Meisterin der Boshaftigkeit- die Hexe

In meinem Buch über das Heilen wird es ein Kapitel geben, in dem es um Boshaftigkeit geht. Boshaftigkeit. Ekligkeit, Miesheit. Gehässigkeit. Finster-drauf-sein.

Wir alle sind „böse“. JA. Auch Sie.
Sie mögen es Depression nennen.
Oder Neurose.
Oder die Folgen einer schweren Kindheit.
Oder Stoffwechselstörung. PMS. Hormonstörung. Burnout. Migräne. Rheuma. Gicht. Hammerzeh und Schmerzen beim Gehen.
In meinem Fall sind es zu viele schmerzgeplagte Klienten, die mich niederdrücken. Die sind schuld 😉

Tatsache ist: In solchen Zuständen verbreiten wir schlechte Stimmung. Bei sich. Bei anderen. Wir machen anderen ein schlechtes Gewissen, Schuldgefühle. Stecken sie mit Schwermut an. Vermiesen jede Party. Das ist doch böse. Oder nicht?

Oder was halten Sie davon, wenn sich jemand fragt: „Warum gerade ich, warum habe ich diese schlimme Krankheit. Warum gerade ich, die ich seit zwanzig Jahren vegan lebe, meinen Müll trenne, meinen Feinden verzeihe und in engem Kontakt mit mehreren Engeln stehe. Warum gerade ich, die ich drei kleine Kinder habe und noch so viel vor, warum nicht die alte Frau Schmidt, die eh allein ist und eh immer sterben will.“
Wer so denkt, oder fühlt, wünscht gerade eben einer armen alten Frau eine schwere Krankheit an den Hals. Das ist böse. Punkt.

Das Ärgerliche an der Boshaftigkeit ist: Sie will nicht weg. Sie klebt wie das halbaufgelöste Gummizeugs auf der Unterseite alter Teppichfliesen.

Oder was halten Sie davon, wenn Ihnen ihr Arzt oder Apotheker mitteilt, Sie müssten einfach nur entspannen, ein bisschen fröhlicher werden und die negativen Gedanken loswerden?
Oder Ihr Therapeut ihnen nahelegt, die garstige Vergangenheit zu vergessen und verzeihen zu lernen.
Die Freundin empfiehlt dann noch, einfach ein bisschen abzunehmen.
Einfach den Krebs schnell wieder los werden, empfiehlt komischerweise niemand.

Aber warum eigentlich nicht? Warum können wir Krebszellen nicht einfach loswerden?_ ??Laut derzeitiger Lehrmeinung sollen wir böse Gedanken, schlechte Erinnerungen und belastende Fettansammlungen mit ein wenig Willenskraft loswerden, aber Zellen, die noch nicht einmal so richtig unsere eigenen sind, nicht? Da wird mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen.

Krebs oder nicht: All diese gemeinen Dinge kleben wie besagtes Gummizeugs. ?Wir wollen sie vielleicht nicht. Aber je mehr wir rubbeln, umso besser kleben sie.

Wenn ihnen also in Zukunft jemand empfiehlt, ihre Sorgen, toten Angehörigen und Missbrauchserfahrungen, ihre Erinnerungen an den Ex und ihre Essstörung mal einfach ins Licht zu schicken, dann sagen Sie dieser Person, sie solle doch bitte selbst ins Licht gehen. ?

Sie brauchen sich nicht schuldig zu fühlen, wenn die allgemeine New-age Heiterkeit, das ganze Licht-und-Liebe Gedusel an Ihnen vorbeigeht. Sie brauchen keine Zettel mehr an den Spiegel zu kleben, von wegen das Universum habe Sie lieb und die Wohnung würde sich von selbst putzen. Sie brauchen auch nicht auf irgendwelche Engel zu hoffen, weil niemand sie liebt.

Vergessen sie diesen ganzen Kram erst einmal.

Am Rande bemerkt: Sie können sich übrigens selbst lieben. Das geht. Nicht bösartig schnauben. Es geht wirklich. Auch wenn es fast unmöglich erscheint, auch wenn Sie in ihrer Erinnerung noch nie geliebt worden sind. Aber über Einsamkeit und Selbsthass gibt es einen anderen Abschnitt im Buch über das Heilen. So wie über Gefühllosigkeit, Schmerz, Lähmung, Angst und eben all dieses hässliche Zeug. ?

Hier geht es jetzt mal nur um die Boshaftigkeit, oder das, was wir dafür halten.
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November- Tore zur Dunkelheit

Wieder einmal ist November. Wie stets zu dieser Jahreszeit kommen die Menschen mit schweren Themen zu mir, Trauer, Tod, Besessenheit und das Erbe einer bösen Vergangenheit. Es geht um die Ahnen.
„Die Sünden der Väter werden gerächt an den Enkeln bis ins dritte und vierte Glied“, heißt es im Buch Moses. (2 Moses, 20). Die moderne Epigenetik bestätigt dies:
In den Chromosomen wird wesentlich mehr gespeichert als die Augenfarbe.
Wer dieses Erbe ablehnen will, muss tief hinabtauchen. In die Dunkelheit. Zu den Ahnen.

November ist eine gute Zeit für Reisen zu den Ahnen.

Im November gehen wir vom Herbst zurück in die Dunkelheit des Winters. Die oberirdischen Teile vieler Pflanzen sterben. Die einjährigen Tiere sterben. Die letzten zerzausten Wespen schleppen sich durchs Haus. Hoffnungen sterben. Die Zugvögel sind längst verschwunden.
Die Religionen kennen diese Zeit und entsprechend viele Feste gibt es.

Allerheiligen-Halloween-Samhain

Allerheiligen kennt ja, dank amerikanischer Filme, inzwischen jede/r. Kürbislaternen und Berge von Süßigkeiten. Freddy Krüger mit seinen ekligen langen Fingernägeln geht um.

Wer sich für unsere eigene pagane Kultur interessiert, wird wissen, dass Samhain ein altes Fest ist, an dem das Leben, welches in der Sommerhälfte des Jahreskreises im Licht tanzen durfte, sich nun in die Dunkelheit zurückzieht. Dabei öffnen sich die Tore zur Anderswelt. 

Tollkühne Menschen können einen Blick in die Tiefe riskieren, um die Zukunft vorauszusagen. Sie tun dies etwa mit Hilfe von Spiegeln oder Wassergefäßen.
Da die Tore aufgehen, kommen auch die Bewohner der anderen Seite herüberkommen. Geister gehen um, heisst es dann. Nun sind wir selbst ja auch Geister. Aber diese, die da kommen, die sind fremd und daher unheimlich. Die Menschen bleiben daher lieber gemeinsam zuhause am Feuer (vor dem Bildschirm), erzählen sich gruselige Geschichten (gucken Horrormovies) und essen feine Speisen (Popcorn und Chips).
Jahreszeitlich keltisch gibt es zu Samhain: Kürbisse, Äpfel und Schweinebraten. Den Geistern von der anderen Seite wird etwas vor die Tür gestellt. Aber rein dürfen sie nicht.
Das ist normaler magischer Alltag.
All unseren Ahnen geläufig und der offensichtliche Ursprung der Halloweenbräuche. Bis auf den industriellen Zuckerkram. Echte Geister halten, meiner bescheidenen Meinung nach, nichts von Nestlé und co. Ich jedenfalls nicht.

Gut. Halloween- Samhain- Allerheiligen ist ja eh vorbei.

Allerseelen

Zwei Tage nach Halloween war dann noch Allerseelen. Traditionelle Menschen stellen in dieser Nacht Milch für die Toten nach draußen. Und wieder gibt es ein Festmahl. Da der ganze November im Zeichen der Ahnen steht, ist es keine verkehrte Idee, an einem beliebigen der vielen Tage dieses Monats ein persönliches kleines Totenfest zu veranstalten. Eine Kerze aufstellen, vor einem Photo, und ein wenig des eigenen Essens dazu. Ein Gruß oder eine Blume. Kleine rituelle Gesten können viel in Bewegung bringen.
Wer Allerseelen verpasst hat, und einen offiziellen Tag bevorzugt, um der Toten zu gedenken, kann warten bis zum Totengedenktag Ende November.

Karnevalsanfang

Unterdess geht es weiter mit den besonderen Tagen im November. Die Süddeutschen wissen Bescheid. Allerorts laufen fieberhafte Vorbereitungen.
(Im Norden herrscht kühle Stille. )
Am 11.11. um 11:11 h beginnt der Karneval. Allen nichtmenschlichen Geistern da draußen zum Trotz wagen sich die Menschen nun hinaus in die Dunkelheit. Im Fasching der Alpenregionen verkleiden die jungen Männer sich als wilde Gruselgestalten und gehörnte Tierfiguren, die die Mädchen mit fruchtbarkeitsbringenden Ruten schlagen. Im Rheinland ist eine Woche Party. Alle miteinander sind sie entschlossen, das Leben nicht sterben zu lassen und die Wildheit hinüberzuretten ins neue Jahr.

Martinstag

Auch im Norden gibt es Bräuche, die das Licht weitertragen sollen. Heutzutage wird dies den Kindergartenkindern überlassen, die am Sankt Martinstag tapfer mit Laternen bewaffnet durch die Nacht ziehen und Martinslieder singen, während ihre Eltern lustlos hinterherschlurfen. Auch eine Martinsgans wird hie und da gebraten, ein heiliger Vogel vieler alter Göttinnen, von Aphrodite bis zu Frau Holle.

Hekatetag

Und da die doppelte Elf eine magische Zahl ist, ist der Martinstag zugleich auch der Tag einer besonderen Göttin: Hekate.

Wer die Göttin “Hekate“, „Hekatetag“ oder auch „Hecate“ gegooglet hat, und deshalb nun hier auf meiner Seite über das Heilen gelandet ist, weiss bescheid.
Ich würde mich riesig freuen, wenn die Freundinnen der Hektar hier ein paar Kommentare hinterlassen würden, um zu erzählen, wie Ihr zu Hekate gekommen seid, was sie für Euch bedeutet, und wie Ihr sie ehrt.
Im Vertrauen auf Eure zahlreiche Kommentare werde ich selbst mir langatmige Erklärungen sparen.

Nur soviel: die griechische Göttin Hekate, oder „Hecate“, ist eine der vielen Erscheinungsformen der dreigestaltigen Mutter. Als Hekate bewacht sie die Wegkreuzungen und die Tore zwischen den Welten, die an der Schranke zum Winter, wie schon gesagt, weit offen stehen.

Hektar ist daher eine Lieblings- Göttin der Hexen und all jener, die gerne eine wären. Warum, also warum alle heutzutage eine Hexe sein möchten, ist mir unklar: Hexe zu sein, ist nicht spaßig. Niemand sonst wagt sich so tief in die Dunkelheit, ins Yin, hinein, wie die Hexen, und dort im Dunkeln ist es, nun, dunkel eben. Wahre Hexen, solche, die den Weg zu gehen verstehen, ohne dabei unterzugehen, sind daher rar und oft sind es die, die schon vorher mit Dunkelheit und Leid wohlvertraut waren und die das Territorium quasi blindlings kennen.

Dennoch begegnet mir Hexenenergie oft bei meiner Arbeit und in den unterschiedlichsten Menschen. Die meisten sind heilfroh, wenn sie nach einem kurzen Ausflug in die dunkle Energie wieder auftauchen dürfen. Bibi Blocksberg hatten sie sich anders vorgestellt.

sneak preview meines Buches über das Heilen

Um die Hexen zu ehren, die wahren, die falschen und die, die bei ihrer Reise ins Yin in trübe Gewässer geraten sind, werde ich am 11.11., pünktlich zum Hekatetag, einen Text über Hexen hier einstellen. Das Hexenkapitel ist allerdings nur ein klitzekleiner Vorgeschmack auf das Buch über Heilung, an dem ich fieberhaft arbeite.

In diesem Buch über das Heilen, oder eigentlich sind es zwei, ein Lesebuch und ein Arbeitsbuch, geht es nicht um Hexerei sondern um Selbstheilung.

Bekanntlich bin ich ja der Auffassung, das wir alle alles in uns tragen, was wir zum Heilen brauchen und es nur, seit ein paar Tausend Jahren, vergessen haben.

Mehr darüber in meinen Videos.

Hexen sind rar und werden daher in meinem Buch über das Heilen nur am Rande auftauchen.
(Hexen tauchen überhaupt immer nur am Rande auf).

Vor allem geht es im Buch über das Heilen um Dinge wie Fußschmerzen, Hautausschläge, Lebensmittelunverträglichkeit, Einsamkeit, Angst, Herzbeschwerden, und, ach, einfach alles, was uns so nervt.

Fertig geschrieben wird das Buch über Heilung noch in diesem Jahr. Dann kommen edition, und und … es dauert also noch. Aber ich werde immer einmal wieder Teile hierherstellen. Es bleibt also alles wie gehabt.
Ich schreibe. Sie lesen. Dankeschön dafür.

Am 11.11., dem Hekatetag, über Hexen, Hexenenergie und ihre Rolle beim Heilen.
Keine Sorge, im Dezember wird es wieder hell.

 

Originally posted 2015-11-07 22:10:22. Republished by Blog Post Promoter

Trickster, kosmische Verführer und Tanz ums Drachenfeuer

 

Wieder einmal ist es heiß. Luft flimmert über dem Asphalt. Politiker lügen. Schweiß trieft. Vollmond. Feuerwerk, Sternschnuppen und qualmende Grillfeuer. Sonnenbrand und Sommerliebe. Glitzerndes Wasser.

Zeit für den Sommertext. Manege frei für den Trickster.

Wenn Licht sich an der Materie reibt und die Luft erhitzt, entstehen Spiegelungen. Wenn Schweiß in die Augen rinnt, verwischt sich der Blick. Und über tausend Feuern tanzen unfassbare Figuren.

Dies ist die Welt des Tricksters.

 

Der Trickster ist Mann und Frau und wir begegnen ihm unter tausend Namen. In einem Märchen hilft er der Müllerstochter, Stroh zu Gold zu spinnen (eine Aufgabe ganz nach seinem Geschmack!) und fordert dafür ihr Kind, wenn es ihr nicht gelingt, seinen Namen zu erraten. Machttrunken tanzt er über dem Feuer und gibt, für dieses eine Mal, seinen Namen preis: Rumpelstilzchen. Das Kind, die Seele, wird gerettet. Wer den Trickster besiegen will, muss schlau sein und unsere Legenden sind voll solcher Geschichten.
Was die Legenden verschweigen: Trickster liebt es, wenn wir ihm die Stirn bieten.

Doch wer ist er? Schwer zu sagen. In seiner Welt, ist jedes Aufblitzen nur eine Spiegelung und so gibt es keinen wahren Namen.

Eleggua

der Name der genannt werden kann, ist nicht der wahre Name

 

Man kennt ihn als Old Man Coyote, Kokopelli, Loki, El Duende, Hephaistos, Feuergott Nezha, Rumpelstilzchen, Pomba Gira, Eleggua, Meister Tabak und tausend andere Drachen und Verführer der Nacht.

Schillernd steigt der Trickster aus dem Feuer und nimmt die Gestalt an, die uns am meisten behagt: Ein betörender Mann (Frau), eine Gottheit oder Buddha, die uns Erleuchtung und Heilung verspricht, ein Drache, der einen großen Schatz bewacht und uns in einen Kampf auf Leben und Tod lockt. Das alles sind nichts als gespiegelter Lichter. Eine kosmische Lichtshow. Ein gigantisches Feuerwerk.
Genau wie die große kollektive Blendung, das Internet, wer anders als Iktome, die trügerische Spinne, könnte dieses Netz gesponnen haben?

spiderprincess by christine li

 

 

 

 

 

Wenn das Licht sich aus der Materie befreit und zurück in den unendlichen Raum geht, wo nichts es mehr brechen kann, wird alles rein, klar und farblos. Hier durchschauenen wir all unsere Täuschung und das Herz wird still. Dies ist der ungetrübte See, den die konfuzianischen Meditierenden der Songzeit (vor circa 1000 Jahren), inspiriert vom Buddhismus, in China suchten. Ein strenges und freudloses Unternehmen.

Körperlose Erleuchtung bringt uns hier auf der Erde nicht weiter. Wer zu verbissen nach Erleuchtung strebt, wird am Ende merken, dass er nur einem besonders raffinierten Lockruf des Tricksters gefolgt ist.

Keiner kommt hier lebendig raus. Ganz gleich, was uns versprochen wurde.

Solange wir hier sind, wird Klarheit nicht lange währen. Solange wir hier im Körper leben, reiben wir uns, und solange wir uns reiben, wird der Blick sich trüben. Wir erhitzen uns, das Drachenfeuer flammt auf und schon geht es los. Das Spiel des Tricksters.

In älteren Zeiten, bis zur Zeit von Ge Hong und Bao Gu (der Heldin des Buches, an dem ich arbeite) suchten die Daoisten nach der Extase. Wie bei ihren Vorfahren, den Schamanen, waren Tanz, Gesang, allerlei Pflanzen und heiliges Krötengift der Weg. Wenn wir ohhnehin schon hier auf der Welt herumirren: Warum uns nicht mit Haut und Haaren hineinstürzen, mit den Dingen verschmelzen, dabeisein und mitspielen.
Wer nicht spielen mag, wird gespielt. Dafür sorgt Trickster.

Spielen wir also und bieten ihm die Stirn.

Und „spielen“ heisst auch: Wir dürfen uns amüsieren. Wir dürfen sogar riesigen Spaß haben.

Trickster ist Master of the Game.

Er weiss, was Frauen wollen. Er weiss sogar, was Männer wollen. Trickster hat für jeden die richtige falsche Karte im Ärmel. Du willst eine große Heilerin sein? Bitteschön! Ein Blues- Gitarrist wie keiner vor Dir? Ein Teufelsgeiger? Der Gründer von Apple? Ein Rolling Stone? Aber ja doch. Gerne. Den Mann deines Lebens finden. Wenn Dir nichts Besseres einfällt. Warum nicht?

Folge Deinen Träumen, raunt Trickster. Aber träum ein bisschen bunter!

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Spielen heisst auch, wir lernen die Regeln. Und diese Regeln besagen: Dies hier ist echt. Das Spielgeld ist echt. Die Schmerzen sind echt. Die Waffen sind echt. Die Schluchten und Erdbeben sind echt. Das Blut ist echt. So lauten die Regeln.
Bei all dem bleibt es ein Spiel, wie die Buddhisten gerne betonen. Das nutzt ihnen aber nichts. Denn auch ihr Blut ist echt.
Spielschulden sind Ehrenschulden und Mogeln gilt nicht. Es wird natürlich dennoch gemogelt. Manch einer versucht, sich rauszuschleichen und Erleuchtung zu spielen. Doch kaum einer kommt für lange Zeit davon.

Wieder andere bleiben auf ihren Karten sitzen. Horten ihr Spielgeld. Sichern alles ab. Versichern sich. Planen. Sparen Zeit und Geld. Wissen alles besser. Leben gesund. Wünschen sich nichts. Spielen nicht mit. Verweigern sich. Nehmen Zuflucht.
Das fordert Trickster heraus. Nun wird er keine Ruhe finden, bis er die passende Verlockung gefunden hat. Ewige, leidenschaftliche Liebe, einen großen Schatz, unendliche Macht.
Für ganz Ängstliche gibt es den medizinischen Fortschritt, der alle Krankheiten besiegen wird, und für Total-Verweigerer gibt es die Erleuchtung in einer Religion eigener Wahl. Ein großer Guru sein, mit riesen Gefolgschaft auf Twitter und einer eigenen Insel? Ein Plan ganz nach dem Geschmack des Tricksters.

Jede Form esoterischer Weisheit findet Trickster äußerst amüsant. Der Blog von Christine Li? Chapeau!

Trickster ist, wohlgemerkt, kein Lügner. Er erfüllt alle Wünsche, wenn ihm danach ist. Er erfindet neue Wünsche und erfüllt auch diese. Er kann, wenn er mag, bezaubernde Geschenke machen. Er ist der Lieblingsgott aller Narzissten. Er ist auch ihr unerbittlichster Lehrer, denn er kann all seine Kreationen, Schönheit, Macht, die Oscarnominierung und die Yacht in der Karibik, mit dem Schnipsen eines Fingers, wieder in Rauch und Spiegelungen auflösen.

Trickster lässt sich nicht verpflichten. Da hilft kein Verkaufen der Seele und kein blutiges Opfer nachts an einer Wegkreuzung oder auf dem Friedhof.
Da ihn solch theatralische Aktionen sehr amüsieren, kommt er vielleicht wie gerufen. So wie er auch durch die Karten und aus dem Kaffeesatz spricht, aus heiligen Quellen und zu berauschten Dichtern. Aber er macht auch dort, was er will. Dagegen hilft keine schwarze Messe, kein Stierkampf und auch kein heiliges Abendmahl.
Trickster lässt sich nicht festlegen. Seine einzige Lehre lautet: Nichts bleibt.

Du kannst ihn nicht fesseln und nicht verpflichten und ihm gar deine Seele zu verhökern, ist nutzloses Drama. Er nimmt sie, wirft sie auf den großen Haufen anderer verlorener Seelen und kümmert sich nicht weiter drum. Er mag dir im Gegenzug alles versprechen, aber er hält sein Versprechen nie oder, nur so zum Spass, vielleicht für eine flüchtige Weile.

Erfreue dich also an den Illusionen. Der magischen Show. Dem ganz großen Theater. Spiele mit. Küsse und verführe. Tanze und singe. Verzaubere alle Herzen. Trickster ist entzückt, wenn Menschen sein Spiel spielen.
Unterwürfigkeit, Gejammere, Gewimmere und Bestechungsversuche reizen ihn zu Schandtaten. Jammern und Klagen reizen ihn allerhöchstens, dem Elend noch eins drauf zu setzen. Nenn ihn dafür ruhig Teufel, Verführer, unreiner Geist. Das stört ihn nicht.

Also lass das Zetern.

Es ist nicht seine Schuld, dass Du dich betrogen fühlst. Du selbst hast ihm die Seele hinterhergeworfen, als Du ihn verpflichten wolltest.
Nun stehst Du da. Ohne Seele und wie willst Du noch spielen, so ohne Seele. Was soll er nun noch mit Dir?

Was Trickster liebt, sind Menschen, die ihre ganze Menschlichkeit in die Waagschale werfen und ihn schreiend herausfordern:
„Hier Trickster. Zeig mir was Du kannst. Gib mir Deine Geschenke. Erfreue mich. Begeistere mich. Gib mir alles. Wenn du willst, gib mir Unheil und Krankheit. Zeig mir, was Du kannst. Ich grusle mich nicht. Meine Seele bleibt unberührt von Deinem Theater. Ich spiele Ball mit den Schädeln der Toten.“

Wenn also wieder einmal Trickster in Dein Leben tritt: Schenk ihm einen Likör ein, oder alten Havana Club, opfere Tabak (Cohiba) und lüg ihm mitten ins Gesicht. Lass deine Diamanten blitzen. Sie müssen nicht echt sein. Tanze für ihn. Sing für ihn. Verführe ihn und Trickster ist dein. Dann erfüllt er all deine Wünsche, Gesundheit, Schönheit, Glück. Aber nur, solange Du eine wirklich große Hexe, ein großer Magier bist und deine Seele niemals hergibst. Sobald Du ihm ganz gehörst, lässt er Dich fallen.
(Ja, er ist darin genauso wie seine Lieblings-Schüler, die großen Verführer- was glaubst Du denn, woher diese das gelernt haben?)

Übrigens: Mein Trickster erscheint mir in männlicher Form. Doch auch das ist nur eine Illusion. Manch einem Mann erscheinen Pomba Giras, die im alten China auch als Fuchsgeister bekannt waren. Gefährliche Wesen, allesamt. Und natürlich müssen Trickster nicht hetero-sexuell sein. Sexuell aber sind sie immer. Denn sie wirken durch das Drachenfeuer und das steigt von unten auf. Aus der Dunkelheit hinauf zu den Wolken.

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Allen gemeinsam ist eines: Ein Trickster (oder eine Pomba Gira) gehört nur sich selbst. Genau wie Du, denn er ist Du und Du bist sie. Versuch keine Verhandlungen. Versuch nicht, ihn zu binden. Er mag das nicht. Denn er ist Du und Du bist frei.

Und sei nicht beleidigt, wenn der der Tag anbricht und im milden Licht der Sonne nichts als ein paar kleine Rauchfäden aus der kalten Glut aufsteigen. Dort, wo Du, eben noch, in magischer Raserei um das Drachenfeuer tanztest. Du hast doch nicht etwa geglaubt, das sei die Wahrheit? Dummes Kind. Wir müssen das alles noch einmal üben. Und noch einmal. Immer wieder.
So lange, bis Du es begreifst: Nichts bleibt. Nichts bleibt. Nichts bleibt.

Es ist ein Spiel von Yin und Yang. Magie in der Nacht. Am Tag stille Klarheit. Herzfeuer. Vollkommmen transparentes Licht ohne Spiegelungen. Du hast endlich verstanden. Du bist jetzt erleuchtet.

„Diesmal bleib ich klar“,beschließt du.

„Wir müssen wohl noch einmal üben“, raunt er da und lockt dich in den nächsten Tanz.
Wieder entsteht eine neue Welt. Entsteht und vergeht. Runde um Runde.

la emperatriz bailando

Trickster. Ich liebe dich.

Musik heilt.

Kurzmitteilung

Diese Musik allerdings zerreißt Herzen

Das wollten inzwischen einige wissen:
Die Musik mit denen meine sechs kleinen Videos „zurück zur Heilung“ ausklingen, ist ein Remix der genialen Shanghai Restoration Project.

Das ursprüngliche Stück heißt: „the wandering songstress“ und stammt aus dem herzzerreißenden expressionistischen Film „Street Angel“ (Regie Yuan Muzhi, Shanghai, 1937). Es ist bis heute ein Lieblingslied beim Karaoke. Ein echter Ohrwurm also.
Ursprünglich wurde es von Zhou Xian gesungen.

Zhou Xian (1918- 1957)

Zhou Xian (1918- 1957)

Eine modernere Fassung hören wir in Ang Lee’s Film „Lust, Caution“ von 2007.

Zum Remix von Shanghai Restoration Project gibt es ein sehenswertes Video.
Ideal für alle, denen bei  alten chinesischen Filmen Tränen in die Augen steigen.

Mehr über kranke und zerrissene Herzen.

Mehr über Tränen.

Kriegsenkelin

Heute, zum Totengedenktag,  gedenke ich meiner toten Großeltern.

Mein Heiler- Kollege und Santeria Lehrer Valdonio erklärte mir vor Jahren auf Kuba:

„Ihr aus Europa seid voller Toter. Ihr könnt euch kaum noch bewegen vor Schmerz und Trauer. Deswegen tanzt ihr so schlecht.“

Er unterrichtete mich, wie ich die Egguns, die Toten also, mit Hühnerblut zu füttern hatte, und er gab mir einen Altar, einen alten Dachziegel, den ich, getränkt mit Hühnerblut und verklebt mit Hühnerfedern, durch den Zoll schleppte und weisungsgemäß in meinem Garten vergrub.
Nach dem Motto: Wer weiß, vielleicht hilft‘s ja.
Der Tot des Huhnes ist eine andere Geschichte und gehört nicht hierher.
Während das arme Vieh in meinen Händen zuckte, lernte ich einiges über mich und das Leben, vor allem, wie schnell es durch die Hände rinnt, und ich lernte, dass Lebewesen wirklich leichter werden, wenn die Seele aus ihnen herausströmt.  Es war ein elender Vorgang.

Aber die Egguns klebten fest. Hühnerschlachten hilft nicht gegen den Tod.

Jahre später, pünktlich zum Herbstanfang, nahm der Schmerz überhand. Schmerz war ein alter Freund. An den meisten Tagen meines Lebens, solange ich zurückdenken konnte, schmerzte zumindest die Hälfte meiner Knochen. Skoliose, Rheuma. Fibromyalgie. Unnötige Namen.
Wie mich überhaupt medizinische Diagnosen kaum überzeugen können. Was mich bewegt, sind die Ursachen solcher Zustände. Schmerzhaften Zuständen ein Etikett zu verpassen, ist für mich keine Diagnose. Gnosis heißt „Erkenntnis“ und nicht „Benennung“.

An diesem ersten Herbsttag  war die Diagnose ausnahmsweise klar. Ich hatte getanzt. Ein angenehmer Schmerz, wohltuend und überschaubar. Grund genug, dem Ganzen noch ein Bad mit Meersalz und Algen  folgen zu lassen.
Der Schmerz strömte angenehm durch den Körper und ich ließ mich ganz einsinken. In den Schmerz, tief ins Wasser. Es dauerte eine Weile und mein Kopf sank unter Wasser. Ich spürte nun nichts mehr. Nur eine Erstarrung, die noch zunahm, als ich mich ihr ganz ergab. Dies war kein Muskelkater mehr.

Ich lag allein in einer zerstörten Landschaft. Ausgeblutet, verkrampft von zahllosen Wunden und vor allem vor Kälte. Erstarrt vor Angst. Versteckt hinter etwas Dunklem. Einem Bretterverschlag? Eine weite Ebene mit einzelnen Birken und unklaren Trümmern. Eine Landschaft, die ich schon oft gesehen hatte, obwohl ich noch niemals dort gewesen war.
Nonlokalität. Alles ist gleichzeitig und hier. Ich war in Russland. Kriegsende. Ich war mein Großvater. Der, der niemals zurückgekommen war. Der, dessen Geschichte verloren ging. Der spurlos aus dem Leben verschwand. Der, dessen Grab bis heute niemals gefunden wurde.
Mit einem Mal begriff ich, dass seine Spur in mir fortlebte. In meinem schmerzenden Körper. In meiner lebenslangen Traurigkeit.
Großvater, dachte ich. Erzähl mir deine Geschichte.

Ich sank tiefer und im gleichen Augenblick hörte ich Geräusche. Todesangst. Dann, ein Knall, ohrenzerfetzend wie ein Schuss. Mein Herz zerriss. Wenig fehlte und ich wäre, feige, aus dem Wasser aufgetaucht. Ich blieb unten. Ich starb.

Später kochte ich und lud meinen unbekannten Großvater zu einem letzten Abendessen ein. Ich erzählte ihm aus meinem Leben und wie sehr ich ihn vermisste. Ich erzählte ihm vom unendlichen Schmerz meiner lieben Oma. Wir weinten beide und tranken Wein. Dann ließ ich ihn gehen.
Der Schmerz ging dann auch. Zumindest ein Teil. Der Großvaterteil. Das fiel mir aber erst viel später auf.

Heute, zum Totengedenktag gedenke ich meiner Ahnen. Sie sind bei mir.

Im Geisterstrom

Teil 4: Auf der Suche nach den Ahnen- eine europäische Visionssuche

 

In der chinesischen Medizin ist die Erde das Zeichen von Feuchtigkeit, Gedanken, Duft, Ermattung, Bescheidenheit, Mütterlichkeit und Ernährung.
Das Wasser entspricht dem Winter, der Angst und dem Tod und damit auch der Wiedergeburt.
Eine winzige Einführung in die Fünf Elemente Lehre finden Sie in meinem Vortrag zum Hamburger Qigong Kongress.

In dieser Nacht regnete es unaufhörlich. Es begann bereits am Nachmittag. Ich wanderte durch einen endlosen Wald.  Ganz weit oben, unerreichbar zwischen hohen dunklen Baumkronen ahnte ich den mattgrauen Himmel. Unten war alles Dichte und Moder. Tote Bäume lagen in wirren Verstrickungen übereinander.
Toter Baum by Christine Li

 

 

 

 

 

Verworrenes Holz by Christine Li

Keine Menschenseele weit und breit.
„Lasst mich hier herauskommen, ehe die Nacht kommt!“, war mein Gebet und weil es schlicht und unmissverständlich war, wurde es erhört. Beten will gelernt sein.

Nach ein paar Meilen öffnete sich der Wald und entließ mich an den Fluss. Schwärzlich mäanderte er durch seine moorige Heimat. Letzte Sonnenstrahlen rieselten zwischen Wolkenrissen hinab auf die Erde. Unter den Grasbüscheln glitzerte Wasser und meine Füße sanken tief.

die "Kalte Moldau"

Ich fand eine winzige Erhebung, bewachsen von Ebereschen und leuchtend gelbem Johanniskraut, stellte mich vor und bat höflich um ein Nachtlager.

Auch in dieser Nacht spendete ich keinen Tabak, sondern bot an, Müll einzusammeln und mitzunehmen.

Die Bewohner der kleinen Insel empfingen mich freundlich. Es gab keinen Müll hier. Ich durfte mich ausruhen.
Im Halbdunkel nestelte ich in meinen wenigen Habseligkeiten. Alle Kleidung übereinander, der Schlafsack und ganz außen der unbezahlbare Biwacksack. Die zusammengerollte Filzdecke als Kopfkissen. Kleiner Luxus.
Bald schon umfing mich vollkommene Dunkelheit.

Moldaunacht by Christine Li

Frieren würde ich diesmal nicht. Das bisschen Wind schreckte mich nicht, nicht nach den stürmischen Attacken der Bergstürme und dem Gewitter am Hang in den Nächten davor. Aber trocken war die Wiese selbst hier auf dem Hügelchen nicht. Genaugenommen war sie klatschnass.

Der Regen fiel und fiel. Die Wolken ließen kein einziges Sternchen hindurchscheinen. Wasserlast für eine lange Nacht. Ich zog den Biwacksack fest zusammen. Nur eine Lücke zum Atmen ließ ich frei.
Doch nicht umsonst sagen die Chinesen: Wasser ist das Stärkste. Wasser findet immer seinen Weg; es schleicht durch jede Ritze und rinnt in jede Form, und wenn es hoch genug steht, drückt es auch von unten nach oben.

Aber kalt, so kalt, wie ich es in der Höhe erlebt hatte, war es hier unten nicht. Kein Grund zur Besorgnis, sagte ich mir. Die Vögel schliefen im Regen, die Rehe schliefen im Regen. Das einzige, was mich vom Schlafen abhielt, waren mal wieder die Gedanken.
Da lag ich, halbwegs weich und kuschelig in der matschigen Erde und anstatt einfach damit zu sein, konstruierte ich meine Zukunft. Du wirst nass werden und dann wirst du eben doch noch frieren. Dann wirst du nicht schlafen können. Weil ich gleich dabei war, dachte ich dann noch über die Welt im Allgemeinen nach. Die Lage im nahen Osten. Kriege und Krankheiten. Trennung und Entfremdung und Hass. Außerdem zerbrach ich mir den Kopf darüber, wo ich eigentlich war und wo ich am nächsten Morgen hinmusste. Ob ich überhaupt jemals zurückfinden könnte. Auch darüber, ob die Menschheit als solche jemals zurückfinden würde. Und wohin. Lauter Konjunktive. Könnte, sollte, müsste.

Bei Feuchtigkeit kreisen die Gedanken, lehrt die chinesische Medizin.

Voila. Sie kreisten. Klebrig. Unergiebig. Ich fühlte mich kein bisschen weich und kuschelig. Ich war ein einziger Widerstand. So langsam spürte ich auch den Wind, der schwach, aber stetig das Wasser auf meinem Biwacksack verdunsten ließ und mit jedem kleinen Wehen Schauer durch meinen Körper sandte.

„Still jetzt! Riech!“, sagte jemand mit der energischen Stimme der Naturwesen. Es war das Johanniskraut.

Ein Schwall von würziger Wärme durchdrang mich. Ein kurzer Gedanke noch: Wie kann Johanniskraut so stark riechen? Noch dazu mitten in der Nacht? Dann verlor sich auch dieser letzte Gedanke im Duft.
Ich entfaltete mein Luxuskopfkissen und wickelte den Filz um den Biwacksack. Der Filz sog sich voll und bildete eine feuchtwarme Packung, die meine Wärme im Körper hielt und den Wind draußen. So dämmerte ich ein.
Am nächsten Morgen regnete es immer noch und der Himmel hing tief und grau. Statt einer leichten Filzdecke durfte ich nun einen nassen Bleiklumpen in meinen Rucksack stopfen. Da meine Blasen gegen Schuhe rebellierten, stapfte ich barfuß durch das saftige Gras entlang des Ufers.

Mein Weg führte mich auf die Spuren all der Menschen, die viele Jahrhunderte diesem Fluss gefolgt waren. Auf dem Rücken keine Mikrofasersäcke mit ein paar nassen Decken. Sie ertrugen hölzerne Kruken mit ledernen Säcke voller Salz. Je schwerer, destso besser- Denn Salz war das weiße Gold.
Immer weiter den Goldenen Steig hinauf  trug mich der Geisterstrom. Da waren junge Männer, mit schweren Säcken, voller Hoffnung und Tatendrang. Bereit zur Rebellion. Frauen, die dem Zug folgten, Kinder im Tragetuch und im Bauch und auf dem Rücken schwere Säcken. Alte Männer, müde und gebeugt von ihrer Last, Säcken, die von Jahr zu Jahr kleiner wurden und doch immer schwerer für sie, bis sie endlich ihren Widerstand aufgaben und unter ihrer Last zur Erde sanken.

Bohemian Grave by Christine Li

ein ganz kleines Grab

So wanderten sie. Jahraus, jahrein. Nächte unter Sternen und unter grauen Wolken. Tage unter glühender Sonne und im beißenden Wind. Salz rieselte aus den Säcken und brannte sich tief in die verschwitzte Haut.

Wie leicht ich es da hatte. Zwischendurch verlor ich mich zwischen den Bäumen. Aber ein Weg, den so viele Menschen gewandert sind, verliert sich niemals ganz. Ich folgte dem Fluss hinauf, zurück in die Berge, so wie all die Generationen vor mir.

Und dann war mit einem Mal all der Regen gefallen. Ein kleiner See lächelte den ersten Morgenstrahlen entgegen. Ein alter Mann mit einem Pilzkorb trat aus dem Gebüsch. Ein kurzer Blick. Eine Fremde mit moorigen Füßen, zerzaustem Haar, verwühltem grauen Rock. Er zuckte mit den Schultern. Hier war ich und hier war er. Zwei Wanderer auf ihrem Weg. Er nickte freundlich.
Nur noch wenige Meilen bergauf.
Auf dem Berg gab es Tränken für Mensch und Tier. Bier und Schnaps. Die wenigen Bewohner handelten mit allem, was sie hatten. Schnitzereien, Pilze. Felle. Die Frauen mit ihren Kochtöpfen und ihren Körpern.
Viel hatte sich seit jener Zeit nicht verändert. Die gleichen Waren. Dazu Zigaretten und Benzin für die modernen Tiere. Straßenstrich und Dutyfree. Reste von Stacheldraht. Kommunistischer Plattenbau. Halbverfallene Häuser. Das unvermeidliche Chinarestaurant.

So früh am Morgen lag alles wie tot.
Nur vor dem „Hotel Kultural“ räumte eine dicke ältere Frau mit grellgelben Haaren Biergläser zusammen. Ich ging auf sie zu und fragte zweifelnd: „Kava?“
Sie lächelte zahnlos. Selbstverständlich.
Ich folgte ihr nach drinnen. Es roch säuerlich. Zigarettendunst und vergilbte Vorhänge behaupteten sich gegen ein paar lustlose Sonnenstrahlen.  Zwei weitere ältere Frauen mit verschiedenfarbigen Haaren und ausgebeulten Jogginganzügen saßen um einen Tisch mit halbleeren Bierflaschen und überquellendem Aschenbecher.  Böhmische Volksmusik dudelte aus dem Radio. Es war morgens früh um sieben.

Die drei Hexen von Macbeth, dachte ich. Ähnliches mochten sie über mich denken. Wir waren uns nicht fremd.

Die erste der drei Hexen machte eine einladende Geste mit dem Arm: Such dir einen Platz aus. Ich wies auf die Veranda. Sie nickte. Hier standen ein paar Holzbänke. Ich warf meine kleine Last von mir und streckte die Füße unter den Tisch.

Unterdess heizte sie drinnen ihren Kessel.
Nach einer Weile trat sie zu mir. In den Händen ein riesiger  Cafe latte. Duft von Zimt und Kaffee drangen in meine Nase.
„Wow!“, sagte ich und hoffte, dies sei ein internationales Wort.
Ich machte die Geste für „Essen“.
„Friestick?“, fragte meine Kollegin.
„Ja! Bitte!“.
Diesmal kam eine Platte mit achtzehn Scheiben fettiger Salami, sechs Scheiben Pressschinken und sechs weiteren Scheiben Schmelzkäse, ungefähr Hundert Gramm Butter und ein Korb, vollgehäuft mit Graubrot und weißen Hörnchen.

Eine riesige Menge ungesundes Zeug. Aber solche Luxussorgen haben wir hier bei uns nicht.

Sie strahlte mich an. Ich strahlte zurück.
„Wundervoll!“, sagte ich.

Ich aß eine lange Zeit. Nicht, weil man Fasten nicht mit Salami und Spam brechen sollte. Solche Dinge bekümmern mich nicht sehr. Sondern weil ich immer wieder in die Sonne blinzeln musste, während mir Ströme der Dankbarkeit das Gesicht hinabronnen. Sie mochten sich wundern, die Hexen da drinnen. Aber sie hatten bestimmt schon viele Tränen gesehen. Fremde und eigene. Genau wie ich.
Sie ließen mich in Frieden. Ich mümmelte fettige Salami. Zerzaust und müde, mit schmutzigen Füßen und verheultem Gesicht und unendlich dankbar. Ich durfte sein, wie ich war und wurde genährt. Ich war angekommen.

Was ich noch erwähnen wollte: Das Wichtigste im Zeichen der Erde sind Dankbarkeit und Liebe.

Froh und dankbar,
die vierte Hexe

Eine Chinesische Trancereise zwischen Himmel und Erde

2. Teil des Vortrages vom Hamburger Qi Gong Kongress

(Dieser Vortrag ist bewusst ganz einfach gehalten und soll den vielen Menschen, die sich vielleicht für chinesische Medizin interessieren, die aber nicht vom Fach sind, einen ersten Eindruck verschaffen.
Fachleute interessieren sich vielleicht eher für mein Skript vom 45. internationalen TCM Kongress. Hier geht es um Tiefenarbeit mit Akupunktur, Schamanismus, Ekstase, Trauma und andere Bewusstseinsebenen. Demnächst. Hier.)

Chinesische Trancereise zwischen Himmel und Erde

Ich möchte Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Eine chinesische Schöpfungsgeschichte, vermutlich aus Südchina, einer Region mit stark schamanischer Tradition. Einer Region, in der bis heute die Qi Gong Tradition am lebendigsten ist.

Es ist die Geschichte von Pan Gu.
Sie werden vielleicht bemerken, dass die Geschichte eine schamanische Trancereise wiedergibt. Oder, wenn sie möchten, eine Regression in die Zeit vor unserer Geburt.
Die alten Australier nannten dies die Traumzeit.
Die alten Chinesen nennen es den früheren Himmel.

Immer wenn Heilung stattfindet, reisen wir zurück in diese imaginäre Zeit, zurück zur Quelle, zur Einheit. Auf dieser Reise dehnt sich die Zeit, bis sie zuletzt ganz innehält und kollabiert. Hier sind alles und nichts.
Selbst unsere Gehirnströme halten inne und sind nur noch ein starkes, stilles Feld. Wie im tiefen Schlaf, mit vereinzelten Deltawellen- aber bei vollem Bewusstsein.

Hier, im undifferenzierten Chaos, kreiieren wir uns neu.

Das klingt schwierig und nach fortgeschrittenem Yogi- tum. Das ist es auch.
Das sollte uns aber nicht abhalten- denn schwierig ist nur ein Wort, das erfunden wurde, um Kinder zu entmutigen- deren Gehirnwellen von Natur aus eher denen eines Yogis als denen ihrer Eltern gleichen.
Der chinesische Weise Laozi sagte einst: „Der Weise ist wie ein neugeborener Säugling.“

Diesmal brauchen Sie nichts zu üben und nichts zu behalten. Sie dürfen einfach zuhören. Wie ein Kind, das das Wort „schwierig“ noch nicht kennt.

Beim Erzählen uralter Mythen verlangsamt sich etwas in uns. Märchen spielen in der Zeit, als das Wünschen noch half. Der Traumzeit.
Lauschen Sie diesem Märchen und alles geht wie von selbst.

 

Das Märchen von Pan Gu: nacherzählt von Christine Li

Am Anfang der Zeit herrschte Dunkelheit und Chaos.
Das ursprüngliche dunkle Chaos.
In der Dunkelheit formte sich ein Ei und im Inneren des Eis, inmitten all des Chaos und der Dunkelheit, entstand Pan Gu- der Ursprüngliche Abgrund.
Viele Zeitalter schlief er und er wuchs. Oh, wie er wuchs!
Zu gigantischer Größe wuchs er heran und da streckte er seine riesigen Gliedmaßen und brach so das Ei. Es knisterte. Ein Riss entstand in der Schale. Und dann mit einem Knall als wolle der Himmel zerbersten, brach der riesige Riese hervor.
Die Trümmer, feine und schwere, schwebten ganz und gar durcheinander.
Die leichteren und feineren Anteile des Chaos erhoben sich, weit, weit nach oben, ins Licht, hinauf zum Himmel.
Die dichteren Anteile sanken, tief, tief hinab zur Erde.

Die Weisen sagen, dass das Auskristallisieren der dichten Anteile die längste Zeit brauchte. Und wir alle wissen darum, wie schwer und mühsam es ist, die festen Dinge zu ordnen.
Das Öffnen und Ausströmen aber ging leicht. So leicht wie das Ausatmen. Fffff- so frei.

So entstanden Erde und Himmel, Yin und Yang.Auf und ab.

Pan Gu sah das alles und es gefiel ihm. Ganz über alle Maßen gefiel es ihm.

Damit aber Himmel und Erde in Spannung blieben, stellte er sich zwischen sie.
Sein Kopf trug den Himmel.
Seine Füße stemmten sich fest in die Erde.

Und weil er so fest auf der Erde stand, transformierte er sich jeden Tag neun Mal.
Wieder und wieder erneuerte er sich.
Neun Mal am Tag  war er ein vollkommen anderer
und zugleich immer der gleiche.
So  wuchs er immer weiter, zehn Fuß am Tag, 18 000 Jahre lang,
bis endlich der Abstand zwischen Himmel und Erde fest und sicher war.

Da legte er sich hin und starb.

Sein Körper zerfiel und wurde zu allem, was ist.

Wind und Wolken entstanden aus seinem Atem.
Seine Stimme ward Donner und Blitz.
Seine Augen leuchteten als Sonne und Mond.
Seine Gliedmaßen wurden zu den vier Himmelsrichtungen und sein mächtiger Rumpf zu den Bergen.
Sein Fleisch zerfiel zu fruchtbarer Erde und all den knorrigen und biegsamen  Bäumen darauf.
Sein Blut strömte als Flüsse durch das Land und seine Venen wurden zu den Kanälen und Wasserwegen, die die Waren zurück zu den Menschen bringen.
Sein Körperhaar wurde zu Gras und Kräutern, seine Knochen und Zähne zu kostbaren Steinen und Mineralien.
Sein Schweiß wurde zum Tau und sein Kopfhaar glich den Sternen am Himmel.
Die Läuse und Flöhe aber, die auf seinem Körper herumwuselten, wurden zu den Rassen des Menschengeschlechts.

Manche sagen sogar, wenn das Wetter sich ändert, so sind dies Pan Gus Launen.



So, nun wissen wir, wie der erste Qi Gong Meister hieß, und wie leicht  und schwer sich trennten, wie sie zum Himmel strebten und zur Erde sanken. Wir wissen, wie leicht das Leichte ist und wie weit hinauf es uns trägt. Wir wissen, wie schwer das Schwere ist und wie es uns in den Boden hineindrückt.
Und wir wissen auch, wie Pan Gu,der Riese inmitten all dieses Chaos stand und sich streckte und reckte, während seine Welt sich dehnte und dehnte. wie ein Baum. Bis sein Bewusstsein so unermesslich gedehnt und erweitert war, dass Pan Gu zusammenbrach und er sich hingab.
Dann entstand alles wieder neu.

So sind wir Menschen auch. Oder könnten wir sein.
Denn in Wahrheit fühlen wir meistens eher, wie die Dinge uns entgleiten, während wir versuchen, sie zusammenzuhalten damit wir auch nicht einen Millimeter zu wachsen brauchen.

Wenn es uns gelingt,  fest auf der Erde zu stehen, mitten im Leben, und zugleich unser Bewusstsein so weit machen wie der Himmel, dann ertragen wir das Leben und wachsen immer weiter.

Wenn wir nichts Neues mehr riskieren, wenn wir immer das Gleiche tun und denken- oder- wenn wir vor Angst ganz den Boden unter den Füßen verlieren und nicht mehr an uns selbst glauben- dann verlieren wir unsere Macht.
Wir könnten sogar behaupten, hier liegt die Ursache aller Krankheit.

Was wir tun können?

-für den Kontakt mit der Erde:
Achtsamkeitstraining- alle Dinge mit Respekt und Hingabe tun. Gerade die kleinen Dinge, die wir sonst nebenbei erledigen, weil sie „nicht so wichtig“ sind.
Mit Liebe essen und kochen. Düfte und Gerüche bewusst wahrnehmen.
Schränke aussortieren.
Unsere Füße massieren.

-für den Kontakt mit dem Himmel:
Musizieren und Musik hören. Den Wolken nachsehen. Singen und beten (heutzutage „chanten“ genannt). Unser Bewusstsein erweitern. Neue Dinge riskieren. Neue Wege gehen. Träumen.
Verreisen- real oder in Gedanken.

Und zuletzt kommt das Allermagischste: Die Transformation. Wenn wir unsere größte Kraft erreicht haben, dann legen wir uns hin und sterben. In Hingabe. In Ekstase. Im wirklichen körperlichen Tod.

Auch in der Behandlung schwerer Krankheiten gibt es diesen einen Augenblick der Hingabe. Die Krisis. Die Freundschaft mit dem Tod.
Danach beginnt alles neu.
Von Schamanen heißt es daher, sie müssen immer wieder sterben.
Beim Sterben lernen sie: „Da draußen gibt es nichts, wovor wir uns fürchten müssten.“

(zurück zum Inhaltsverzeichnis des Vortrages über Glück und Gesundheit, Qi und Seele in der chinesischen Medizin)

Wie der Schamanengott Pangu den Kosmos und sich selbst erschuf

Zitat

Das Märchen von Pangu

Am Anfang der Zeit herrschte Dunkelheit und Chaos.
Das ursprüngliche dunkle Chaos.
In der Dunkelheit formte sich ein Ei und im Inneren des Eis, inmitten all des Chaos und der Dunkelheit,
entstand Pan Gu- genannt der Ursprüngliche Abgrund.
Viele Zeitalter schlief er und er wuchs.
Zu gigantischer Größe wuchs er heran und da streckte er seine riesigen Gliedmaßen und brach so das Ei.
Die leichteren und feineren Anteile des Chaos schwebten
weit, weit nach oben, ins Licht,
hinauf zum Himmel.
Die dichteren Anteile sanken
tief, tief hinab zur Erde.

Die Weisen sagen, dass das Auskristallisieren der dichten Anteile die längste Zeit brauchte.
Das Öffnen und Ausströmen aber ging leicht. So leicht wie das Ausatmen.

So entstanden Erde und Himmel, Yin und Yang.

Pan Gu sah das alles und es gefiel ihm.

Während das Yang nach oben stieg, ließ er seinen Kopf mit hinauftragen. Bis zum Himmel.
Seine Füße blieben still und fest im Yin.
Auf der Erde.

In der Spannung zwischen Himmel und Erde blieb er stehen.
Seine Füße fest und unbeweglich wie die schwarzen Steine.
Der Kopf frei und klar wie der blaue Himmel.

In dieser Spannung, während alles um ihn herum stieg und sank transformierte er sich.
Neun mal am Tag wurde er ein vollkommen anderer.

Wieder und wieder erneuerte er sich.

So  wuchs er immer weiter, 18 000 Jahre lang.

Da verließen ihn die Kräfte.
Er hörte auf, Himmel und Erde, Yin und Yang zu trennen und überließ sich dem Chaos.

Er sank hinab und starb.
Er wusste nichts mehr. Er fühlte nichts mehr.
Um herum war nichts als Dunkelheit.

Sein Körper zerfiel und wurde zu allem, was ist.

Wind und Wolken entstanden aus seinem Atem.
Seine Stimme ward Donner und Blitz.
Seine Augen leuchteten als Sonne und Mond.
Seine Gliedmaßen wurden zu den vier Himmelsrichtungen und sein mächtiger Rumpf zu den Bergen.
Sein Fleisch zerfiel zu fruchtbarer Erde und all den knorrigen und biegsamen  Bäumen darauf.
Sein Blut strömte als Flüsse durch das Land
und seine Venen wurden zu den Kanälen und Wasserwegen,
die die Waren zurück zu den Menschen bringen.
Sein Körperhaar wurde zu Gras und Kräutern, seine Knochen und Zähne zu kostbaren Steinen und Mineralien.
Sein Schweiß wurde zum Tau und sein Kopfhaar glich den Sternen am Himmel.
Die Läuse und Flöhe aber, die auf seinem Körper herumwuselten, wurden zu den Rassen des Menschengeschlechts.

Manche sagen sogar, wenn das Wetter sich ändert, so sind dies Pan Gus Launen.

Du brauchst einen Guru.

Du brauchst einen Guru. Wieso eigentlich?

Ich hab eine alte Freundin, ehemalige Lehrerin, und vielleicht ist das ja der Ausgangspunkt des Ganzen,  also besagte Freundin behauptet, immer mal wieder und meistens aus heiterem Himmel:

„So kommst du nicht weiter. Du musst dir einen Lehrer suchen.“

Diese Aussage entgleitet ihrem Mund wie eine unbestreitbare Tatsache. In etwa so wie: „Regen fällt immer von oben nach unten“ oder „Wenn Du dir den Hals zuschnürst, wirst du blau anlaufen.“ An dieser Stelle fällt es mir, wie Sie bemerken, schwer, eine wirklich unbestreitbare Tatsache zu finden. Eine Art monumentum aere perennius der Wahrheit.
Aber stellen wir uns einfach vor, Regen würde wirklich immer von oben nach unten fallen. Tun wir so, als gäbe es keine Stürme, die das Wasser waagrecht am Fenster vorbeipeitschen und als wäre selbst die unfassbare Schwerkraft so etwas wie eine verlässliche und quasi ewige Größe.
Für die, denen das nicht gelingt, als weiteres Beispiel das mit dem zugeschnürten Hals.

Es geht auch nicht daran, ob wir jetzt ein Beispiel für eine solche immerwährende Wahrheit finden. Es geht darum, dass meine Freundin es schon gefunden hat.
Ihre Wahrheit lautet: Jeder Mensch braucht einen Lehrer und wer keinen Lehrer hat, sollte sich tunlichst aufmachen, einen zu finden, sonst kommt sie nicht weiter .

„Du brauchst einen Guru.“, insistiert sie, hartnäckig, immer wieder, just wie weiland der ältere Cato, der bei jedem beliebigen Thema anmerkte, man müsse übrigens außerdem auch noch die blühende Stadt Karthago dem Erdboden gleichmachen.
Seit Jahren kommt meine Antwort auf dieses Ansinnen (das mit dem Guru) so spontan wie knapp: „Ne.“
An sehr gesprächigen Tagen sage ich eventuell: „Ne. Wieso?“

Die beredte und wortgewaltige Frage „Wieso?“ drückt vieles zugleich aus.
Hier kommt mein Blogbeitrag zum Lehren und zum Lernen. Für all die Gurus dieser Welt.
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Die diebischen Brüder

Die Lektion von gut und böse

Dieses Jahr gibt es keine Weihnachtsgeschenke.
Wir sind ausgeraubt worden. Unser Gastschüler Andre hat unsere Wohnung ausgeräumt und ist dann bei seinem Bruder Carlos Bonfiglio Bicker, seines Zeichens angehender Speditionskaufmann in Hamburg,  untergetaucht. Alles, was leicht und unkompliziert zu beseitigen war, ist futsch.  Was mich am meisten getroffen hat: Sogar das Sparschwein meines Sohnes, das jener über Jahre gefüttert hat, ist leer.
Andre gab den Diebstahl sofort zu. Natürlich dachte ich daraufhin, seine Familie würde zusammenstehen und den Schaden wieder gutmachen. Dies ist zumindest meine biedere Vorstellung von Familie. Aber es gibt natürlich viele Modele. Man denke nur an die Mafia.

Die Familie Bonfiglio Bicker funktioniert so:
„Bei mir ist nichts und Spuren wirst du keine finden. Ich schlage vor, du zeigst uns einfach an“, sagte Carlos am Telefon ungerührt. Diebstahl ist offensichtlich nicht so schlimm. Solange ihn keiner nachweisen kann:
Damit hatte ich nun nicht gerechnet. Er fühlt sich offensichtlich durchaus für den Jüngeren zuständig. Aber nicht in dem Sinne, wie ich es erwartet hatte, sondern eher  als Komplize und Hehler.

Der Anruf beim Vater  Jaime im bolivianischen Santa Cruz erboste mich noch mehr: „Das sind gar nicht meine Söhne sondern die Söhne meiner Geliebten. Betina nimmt sie immer in Schutz und hat bisher all ihre Taten gedeckt. Eine Hausangestellte habe ich auch schon entlassen müssen, weil  Betina es geschafft hat, dass ich das Mädchen fälschlicherweise in Verdacht hatte, meine Praxiseinnahmen mitgehen zu lassen. Carlos war immer schon schlau. Andre ist nun also aufgeflogen. Ich will die beiden daher nicht mehr sehen und bin froh, dass sie aus dem Haus sind. Sie haben schlechtes Blut von ihrem Vater. Carlos schafft es hoffentlich, in Hamburg seine Karriere als Speditionskaufmann zu vollenden, ohne dass noch etwas vorfällt. In Hamburg kennt ihn ja niemand. Andre hat diese Chance auf einen Neuanfang nun leider verspielt.  Ich kann mich nur bei  Ihnen entschuldigen, dass es ausgerechnet Sie getroffen hat, Senora Li.“
Hm. Der gute Doktor Jaime Rolando Machicado Calderon hat also gnadenlos seinen familiären Müll bei mir entsorgt. Nicht sehr nett. Aber es sind ja auch gar nicht seine richtigen  Söhne. Na dann.

Das Traurigste ist die Mutter. Betina Bicker, die mich im Vorfelde, mit mails davon überzeugt hatte, dass ihre Söhne Andre und Carlos, wie deren Nachname „Bonfiglio“ schon sagt, liebe und brave Jungs seien, mit einer Familie im Background, die die Verantwortung übernehmen würde, ist überhaupt nicht mehr für mich zu sprechen. An einem Gespräch über ihre beiden Söhne und was aus ihnen werden soll, ist sie offensichtlich nicht interessiert.

Andre und Carlos Bonfiglio haben also eigentlich keine Familie. Keiner will sie. Kein Wunder, dass sie wie Pech und Schwefel zusammenhalten.
Böse bin ich ihnen daher auch nicht so richtig.
Nur ein intensives Gefühl von Ekel ist geblieben, das mich erfüllt, sobald ich unsere Wohnung betrete und mir vorstelle, dass die fetten Finger des Diebes jeden einzelnen Gegenstand umgedreht haben.

Nun, ein paar Wochen später und, wie gesagt, ohne Weihnachtsgeschenke und überhaupt recht freudlos, überlege ich immer noch, was die Lektion aus all dem gewesen sein soll.
Es muss sie geben. Es gibt immer Lektionen.
Diese hier sind besonders ungemütlich.

Was also machte der Diebstahl mit mir.
Ich versuchte es mit Wut, welche bekanntlich nicht unterdrückt werden soll und auch sehr erfrischend sein soll. Aber als Objekt für richtigen Zorn sind diese beiden Brüder einfach zu jammervoll. Selbst mein frisch ausgepünderter Sohn sagte: „Mit denen würde ich nie tauschen wollen, selbst wenn sie alles hätten und ich nichts. Die sind einfach nur eklig“.
Meine zweite Versuch war, mich als Opfer zu fühlen. Dieses Gefühl „ich bin so lieb und alle sind so böse zu mir“ kann sehr anheimelnd und nahezu tröstlich sein. Aber es hielt gerade mal ein paar Sekunden, denn ich kenne es und falle nicht mehr darauf herein.
Vor allem glaube ich fest, dass wir Ungemach, wie Vampire, selbst ins Haus rufen. Immerhin habe ich freiwilig auf das Rundschreiben des FC Sankt Pauli geantwortet, als es hieß: Unser Vereinsmitglied Carlos sucht eine Gastfamilie für seinen Bruder.

Klar, es hieß NICHT:
„Der Hehler Carlos Bonfiglio sucht eine Bleibe für seinen diebischen Bruder Andre.“

Der FC Sankt Pauli verlangt kein polizeiliches Führungszeugnis von seinen Mitgliedern.
Aber wenn ich sehr, sehr ehrlich in mir selbst forsche, so kann ich mich erinnern, dass ich ein klares ungutes Gefühl hatte, als ich die beiden bolivianischen Brüder sah. Meine Seele krümmte sich gewissermaßen zusammen.

Und nun kam die dritte Reaktion. Ich sah meinen eigentlichen Fehler und verstand die Scham, die ich spürte. Den Ekel. Die eigentliche Untat habe ich selbst begangen (zumindest was mich selbst betrifft).
Statt auf meine Seele zu hören, die mir sagte: „Andre und Carlos Bonfiglio kann man nicht trauen“, redete ich mir immer wieder tugendsam zu, nicht so voreingenommen zu sein.
Kein Wunder also, dass ich so niedergeschlagen bin. Ich habe mich selbst verraten. Meine Integrität geopfert. Einen schlimmeren Verrat gibt es nicht.
Nun kommen, ungerufen und gar nicht willkommen, Nacht für Nacht, all die Momente meines Lebens, in denen ich mich selbst verraten habe, wieder ans Tageslicht. All die Momente, in denen ich erlaubt habe, dass andere mich benutzen oder über mich hinwegtrampeln.

Diese Rauhnächte werden alles andere als lustig. Soviel ist sicher.

Aber da alles irgendwann heilt, wird auch dieser alte Eiter hoffentlich bald herausgeeitert sein. Carlos Bonfiglio Bicker und sein diebischer Bruder Andre, die uns das Weihnachtsfest gründlich vergällt haben, werden als Lehrer in meine Vergangenheit eintreten und ich werde bis in die tiefsten Tiefen meiner Erinnerungen tauchen können, ohne auf halbvergammelte Skelette zu stoßen.