Die diebischen Brüder

Die Lektion von gut und böse

Dieses Jahr gibt es keine Weihnachtsgeschenke.
Wir sind ausgeraubt worden. Unser Gastschüler Andre hat unsere Wohnung ausgeräumt und ist dann bei seinem Bruder Carlos Bonfiglio Bicker, seines Zeichens angehender Speditionskaufmann in Hamburg,  untergetaucht. Alles, was leicht und unkompliziert zu beseitigen war, ist futsch.  Was mich am meisten getroffen hat: Sogar das Sparschwein meines Sohnes, das jener über Jahre gefüttert hat, ist leer.
Andre gab den Diebstahl sofort zu. Natürlich dachte ich daraufhin, seine Familie würde zusammenstehen und den Schaden wieder gutmachen. Dies ist zumindest meine biedere Vorstellung von Familie. Aber es gibt natürlich viele Modele. Man denke nur an die Mafia.

Die Familie Bonfiglio Bicker funktioniert so:
„Bei mir ist nichts und Spuren wirst du keine finden. Ich schlage vor, du zeigst uns einfach an“, sagte Carlos am Telefon ungerührt. Diebstahl ist offensichtlich nicht so schlimm. Solange ihn keiner nachweisen kann:
Damit hatte ich nun nicht gerechnet. Er fühlt sich offensichtlich durchaus für den Jüngeren zuständig. Aber nicht in dem Sinne, wie ich es erwartet hatte, sondern eher  als Komplize und Hehler.

Der Anruf beim Vater  Jaime im bolivianischen Santa Cruz erboste mich noch mehr: „Das sind gar nicht meine Söhne sondern die Söhne meiner Geliebten. Betina nimmt sie immer in Schutz und hat bisher all ihre Taten gedeckt. Eine Hausangestellte habe ich auch schon entlassen müssen, weil  Betina es geschafft hat, dass ich das Mädchen fälschlicherweise in Verdacht hatte, meine Praxiseinnahmen mitgehen zu lassen. Carlos war immer schon schlau. Andre ist nun also aufgeflogen. Ich will die beiden daher nicht mehr sehen und bin froh, dass sie aus dem Haus sind. Sie haben schlechtes Blut von ihrem Vater. Carlos schafft es hoffentlich, in Hamburg seine Karriere als Speditionskaufmann zu vollenden, ohne dass noch etwas vorfällt. In Hamburg kennt ihn ja niemand. Andre hat diese Chance auf einen Neuanfang nun leider verspielt.  Ich kann mich nur bei  Ihnen entschuldigen, dass es ausgerechnet Sie getroffen hat, Senora Li.“
Hm. Der gute Doktor Jaime Rolando Machicado Calderon hat also gnadenlos seinen familiären Müll bei mir entsorgt. Nicht sehr nett. Aber es sind ja auch gar nicht seine richtigen  Söhne. Na dann.

Das Traurigste ist die Mutter. Betina Bicker, die mich im Vorfelde, mit mails davon überzeugt hatte, dass ihre Söhne Andre und Carlos, wie deren Nachname „Bonfiglio“ schon sagt, liebe und brave Jungs seien, mit einer Familie im Background, die die Verantwortung übernehmen würde, ist überhaupt nicht mehr für mich zu sprechen. An einem Gespräch über ihre beiden Söhne und was aus ihnen werden soll, ist sie offensichtlich nicht interessiert.

Andre und Carlos Bonfiglio haben also eigentlich keine Familie. Keiner will sie. Kein Wunder, dass sie wie Pech und Schwefel zusammenhalten.
Böse bin ich ihnen daher auch nicht so richtig.
Nur ein intensives Gefühl von Ekel ist geblieben, das mich erfüllt, sobald ich unsere Wohnung betrete und mir vorstelle, dass die fetten Finger des Diebes jeden einzelnen Gegenstand umgedreht haben.

Nun, ein paar Wochen später und, wie gesagt, ohne Weihnachtsgeschenke und überhaupt recht freudlos, überlege ich immer noch, was die Lektion aus all dem gewesen sein soll.
Es muss sie geben. Es gibt immer Lektionen.
Diese hier sind besonders ungemütlich.

Was also machte der Diebstahl mit mir.
Ich versuchte es mit Wut, welche bekanntlich nicht unterdrückt werden soll und auch sehr erfrischend sein soll. Aber als Objekt für richtigen Zorn sind diese beiden Brüder einfach zu jammervoll. Selbst mein frisch ausgepünderter Sohn sagte: „Mit denen würde ich nie tauschen wollen, selbst wenn sie alles hätten und ich nichts. Die sind einfach nur eklig“.
Meine zweite Versuch war, mich als Opfer zu fühlen. Dieses Gefühl „ich bin so lieb und alle sind so böse zu mir“ kann sehr anheimelnd und nahezu tröstlich sein. Aber es hielt gerade mal ein paar Sekunden, denn ich kenne es und falle nicht mehr darauf herein.
Vor allem glaube ich fest, dass wir Ungemach, wie Vampire, selbst ins Haus rufen. Immerhin habe ich freiwilig auf das Rundschreiben des FC Sankt Pauli geantwortet, als es hieß: Unser Vereinsmitglied Carlos sucht eine Gastfamilie für seinen Bruder.

Klar, es hieß NICHT:
„Der Hehler Carlos Bonfiglio sucht eine Bleibe für seinen diebischen Bruder Andre.“

Der FC Sankt Pauli verlangt kein polizeiliches Führungszeugnis von seinen Mitgliedern.
Aber wenn ich sehr, sehr ehrlich in mir selbst forsche, so kann ich mich erinnern, dass ich ein klares ungutes Gefühl hatte, als ich die beiden bolivianischen Brüder sah. Meine Seele krümmte sich gewissermaßen zusammen.

Und nun kam die dritte Reaktion. Ich sah meinen eigentlichen Fehler und verstand die Scham, die ich spürte. Den Ekel. Die eigentliche Untat habe ich selbst begangen (zumindest was mich selbst betrifft).
Statt auf meine Seele zu hören, die mir sagte: „Andre und Carlos Bonfiglio kann man nicht trauen“, redete ich mir immer wieder tugendsam zu, nicht so voreingenommen zu sein.
Kein Wunder also, dass ich so niedergeschlagen bin. Ich habe mich selbst verraten. Meine Integrität geopfert. Einen schlimmeren Verrat gibt es nicht.
Nun kommen, ungerufen und gar nicht willkommen, Nacht für Nacht, all die Momente meines Lebens, in denen ich mich selbst verraten habe, wieder ans Tageslicht. All die Momente, in denen ich erlaubt habe, dass andere mich benutzen oder über mich hinwegtrampeln.

Diese Rauhnächte werden alles andere als lustig. Soviel ist sicher.

Aber da alles irgendwann heilt, wird auch dieser alte Eiter hoffentlich bald herausgeeitert sein. Carlos Bonfiglio Bicker und sein diebischer Bruder Andre, die uns das Weihnachtsfest gründlich vergällt haben, werden als Lehrer in meine Vergangenheit eintreten und ich werde bis in die tiefsten Tiefen meiner Erinnerungen tauchen können, ohne auf halbvergammelte Skelette zu stoßen.

2 Gedanken zu “Die diebischen Brüder

  1. Sehr geehrte Christine Bodenschatz- Li
    Ihre Offenheit hat mich sehr berührt.
    Danke.
    Herzliche Grüße
    Angela Weiß