Ich krieg die Krise

Vor Jahren hielt ich einmal einen Vortrag in München. Am Abend stieg ich in die S- Bahn, die mich zum Flieger zurück nach Hamburg bringen sollte. Am Nachmittag war heftiger Schnee gefallen. Die Bahn glitt mit mir und all den anderen, die auch zum Flughafen unterwegs waren, durch die Nacht. Vor dem Fenster hing ein dichter flauschiger Vorhang von Schnee. Dahinter endlose Reihen öder Vorstädte, für diese besondere Nacht verkleidet  als schneebedeckte bayrische Dörfer.
Im Zug war es hell erleuchtet und die laptop-bewaffneten Menschen guter Dinge nach einem Wochenende voll Arbeit oder bei der Fernbeziehung.
Dann ruckelte der Zug und blieb stehen.  Mitten im Niemandsland zwischen zwei weit auseinanderliegenden Dorf-Vorstädten. Der Zug war aus den vereisten Schienen geglitten und lag nun mit leichter Schräglage in einem weiten verschneiten Feld. Das Notlicht ging an. Dann geschah nichts mehr.
Es dauerte nicht lange und der Zugbegleiter verkündete knapp, in dieser Nacht kämen wir nicht mehr zum Flughafen.
Die schnelleren unter den schnellen Mitfahrern hatten längst ihre Smartphones gezückt und versuchten, ein Taxi zu rufen. Doch wie es so ist, nachts, mitten im Feld, im tiefen Schnee. Da kommt kein Taxi.
Es war insgesamt recht lustig anzusehen, was die einzelnen Menschen unternahmen, um doch noch nach Hause zu kommen, während zusehends klarer wurde, dass auch der letzte Flieger inzwischen gestartet war.
Die meisten waren sich über folgende Dinge einig:

  • So geht es nicht!
  • Da muss man doch was unternehmen!
  • Immer die Bahn!
  • Man muss die Airline verklagen!
  • Man muss sie ALLE verklagen!

Den Schnee wollte niemand verklagen. aber das Ganze ist natürlich schon zehn Jahre her. Inzwischen mag sich das geändert haben.

Es war ein klassischer Katastrophenfilm- allerdings ohne die Katastrophe.
Am tiefsten beeindruckte mich die dreißigjährige Frau im perfekt sitzenden italienischen Kostüm, die auf dem Gang stand, mit ihrem nutzlosen Handy gestikulierte und, in schriller Tonlage, wieder und wieder schrie:
„Das ist das Entsetzlichste, was ich je erlebt habe.“

Wenn Sie, warmherzige Leserin, jetzt in heller Aufregung schweben sollten und sich fragen, ob ich das weiße Inferno überlebt habe: Ja. Sonst könnte ich diese Zeilen ja nicht schreiben.

Neulich erzählte mir jemand, dass ein, an sich netter, älterer Herr zu einer jüngerer Verwandten gesagt haben soll: „Ihr braucht alle mal einen Krieg.“
Dem wird wohl kaum einer zustimmen mögen. Dennoch verstehe ich, was der selbst offensichtlich kriegstraumatisierte Herr sagen wollte: Wir sind innerlich erstarrt und zugleich panisch, wie überzüchtete Mastschweine. Wir brauchen dringend etwas mehr Bewegung im Kopf.

Die Menschen im Hier und Jetzt unserer übertechnisierten und überregulierten Zivilisation der 21. Jahrhunderts besitzen wenig Resistenz gegenüber allem Neuen.
Die Bahngesellschaft ändert den Fahrplan, der Flieger verpasst den Anschluss, der Fernseher geht kaputt, Parmaschinken ist ausverkauft: schon heißt es:
„Ich krieg die Krise“.

Während alt und jung sich regelmäßig zum Strechting, Yoga, Fitness schleppt, um, nach tagelangem Bewegen einiger weniger Finger über der Tastatur, auch mal den restlichen Körper zu aktivieren, ist der Geist mangels Gebrauch vollkommen atrophiert.
Damit meine ich nicht die wenigen Gehirnareale, die die meisten pausenlos überstrapazieren, weil sie sie zur Organisation ihres Berufes und ihrer alltäglichen Sorgen brauchen.

Ich meine den ganzen Rest unseres Geistes, den wir noch nicht einmal kennen.
Den Rest, der träumt, phantasiert und kreativ mit neuen Situationen umgehen kann.
Den Rest, der Dinge sieht, hört, wahrnimmt, die anderen verborgen bleiben.
Den Rest, der die Zukunft und die Vergangenheit als ein fließendes Feld begreift, in dem wir uns nach Belieben bewegen können.
Den Rest, der die Verbundenheit mit der ganzen Welt kennt.

Das ist im Übrigen bekannt. Sonst würde es nicht ständig heißen, wir sollten „raus aus der Komfortzone“.

Das tut allerdings niemand gerne.

 

  • Dafür muss schon ein Zug entgleisen.
  • Dafür muss jemand schwer krank werden.
  • Dafür braucht ein anderer Liebeskummer.
  • Dafür braucht es eine richtige Krise.

In richtigen Krisen läuft der Geist aus den vereisten Gleisen.

Neue Wege sind aber noch nicht gebahnt. Wer Pech hat, geht dann eiligst zum Psychiater und lässt sich betäubende Medikamente verschreiben, um den Geist davon abzuhalten, wild in alle Richtungen und immer wieder auch mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen.
Die Psychiatrie, Erbin der Kirche, als unsere offizielle Ansprechpartnerin in Sachen „fremde Wege des Geistes“, hält von solchen Erneuerungsbemühungen nichts:

Wenn es nicht so geht wie immer, dann soll es lieber gar nicht gehen.

Alles andere wäre, quasi, Blasphemie. Bewusstseinserweiterung ist ihr suspekt. Emotionen sind für sie Ausgeburten des Teufels- pardon- Neurotransmitter auf Abwegen. Serotoninmangel.

Während meiner eigenen Ausbildung in Psychiatrie erlebte ich eine solche Krise.
Ich arbeitete damals in einer geschlossenen Anstalt an einer Klinik, in der viele neue Medikamente und immer mal wieder Elektroschock- pardon- Elektrokrampftherapie- ausgetestet wurden. Ohne Fleiß kein Doktortitel.
Nach einigen Monaten inmitten weinender, schreiender und mit stets neuen Chemiecocktails erneut zum Schweigen gebrachter Menschen, nach demSchlafentzug endloser Nachtschichten, in einer fremden Stadt ohne Freunde, starb dann auch noch mein Vater.
Die Oberpsychiaterin verkündete umgehend:
„Glauben sie jetzt aber nicht, dass sie wegen so etwas einfach frei bekommen könnten.“
Glaubte ich natürlich nicht. Soweit kannte ich mich aus in der Psychiatrie.

Statt frei bekam ich die Krise. Meine Gedanken rasten und drehten sich. Ich konnte nicht mehr schlafen. Ich brach ständig in Tränen aus. Es ging mir kaum noch besser als den Patienten um mich herum. Nur verstand ich es besser zu verbergen.
Um nicht ganz wahnsinnig zu werden, ging ich zu einem niedergelassenen Psychiater. Ich war immer noch der Meinung, Psychiatrie müsse irgendetwas mit Geist zu tun haben. Die Praxis mit ihren hohen antiken Regalen voller Bücher wirkte auch durchaus geistvoll. Nicht so, wie die Klinik mit ihren formaldehyd-getränkten Plastikmöbeln.
Ich schöpfte Zuversicht.
Der gute Mann hörte mir in etwa drei Sekunden zu. Dann zückte er den Block und verschrieb mir genau das Medikament, das wir gerade an der Klinik austesteten. Ein Medikament, dessen genaue Wirkung keiner verstand, dessen Nebenwirkungen aber alles in den Schatten stellten, was sonst so am Markt war.
Kurz: das teuerste und modernste Psychopharmakon, das sich finden ließ.
Es war klar, der gute Mann hielt mich für „verrückt“.
Es war auch klar, dass dieser Psychiater nicht wusste, was er da tat.

Um Schlimmeres zu verhindern, nahm ich den giftigen Zettel, bedankte mich höflich, erhob ich mich, so schnell es gerade noch ging, um nicht als kopflose Flucht interpretiert zu werden und schlich quasi rückwärts aus dem Raum.
Draußen auf der Straße fing ich an zu rennen, schrie vor Wut, ich zerriss den Zettel und tobte und weinte noch den ganzen Tag. Danach ging es mir schon viel, viel besser.

Spitzfindige Menschen mögen einwenden, der Psychiater hätte mich geheilt. In der chinesischen Geschichte gibt es diverse Aufzeichnungen von Ärzten, die ihre Patienten heilten, indem sie sie in voller Absicht richtig wütend machten.

Der Psychiater mag Ähnliches bewirkt haben. Allerdings ziehe ich Ärzte vor, die wissen, was sie tun.

Bei vielen Menschen löst schon das Wort „Krise“ eine Krise aus. Warum eigentlich?
Die Krise bei den Krankheiten ist, wenn sich die Krankheiten verstärken, nachlassen, in eine andere Krankheit umschlagen oder aufhören.“ (corpus hippocraticum)
In der Humoralpathologie war eine Krisis das Showdown, in dem sich entschied, ob ein Mensch auf einer neueren und gesünderen Ebene weiterleben konnte oder starb.
In einer Krisis werden die Karten neu gemischt.

Krisen gehören nicht nur zum Leben. Sie sind die eigentlichen Höhepunkte.

In einer Krise werden Fähigkeiten und Funktionen aktiviert, die uns sonst nicht zur Verfügung stehen.
Jeder kennt die Geschichte von der Mutter, die im Notfall ein Auto heben kann, das auf ihrem Kind liegt.

Wenn in unserem Geist vergleichbare Kräfte aktiviert werden, kannn dies sehr verwirrend sein.

Wir werden hellhörig und hellsichtig bis zur Halluzination. Wir riechen plötzlich alles. Wir sehen Töne und hören Gerüche. Telepathische Fähigkeiten werden aktiviert. Die Gedanken rasen auf zehnspurigen Autobahnen in alle Richtungen.
Emotionen werden teils vollkommen blockiert, teils aktiviert.
Wir erkennen uns selbst nicht wieder.
Wir erleben zum ersten Mal Fähigkeiten, von denen wir nicht einmal ahnten, dass wir sie haben. Auch dann, wenn uns die Fähigkeiten eher als Zusammenbruch aller Funktionen erscheinen, weil wir mit diesen neuen Funktionen Dinge erleben, die noch keinen Namen haben und was keinen Namen hat, sollte auch besser nicht existieren. Wenn es doch existiert, ist es eine Einbildung. Und Einbildungen sind ganz schlecht.
Daher bestehen die bisherigen Therapie darin, möglichst alle neu erweckten geistigen Abläufe mit Chemikalien zu blockieren.

Wäre es nicht besser, die neuen Wahrnehmungen in unser altes Feld zu integrieren?
Wenn die Neurotransmitter in einer Krise auf völlig unbekannte Hirnareale einstürmen, kann uns dies in Angststarre versetzen. Besser ist es, die unbekannten Hirnareale schon vorher zu trainieren. Geistige Wege können gebahnt werden. Wir können bereits vor einer seelischen Krise unser Bewusstsein so weit erweitern und stretchen, dass im Ernstfall keine „Gehirnmuskelzerrung“ resultiert.

Für jemanden, die so vorbereitet ist, ist ein verpasster Flieger nicht „das Schrecklichste, was mir je passiert ist“, sondern eine gute Gelegenheit, einen Nachtspaziergang im Schnee zu machen, ein Lied (binaural, mit Schumann Resonanz Tönen) zu komponieren, interessante Kontakte mit den anderen Gestrandeten anzuknüpfen oder über die Levitation von Zügen vermittels kollektiver Geisteskraft nachzudenken.

Erweiterung des Bewusstseins

Die Funktion von Systemen ist die Selbstreproduktion. Schulen und medizinische Einrichtungen, die die Kirchen in Sachen Geistigkeit abgelöst haben, halten nicht viel von Erweiterung und Erneuerung geistiger Abläufe.
Dem stehen Tausende von Menschen gegenüber, die sich in Meditationskurse einschreiben und Achtsamkeitstraining buchen. Andere versuchen sich in Trommelkreisen und Astralreisen. Auch wenn dies nur zaghafte Anfänge sind, so ist der Stillstand beendet.

In der Traumatherapie, in der Hypnose, im Schamanismus und in der Akupunktur erleben wir viele außerordentliche Bewusstseinszustände. Außereuropäische Völker wissen seit langem um die subjektiven Seiten dieser Phänomene und sie haben ausgeklügelte Techniken entwickelt, in außerordentlichen Bewusstseinszuständen zu arbeiten und zu heilen.
Die moderne Hirnforschung kommt diesen Traditionen nun auf halben Wege entgegen. In jüngster Zeit sind viele Techniken entdeckt und wiederentdeckt worden, unser Bewusstsein zu erweitern, ohne dabei vollkommen verrückt zu werden.
Nur ein Bisschen. Ekstatisch eben.

Die Angst vor Ekstase ist so unbegründet wie die Angst unserer Rokoko Vorfahren vor dem Baden in Wasser. Ekstase ist Ausdruck eines wachsenden Bewusstseins, das sich in alle Richtungen dehnt und streckt.

Wenn es mal zu schnell geht, hilft Rennen, Toben und Schreien. Und Akupunktur hilft eh.
Wie die Arbeit in und mit veränderten Bewusstseinszuständen funktioniert, trage ich gerade in einem Skript zusammen, das auf meinen Vorträgen auf dem 45. Internationalen Akupunkturkongress 2014 beruht.
Mein persönlicher Beitrag zur Bewusstseinserweiterung.

Eine Chinesische Trancereise zwischen Himmel und Erde

2. Teil des Vortrages vom Hamburger Qi Gong Kongress

(Dieser Vortrag ist bewusst ganz einfach gehalten und soll den vielen Menschen, die sich vielleicht für chinesische Medizin interessieren, die aber nicht vom Fach sind, einen ersten Eindruck verschaffen.
Fachleute interessieren sich vielleicht eher für mein Skript vom 45. internationalen TCM Kongress. Hier geht es um Tiefenarbeit mit Akupunktur, Schamanismus, Ekstase, Trauma und andere Bewusstseinsebenen. Demnächst. Hier.)

Chinesische Trancereise zwischen Himmel und Erde

Ich möchte Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Eine chinesische Schöpfungsgeschichte, vermutlich aus Südchina, einer Region mit stark schamanischer Tradition. Einer Region, in der bis heute die Qi Gong Tradition am lebendigsten ist.

Es ist die Geschichte von Pan Gu.
Sie werden vielleicht bemerken, dass die Geschichte eine schamanische Trancereise wiedergibt. Oder, wenn sie möchten, eine Regression in die Zeit vor unserer Geburt.
Die alten Australier nannten dies die Traumzeit.
Die alten Chinesen nennen es den früheren Himmel.

Immer wenn Heilung stattfindet, reisen wir zurück in diese imaginäre Zeit, zurück zur Quelle, zur Einheit. Auf dieser Reise dehnt sich die Zeit, bis sie zuletzt ganz innehält und kollabiert. Hier sind alles und nichts.
Selbst unsere Gehirnströme halten inne und sind nur noch ein starkes, stilles Feld. Wie im tiefen Schlaf, mit vereinzelten Deltawellen- aber bei vollem Bewusstsein.

Hier, im undifferenzierten Chaos, kreiieren wir uns neu.

Das klingt schwierig und nach fortgeschrittenem Yogi- tum. Das ist es auch.
Das sollte uns aber nicht abhalten- denn schwierig ist nur ein Wort, das erfunden wurde, um Kinder zu entmutigen- deren Gehirnwellen von Natur aus eher denen eines Yogis als denen ihrer Eltern gleichen.
Der chinesische Weise Laozi sagte einst: „Der Weise ist wie ein neugeborener Säugling.“

Diesmal brauchen Sie nichts zu üben und nichts zu behalten. Sie dürfen einfach zuhören. Wie ein Kind, das das Wort „schwierig“ noch nicht kennt.

Beim Erzählen uralter Mythen verlangsamt sich etwas in uns. Märchen spielen in der Zeit, als das Wünschen noch half. Der Traumzeit.
Lauschen Sie diesem Märchen und alles geht wie von selbst.

 

Das Märchen von Pan Gu: nacherzählt von Christine Li

Am Anfang der Zeit herrschte Dunkelheit und Chaos.
Das ursprüngliche dunkle Chaos.
In der Dunkelheit formte sich ein Ei und im Inneren des Eis, inmitten all des Chaos und der Dunkelheit, entstand Pan Gu- der Ursprüngliche Abgrund.
Viele Zeitalter schlief er und er wuchs. Oh, wie er wuchs!
Zu gigantischer Größe wuchs er heran und da streckte er seine riesigen Gliedmaßen und brach so das Ei. Es knisterte. Ein Riss entstand in der Schale. Und dann mit einem Knall als wolle der Himmel zerbersten, brach der riesige Riese hervor.
Die Trümmer, feine und schwere, schwebten ganz und gar durcheinander.
Die leichteren und feineren Anteile des Chaos erhoben sich, weit, weit nach oben, ins Licht, hinauf zum Himmel.
Die dichteren Anteile sanken, tief, tief hinab zur Erde.

Die Weisen sagen, dass das Auskristallisieren der dichten Anteile die längste Zeit brauchte. Und wir alle wissen darum, wie schwer und mühsam es ist, die festen Dinge zu ordnen.
Das Öffnen und Ausströmen aber ging leicht. So leicht wie das Ausatmen. Fffff- so frei.

So entstanden Erde und Himmel, Yin und Yang.Auf und ab.

Pan Gu sah das alles und es gefiel ihm. Ganz über alle Maßen gefiel es ihm.

Damit aber Himmel und Erde in Spannung blieben, stellte er sich zwischen sie.
Sein Kopf trug den Himmel.
Seine Füße stemmten sich fest in die Erde.

Und weil er so fest auf der Erde stand, transformierte er sich jeden Tag neun Mal.
Wieder und wieder erneuerte er sich.
Neun Mal am Tag  war er ein vollkommen anderer
und zugleich immer der gleiche.
So  wuchs er immer weiter, zehn Fuß am Tag, 18 000 Jahre lang,
bis endlich der Abstand zwischen Himmel und Erde fest und sicher war.

Da legte er sich hin und starb.

Sein Körper zerfiel und wurde zu allem, was ist.

Wind und Wolken entstanden aus seinem Atem.
Seine Stimme ward Donner und Blitz.
Seine Augen leuchteten als Sonne und Mond.
Seine Gliedmaßen wurden zu den vier Himmelsrichtungen und sein mächtiger Rumpf zu den Bergen.
Sein Fleisch zerfiel zu fruchtbarer Erde und all den knorrigen und biegsamen  Bäumen darauf.
Sein Blut strömte als Flüsse durch das Land und seine Venen wurden zu den Kanälen und Wasserwegen, die die Waren zurück zu den Menschen bringen.
Sein Körperhaar wurde zu Gras und Kräutern, seine Knochen und Zähne zu kostbaren Steinen und Mineralien.
Sein Schweiß wurde zum Tau und sein Kopfhaar glich den Sternen am Himmel.
Die Läuse und Flöhe aber, die auf seinem Körper herumwuselten, wurden zu den Rassen des Menschengeschlechts.

Manche sagen sogar, wenn das Wetter sich ändert, so sind dies Pan Gus Launen.



So, nun wissen wir, wie der erste Qi Gong Meister hieß, und wie leicht  und schwer sich trennten, wie sie zum Himmel strebten und zur Erde sanken. Wir wissen, wie leicht das Leichte ist und wie weit hinauf es uns trägt. Wir wissen, wie schwer das Schwere ist und wie es uns in den Boden hineindrückt.
Und wir wissen auch, wie Pan Gu,der Riese inmitten all dieses Chaos stand und sich streckte und reckte, während seine Welt sich dehnte und dehnte. wie ein Baum. Bis sein Bewusstsein so unermesslich gedehnt und erweitert war, dass Pan Gu zusammenbrach und er sich hingab.
Dann entstand alles wieder neu.

So sind wir Menschen auch. Oder könnten wir sein.
Denn in Wahrheit fühlen wir meistens eher, wie die Dinge uns entgleiten, während wir versuchen, sie zusammenzuhalten damit wir auch nicht einen Millimeter zu wachsen brauchen.

Wenn es uns gelingt,  fest auf der Erde zu stehen, mitten im Leben, und zugleich unser Bewusstsein so weit machen wie der Himmel, dann ertragen wir das Leben und wachsen immer weiter.

Wenn wir nichts Neues mehr riskieren, wenn wir immer das Gleiche tun und denken- oder- wenn wir vor Angst ganz den Boden unter den Füßen verlieren und nicht mehr an uns selbst glauben- dann verlieren wir unsere Macht.
Wir könnten sogar behaupten, hier liegt die Ursache aller Krankheit.

Was wir tun können?

-für den Kontakt mit der Erde:
Achtsamkeitstraining- alle Dinge mit Respekt und Hingabe tun. Gerade die kleinen Dinge, die wir sonst nebenbei erledigen, weil sie „nicht so wichtig“ sind.
Mit Liebe essen und kochen. Düfte und Gerüche bewusst wahrnehmen.
Schränke aussortieren.
Unsere Füße massieren.

-für den Kontakt mit dem Himmel:
Musizieren und Musik hören. Den Wolken nachsehen. Singen und beten (heutzutage „chanten“ genannt). Unser Bewusstsein erweitern. Neue Dinge riskieren. Neue Wege gehen. Träumen.
Verreisen- real oder in Gedanken.

Und zuletzt kommt das Allermagischste: Die Transformation. Wenn wir unsere größte Kraft erreicht haben, dann legen wir uns hin und sterben. In Hingabe. In Ekstase. Im wirklichen körperlichen Tod.

Auch in der Behandlung schwerer Krankheiten gibt es diesen einen Augenblick der Hingabe. Die Krisis. Die Freundschaft mit dem Tod.
Danach beginnt alles neu.
Von Schamanen heißt es daher, sie müssen immer wieder sterben.
Beim Sterben lernen sie: „Da draußen gibt es nichts, wovor wir uns fürchten müssten.“

(zurück zum Inhaltsverzeichnis des Vortrages über Glück und Gesundheit, Qi und Seele in der chinesischen Medizin)

Gesundheit und Glück- das Qi und die Seele- irgendwie eins


Himmel und Erde, Feuer und Wasser, sind der höchste und der tiefste Pol des Kosmos. In der Mitte- zwischen Spiritualität und Materie stehen wir, die Menschen.

Wir vereinigen alles und wenn wir diese Einheit realisieren, sind wir nicht nur gesund und glücklich. Wir realisieren auch unser magisch schöpferisches Potential.

Eine Anleitung.

Dies ist eine ungefähre Transkription meines Kurses auf dem Hamburger Qi Gong Kongress über das Qi und das Shen- die Seele. Für all meine Zuhörerinnen und natürlich auch die drei Zuhörer. Ich danke Ihnen allen für Ihre inspirierenden Fragen.

Ihre Christine Li
Ihre Christine Li

Unter den Überschriften stehen nur kurze Zusammenfassungen. Wenn Sie auf die Überschriften klicken- kommen die vollständigen Texte.
Als Fortsetzungsroman- immer mal wieder einer.

(Dieser Vortrag ist bewusst einfach gehalten. Für all die vielen, die sich für chinesische Medizin interessieren,aber keine Vorkenntnisse besitzen. Fachleute interessieren sich vielleicht eher für mein Skript vom 45. internationalen TCM Kongress. Hier geht es um Tiefenarbeit mit Akupunktur, Schamanismus, Ekstase, Trauma und andere Bewusstseinsebenen. Demnächst. Hier.9


1. Traurigkeit

Ganz gleich, woran meine Klienten sonst noch leiden- Herzschmerzen, Bluthochdruck, Glaukom, Schlafstörungen, Nervosität, Ängste, Hautausschläge, Infektanfälligkeit, Gelenkentzündungen, Reizdarm, Tinnitus oder Morbus Meniere: Woran fast alle leiden, ist tiefe, tiefe Traurigkeit.

2. Der Schamanengott Pan Gu

Schwierig ist nur ein Wort, das erfunden wurde, um Kinder zu entmutigen- deren Gehirnwellen von Natur aus eher denen eines Yogis als denen ihrer Eltern gleichen.
Der chinesische Weise Laozi sagte einst: „Der Weise ist wie ein neugeborener Säugling.“

Beim Erzählen uralter Mythen verlangsamt sich etwas in uns. Märchen spielen in der Zeit, als das Wünschen noch half. Der Traumzeit.
Ein Märchen von der ursprünglichen Einheit und der Schaffung der Welt-
für die,die ihre Welt selbst kreiieren möchten.
nacherzählt von Christine Li.

3. Die Einheit von Himmel, Erde und Mensch

Die Einheit der Drei: Himmel, Erde und Mensch- ist eine zentrale Vorstellung im Qi Gong wie auch in der chinesischen Medizin.

Himmel ist der Vater und Erde ist die Mutter.
Ich, dieses winzige Wesen, bin mittendrin hineingemischt.
Daher ist alles, was den Raum zwischen Himmel und Erde anfüllt, mein Körper
und alles, was Himmel und Erde lenkt, ist meine Natur.“
(Zhang Cai, westliche Inschrift, 11. Jhd.)

qi: Duft von Reis
taiji: der oberste Dachfirst

4. Yin und Yang

yang das sonnige Flussufer
yin: das schattige Flussufer
Zwei Ansichten eines einzigen Flusses

Die wichtigste Lehre aus dem Yin –Yang denken:
Die Polarität dreht sich immer wieder um.
Es gibt kein gut und böse und kein gesund und krank.

Stillstand  ist eine Illusion.

5. Das Nichts

„Wir werden aus dem Nichts hervorgewirbelt.“
(der Mystiker Rumi)
Die moderne Physik lehrt uns Ähnliches.
Wir sind ein Prozess. Ein ewiges Werden und Vergehen.

6. Die Qi Bewegungen

Senken
Schließen
Anheben.
Öffnen.
Und in der Mitte das Innehalten.

7. Die fünf Wandernden (fünf Elemente)

der allerkürzeste Kurs über die fünf Wandernden (5 Elemente)
-mehr zu lesen in meinem Buch über chinesische Hausmittel, das leider nur noch antiquarisch zu erhalten ist. Im „Weg der Kaiserin“ steht alles ausführlicher. Dieses Buch gibt es inzwischen in vielen Sprachen. Ab 2015 auch in Englisch.

Senken. Metall. Weiß, Welken. Herbst. Trauer.

Schließen. Wasser. Schwarz. Speichern. Winter. Angst.

Heben. Holz. Grün. Knospen. Frühling. Wut.

Öffnen. Feuer. Rot. Blühen. Sommer. Freude

Harmonisieren und Wandeln. Erde (tu: die gelbe Erde). Gelb. Reifen. Erntezeit. (Für-)Sorge.

Himmel und Erde (kun: Mutter Erde):

8. Die Emotionen in der chinesischen Medizin

Ausgeglichenheit heißt nicht Gefühlskälte, sondern Hingabe an die Wandlung.


9. Die Erde pflegen: Alles schlucken oder dickes Fell?

Emotionen machen nicht krank.
Erst, wenn die Gedanken sie festhalten, entsteht das Problem.
Verzeihen Sie. Auch sich selbst.
Und dann lernen Sie, alles zu schlucken.
In den Worten eines meiner alten Lehrer: Wenn das Qi in Harmonie ist, können wir alles essen.

10. Burnout,Trauma und Depression

Qi sinkt ins Yin, wird zu Yang und saust davon.
Das Ergebnis ist ein energetisches Loch. Gedächtnislücken. Weggetretenheit. Sie können es auch Seelenverlust nennen.

11. Wenn Qi Gong  nicht hilft

Immer bleibt da die eine Stelle, das eine zähe Muster. Das steife Gelenk, die eine Macke, die einfach nicht mitüben will. Seit 15 Jahren meditieren wir, und dann ruft eine bestimmte Person an, und unsere ganze Weisheit geht zum Teufel.

12. Die lange dunkle Nacht der Seele

Der chinesische Medizinklassiker Neijing sagt sehr schön: „Wenn das Herz leer ist, sind die Menschen traurig.“

Aber die Leere zu erkennen ist ein erster Schritt. Traurigkeit ist der Geburtsschmerz der Seele.

13. Die Medizin der Seele

„Die Menschen in alter Zeit haben die Einheit erreicht“
Laozi. (39)

Schamanismus ist eine Medizin der Seele.

„Der Himmel erlangt die Einheit, um klar zu sein.
Die Erde erlangt die Einheit, um fest zu sein.
Die Seele (Shen) erlangt die Einheit, um wirksam (magisch) zu sein.“

Ling: wirksam, magisches
Reiki: wird in China „ling qi“ ausgesprochen.
Shen: Seele, Bewusstsein der Einheit

Ling war die Kraft, die in die Schamaninnen des alten China fuhr. Wenn unsere Seele die Einheit erreicht, fährt diese Kraft auch in uns.

14. Shen-Qi und die Formen der Seele

Ein Bisschen über die Anatomie der Seele- aus chinesischer Sicht. Seele ist Qi. Von innen betrachtet. Daher gibt es auch in der Seelenarbeit fünf Elemente.

Absenken: 7 mondlichtartige Po Seelen.
Rhythmen, Kraft, Vitalität

Anheben: 3 wolkenartige Hun Seelen,
Träume, Visionen, Schwärmerei

Öffnen: Shen Seele,
höheres Bewusstsein- das Berühren des Himmels

Schließen: Jing- Essenz- unsere angeborene Macht
das, was wir sind, werden und immer waren

Harmonisieren: Yi- Gedankenseele
Intention bündelt unser Shen Qi und hilft uns, Dinge zu kreiieren.

15. Kreiieren

Besser als „the secret“: Wir schaffen unseren Kosmos, indem wir loslassen.

16. Die Seele zurücksingen

Von Gott und der Welt verlassen? Liebeskummer? Am Rande des Nervenzusammenbruchs?

„Wer Shen hat, wird leben. Wer Shen verliert, wird sterben.“

Lernen Sie von Pan Gu- dem chinesischen Schamanengott:
Stemmen Sie die Füße in die Erde.
Strecken Sie den Kopf bis zum Himmel.
Unsere heilige Achse. Der Weltenbaum.

Was dazwischen, in der menschlichen Ebene geschieht, liegt an Ihnen. Tun Sie, was ihr Herz begehrt. Singen. Tanzen. Beten. Qi Gong betreiben oder Möhren schneiden.
Aber tun Sie es in Achtsamkeit. Beim Leben geht es in jedem einzelnen Augenblick um Leben und Tod.

 

Die diebischen Brüder

Die Lektion von gut und böse

Dieses Jahr gibt es keine Weihnachtsgeschenke.
Wir sind ausgeraubt worden. Unser Gastschüler Andre hat unsere Wohnung ausgeräumt und ist dann bei seinem Bruder Carlos Bonfiglio Bicker, seines Zeichens angehender Speditionskaufmann in Hamburg,  untergetaucht. Alles, was leicht und unkompliziert zu beseitigen war, ist futsch.  Was mich am meisten getroffen hat: Sogar das Sparschwein meines Sohnes, das jener über Jahre gefüttert hat, ist leer.
Andre gab den Diebstahl sofort zu. Natürlich dachte ich daraufhin, seine Familie würde zusammenstehen und den Schaden wieder gutmachen. Dies ist zumindest meine biedere Vorstellung von Familie. Aber es gibt natürlich viele Modele. Man denke nur an die Mafia.

Die Familie Bonfiglio Bicker funktioniert so:
„Bei mir ist nichts und Spuren wirst du keine finden. Ich schlage vor, du zeigst uns einfach an“, sagte Carlos am Telefon ungerührt. Diebstahl ist offensichtlich nicht so schlimm. Solange ihn keiner nachweisen kann:
Damit hatte ich nun nicht gerechnet. Er fühlt sich offensichtlich durchaus für den Jüngeren zuständig. Aber nicht in dem Sinne, wie ich es erwartet hatte, sondern eher  als Komplize und Hehler.

Der Anruf beim Vater  Jaime im bolivianischen Santa Cruz erboste mich noch mehr: „Das sind gar nicht meine Söhne sondern die Söhne meiner Geliebten. Betina nimmt sie immer in Schutz und hat bisher all ihre Taten gedeckt. Eine Hausangestellte habe ich auch schon entlassen müssen, weil  Betina es geschafft hat, dass ich das Mädchen fälschlicherweise in Verdacht hatte, meine Praxiseinnahmen mitgehen zu lassen. Carlos war immer schon schlau. Andre ist nun also aufgeflogen. Ich will die beiden daher nicht mehr sehen und bin froh, dass sie aus dem Haus sind. Sie haben schlechtes Blut von ihrem Vater. Carlos schafft es hoffentlich, in Hamburg seine Karriere als Speditionskaufmann zu vollenden, ohne dass noch etwas vorfällt. In Hamburg kennt ihn ja niemand. Andre hat diese Chance auf einen Neuanfang nun leider verspielt.  Ich kann mich nur bei  Ihnen entschuldigen, dass es ausgerechnet Sie getroffen hat, Senora Li.“
Hm. Der gute Doktor Jaime Rolando Machicado Calderon hat also gnadenlos seinen familiären Müll bei mir entsorgt. Nicht sehr nett. Aber es sind ja auch gar nicht seine richtigen  Söhne. Na dann.

Das Traurigste ist die Mutter. Betina Bicker, die mich im Vorfelde, mit mails davon überzeugt hatte, dass ihre Söhne Andre und Carlos, wie deren Nachname „Bonfiglio“ schon sagt, liebe und brave Jungs seien, mit einer Familie im Background, die die Verantwortung übernehmen würde, ist überhaupt nicht mehr für mich zu sprechen. An einem Gespräch über ihre beiden Söhne und was aus ihnen werden soll, ist sie offensichtlich nicht interessiert.

Andre und Carlos Bonfiglio haben also eigentlich keine Familie. Keiner will sie. Kein Wunder, dass sie wie Pech und Schwefel zusammenhalten.
Böse bin ich ihnen daher auch nicht so richtig.
Nur ein intensives Gefühl von Ekel ist geblieben, das mich erfüllt, sobald ich unsere Wohnung betrete und mir vorstelle, dass die fetten Finger des Diebes jeden einzelnen Gegenstand umgedreht haben.

Nun, ein paar Wochen später und, wie gesagt, ohne Weihnachtsgeschenke und überhaupt recht freudlos, überlege ich immer noch, was die Lektion aus all dem gewesen sein soll.
Es muss sie geben. Es gibt immer Lektionen.
Diese hier sind besonders ungemütlich.

Was also machte der Diebstahl mit mir.
Ich versuchte es mit Wut, welche bekanntlich nicht unterdrückt werden soll und auch sehr erfrischend sein soll. Aber als Objekt für richtigen Zorn sind diese beiden Brüder einfach zu jammervoll. Selbst mein frisch ausgepünderter Sohn sagte: „Mit denen würde ich nie tauschen wollen, selbst wenn sie alles hätten und ich nichts. Die sind einfach nur eklig“.
Meine zweite Versuch war, mich als Opfer zu fühlen. Dieses Gefühl „ich bin so lieb und alle sind so böse zu mir“ kann sehr anheimelnd und nahezu tröstlich sein. Aber es hielt gerade mal ein paar Sekunden, denn ich kenne es und falle nicht mehr darauf herein.
Vor allem glaube ich fest, dass wir Ungemach, wie Vampire, selbst ins Haus rufen. Immerhin habe ich freiwilig auf das Rundschreiben des FC Sankt Pauli geantwortet, als es hieß: Unser Vereinsmitglied Carlos sucht eine Gastfamilie für seinen Bruder.

Klar, es hieß NICHT:
„Der Hehler Carlos Bonfiglio sucht eine Bleibe für seinen diebischen Bruder Andre.“

Der FC Sankt Pauli verlangt kein polizeiliches Führungszeugnis von seinen Mitgliedern.
Aber wenn ich sehr, sehr ehrlich in mir selbst forsche, so kann ich mich erinnern, dass ich ein klares ungutes Gefühl hatte, als ich die beiden bolivianischen Brüder sah. Meine Seele krümmte sich gewissermaßen zusammen.

Und nun kam die dritte Reaktion. Ich sah meinen eigentlichen Fehler und verstand die Scham, die ich spürte. Den Ekel. Die eigentliche Untat habe ich selbst begangen (zumindest was mich selbst betrifft).
Statt auf meine Seele zu hören, die mir sagte: „Andre und Carlos Bonfiglio kann man nicht trauen“, redete ich mir immer wieder tugendsam zu, nicht so voreingenommen zu sein.
Kein Wunder also, dass ich so niedergeschlagen bin. Ich habe mich selbst verraten. Meine Integrität geopfert. Einen schlimmeren Verrat gibt es nicht.
Nun kommen, ungerufen und gar nicht willkommen, Nacht für Nacht, all die Momente meines Lebens, in denen ich mich selbst verraten habe, wieder ans Tageslicht. All die Momente, in denen ich erlaubt habe, dass andere mich benutzen oder über mich hinwegtrampeln.

Diese Rauhnächte werden alles andere als lustig. Soviel ist sicher.

Aber da alles irgendwann heilt, wird auch dieser alte Eiter hoffentlich bald herausgeeitert sein. Carlos Bonfiglio Bicker und sein diebischer Bruder Andre, die uns das Weihnachtsfest gründlich vergällt haben, werden als Lehrer in meine Vergangenheit eintreten und ich werde bis in die tiefsten Tiefen meiner Erinnerungen tauchen können, ohne auf halbvergammelte Skelette zu stoßen.

Heilsame Traurigkeit

Sei ruhig traurig

Seit ein paar Tagen vertiefe ich mich in Traurigkeit. Oder versuche es zumindest. In ein paar Tagen möchte ich den Damen eines Wiener Salons über die Kaiserin etwas über die Traurigkeit erzählen. So ganz gelingt es nicht. Gestern Nacht noch las ich einen wunderschönen Brief von Rilke über Traurigkeit, Einsamkeit und das Schöpferische darin.  Ich hörte mir Ludwig Hirsch an und sein Lied  über die „Pillen gegen Traurigkeit“. Ich habe mir sogar auf Skype von dem Tango Sänger Luis Luduena zwei Stunden lang traurige Tangos vorsingen lassen.

Die Traurigkeit ist das innerste Wesen aller schönen Dinge
, sagte mir Luis. Sei ruhig traurig.

Nichts zu machen.

Heute morgen wache ich in aller Frühe auf und grinse über beide Backen.
Was hab ich jetzt schon wieder angestellt. Traurigkeit ist eine meiner leichtesten Übungen.  Wenn mir etwas Trauriges begegnet, wenn meine PatientInnen weinen: Ich weine mit. Ich bin ein ausgesprochen rührseliges Wesen. Leicht gerührt und selig dabei.

Noch diesen Winter war ich oft traurig über alle Maßen.
Erst neulich erwachte ich aus einem schweren und trüben Traum. Mir träumte, in meiner Wohnung stünde eine wundervolle und üppige Pflanze. Ein dunkler Mann krallte sich in die Pflanze und, mehr aus Tolpatschigkeit, denn aus Bosheit, begann er  einzelne Blätter zu zerrupfen. Erst eins dann mehrere. Die Pflanze duckte sich scheu. Doch wohin soll eine Pflanze schon fliehen. Sie ist ein stilles Wesen, erdgebunden und nahezu (nicht ganz!) bewegungslos. Ganz Yin.
Das Unheil nahm seinen Lauf. Trotz meiner vorsichtigen und zunehmend verzweifelten Bemühungen, den Mann von der Pflanze wegzulocken, zerstörte er sie immer weiter. So weit, bis ich ihm schließlich den Blumentopf entriss und weinend davonlief. In meinen Armen war nur noch ein zartgrüner Strunk. Nahezu tot.
Als ich aufwachte, fand ich den Traum so bedrückend, dass ich mehr wissen wollte.
Nun lässt sich die Bedeutung von Träumen erforschen im Zustand der Hypnose, der Trance. Ich wiegte mich noch einmal in den Halbschlaf, in einen Zustand der Hypnose, in dem ich eins wurde mit der Pflanze.
Nun spürte ich, in Trance,  wach und bewusst, den unsäglichen Schmerz, das Leid und den Kummer dieses einst so schönen Wesens. Ich spürte von innen die Verzweiflung und das langsame Verwelken und sich Auflösen. Mein ganzer Körper zerfiel. Die Zehen krümmten sich vor Leid. Endlich flossen die Tränen. Sie flossen wie ein unendlicher Strom. Von den Wurzeln bis hinauf in die verkümmerten Blattansätze. Ich weinte, schluchzte, schrie und spürte all den  Schmerz von Mutter Erde, unserer Mutter, unserer eigenen Weiblichkeit. Weinend floss alles davon und verflüssigte sich, bis zuletzt nur noch ein endloser Tränenstrom blieb. Der trockene Stumpf reckte sich und begann, ganz vorsichtig und in der Tiefe, neue Triebe zu entwickeln. In diesem Strom spürte ich die Verheißung, dass alles sich immer wieder erneuern kann. Ich spürte, dass gewisse Dinge ewig sind.
Ich hatte, mal wieder, weinend in der Nacht, alle Tränen geweint und Tränen sind ein Gebet. Nicht umsonst heißt die Visionssuche bei den Lakota: „Weinen in der Nacht“.
Nicht umsonst musste die afrikanische Göttin der Liebe, Ochun, so viel weinen. Am Ende der Tränen löst sich alles in Liebe auf.

Genaueres Nachdenken zeigt natürlich, dass gerade hier das Problem liegt, bei meinem derzeitigen Traurigkeitsprojekt: Ich habe genug geweint.
Der Frühling erwacht. Die Zeit für Traurigkeit ist vorbei. Die Tränen haben die Erde befeuchtet und nun kann alles wieder wachsen. Dies gilt zumindest für alle die, die im Winter alle Tränen geweint haben und ihrer Angst ins Gesicht gesehen haben.


Wenn wir lange Zeit zu tapfer sind: Hoffnungslosigkeit, Depression und Burnout

In der vergangenen Woche aber sah ich einige in meiner Praxis. Die waren lange Zeit zu tapfer gewesen. Sie hatten den Winter über noch durchgehalten. Sie hatten nicht geweint, als es an der Zeit war. Sie waren vielleicht ein Leben lang immer wieder ungeliebt und misshandelt worden und sie hatten alle ihre Stärke mobilisiert, bis am Ende ihre ungeweinten Tränen versiegten. Zurück blieb das Vertrocknete. Tiefe Hoffnungslosigkeit. Freudlosigkeit. Depression.
Nun ist es in Zeiten großer Bedrückung oft nicht leicht zu weinen. Oft ist uns auch schon als Kindern gesagt worden, wir sollten uns nicht so haben. Erwachsene haben gerne so eine zynische Art, den Schmerz kleiner Kinder zu verspotten. Dann werden die Kinder tapfer und als Erwachsene werden sie starr. Sie gewöhnen sich an, den Kopf hoch zu tragen, den Nacken hart zu machen und allzeit zu lächeln. Viel Freude strahlt dieses Lächeln freilich nicht aus. Es ist mehr ein eingefrorener Mechanismus der Selbstverteidigung. Von Jahr zu Jahr wird es mehr zum Grinsen. (Es heißt zwar oft, Lächeln verschönere das Gesicht. Doch diese Art des Grinsens führt zu Falten.)

Die Anstrengung wird übermenschlich und dann, oft nach einer einzigen weiteren Verletzung, nach Verlassen- Werden, einer Trennung, Liebeskummer, einem Todesfall oder sonstigen Verlust, bricht alles zusammen. Depression. Burnout.

Einige wenige weinen dann wochenlang oder monatelang und das ist gut so. Auch scheinbar endloses Weinen findet sein Ende. Gelegentlich lässt der Fluss sich mit  Hilfe von Akupunktur wirkungsvoller gestalten und dadurch beschleunigen. Abbrechen lässt er sich nicht ohne Schaden.

Pillen gegen die Traurigkeit: Antidepressiva, Tranquilizer und Hormone

Manch eine aber spürt, dass sie ihr hochgestecktes Arbeitsprogramm so nicht erfüllen kann, oder sie schämt sich oder findet es schlichtwegs lästig oder peinlich, und lässt sich Pillen gegen Traurigkeit verschreiben.  Pillen gegen Traurigkeit verhindern das natürliche Ebben und Fluten der Gefühle. Sie halten den Körper unter ständigem Beschuss durch fröhliche Neurotransmitter, auch wenn eigentlich als anderes als Fröhlichkeit angesagt ist.  Sie verlangen dem Körper die allerletzten Yin Reserven ab. Die Pflanze vertrocknet dann ganz und gar. Die Augen werden fiebrig. Die Wangen rot. Um das mangelnde Yin, die Festigkeit und Erdverbundenheit zu kompensieren, kommt es oft zu Gewichtszunahme. Oder zu Libidoverlust- denn Sex braucht starke Yin Reserven. Gegebenenfalls bleibt die Menstruation aus- was dann wiederum durch Hormone beschossen wird. Unfruchtbarkeit ist auch eine Option, dann gibt es noch mehr Hormone. Der Körper quillt auf. Wird feucht. Die Beine schwer. Die Venen dick.
Ganz so, wie wenn auf völlig vertrocknete Erde mit einem Mal ein paar Liter Wasser gegossen werden.  Dann ist alles wieder nass. Aber die vertrockneten Wurzeln, die schon lange nicht mehr in die Erde geschmiegt sind und sich verschlossen haben gegen Nahrung, verlieren so eher noch den letzten Halt.
Einige Male lässt die Dosis sich noch erhöhen. Aber irgendwann ist diese Option mit zu vielen Nebenwirkungen verbunden.

Dann geht nichts mehr. Übrig bleiben Griesgrämigkeit, Hoffnungslosigkeit und, nicht selten stetige Gewichtszunahme und dauerhafter Libidoverlust.
Nein, nicht ganz. Es kann immer alles gut werden. Solange ein leicht grüner Strunk verhanden ist, lässt sich das Pflänzchen wieder heranziehen. Mit sehr sanften, Yin befeuchtenden europäischen oder chinesischen Kräutern. Oft Wurzeln von Pflanzen, die im Trockenen gedeihen und Pilzen, die sich darauf verstehen, sich tief in trockene Baumstümpfe zu graben, säuerlichen saftigen Beeren. Es gibt gute Medizin gegen Vertrocknung, Griesgrämigkeit, Lustlosigkeit und Falten. Aber ohne Weinen geht es nicht. Fürchten Sie sich nicht. Es ist wirklich schön. Die Chinesen sagen, Tränen sind das Wasser des Herzens. Sie sagen auch, es reinigt die Nieren.

Wenn Sie genug geweint haben und vielleicht noch ein bisschen mehr Auflösung brauchen:

Als nächstes schreibe ich hier über das Schwitzen. Dabei geht es um Angst und für viele auch um Wechseljahre.
Ein heißes Thema. Zum Zerfließen schön.

Heilen lernen, Teil 3

Teil 3 meines Hauptvortrages auf dem ASA Kongress, 2012 in Solothurn über Heilung als Wiederherstellung der Harmonie zwischen Himmel und Erde

Was tun? Wie beginnen Sie eine Heilung?

Um effektiv zu handeln, auch zu be- handeln, versetzen Sie sich in einen freundlich kindlichen Zustand, am besten in Trance, und überlassen sich dem Fluss des Dao.
Es kann eine Weile dauern, vor allem, weil es eine Weile dauert, bis Sie begreifen, dass es wirklich so einfach ist.

Am Anfang sehen Sie vielleicht noch einen festen Körper mit Krankheiten.
Nach und nach lösen Sie ihn in Regeln und Akupunkturpunkte und Qi Ströme auf und werden von all dem zunehmend verwirrt.
Sie ergeben sich und hören auf nachzudenken. Sie vertrauen sich dem Fluss an.
Ihr Unterbewusstsein, ihre Anbindung an das kosmische Shen Qi übernimmt die Führung.

Um zu illustrieren, wie einfach das ist, hat der Daoist Zhuangzi in einer wunderbaren Geschichte ein Beispiel gewählt, bei dem zunächst niemand an große Gelehrsamkeit oder Verfeinerung denkt.  Einen Fleischermeister.

Die Menschen fragten den Fleischermeister Ding, wie es käme, dass er in Windeseile einen Ochsen zerteilen könne, ohne dass seine Messer jemals stumpf würden.

Dies ist seine Erklärung:
„Was ich liebe, ist das Dao. Es übertrifft die Technik.
Am Anfang, als ich begann, Ochsen zu zerlegen, sah ich zunächst nichts, außer Ochsen.
Nach drei Jahren sah ich keinen unzerteilten Ochsen mehr.
Heute begegne ich dem Ochsen mit meinem Shen. Ich sehe ihn nicht mehr mit meinen Augen. Die Erkenntnis meiner Sinne hört auf und mein Shen zirkuliert, wie es ihm gefällt.
Ich folge den natürlichen Strukturen des Ochsen, schneide dort, wo schon große Spalten sind, führe die Klinge durch die großen Höhlungen, sodass ich der festgelegten Natur des Ochsen folge.“

heil sein heißt heiles Shen
Lassen Sie ihre Hände über die Patienten schweben. Folgen Sie den Linien und Strömen und wenn Sie einen Punkt finden, wo es knäuelt oder Leere herrscht, führen Sie ihre Nadel hinein und schubsen Sie das Qi dorthin, wo es hinfließen möchte. Alltägliche Qi Stagnationen, Blockaden und Krankheiten beheben Sie auf diese Weise im Handumdrehen.

Es gibt allerdings Patienten, bei denen geschieht nichts.
Sie sind verzweifelt und depressiv oder vollkommen gefühllos.
Sie haben schreckliche Schmerzen.
Sie kommen mit einer  Diagnose, die ihnen jegliche Hoffnung geraubt hat und es gibt kein tödlicheres Gift als die Angst.

Die chinesische Medizin lehrt uns, dass dort, wo das Shen Qi gegangen ist, jedes Bemühen nutzlos ist.
„Wer Shen hat, wird leben. Wer Shen verliert, wird sterben.“

Bewusstsein- Shen ist nicht die Psyche der Psychotherapie. Die Psychotherapie behandelt unsere Gedanken und Emotionen. Diese sind aber, genau wie unser Körper, nur Ausdruck der dahinter wirkenden Bewusstheit, der eigentlichen Schöpferin unserer Realität, des Shen Qi.
Wenn wir in Verbindung mit dem kosmischen Shen Qi treten, heißt diese Bewegung hun- Hauchseele. Kehren wir in unseren festen Körper zurück, heißt dies Po- Körperseele.
Auf solche Feinheiten verzichte ich heute.
Statt von Bewusstsein, shen, hun, po usw, werde ich einfach von Seele sprechen.

Seelenverlust und Trauma
Was geschieht, wenn diese Seele, oder Teile davon, verloren gehen?

Die Vorstellung von einer verlorenen Seele findet sich bei vielen Völkern. Menschen mit Seelenverlust sind oft körperlich gesund und psychisch funktionell. Sie führen meist ein vollkommen normales, oft sehr erfolgreiches Leben. Doch dabei fühlen sie sich zutiefst hoffnungslos, ziellos, wie ausgesetzt in einer fremden Welt, einsam, getrieben.
Sie leiden unter Erinnerungslücken, Ängsten und vielfältigen dissoziativen Symptomen. Seltsame Symptome, die von Piaget unter der Bezeichnung Hysterie zusammengefasst wurden.

Menschen mit Seelenverlust leiden oft unter Essstörungen, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Depressionen, Schlafstörungen, neurologisch unlogischen Schmerzen und Empfindungsstörungen, chronischer Müdigkeit, Burnout und all dem anderen Zeug, das schulmedizinisch wenig Sinn ergibt.

Sie kommen überdurchschnittlich häufig in unsere Behandlung.

In dem 2000 Jahre alten Medizinklassiker Neijing wird ein ähnliches Bild beschrieben, als Folge von Kälte.
Im Suwen (Kap 3) steht:
„Wenn Kälte eingedrungen ist, so ist man in seinen Bewegungen nicht wendig, während des Wachseins und Schlafens befindet man sich immer in Alarmbereitschaft. Das Shen Qi schwebt an der Oberfläche.“

Nicht-wendige Bewegungen lassen an Menschen denken, die etwas Unbeholfenes haben, sich nicht recht  am Platz fühlen, bei denen alles irgendwie schief läuft. Hinzu kommt die Dauererregung, die latente Angst. Eine gewisse Geistes- Abwesenheit.

Dies ist eine sehr treffende Beschreibung eines traumatisierten Menschen, eines Menschen mit Seelenverlust.
Und die Kälte ist offensichtlich nicht die Kälte des Winters sondern die Kälte des dorsovagalen Reflexes – der dritten Möglichkeit , neben fight oder flight auf ein Trauma zu reagieren:  freeze- Todesstarre!

Sie sehen: Was wir heute als Trauma bezeichnen, nannten die alten Chinesen schlicht bösartige Kälte.
Ein Trauma muss nicht immer ein großes Ereignis wie Krieg oder Missbrauch sein. Bei innerer Leere und Empfänglichkeit, vor allem bei Kindern, genügt auch ein kleineres Übel, um großen Schaden anzurichten.

Seele zurücksingen
Die Seele drängt es, sich wieder zu vereinen.

Im alten China sangen Schamanen die Seele zurück. Im Süden entstand eine ganze Literaturgattung um diese sehnsuchtsvollen Lieder.
(Diese wundervollen Lieder waren mir eine große Inspiration bei meinem Roman über eine chinesische Schamanin aus dem dritten Jahrhundert)
Ich denke,  die traurigen Lieder, Gedichte und Kunstwerke der Welt drücken die gleiche Sehnsucht aus. Der Tango entstand so. Die Mystik.
Die Intensität unserer Sehnsucht ist die Intensität der Liebe Gottes zu uns, sagte der Mystiker Rumi.

Die lange Nacht der Seele und schwere Krankheit
Viele Menschen begeben sich allein auf einen sehr schweren Weg zurück zu ihrer Seele.
Eine tiefe Verzweiflung, die lange dunkle Nacht der Seele,  können Ausdruck dieser Sehnsucht sein.
Früher oder später wird die Seele sich heilen.
Nicht immer verläuft der Prozess sanft und schmerzlos.
Nicht immer überlebt der Körper.

Wie wir in alten Büchern lesen, sinkt das Qi bei Angst hinab, bei Wut steigt es auf. Manchmal verknäueln sich beide Qi Formen und führen zu Knoten und Geschwüren. Schleim, Stasen und Kälte bringen den Fluss zum Erliegen. Totes Qi stockt in den Leitbahnen.
Das Ergebnis sind schwere, schmerzhafte, teils tödlich verlaufende, körperliche Krankheiten.
Warum ausgerechnet ich, fragen sie sich. Ich war ein guter Mensch.

Hier ist meine Antwort:
Solche Krankheiten sind Geburtsschmerzen der Seele.

Im Lingshu 27 heißt es
„Wenn jemand Schmerzen hat, kehrt Shen zurück, wenn Shen zurückkehrt, entsteht Hitze.“
Dieser Prozess kann sehr hart sein. Gelegentlich braucht die Seele Geburtshilfe durch einen anderen Menschen… … und durch Nadeln.

Fortsetzung folgt

Hoffnung

Hoffnung

Ob Hoffnung die wichtigste Medizin ist, wie gerne behauptet wird, weiß ich nicht. Aber jemandem die Hoffnung zu nehmen, zum Beispiel um die eigene Unbestechlichkeit und die Kenntnis „schlimmer“ Krankheiten zu beweisen, ist gemein, sehr gemein. Es ist narzistisch, unnötig und vernichtend. Warum nicht gleich ein Messer nehmen!

Ich spreche nicht von Lügen und Vertuschen und Herumdrucksen, wenn eine klare Auskunft auf eine klare Frage gefragt ist.
Ich spreche davon, dass Worte keine wertfreien Kommunikationsmittel sind, sondern Werkzeuge, mit denen wir die Welt gestalten.

Jeder weiß das.

„Wie strahlend du heute aussiehst!“, bewirkt fast unweigerlich ein Lächeln. Der gleiche Mensch, angesprochen mit: „Laß dich nicht so hängen!“ oder „Du siehst heute zum Kotzen aus.“, wird nicht lächeln, selbst dann nicht, wenn etwas in seinem Inneren nichts lieber täte, selbst dann nicht, wenn ein kleines Lächeln alles gewesen wäre, um seine Stimmung zu verbessern, selbst dann nicht, wenn er sich eigentlich gut gefühlt hatte und er nur vorübergehend sein Gesicht verzog, um einen Kekskrümmel zwischen den Zähnen hervorzufischen.
Nun ist er dazu verdammt, erst einmal böse vor sich hin zu schauen und sich schlecht zu fühlen. Was wir ja ohnehin sofort erkannt hatten.

Wenn unser angetrainiertes medizinisches Weltbild (gleichgültig welches) uns sagt, dass ein bestimmter Mensch in einer kniffligen Situation steckt (Krebs, endogene Psychose, vom Teufel besessen, von einer besonders mächtigen Hexe verflucht, Essenz total aufgebraucht), so ist das zuallererst unsere persönliche Meinung.
Es ist nicht mehr als das, ganz gleich, ob wir die dreiundzwanziste Inkarnation eines berühmten Lamas, ein dreifach promovierter Professor oder Besitzer eines seltenen Wolfsschädels sind.
Es ist unsere eigene, unmaßgebliche, vollkommen beliebige Meinung, gestützt auf ein mehr oder weniger von Menschen selbst gestricktes Weltbild.
Gestrickt von Menschen, die wir verehren und die daher eine gewisse hypnotische Macht über uns besitzen. Tönende Worte in unserem Kopf. Flüchtig, veränderlich, unser Privatvergnügen oder vielleicht unser Fluch.

Wir sollten uns dreimal überlegen, ob wir diese Meinung einer anderen Person an den Kopf werfen wollen wie einen Eimer voll giftiger Jauche. Vor allem dann, wenn diese Person sich krank und schwach fühlt und uns um Hilfe gebeten hat. Ängstliche Menschen sind leicht hypnotisierbar, umso mehr durch eine Person, der sie Autorität zugestehen. Hypnotisierbar heißt, unsere Worte sinken tief ins Unterbewusstsein und dort entfalten sie die ganze Macht des Unterbewusstseins, sich zu realisieren.

Worte wie: „Sie haben noch drei Monate zu leben“ oder „Ohne dieses Medikament wird ihre Krankheit einen grausigen Verlauf nehmen“ oder „Der Teufel in ihrem Inneren wird sie binnen drei Tagen ins Unglück stürzen“, haben ungewöhnlich gute Aussichten, wahr zu werden. Genau, wie wir gesagt hatten!
Dies liegt aber nicht an der tiefen Wahrheit unserer Worte, sondern an der Macht des Unbewussten.

Worte, die auf diese Weise ausgesprochen werden, sind wirksam, so wie Flüche zu allen Zeiten wirksam waren. Magie ist realer und alltäglicher, als wir denken, und wer anderen etwas Böses wünscht, wird selbst nicht ungeschoren davonkommen.
Wenn wir also meinen, jemand sei in einer kniffligen Lage, so tun wir gut daran, uns klar zu machen, dass dies in erster Linie unsere eigene Meinung ist, auch wenn wir dabei noch so sehr mit MRT Aufnahmen, Laborwerten oder Wolfsknochen herumwedeln.
Unsere Worte sind immer Medizin. Gut oder schlecht. Statt allen Menschen unsere Meinung mitzuteilen, sollten wir versuchen, unsere Medizin sorgfältig und liebevoll einzusetzen.

Wanderlust

 

Vergangenen Sommer plante meine Tochter eine Reise mit der transsibirischen Eisenbahn. Sie wollte den Sommer in einer mongolischen Jurte leben und danach in Peking studieren. Sie war siebzehn.
Es scheint, die Abenteuerlust liegt im Blut.
Erinnerungen.
Es ist dreißig Jahre her. Da kaufte ich selbst meine erste Fahrkarte für die transsibirische Eisenbahn und bereitete mich auf meine erste große Reise vor. Wie aufgeregt ich war. Damals wusste ich nicht, dass meine Reise niemals enden würde.
Ich studierte Chinesisch, Medizin und zuletzt chinesische Medizin. Immer wieder reiste ich nach China, um auch dort meinen Abschluss zu machen. Jahre später kam ich als Ärztin für Chinesische Medizin zurück nach Deutschland und beschloss, die chinesische Medizin in Deutschland zu etablieren. Damals verstand das kaum jemand.
„Sowas braucht niemand!“
„Das ist alles wissenschaftlich noch gar nicht belegt!“.
„Soweit sind die Deutschen nicht!“.

Sie waren soweit und Sie alle wissen, wie es weiterging. Es war eine schöne und aufregende Zeit.
Chinesische Medizin ist mittlerweile ein anerkanntes Heilverfahren. Es gibt kaum noch eine Kleinstadt, in der sich nicht zumindest ein Arzt für Akupunktur finden lässt. Manch einer davon war mein Schüler.
Menschen wie Sie haben dies erreicht. Sie waren überzeugt von dieser neuen und zugleich zeitlosen Art, Gesundheit und Krankheit zu sehen und haben Ihre Gedanken weitergegeben. Sie haben an die Kassen geschrieben und zum Teil endlose Briefwechsel mit Ihren Sachbearbeiterinnen gestartet. Sie haben in Zeitungen, im Fernsehen und im Internet über Ihre Erfahrungen berichtet. Einige von Ihnen haben selbst begonnen, Chinesische Medizin zu studieren.

Während die Chinesische Medizin unaufhaltsam und allen Widrigkeiten zum Trotz Fuß fasste, zog es mich weiter.

Reisen liegt mir im Blut.

Es dauerte lange, ehe ich begriff, dass Reisen innerlich stattfindet. Was immer da draußen sein mag: Erst in unserem Kopf wird aus dem Gewusel an elektromagnetischen Wellen, unseren Sinneseindrücken, eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden.
Es gibt Menschen, die reisen mit großem Geschrei um die ganze Welt und haben doch kaum etwas zu erzählen. Früher schlug sich das in langweiligen Diaabenden nieder. Heute gibt es dafür Facebook.

Andere bleiben zuhause, doch ihre innere Welt ist voll und reich an Abenteuern. Dies sind die wahren Reisenden. Die, die ihren Geist beherrschen und entfalten.

Glücklicherweise lässt sich die Kunst des wahren Reisens erlernen. Sie liegt uns allen im Blut, seit unsere Vorfahren sich an langen Nächten rund um das Feuer Geschichten erzählten und träumten.
Die ersten Begegnungen mit solchen Reisen machte ich bei meinen Behandlungen. Ich setzte ein paar Nadeln und die Behandelten tauchten vor meinen Augen in eine andere Welt. Sie verschwanden buchstäblich und oft kamen sie verändert zurück. Mit neuen Erkenntnissen und strahlenden Augen. Dabei verschwanden Krankheiten. Belastende Lebensentwürfe wurden über den Haufen geworfen. Neue entwickelt.
Ich bekam eine Ahnung, was Akupunktur sein kann. Eine kunstvolle Weise, Trancereisen zu induzieren und zu leiten. Nicht umsonst sind die Akupunkturpunkte im Chinesischen nach Flüssen und Seen, nach Bergen und Tälern, nach Wolken und Regen benannt. Durch das Setzen von Nadeln machen wir uns auf den Weg. In die Tiefe. Ans Licht. In die Vergangenheit oder weit, weit weg.

Die alten Daoisten setzten dafür meist keine Nadeln. Sie lenkten nur ihren Geist an die entsprechenden Körperstellen. Alte Bücher berichten von fantastischen Reisen auf goldschimmernden Wagen über purpurne Wolken und hinab durch juwelengefüllte Höhlen bis hinunter zu den Quellen der Unterwelt, von Begegnungen mit geflügelten Lichtwesen und den Geistern der Ahnen.

Kaum eine Kultur, die nicht von solchen Reisen weiß. Die alten Mythen und Legenden sind nichts weiter als Reiseberichte, weitergegeben von erfahrenen Reisenden, um den Nachkommen die Wege zu erleichtern, gefärbt von den Kulturen, denen sie entstammen. Fischer träumten von Reisen durchs Wasser und Reiter flogen auf Pferden durch die Wolken. Moderne Menschen verwenden andere Bilder. Aber Reisen liegt uns allen im Blut. Die Füße bleiben auf dem Boden, im Materiellen. Der Geist kreist um den Kosmos.
Jeder reist in seine eigene Welt. Am Anfang ist es vielleicht nur ein sonniger Strand oder eine blumige Wiese. Zwei, drei Meter Glück und Entspannung. Doch mit jeder Reise wird diese Welt größer und reicher an Vorstellungen und Erfahrungen.

Unser Problem ist nicht der Mangel an Phantasie, sondern das Übermaß an fremder Phantasie.

Wie gebannt stehen wir inmitten der Vielfalt an Eindrücken, die uns geboten werden. Wir betrachten endlose Aufzeichnungen von Reisen, in 3 D und Dolby Surround, und verlieren die Fähigkeit, selbst zu verreisen. Je mehr unsere eigene Phantasie verkümmert, umso größer wird der Hunger nach solchen Stimulantien. Bücher über phantastische Begebenheiten, Fantasyfilme und SF sind die großen Renner. Doch wie Junkfood können sie den eigentlichen Hunger nicht stillen.

Wer reisen will, sollte seine eigene Reiseroute finden. Nur hier treffen wir unsere eigenen Gottheiten. Nur hier finden wir unsere Bestimmung. Nur hier stillen wir unsere existentielle Sehnsucht und nur hier finden wir Heilung für unsere Krankheiten.

Aber wie? Wo ist der Ausgang aus den eigenen ewig gleichen kreisenden Gedanken?
Wer sich schnell und nachhaltig „wegschießen“ will, greift zu magischen Pflanzen. Auf unserem Kontinent sind dies die Drogen der Hexen, Fliegenpilz, Bilsenkraut und Tollkirsche. Die alten Amerikaner griffen eher zu Peyote oder Ayahuasca und die Asiaten zu Opium und Hanf. Allerdings warnen schon die alten chinesischen Kräuterbücher vor Schädigung des Herz-Yin durch solche Gewaltakte. Keine schöne Sache.

Andere Mittel sind nicht viel weniger rabiat. Wer möchte schon im arktischen Winter auf einer Eisscholle ausgesetzt werden oder ohne Wasser in der Wüste?
(Zugegeben, ich selbst liebäugele gelegentlich damit…Reiselust eben.)
Tagelanges Tanzen und Trommeln sind schon weit weniger fürchterlich.
Noch akzeptabler sind künstlerische Betätigungen wie Musizieren und Malen. Leider nicht für jede(n):

Ich bin nur selten neidisch. Doch wenn mich dieses Übel doch gelegentlich packt, dann angesichts von Menschen, die musizieren und malen. Ganz gleich, was wohlmeinende Pädagogen behaupten: Nicht jede(r) kann malen oder musizieren. Der Beweis dafür bin ich! Dahinter steckt kein unheilvoller Perfektionismus, sondern die Art, wie mein Gehirn arbeitet:
Ich sehe fast nichts und ich höre wenig. Auch nicht in Trance. Dafür tobt es in meinem Körper.

Ich bin Kinästhetikerin. So wie die meisten.
Wer nichts (oder nur wenig) hört oder sieht, leidet nur selten an mangelnder Phantasie oder Kreativität: Sie oder er ist höchstwahrscheinlich ein Kinästhetiker.
Ein fühlender Mensch. Ihre Visionen und Kreationen finden auf der körperlichen Ebene statt.

Seit ich dies begriffen habe, male und komponiere ich mit Nadeln.
Wenn Sie ebenfalls nichts hören und nichts sehen und Phantasiereisen an weiße Strände Sie seltsam unbefriedigt lassen:
Versuchen Sie es doch mal mit Tanz, mit Yoga, mit Taiji oder mit Nadeln. Ihr Körper freut sich.
Wer nicht hören kann, kann fühlen.