Angstmeditation zur Öffnung vereister Herzen

Von aller Welt verlassen? Selbstheilung und Angstbewältigung für Mutige.

Nichts schmerzt schlimmer als ein verschlossenes Herz. Der Versuch, uns nicht vom Schmerz überwältigen zu lassen, bewirkt oft das Gegenteil.
Vielen Menschen ist längst klar, dass Beschwerden wie Enge auf der Brust, Atemnot, Herzrasen, Blasenschmerzen, schlechte Haut, Magenschmerzen und sogar Haarausfall mit Angst zu tun haben. Die Angst, nicht gut genug zu sein, Angst vor dem Alter, Selbstunsicherheit, Verlustangst, Einsamkeit und Liebeskummer (auf Chinesisch wörtlich: „Herz Schmerz“).
Immer wieder geht es um diese eine Angst: Von aller Welt verlassen zu sein.
Und von allen guten Geistern.

Jetzt, wo die Tage dunkler werden und das Jahr sich der Wintersonnwende nähert, wachsen die Ängste. Die Rauhnächte werden dies noch intensivieren.
Der Winter ist die Zeit, wenn vieles stirbt. Manches wird im Frühjahr neu geboren. Manches nicht.
Die Kälte, der salzige Geschmack des Winters, die atmosphärische Entsprechung der Angst, fährt in die Knochen und die Gelenke. Die Herzen vereisen und schmerzen. Die Einsamkeit lehnt sich dunkel herab.

Gehen Sie einfach den nächsten Schritt: Mitten hinein in die Angst, den Schmerz, die Verlassenheit. Kriechen Sie wie ein Tier in Ihre Höhle und lecken Sie ihre Wunden. Seien Sie unbesorgt! Mutter Erde hält Sie fest.

Aber wie geht das?

Angstmeditation zur Öffnung des vereisten Herzens

Dies ist keine Meditation im Sinne von: Sie müssen erst einmal jahrelang Meditieren üben. Sie brauchen gar nichts als Ihren Schmerz oder Ihre seelische Not und die dringende Entschlossenheit, genau dort zu bleiben.

Bei sich selbst bleiben. Nicht davonrennen, denn wo sollten Sie schon hin?

Warnung: Wenn Sie traumatisiert sind oder es vermuten, dann ist dies keine Übung für Sie. Die intensive Verbindung mit ihren negativen Gefühlen könnte dazu führen, dass Sie innerlich ihre schlimme Erfahrung noch verstärken (Retraumatisierung). Um bedrohliche und verletzende Erfahrungen aus dem Körpergedächtnis zu holen, bedarf es anderer Methoden und der Unterstützung durch einen Menschen, die Ihnen helfen kann, Retraumatisierung zu vermeiden.

Ich mach das so: Ich suche mir ein ruhiges Plätzchen im Dunkeln. Es kann eine Couch sein. Der Fußboden. Wenn die Schmerzen zu stark sind, darf es aber auch eine heiße Badewanne sein.
Es gab eine Zeit, da ging ich jede Nacht um Mitternacht in den Garten und setzte mich unter einen Baum. Eingemummelt in eine Decke trotzte ich, die ich immer so fror, einen ganzen Winter lang Eis und Schnee und Sturm und Regen. Auf diese Weise kann das innere Feuer belebt werden. Auf diese Weise kann allerdings auch so manche Erkältung beginnen. Daher ist es empfehlenswert, mit dieser Disziplin im Herbst anzufangen, damit der Körper sich an die Kälte gewöhnt.
Auch ein Schlafsack im Schnee ist gut. Ich erinnere mich an eine Sylvesternacht an einem verlassenen Ostseestrand. In jener Nacht war mir der Tod näher als das Leben. Zumindest überlegte ich längere Zeit, was geschehen würde, wenn ich einfach einfrieren würde. Stattdessen schlief ich ein. Am Morgen des ersten Januar badete ich fröhlich quietschend zwischen Eisschollen und schrie zusammen mit den Möven meinen Gruß an das neue Jahr über die Wellen.
Die Inuit setzten ihre Schamanen direkt auf einer Eisscholle aus (und zwar nicht an der vergleichsweise milden holsteinischen Ostsee sondern im immerdunklen arktischen Winter) und ein berühmter Schamane kam einst nach dieser Tortur, die viele Tage dauerte, mit der legendären Botschaft zurück:

Da draußen ist nichts, wovor wir Angst haben müssen.

Er hatte recht. Die Gefahr ist nicht da draußen.
Die wirklich fürchterlichen Dinge spielen sich im Inneren ab.
So gesehen, dürfen Sie ruhig mit der heißen Badewanne beginnen.
Nichts ist verboten.

Sie haben also ein ruhiges Plätzchen gewählt. Wer mag, darf sich vorher mit Salbei oder Zeder abräuchern.
Das Telefon ist aus. Das Licht ist aus. Die Vorhänge sind geschlossen. Es ist dunkel.
Dann legen Sie sich hin und atmen.
Fühlen Sie den ganzen Körper, vom Kopf bis zu den Zehen. Da sind vermutlich schmerzende Stellen, Verspannungen.
Sie fühlen diese Stellen, atmen ruhig und bleiben ganz still liegen.
Das kann ganz schön langweilig werden. (So gesehen also schon eine Meditation ;-))
Sie bleiben liegen und atmen.
Der Körper könnte nun mehr schmerzen.
Sie bleiben ruhig und atmen.
Die Langeweile kann dazu führen, dass Ihnen ausgerechnet jetzt alle möglichen Dinge einfallen, die Sie erledigen müssten. Lassen Sie es.
Sie bleiben liegen und spüren sich selbst.
Sie werden spüren, dass ihre Traurigkeit, ihr Kummer, ihre Not oder ihre Angst in bestimmten Körperteilen festsitzen.
Dies sind die Körperteile, die auch sonst schmerzen. Oder bestimmte Gefühle. Nun, da Sie sich Zeit nehmen, wird der Schmerz überhand nehmen. Er wird wachsen …
…und Sie bleiben da.
Sie bleiben und fühlen und atmen.
Dies ist alles.

Es kann recht lange dauern und Sie werden unter Umständen erhebliche Unruhe oder Langeweile oder Genervtheit erleben. Sie fragen sich: Was soll das Ganze? Was soll das bringen? Sie reden sich zu: So schlimm ist es doch nicht!
Dies kann verschiedene Gründe haben:

  • Vielleicht durften Sie als Kind nie in Ruhe bei sich bleiben.
  • Vielleicht durften Sie sich selbst nicht fühlen.
  • Vielleicht hieß es immer gleich: „Stell Dich nicht so an“ oder „bis zur Hochzeit ist es wieder gut“.
  • Vielleicht mussten Sie immer etwas „Sinnvolles“ tun.
  • Vielleicht sollten Sie sich nicht so „gehen lassen“.

Diese Zeit ist vorbei. Heute dürfen Sie!

Wenn Sie nun immer noch da bleiben, entsteht vielleicht der Drang nach Drama. Ihr innerer Monolog wird in eine große Welle von Selbstmitleid übergehen. Sie werden weinen. Weinen Sie ruhig. Tränen sind ein mächtiges Gebet.
Respektieren Sie ihren Schmerz.
Aber vergrößern Sie ihn nicht.
Ihr Schmerz ist groß genug, wie er ist und verdient genau so, wie er ist, Ihre ganze Aufmerksamkeit.

Fühlen Sie also weiter den Körper und widerstehen der Versuchung, ihren Lieblings „was bin ich für ein armes Würmchen“ Film abzuspulen.
Stellen Sie sich stattdessen vor, dass die Tränen alles Schmerzliche davonspülen. Sie können sich selbst dabei, wie eine liebevolle Mutter, die Sie vielleicht nie gehabt haben, zureden. Lieb und sanft und geduldig.
Sie bleiben bei sich, nehmen ihren Schmerz ernst und fühlen ihn ganz. Aber Sie vergrößern ihn auch nicht, sondern lassen alles, wie es ist.

Für viele Menschen ist diese Übung ein Einstieg in eine Rückführung. Szenen aus früheren Schmerzsituationen werden lebendig. Auch diese fühlen Sie ganz, aber ohne größeres Drama, und lassen eventuelle Tränen einfach fließen.

Die Angstmeditation zur Öffnung vereister Herzen in Kurzform:

  • Ruhe
  • Dunkelheit
  • Atmen
  • Fühlen
  • Weinen
  • kein Drama
  • ruhiges Selbst- MitgefühlWas dann passiert, ist offen.Wenn Sie mögen, teilen Sie Ihre Erlebnisse gerne hier als Kommentar!

Hier mal wieder ein kleiner Briefwechsel:

Liebe Frau Li,

ich war vor einiger Zeit in Ihrer Praxis, einmal weinend und einmal lachend.
Das hat mir sehr geholfen! Danke, nochmal!
Momentan stecke ich in einer schwierigen Situation und merke, dass mein Körper langsam nachgibt und absolut auf meine Gefühle reagiert.
Ich verspüre einen extremen Druck und dieser verengt meine Brust so stark, dass ich das Gefühl habe, kaum atmen zu können.
Permanent
schmerzt meine Blase und ich nehme stark ab, obwohl ich nicht weniger esse. Mein Herz rast die ganze Zeit und meine Haut ist ganz schlecht. Mir fallen Haare aus und mein Magen ist wie ein Stein.
Ich weiß nicht mehr weiter und kann diesen Druck auch durch Sport oder Dingen die mir gut tun nicht lösen.
Hätten Sie in nächster Zeit noch einmal einen Termin für mich? Oder einen Hinweis, der mir weiterhelfen könnte?
Das Ganze entsteht aus Beziehungsproblemen, aber ich will eigentlich nicht, dass die mich so heftig treffen und habe große Angst, dem nicht standhalten zu können.
Ich würde mich sehr über Ihre Antwort freuen,

Liebe Grüße,
X.Y.
Liebe X, Y.,
mein erster Vorschlag für Sie wäre gewesen, Sport und Dinge, die Ihnen gut tun, zu betreiben. Das baut ein Übermaß an Stresshormonen ja bekanntlich ab. Oder aber nicht. Haben Sie ja schon versucht.
Mein zweiter Gedanke ist folgender: Warum müssen Sie den Beziehungsproblemen „standhalten“?
Sich gegen die eigenen Gefühle aufzustemmen, ist ein von vornherein verlorener Kampf.

Vielleicht tut es einfach weh, richtig weh, es schmerzt und reitend auf dem Schmerz kommen dann noch mehr Schmerzen und alte Erfahrungen und das ganze Sammelsurium alter Schmerzen und Traumata.
Dazu sind die vielen Menschen, die uns Schmerz zufügen, in unserem Leben: Sie helfen uns, zu heilen.
Unabhängig, was nun die „Beziehung“ macht:
Gehen Sie in die Stille. Sitzen oder liegen sie, am besten im Dunkel, und atmen Sie und fühlen einfach nur das Elend und den Schmerz und die Angst und bleiben Sie dabei. Mit großem Mitgefühl wie mit einem armen kleinen Mädchen. Keine Selbstvorwürfe. Keine Beschimpfungen. Kein Drama. Kein „jetzt reicht‘s aber“. Weiteratmen und einfach schmelzen.
Ich selbst habe für solche Situationen einen albernen kleinen Satz, der mir einmal kam, als ich begriff, dass ich, ganz gleich was passiert, zumindest von der Erde getragen werde. Ich murmelte wieder und wieder, mantraartig, vor mich hin: „Ich kann nicht runterfallen“.
Dazu stellte ich mir vor, wie meine Mutter, die Erde, mich gut und sicher in ihren Armen hält, mich wiegt und schaukelt und wie ihre Wärme aus der Tiefe aufsteigt und mein Herz erreicht.
Also vollkommen kindlich. Unser Unterbewusstsein gleicht in vielem einem intelligenten Kleinkind. Wenn wir die entsprechende Sprache verwenden, reagiert es eher.
Vielleicht finden Sie ja auch einen Satz oder ich schenke Ihnen meinen.

Glauben Sie mir: Alles ist leichter auszuhalten, als das „Starksein“.

Wenn Sie mir nicht glauben, gibt es wieder Nadeln 😉

Liebe Grüße,
Christine Li

Antwort:
Liebe Christine Li,

vielen Dank für diese „Anleitung“.
Sich dem Schmerz hinzugeben, kam mir gar nicht in den Sinn. Automatisiert hatte ich das „stark sein müssen“ und „durchhalten“. Ich konnte mir unter diesem Druck kaum vorstellen, wie ich mit meiner geringen körperlichen Energie in den nächsten Tag komme.

Ich habe mich nun in mich zurückgezogen und dahinbegeben, das war eine sehr lehrreiche Reise: Vor allem, die Gefühle mit mir selbst zu teilen, also mir selbst meine eigenen Gefühle mitzuteilen. Das ist ein guter Trick.
Der Angst ins Gesicht zu schauen, jetzt weiß ich wirklich, was das heißt.
Langsam fährt der Körper wieder aus dem Ausnahmezustand.

Danke, dass Sie mir so schnell und ausführlich geantwortet haben!

Ein schönes sonniges Wochenende und liebe Grüße,
X.Y.

3 Gedanken zu “Angstmeditation zur Öffnung vereister Herzen

  1. Hallo, Frau Li,

    ein wirklich nützlicher Artikel. Bin jetzt schon in Tränen aufgelöst. Werde mich jetzt in meine Badewanne zur Meditation zurück ziehen. „Heute dürfen Sie!“ Das schreiben Sie. Aber bislang hat mich dieses dürfen (schwach sein, sich gehen lassen, mal nicht den Anforderungen entsprechen usw….) dazu geführt, dass ich unter einer fürchterlichen Aufschieberitis leide. Meine Ängste fressen mich auf, ich schaffe kaum noch etwas. Naja, jetzt erstmal ind ie Badewanne!
    LG
    Ulrike
    p.s. ich werde weiter berichten. 😉

    • Liebe Ulrike vom Bambooblog (den ich mir gleich einmal ansehen werde),

      meine Homepage ist ein eigensinniges Monster. Der Apfel scheint nicht weit vom Stamm zu fallen.
      Ständig verschreckt sie Menschen, inklusive mich selbst, damit, dass sie Kommentare ablehnt- und dann klammheimlich doch veröffentlicht.
      An mir selbst kann ich arbeiten- an dieser Seite habe ich es aufgegeben. Wenn ich nicht inzwischen so dran hängen würde, würde ich eine schöne, neue, prima funktionierende Seite anfangen- bei der ich von Anfang an alle Fehler vermeide.

      Gleichwohl- herzlichen Dank für die Kommentare. Blogbeiträge in den Cyberraum werfen ähnelt der alten Tradition der Flaschenpost. Wenn etwas zurückkommt ist es eine große Freude.
      Alles Liebe und viel Spaß beim Baden!
      C

  2. Hallo, Frau Li,

    jetzt hab ich mir eben so viel Mühe mit meinem Kommentar gegeben und der wurde abgelehnt als Spam. Ich hatte keinerlei Link drin. Ich weiß es nicht.
    Jetzt nur noch kurz: Ich gehe jetzt in die Badewanne und werde mal zum Thema Aufschieberitis und Ängste meditieren. Und, wenn es mir gelingt, weitere Kommentare zu schreiben, mehr davon berichten. Beste Grüße
    Ulrike

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