung und die Yacht in der Karibik, mit dem Schnipsen eines Fingers, wieder in Rauch und Spiegelungen auflösen.

Trickster lässt sich nicht verpflichten. Da hilft kein Verkaufen der Seele und kein blutiges Opfer nachts an einer Wegkreuzung oder auf dem Friedhof.
Da ihn solch theatralische Aktionen sehr amüsieren, kommt er vielleicht wie gerufen. So wie er auch durch die Karten und aus dem Kaffeesatz spricht, aus heiligen Quellen und zu berauschten Dichtern. Aber er macht auch dort, was er will. Dagegen hilft keine schwarze Messe, kein Stierkampf und auch kein heiliges Abendmahl.
Trickster lässt sich nicht festlegen. Seine einzige Lehre lautet: Nichts bleibt.

Du kannst ihn nicht fesseln und nicht verpflichten und ihm gar deine Seele zu verhökern, ist nutzloses Drama. Er nimmt sie, wirft sie auf den großen Haufen anderer verlorener Seelen und kümmert sich nicht weiter drum. Er mag dir im Gegenzug alles versprechen, aber er hält sein Versprechen nie oder, nur so zum Spass, vielleicht für eine flüchtige Weile.

Erfreue dich also an den Illusionen. Der magischen Show. Dem ganz großen Theater. Spiele mit. Küsse und verführe. Tanze und singe. Verzaubere alle Herzen. Trickster ist entzückt, wenn Menschen sein Spiel spielen.
Unterwürfigkeit, Gejammere, Gewimmere und Bestechungsversuche reizen ihn zu Schandtaten. Jammern und Klagen reizen ihn allerhöchstens, dem Elend noch eins drauf zu setzen. Nenn ihn dafür ruhig Teufel, Verführer, unreiner Geist. Das stört ihn nicht.

Also lass das Zetern.

Es ist nicht seine Schuld, dass Du dich betrogen fühlst. Du selbst hast ihm die Seele hinterhergeworfen, als Du ihn verpflichten wolltest.
Nun stehst Du da. Ohne Seele und wie willst Du noch spielen, so ohne Seele. Was soll er nun noch mit Dir?

Was Trickster liebt, sind Menschen, die ihre ganze Menschlichkeit in die Waagschale werfen und ihn schreiend herausfordern:
„Hier Trickster. Zeig mir was Du kannst. Gib mir Deine Geschenke. Erfreue mich. Begeistere mich. Gib mir alles. Wenn du willst, gib mir Unheil und Krankheit. Zeig mir, was Du kannst. Ich grusle mich nicht. Meine Seele bleibt unberührt von Deinem Theater. Ich spiele Ball mit den Schädeln der Toten.“

Wenn also wieder einmal Trickster in Dein Leben tritt: Schenk ihm einen Likör ein, oder alten Havana Club, opfere Tabak (Cohiba) und lüg ihm mitten ins Gesicht. Lass deine Diamanten blitzen. Sie müssen nicht echt sein. Tanze für ihn. Sing für ihn. Verführe ihn und Trickster ist dein. Dann erfüllt er all deine Wünsche, Gesundheit, Schönheit, Glück. Aber nur, solange Du eine wirklich große Hexe, ein großer Magier bist und deine Seele niemals hergibst. Sobald Du ihm ganz gehörst, lässt er Dich fallen.
(Ja, er ist darin genauso wie seine Lieblings-Schüler, die großen Verführer- was glaubst Du denn, woher diese das gelernt haben?)

Übrigens: Mein Trickster erscheint mir in männlicher Form. Doch auch das ist nur eine Illusion. Manch einem Mann erscheinen Pomba Giras, die im alten China auch als Fuchsgeister bekannt waren. Gefährliche Wesen, allesamt. Und natürlich müssen Trickster nicht hetero-sexuell sein. Sexuell aber sind sie immer. Denn sie wirken durch das Drachenfeuer und das steigt von unten auf. Aus der Dunkelheit hinauf zu den Wolken.

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Allen gemeinsam ist eines: Ein Trickster (oder eine Pomba Gira) gehört nur sich selbst. Genau wie Du, denn er ist Du und Du bist sie. Versuch keine Verhandlungen. Versuch nicht, ihn zu binden. Er mag das nicht. Denn er ist Du und Du bist frei.

Und sei nicht beleidigt, wenn der der Tag anbricht und im milden Licht der Sonne nichts als ein paar kleine Rauchfäden aus der kalten Glut aufsteigen. Dort, wo Du, eben noch, in magischer Raserei um das Drachenfeuer tanztest. Du hast doch nicht etwa geglaubt, das sei die Wahrheit? Dummes Kind. Wir müssen das alles noch einmal üben. Und noch einmal. Immer wieder.
So lange, bis Du es begreifst: Nichts bleibt. Nichts bleibt. Nichts bleibt.

Es ist ein Spiel von Yin und Yang. Magie in der Nacht. Am Tag stille Klarheit. Herzfeuer. Vollkommmen transparentes Licht ohne Spiegelungen. Du hast endlich verstanden. Du bist jetzt erleuchtet.

„Diesmal bleib ich klar“,beschließt du.

„Wir müssen wohl noch einmal üben“, raunt er da und lockt dich in den nächsten Tanz.
Wieder entsteht eine neue Welt. Entsteht und vergeht. Runde um Runde.

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Trickster. Ich liebe dich.

Kriegsenkelin

Heute, zum Totengedenktag,  gedenke ich meiner toten Großeltern.

Mein Heiler- Kollege und Santeria Lehrer Valdonio erklärte mir vor Jahren auf Kuba:

„Ihr aus Europa seid voller Toter. Ihr könnt euch kaum noch bewegen vor Schmerz und Trauer. Deswegen tanzt ihr so schlecht.“

Er unterrichtete mich, wie ich die Egguns, die Toten also, mit Hühnerblut zu füttern hatte, und er gab mir einen Altar, einen alten Dachziegel, den ich, getränkt mit Hühnerblut und verklebt mit Hühnerfedern, durch den Zoll schleppte und weisungsgemäß in meinem Garten vergrub.
Nach dem Motto: Wer weiß, vielleicht hilft‘s ja.
Der Tot des Huhnes ist eine andere Geschichte und gehört nicht hierher.
Während das arme Vieh in meinen Händen zuckte, lernte ich einiges über mich und das Leben, vor allem, wie schnell es durch die Hände rinnt, und ich lernte, dass Lebewesen wirklich leichter werden, wenn die Seele aus ihnen herausströmt.  Es war ein elender Vorgang.

Aber die Egguns klebten fest. Hühnerschlachten hilft nicht gegen den Tod.

Jahre später, pünktlich zum Herbstanfang, nahm der Schmerz überhand. Schmerz war ein alter Freund. An den meisten Tagen meines Lebens, solange ich zurückdenken konnte, schmerzte zumindest die Hälfte meiner Knochen. Skoliose, Rheuma. Fibromyalgie. Unnötige Namen.
Wie mich überhaupt medizinische Diagnosen kaum überzeugen können. Was mich bewegt, sind die Ursachen solcher Zustände. Schmerzhaften Zuständen ein Etikett zu verpassen, ist für mich keine Diagnose. Gnosis heißt „Erkenntnis“ und nicht „Benennung“.

An diesem ersten Herbsttag  war die Diagnose ausnahmsweise klar. Ich hatte getanzt. Ein angenehmer Schmerz, wohltuend und überschaubar. Grund genug, dem Ganzen noch ein Bad mit Meersalz und Algen  folgen zu lassen.
Der Schmerz strömte angenehm durch den Körper und ich ließ mich ganz einsinken. In den Schmerz, tief ins Wasser. Es dauerte eine Weile und mein Kopf sank unter Wasser. Ich spürte nun nichts mehr. Nur eine Erstarrung, die noch zunahm, als ich mich ihr ganz ergab. Dies war kein Muskelkater mehr.

Ich lag allein in einer zerstörten Landschaft. Ausgeblutet, verkrampft von zahllosen Wunden und vor allem vor Kälte. Erstarrt vor Angst. Versteckt hinter etwas Dunklem. Einem Bretterverschlag? Eine weite Ebene mit einzelnen Birken und unklaren Trümmern. Eine Landschaft, die ich schon oft gesehen hatte, obwohl ich noch niemals dort gewesen war.
Nonlokalität. Alles ist gleichzeitig und hier. Ich war in Russland. Kriegsende. Ich war mein Großvater. Der, der niemals zurückgekommen war. Der, dessen Geschichte verloren ging. Der spurlos aus dem Leben verschwand. Der, dessen Grab bis heute niemals gefunden wurde.
Mit einem Mal begriff ich, dass seine Spur in mir fortlebte. In meinem schmerzenden Körper. In meiner lebenslangen Traurigkeit.
Großvater, dachte ich. Erzähl mir deine Geschichte.

Ich sank tiefer und im gleichen Augenblick hörte ich Geräusche. Todesangst. Dann, ein Knall, ohrenzerfetzend wie ein Schuss. Mein Herz zerriss. Wenig fehlte und ich wäre, feige, aus dem Wasser aufgetaucht. Ich blieb unten. Ich starb.

Später kochte ich und lud meinen unbekannten Großvater zu einem letzten Abendessen ein. Ich erzählte ihm aus meinem Leben und wie sehr ich ihn vermisste. Ich erzählte ihm vom unendlichen Schmerz meiner lieben Oma. Wir weinten beide und tranken Wein. Dann ließ ich ihn gehen.
Der Schmerz ging dann auch. Zumindest ein Teil. Der Großvaterteil. Das fiel mir aber erst viel später auf.

Heute, zum Totengedenktag gedenke ich meiner Ahnen. Sie sind bei mir.

Die Raupe

Bild

Schwarze Göttin des Dongting Sees, erspäht von Madame Li

Schwarze Göttin des Dongting Sees, erspäht von Madame Li

Die Raupe hat prima gegessen, ein bisschen zuviel vielleicht und schläft nun vor sich hin. Es ist  stickig, gemütlich und schön feuchtwarm. Aus Sicht der Raupe könnte es ewig so bleiben. Wobei Sicht natürlich relativ ist, denn es ist stockdunkel.
Dann beginnen die Schmerzen. Überall kneift es, es wird eindeutig zu eng.

Unsere moderne Raupe geht zum Raupendoktor. Dieser verschreibt Schmerzmittel, Muskelrelaxantien und 10 Massagen.
Nach einiger Zeit ist es der Raupe wieder zu eng. Der Arzt, genervt, überweist sie zum Raupenpsychiater. Dieser diagnostiziert  Midlife- Adaptations- Syndrom mit claustrophobischer Überlagerung und verschreibt angstlösende Mittel. Die Raupe wird immer apathischer und bei all dem wird der doofe Kokon enger und enger. Sie weiß buchstäblich nicht mehr, wohin mit sich selbst.
Endlich findet sie einen Spezialisten. Dieser verschreibt ein Antiwachstummittel. Leider bekommt sie als Nebenwirkung unerträgliche Kopfschmerzen und ständigen Brechreiz. Aber im Großen und Ganzen ist die Raupe wirklich sehr dankbar,  denn denk all dieser modernen Medikamente kann sie friedlich als Raupe leben und sterben.

Mit Grausen erinnert sie sich an ihre Großmutter, die einst buchstäblich den Verstand verlor, während um sie herum ihre ganze Welt explodierte.
Die arme Alte. Was wohl aus ihr geworden ist?

Eine Chinesische Trancereise zwischen Himmel und Erde

2. Teil des Vortrages vom Hamburger Qi Gong Kongress

(Dieser Vortrag ist bewusst ganz einfach gehalten und soll den vielen Menschen, die sich vielleicht für chinesische Medizin interessieren, die aber nicht vom Fach sind, einen ersten Eindruck verschaffen.
Fachleute interessieren sich vielleicht eher für mein Skript vom 45. internationalen TCM Kongress. Hier geht es um Tiefenarbeit mit Akupunktur, Schamanismus, Ekstase, Trauma und andere Bewusstseinsebenen. Demnächst. Hier.)

Chinesische Trancereise zwischen Himmel und Erde

Ich möchte Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Eine chinesische Schöpfungsgeschichte, vermutlich aus Südchina, einer Region mit stark schamanischer Tradition. Einer Region, in der bis heute die Qi Gong Tradition am lebendigsten ist.

Es ist die Geschichte von Pan Gu.
Sie werden vielleicht bemerken, dass die Geschichte eine schamanische Trancereise wiedergibt. Oder, wenn sie möchten, eine Regression in die Zeit vor unserer Geburt.
Die alten Australier nannten dies die Traumzeit.
Die alten Chinesen nennen es den früheren Himmel.

Immer wenn Heilung stattfindet, reisen wir zurück in diese imaginäre Zeit, zurück zur Quelle, zur Einheit. Auf dieser Reise dehnt sich die Zeit, bis sie zuletzt ganz innehält und kollabiert. Hier sind alles und nichts.
Selbst unsere Gehirnströme halten inne und sind nur noch ein starkes, stilles Feld. Wie im tiefen Schlaf, mit vereinzelten Deltawellen- aber bei vollem Bewusstsein.

Hier, im undifferenzierten Chaos, kreiieren wir uns neu.

Das klingt schwierig und nach fortgeschrittenem Yogi- tum. Das ist es auch.
Das sollte uns aber nicht abhalten- denn schwierig ist nur ein Wort, das erfunden wurde, um Kinder zu entmutigen- deren Gehirnwellen von Natur aus eher denen eines Yogis als denen ihrer Eltern gleichen.
Der chinesische Weise Laozi sagte einst: „Der Weise ist wie ein neugeborener Säugling.“

Diesmal brauchen Sie nichts zu üben und nichts zu behalten. Sie dürfen einfach zuhören. Wie ein Kind, das das Wort „schwierig“ noch nicht kennt.

Beim Erzählen uralter Mythen verlangsamt sich etwas in uns. Märchen spielen in der Zeit, als das Wünschen noch half. Der Traumzeit.
Lauschen Sie diesem Märchen und alles geht wie von selbst.

 

Das Märchen von Pan Gu: nacherzählt von Christine Li

Am Anfang der Zeit herrschte Dunkelheit und Chaos.
Das ursprüngliche dunkle Chaos.
In der Dunkelheit formte sich ein Ei und im Inneren des Eis, inmitten all des Chaos und der Dunkelheit, entstand Pan Gu- der Ursprüngliche Abgrund.
Viele Zeitalter schlief er und er wuchs. Oh, wie er wuchs!
Zu gigantischer Größe wuchs er heran und da streckte er seine riesigen Gliedmaßen und brach so das Ei. Es knisterte. Ein Riss entstand in der Schale. Und dann mit einem Knall als wolle der Himmel zerbersten, brach der riesige Riese hervor.
Die Trümmer, feine und schwere, schwebten ganz und gar durcheinander.
Die leichteren und feineren Anteile des Chaos erhoben sich, weit, weit nach oben, ins Licht, hinauf zum Himmel.
Die dichteren Anteile sanken, tief, tief hinab zur Erde.

Die Weisen sagen, dass das Auskristallisieren der dichten Anteile die längste Zeit brauchte. Und wir alle wissen darum, wie schwer und mühsam es ist, die festen Dinge zu ordnen.
Das Öffnen und Ausströmen aber ging leicht. So leicht wie das Ausatmen. Fffff- so frei.

So entstanden Erde und Himmel, Yin und Yang.Auf und ab.

Pan Gu sah das alles und es gefiel ihm. Ganz über alle Maßen gefiel es ihm.

Damit aber Himmel und Erde in Spannung blieben, stellte er sich zwischen sie.
Sein Kopf trug den Himmel.
Seine Füße stemmten sich fest in die Erde.

Und weil er so fest auf der Erde stand, transformierte er sich jeden Tag neun Mal.
Wieder und wieder erneuerte er sich.
Neun Mal am Tag  war er ein vollkommen anderer
und zugleich immer der gleiche.
So  wuchs er immer weiter, zehn Fuß am Tag, 18 000 Jahre lang,
bis endlich der Abstand zwischen Himmel und Erde fest und sicher war.

Da legte er sich hin und starb.

Sein Körper zerfiel und wurde zu allem, was ist.

Wind und Wolken entstanden aus seinem Atem.
Seine Stimme ward Donner und Blitz.
Seine Augen leuchteten als Sonne und Mond.
Seine Gliedmaßen wurden zu den vier Himmelsrichtungen und sein mächtiger Rumpf zu den Bergen.
Sein Fleisch zerfiel zu fruchtbarer Erde und all den knorrigen und biegsamen  Bäumen darauf.
Sein Blut strömte als Flüsse durch das Land und seine Venen wurden zu den Kanälen und Wasserwegen, die die Waren zurück zu den Menschen bringen.
Sein Körperhaar wurde zu Gras und Kräutern, seine Knochen und Zähne zu kostbaren Steinen und Mineralien.
Sein Schweiß wurde zum Tau und sein Kopfhaar glich den Sternen am Himmel.
Die Läuse und Flöhe aber, die auf seinem Körper herumwuselten, wurden zu den Rassen des Menschengeschlechts.

Manche sagen sogar, wenn das Wetter sich ändert, so sind dies Pan Gus Launen.



So, nun wissen wir, wie der erste Qi Gong Meister hieß, und wie leicht  und schwer sich trennten, wie sie zum Himmel strebten und zur Erde sanken. Wir wissen, wie leicht das Leichte ist und wie weit hinauf es uns trägt. Wir wissen, wie schwer das Schwere ist und wie es uns in den Boden hineindrückt.
Und wir wissen auch, wie Pan Gu,der Riese inmitten all dieses Chaos stand und sich streckte und reckte, während seine Welt sich dehnte und dehnte. wie ein Baum. Bis sein Bewusstsein so unermesslich gedehnt und erweitert war, dass Pan Gu zusammenbrach und er sich hingab.
Dann entstand alles wieder neu.

So sind wir Menschen auch. Oder könnten wir sein.
Denn in Wahrheit fühlen wir meistens eher, wie die Dinge uns entgleiten, während wir versuchen, sie zusammenzuhalten damit wir auch nicht einen Millimeter zu wachsen brauchen.

Wenn es uns gelingt,  fest auf der Erde zu stehen, mitten im Leben, und zugleich unser Bewusstsein so weit machen wie der Himmel, dann ertragen wir das Leben und wachsen immer weiter.

Wenn wir nichts Neues mehr riskieren, wenn wir immer das Gleiche tun und denken- oder- wenn wir vor Angst ganz den Boden unter den Füßen verlieren und nicht mehr an uns selbst glauben- dann verlieren wir unsere Macht.
Wir könnten sogar behaupten, hier liegt die Ursache aller Krankheit.

Was wir tun können?

-für den Kontakt mit der Erde:
Achtsamkeitstraining- alle Dinge mit Respekt und Hingabe tun. Gerade die kleinen Dinge, die wir sonst nebenbei erledigen, weil sie „nicht so wichtig“ sind.
Mit Liebe essen und kochen. Düfte und Gerüche bewusst wahrnehmen.
Schränke aussortieren.
Unsere Füße massieren.

-für den Kontakt mit dem Himmel:
Musizieren und Musik hören. Den Wolken nachsehen. Singen und beten (heutzutage „chanten“ genannt). Unser Bewusstsein erweitern. Neue Dinge riskieren. Neue Wege gehen. Träumen.
Verreisen- real oder in Gedanken.

Und zuletzt kommt das Allermagischste: Die Transformation. Wenn wir unsere größte Kraft erreicht haben, dann legen wir uns hin und sterben. In Hingabe. In Ekstase. Im wirklichen körperlichen Tod.

Auch in der Behandlung schwerer Krankheiten gibt es diesen einen Augenblick der Hingabe. Die Krisis. Die Freundschaft mit dem Tod.
Danach beginnt alles neu.
Von Schamanen heißt es daher, sie müssen immer wieder sterben.
Beim Sterben lernen sie: „Da draußen gibt es nichts, wovor wir uns fürchten müssten.“

(zurück zum Inhaltsverzeichnis des Vortrages über Glück und Gesundheit, Qi und Seele in der chinesischen Medizin)

Heilen lernen: Worum es mir geht

Heilen ist immer eine Möglichkeit. Es ist eine Weile her, seit ich auf einem Ärztekongress in der Schweiz darüber gesprochen habe. Über ein Jahr.
Der Videoaufzeichnung des Vortrages gefällt mir immer noch. Auch wenn es mir, wie wohl den meisten, schwerfällt, mir selbst zuzusehen.
Doch sehen Sie selbst:

Video: Heilen lernen- Chinesische Medizin zwischen Quantenmedizin und Schamanismus

Den Text des Vortrages, so in etwa, finden Sie auch hier.

Dieses Jahr werde ich zu verschiedenen Anlässen mehr über Heilung, heilen lernen und Heilertraditionen erzählen. Über Quantenmedizin. Über Schamanismus. Über verlorene Seelen und wie wir sie zurücksingen können. Über Angst, die uns in die Nieren fährt, über übles Qi und andere dämonische Gestalten, und wie wir sie wieder herausbekommen. Über Mars und Venus, im Körper vertreten durch Herz und Lunge, und über die Alchemie von Feuer und Wasser. Es sind träumerische Themen. Geschichten und Bilder. Mythen und Legenden. Meine Medizin ist eine Medizin der Gefühle, der Träume, archaisch und intuitiv.
Heilung wird durch unsere Gefühle kreiert, im Unterbewusstsein, dessen Sprache der Körper selbst ist. Das Unterbewusstsein mag weder komplizierte Reden noch giftige Pillen. Daher verzichte ich auf beides.

Es liegt mir am Herzen, möglichst vielen Menschen zu erzählen, dass Medizin weder angsteinflößend noch unverständlich sein muss. Heilung liegt in unserer Natur.

Jede Mutter, jeder Vater, die oder der jemals einem Kind die Hand aufgelegt hat, um seine Bauchschmerzen zu lindern, weiß das sehr wohl.

Vor über fünfundzwanzig Jahren habe ich begonnen, chinesische Medizin zu unterrichten, und obwohl ich davor selbst ein jahrelanges und kompliziertes Studium in China durchlaufen hatte und auch später keine Mühe gescheut habe, immer wieder möglichst viel Wissen und Erfahrung aus aller Welt zusammenzutragen, ist meine Schlussfolgerung aus vielen Jahren der Mühe und des Gebüffels:

Heilen sollte deutlich leichter gehen.

Die Medizin der Zukunft wird ganz leicht und liebevoll sein. Sie muss es sein.
Denn so, wie es zur Zeit läuft, mit Angst, Einschüchterung und autoritärem Getue wird kaum jemand gesund und froh. Kranke brauchen Hoffnung .
Und Zeit.
Genau wie ihre Ärzte.
(Mit Ärzten meine ich im Übrigen jede Art von Ärzten, nicht nur uns westlich universitär zertifizierte, sondern all diejenigen, die ihr Leben in den Dienst der Heilung stellen. Ganz gleich, welchem Medizinsystem oder welcher Tradition sie angehören. Manche davon werden zu Heilern. Manche nicht.)

Ein weiterer Vorstoß in Richtung Leichtigkeit in der Medizin, nun schon viele Jahre her, war mein kleines Buch über Hausmittel. Selbstheilung mit einfachen chinesischen Familienrezepten. Inzwischen leider nur noch für Kindle.

Am vierten Mai beim Qi Gong Kongress in Hamburg versuche ich in einer Stunde die gesamte chinesische Medizin zu erklären.
Mal sehen, obs klappt.

Der Vortrag trägt den Titel:

Die magischen Wurzeln des Qi Gong

Qi Gong (ausgesprochen Tschi Gung) – ist eine andere Art mit dem Qi zu arbeiten. Akupunktur oder Moxibustion sind andere Wege, die von mir auch gerne als „Qi Gong für Faule“ bezeichnet werden.
Doch ob selbstgemacht mit täglichem hingebungsvollen Üben- oder durch ein paar Nadeln.
Arbeit mit dem Qi ist ein wundervoller Weg zu Heilung und Glück. Wie funktioniert dieses Wunder?
Auf diesem Vortrag geht es unter anderem um Qi und Shen, die geheimnisvolle Essenz, die Urseele und andere Seelenanteile, Himmel, Mensch und Erde aus der Sicht alter chinesischer Ärzte und Schamanen. Die Macht der Intention. Antike Quantenheilung.

TCM: Ganz einfach und zum Nachempfinden.
Vorkenntnisse sind keine erforderlich.

Worum es mir bei all dem geht?
Wir alle können heilen, uns selbst heilen und andere heilen.
Ist gar nicht so schwer. Mutter Erde hat uns so gemacht.
Wird Zeit, uns dieses Recht wieder zu nehmen.
Ganz einfach.

Wie der Schamanengott Pangu den Kosmos und sich selbst erschuf

Zitat

Das Märchen von Pangu

Am Anfang der Zeit herrschte Dunkelheit und Chaos.
Das ursprüngliche dunkle Chaos.
In der Dunkelheit formte sich ein Ei und im Inneren des Eis, inmitten all des Chaos und der Dunkelheit,
entstand Pan Gu- genannt der Ursprüngliche Abgrund.
Viele Zeitalter schlief er und er wuchs.
Zu gigantischer Größe wuchs er heran und da streckte er seine riesigen Gliedmaßen und brach so das Ei.
Die leichteren und feineren Anteile des Chaos schwebten
weit, weit nach oben, ins Licht,
hinauf zum Himmel.
Die dichteren Anteile sanken
tief, tief hinab zur Erde.

Die Weisen sagen, dass das Auskristallisieren der dichten Anteile die längste Zeit brauchte.
Das Öffnen und Ausströmen aber ging leicht. So leicht wie das Ausatmen.

So entstanden Erde und Himmel, Yin und Yang.

Pan Gu sah das alles und es gefiel ihm.

Während das Yang nach oben stieg, ließ er seinen Kopf mit hinauftragen. Bis zum Himmel.
Seine Füße blieben still und fest im Yin.
Auf der Erde.

In der Spannung zwischen Himmel und Erde blieb er stehen.
Seine Füße fest und unbeweglich wie die schwarzen Steine.
Der Kopf frei und klar wie der blaue Himmel.

In dieser Spannung, während alles um ihn herum stieg und sank transformierte er sich.
Neun mal am Tag wurde er ein vollkommen anderer.

Wieder und wieder erneuerte er sich.

So  wuchs er immer weiter, 18 000 Jahre lang.

Da verließen ihn die Kräfte.
Er hörte auf, Himmel und Erde, Yin und Yang zu trennen und überließ sich dem Chaos.

Er sank hinab und starb.
Er wusste nichts mehr. Er fühlte nichts mehr.
Um herum war nichts als Dunkelheit.

Sein Körper zerfiel und wurde zu allem, was ist.

Wind und Wolken entstanden aus seinem Atem.
Seine Stimme ward Donner und Blitz.
Seine Augen leuchteten als Sonne und Mond.
Seine Gliedmaßen wurden zu den vier Himmelsrichtungen und sein mächtiger Rumpf zu den Bergen.
Sein Fleisch zerfiel zu fruchtbarer Erde und all den knorrigen und biegsamen  Bäumen darauf.
Sein Blut strömte als Flüsse durch das Land
und seine Venen wurden zu den Kanälen und Wasserwegen,
die die Waren zurück zu den Menschen bringen.
Sein Körperhaar wurde zu Gras und Kräutern, seine Knochen und Zähne zu kostbaren Steinen und Mineralien.
Sein Schweiß wurde zum Tau und sein Kopfhaar glich den Sternen am Himmel.
Die Läuse und Flöhe aber, die auf seinem Körper herumwuselten, wurden zu den Rassen des Menschengeschlechts.

Manche sagen sogar, wenn das Wetter sich ändert, so sind dies Pan Gus Launen.

Die diebischen Brüder

Die Lektion von gut und böse

Dieses Jahr gibt es keine Weihnachtsgeschenke.
Wir sind ausgeraubt worden. Unser Gastschüler Andre hat unsere Wohnung ausgeräumt und ist dann bei seinem Bruder Carlos Bonfiglio Bicker, seines Zeichens angehender Speditionskaufmann in Hamburg,  untergetaucht. Alles, was leicht und unkompliziert zu beseitigen war, ist futsch.  Was mich am meisten getroffen hat: Sogar das Sparschwein meines Sohnes, das jener über Jahre gefüttert hat, ist leer.
Andre gab den Diebstahl sofort zu. Natürlich dachte ich daraufhin, seine Familie würde zusammenstehen und den Schaden wieder gutmachen. Dies ist zumindest meine biedere Vorstellung von Familie. Aber es gibt natürlich viele Modele. Man denke nur an die Mafia.

Die Familie Bonfiglio Bicker funktioniert so:
„Bei mir ist nichts und Spuren wirst du keine finden. Ich schlage vor, du zeigst uns einfach an“, sagte Carlos am Telefon ungerührt. Diebstahl ist offensichtlich nicht so schlimm. Solange ihn keiner nachweisen kann:
Damit hatte ich nun nicht gerechnet. Er fühlt sich offensichtlich durchaus für den Jüngeren zuständig. Aber nicht in dem Sinne, wie ich es erwartet hatte, sondern eher  als Komplize und Hehler.

Der Anruf beim Vater  Jaime im bolivianischen Santa Cruz erboste mich noch mehr: „Das sind gar nicht meine Söhne sondern die Söhne meiner Geliebten. Betina nimmt sie immer in Schutz und hat bisher all ihre Taten gedeckt. Eine Hausangestellte habe ich auch schon entlassen müssen, weil  Betina es geschafft hat, dass ich das Mädchen fälschlicherweise in Verdacht hatte, meine Praxiseinnahmen mitgehen zu lassen. Carlos war immer schon schlau. Andre ist nun also aufgeflogen. Ich will die beiden daher nicht mehr sehen und bin froh, dass sie aus dem Haus sind. Sie haben schlechtes Blut von ihrem Vater. Carlos schafft es hoffentlich, in Hamburg seine Karriere als Speditionskaufmann zu vollenden, ohne dass noch etwas vorfällt. In Hamburg kennt ihn ja niemand. Andre hat diese Chance auf einen Neuanfang nun leider verspielt.  Ich kann mich nur bei  Ihnen entschuldigen, dass es ausgerechnet Sie getroffen hat, Senora Li.“
Hm. Der gute Doktor Jaime Rolando Machicado Calderon hat also gnadenlos seinen familiären Müll bei mir entsorgt. Nicht sehr nett. Aber es sind ja auch gar nicht seine richtigen  Söhne. Na dann.

Das Traurigste ist die Mutter. Betina Bicker, die mich im Vorfelde, mit mails davon überzeugt hatte, dass ihre Söhne Andre und Carlos, wie deren Nachname „Bonfiglio“ schon sagt, liebe und brave Jungs seien, mit einer Familie im Background, die die Verantwortung übernehmen würde, ist überhaupt nicht mehr für mich zu sprechen. An einem Gespräch über ihre beiden Söhne und was aus ihnen werden soll, ist sie offensichtlich nicht interessiert.

Andre und Carlos Bonfiglio haben also eigentlich keine Familie. Keiner will sie. Kein Wunder, dass sie wie Pech und Schwefel zusammenhalten.
Böse bin ich ihnen daher auch nicht so richtig.
Nur ein intensives Gefühl von Ekel ist geblieben, das mich erfüllt, sobald ich unsere Wohnung betrete und mir vorstelle, dass die fetten Finger des Diebes jeden einzelnen Gegenstand umgedreht haben.

Nun, ein paar Wochen später und, wie gesagt, ohne Weihnachtsgeschenke und überhaupt recht freudlos, überlege ich immer noch, was die Lektion aus all dem gewesen sein soll.
Es muss sie geben. Es gibt immer Lektionen.
Diese hier sind besonders ungemütlich.

Was also machte der Diebstahl mit mir.
Ich versuchte es mit Wut, welche bekanntlich nicht unterdrückt werden soll und auch sehr erfrischend sein soll. Aber als Objekt für richtigen Zorn sind diese beiden Brüder einfach zu jammervoll. Selbst mein frisch ausgepünderter Sohn sagte: „Mit denen würde ich nie tauschen wollen, selbst wenn sie alles hätten und ich nichts. Die sind einfach nur eklig“.
Meine zweite Versuch war, mich als Opfer zu fühlen. Dieses Gefühl „ich bin so lieb und alle sind so böse zu mir“ kann sehr anheimelnd und nahezu tröstlich sein. Aber es hielt gerade mal ein paar Sekunden, denn ich kenne es und falle nicht mehr darauf herein.
Vor allem glaube ich fest, dass wir Ungemach, wie Vampire, selbst ins Haus rufen. Immerhin habe ich freiwilig auf das Rundschreiben des FC Sankt Pauli geantwortet, als es hieß: Unser Vereinsmitglied Carlos sucht eine Gastfamilie für seinen Bruder.

Klar, es hieß NICHT:
„Der Hehler Carlos Bonfiglio sucht eine Bleibe für seinen diebischen Bruder Andre.“

Der FC Sankt Pauli verlangt kein polizeiliches Führungszeugnis von seinen Mitgliedern.
Aber wenn ich sehr, sehr ehrlich in mir selbst forsche, so kann ich mich erinnern, dass ich ein klares ungutes Gefühl hatte, als ich die beiden bolivianischen Brüder sah. Meine Seele krümmte sich gewissermaßen zusammen.

Und nun kam die dritte Reaktion. Ich sah meinen eigentlichen Fehler und verstand die Scham, die ich spürte. Den Ekel. Die eigentliche Untat habe ich selbst begangen (zumindest was mich selbst betrifft).
Statt auf meine Seele zu hören, die mir sagte: „Andre und Carlos Bonfiglio kann man nicht trauen“, redete ich mir immer wieder tugendsam zu, nicht so voreingenommen zu sein.
Kein Wunder also, dass ich so niedergeschlagen bin. Ich habe mich selbst verraten. Meine Integrität geopfert. Einen schlimmeren Verrat gibt es nicht.
Nun kommen, ungerufen und gar nicht willkommen, Nacht für Nacht, all die Momente meines Lebens, in denen ich mich selbst verraten habe, wieder ans Tageslicht. All die Momente, in denen ich erlaubt habe, dass andere mich benutzen oder über mich hinwegtrampeln.

Diese Rauhnächte werden alles andere als lustig. Soviel ist sicher.

Aber da alles irgendwann heilt, wird auch dieser alte Eiter hoffentlich bald herausgeeitert sein. Carlos Bonfiglio Bicker und sein diebischer Bruder Andre, die uns das Weihnachtsfest gründlich vergällt haben, werden als Lehrer in meine Vergangenheit eintreten und ich werde bis in die tiefsten Tiefen meiner Erinnerungen tauchen können, ohne auf halbvergammelte Skelette zu stoßen.

Von Toten, schwarzer Kleidung und Akupunktur

Ich möchte Ihnen eine kleine Geschichte erzählen.
Es war zu der Zeit, als ich mich in die Wege der kubanischen Santeria einfühlte. Wie jeden Tag wühlte ich mich durch die engen Gassen im Barrio Jesu Maria. Mein Santeria Pate Jorge, der mich bei meiner Ausbildung unterstützte, der sonst immer lachte und endlose Geschichten aus seiner Zeit als Seemann erzählte, saß mit betrübtem Gesicht im Schatten vor der winzigen Ladenwohnung des Babalawo, des Priesterheilers.
„Heute können wir nicht arbeiten“, erklärte er.
„Was ist los?“
„Ich kann den Arm nicht bewegen. Es schmerzt teuflisch. Wir werden eine Zeremonie machen müssen, um den Eggun zu vertreiben, der da reingeschossen ist. Aber ich hab wirklich keine Zeit dafür und auch kein Geld“.
Egguns sind Geister von Toten, die nichts als Unheil anrichten, wenn man sie nicht respektiert. Dann müssen sie mit Opfergaben besänftigt werden, was ziemlich teuer werden kann.
„Vielleicht kann ich in der Zwischenzeit ein bisschen helfen“, bot ich an.
„Du?“
  „Ich stech mit Nadeln. Akupunktur. Kommt aus China.“
Jorge sah nicht sehr überzeugt aus: „Ich weiß, was Akupunktur ist, und in China war ich auch schon“, brummte er. „Wird kaum was bringen bei einem Eggun.“

In der Zwischenzeit hatten sich allerhand Leute versammelt und wir gingen ins Haus. Der Babalawo saß mit ausgestreckten Beinen auf dem Boden vor seinem Wahrsagebrett. Wir erklärten ihm die Lage.
Er nickte: „Interessant. Aber Chinesen haben eine sehr alte Kultur. Warum also nicht?“
Ich nadelte den Punkt Mittlere Insel.
Jorge zuckte heftig, sein Schokoladenteint wurde aschfahl. Dann schrie er: „Du hast mich geheilt. Der Eggun ist rausgefahren.“
Im Allgemeinen dauert eine solche Behandlung deutlich länger und erfordert Stimulation der Nadel, Rotation und Massage des Armes und meistens ein paar Wiederholungen. Doch Jorges Schmerz war offensichtlich vollkommen verschwunden.
Der Babalawo untersuchte den Arm und konsultierte sein Brett.
Er nickte anerkennend: „Du hast die Wege für die Geister geöffnet. Mit einer Nadel. Das ist eine sehr überlegene Technologie.“
Nach diesem Tag arbeiteten wir eine Zeitlang  zusammen. Der Babalawo befragte sein Brett und rezitierte uralte und wortreiche Wahrsagungen in der Sprache der afrikanischen Yoruba. Er riet zu Opfern an Ochun oder Chango, ermahnte untreue Ehemänner und verschrieb Kräuter. Jorge unterhielt uns alle mit seinen Geschichten. Wenn es aber Egguns zu vertreiben galt, griff ich zu den Nadeln. So verschwanden die Beschwerden schneller. Freilich riet der Babalawo dringlich dazu, den Toten dennoch ein Opfer zu bringen, wie es sich gehörte, denn über sieben Generationen seien wir mit unseren Toten verbunden und so lange solle man sie auch ehren.
Die Behandlungen dauerten selten länger als bei Jorge. Was mich wunderte. Aber der Babalawo erklärte mir, dass es schließlich kein Wunder sei. In Deutschland würde niemand die Egguns ehren und nach all den Kriegen und Grausamkeiten sei das Land sei vollkommen überlaufen mit wütenden und rachsüchtigen Toten. Wenn so einer erst einmal Besitz von einem Lebenden ergriffen habe, würde man ihn kaum wieder los. Die vielen Egguns seien auch der Grund, warum die Deutschen so traurig seien und nicht tanzten. Dies, und die Tatsache, dass alle immer schwarze Kleidung tragen würden.  Das sei zwar sehr schick, aber es ziehe die Egguns an wie verrottendes Fleisch die Fliegen.
Eine Zeitlang habe ich dann kein Schwarz mehr getragen…

Granatapfelkerne

Einst las ich eine Geschichte der Sufi über Heilung, die mich tief berührte. Da ich sie nirgends finden kann, erzähle ich sie hier nach. Unweigerlich werde ich sie vollkommen verändern. Doch wer weiß, vielleicht bleibt es eine berührende Geschichte. Wahr ist sie allemal und wer sie versteht, mag sich Granatapfelkerne kaufen, denn dies ist die Zeit.


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Wunder im Schwarzen Wald

Das Wochenende kam und ging so schnell. Zwölf wundervolle Frauen fanden sich sich zu einer gemeinsamen Feier voller Wunder und Wandlungen. Wir haben unsere Uhren abgelegt und alle Programme vergessen. Jede in ihrem eigenen Rhythmus.
„So einen langen Tag habe ich noch nie erlebt“, sagte eine.
Es ist wahr. Wenn wir aufhören, die Zeit in vorgefertigte Pakete zu zerstückeln, entfaltet sich jeder Augenblick wie eine Blume.
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