Als das Herz Iktome besiegte

Die Spinne Iktome, die Trickstergöttin ist die Schöpferin der Welt. Aber ist es wirklich die Welt?I

Manchmal irren wir uns oder laufen in die Irre. So, wie wenn wir Schuhe anprobieren, die uns ganz gewiss passen und dann sind sie viel zu groß. So erging es dem Mädchen, als es hinabgestürzte. Denn gewiss hätte sie niemals in dieses winzige Loch gepasst. Doch Sicherheiten sind trügerisch. Drinnen war es dunkel. Ein Gewirr von Linien umfing sie, spitz und eckig ineinandergehakt. An den Stellen, wo die Linien sich berührten, glomm grünlich blaues Licht. Sonst war da nichts.

So lag sie und sah sich mit blinden Augen um. Der Eingang zur Höhle war verschwunden. Doch gewiss musste es ihn geben. Diese Gewissheit war ihr genug und sie überließ sich der Müdigkeit, die grünlich blau durch ihre Adern strömte wie geschmolzenes Quecksiber. Es fehlte nicht viel, und sie wäre liegen geblieben. So lieblich und lockend war das Gefühl. Das war das Seltsamste: Sie hatte gar keine Angst. Irgendwo musste der Ausgang sein und das genügte ihr und sie überließ sich ihren Gedanken, die flüsterten: Ich bin hier und dies ist meine Welt. Alles, was ist, ist hier drinnen und es ist gut so. So schlimm ist es nicht in der Höhle der schwarzen Witwe.

Als dieser Gedanke durch ihre Glieder schoss, fuhr sie zusammen, denn vor nichts fürchtete sie sich mehr als vor der Spinne. Sie wollte aufspringen, doch da ergriffen die Linien sie und umschlangen sie fester. In der Dunkelheit hinter dem Gewirr glommen wie dunkle Kristalle zwei Augen. Die Witwe saß und lauerte. Das Mädchen zappelte und je mehr sie zappelte, umso dichter umfingen sie die Fäden des Netzes.

Draußen ist Licht. Ich weiß es, dachte das Mädchen mit einem Mal und wurde ganz still. Wenn sie leblos liegen blieb, konnte das Netz ihr nichts anhaben. Sie würde liegenbleiben und warten. Etwas würde geschehen. Kaum hielt sie still, da wandelten die Farben sich und wurden lieblicher und schöner als zuvor. Zuerst frohlockte sie und dachte schon, sie hätte die Witwe besiegt. Dann begriff sie, dass all die Schönheit, nicht war als das Gift der Witwe, das in ihr Blut sickerte und sich zum Herzen schlich und wenn es dort ankam, würde sie niemals mehr das Licht sehen. Und doch war Stille ihr einziger Schutz. Solange sie ganz still hielt, würde die Witwe ihr nichts anhaben.

Du wirst mich nicht bekommen, dachte das Mädchen und wartete. Draußen ist das Licht. Ein seltsames Glücksgefühl durchströmte sie. Sie war sicher. Solange sie nur still hielt, würde sich sich nicht verheddern und die Witwe würde sie nicht packen. Das Gift war angenehm und lieblich und alles war mit einem Mal bunt und bezaubernd. Niemals war die Welt so schön gewesen und so verlockend. Nur war es nicht die Welt sondern ein kleines dunkles Loch und das Gift sickerte und sickerte in ihre Adern. Ihr Herz wurde vergiftet und dies war der Zauber der Witwe.

Dies ist nicht die Welt, sang ihr Herz, es ist eine Täuschung. Es ist nichts als das Gift der Witwe. Sieh klar. Das echte Licht ist draußen und es ist hell und leicht. Aber draußen ist nicht mein Leben, antworteten ihre Gedanken. Hier liege ich und hier lebe ich und wenn es nicht die Wahrheit ist, so ist es doch lieblich und schön. Von draußen weiß ich nichts. Vielleicht war die Welt draußen nur ein Traum. Lieber bleibe ich hier und halte still und dann kann mir nichts geschehen. Die Witwe will mir nichts Übles. Sie jagd nach denen, die zappeln und strampeln. Ich will artig sein, dann lässt sie mich liegen und wundersame Bilder sehen. Wenn ich einstmals wieder hinaus soll, dann wird sich ein Weg finden, denn der Tod endet alle Träume.

So lag sie und überließ sich dem Gift, das in sie einströmte, und gerade als sie schon dachte, sie wäre gestorben, da schoss das Leben wilder in sie ein als je zuvor. Sie kauerte auf Gliedern, die seltsam verdreht waren. Bunte Funken umtosten sie. Goldenes Licht blitzte vor ihren Augen und sie sah tief in die Augen der Witwe. Ich bin jetzt wie du, dachte das Mädchen, und ich werde dich besiegen. Ihr Atem zischte böse. Sie streckte ihre langen Klauen und zeigte ihre Zähne. Sie bäumte sich auf und wieder erfassten die Fäden sie und süßer als zuvor drang das Gift in sie ein und wieder lag sie still.

Da weinte ihr Mädchenherz. Sie musste die Spinne besiegen und wusste doch nicht wie. Draußen ist das Licht, sang ihr Herz. Sie sehe es jetzt. Ich werde diese Fäden zerreißen, die mich in falsche Lieblichkeit verstricken. Wachsen werde ich und stärker werden. Eine goldene Spinne des Lichts. Genährt mit dem Gift der Witwe und stärker doch als diese. So wuchs sie und wuchs. Lauter zischte ihr Atem und da zerriss das Netz. Beiss zu, du Scheusal, dachte sie, greif mich an. Aber die Witwe rührte sich nicht. Sie lauerte und vertraute auf ihr Gift. Da vertraute auch das Mädchen und dachte an das Licht, weit weit oben vor der Höhle. So kauerten sie voreinander, Auge in Auge, und warteten. Die Witwe auf ihr Gift und die Spinnenfrau auf das Licht, das heller und heller in die Höhle drang.

Endlos lang war die Zeit.

Da wurde sie müde und ergab sich. Ihre Spinnenglieder wurden schwer und sie starb. Sie war zur Spinne geworden und war es doch nicht. Tot war sie und dabei doch lebendig. Bitter stieg etwas aus ihrer Leber in den Magen und von dort in den Mund. Mit erneuerter Kraft spuckte sie es aus und da war es das Gift. Das Herz in ihrem Spinnenkörper wurde wieder zum Mädchenherz und sie sah klar wie nie zuvor. Sie würde die Spinne besiegen und dabei sterben, denn die Spinne war sie selbst und alles war gut, denn der einzige Weg zum Licht ging durch den Tod. So überließ sie sich der Witwe und diese stieß ihre langen Zähne in ihre Brust. Die Zähne drangen ins Nichts. Das Mädchen konnte nicht mehr sterben, denn sie war unsterblich. Als die Höhle sich auflöste wie ein wirrer Traum, schwebte sie nach oben ins gleißende Licht, am Faden der Spinne und doch für immer sie selbst, denn ihr Herz hatte Iktome besiegt.

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