Das Lied Iktomes- Trickstergöttin der Lakota

Die Göttin hatte das Netz gewebt. Nun hing es da. Lockend. Verführerisch. Unentrinnbar. Erschöpft kroch das Mädchen zum Ausgang, doch was sie fand, war nicht das Licht sondern die tausendfachen Spiegelungen in den winzigen Tautropfen, die sich im Netz verfangen hatten. Wie kleine Welten hingen sie da. Dies muss das Leben sein, dachte das Mädchen.
Wie schön es ihr erschien. All das verdankte sie der Spinne. Nicht sattsehen konnte das Mädchen sich an all der Pracht. Blumen sah sie dort gespiegelt, Berge und Wälder, Tiere und zuletzt sich selbst. Wie schön sie war, stark, mit Augen voll Weisheit.
Die Spinne hing reglos in ihrer alten Haut und wartete auf die Erneuerung. Wie seit Anbeginn der Welt verlief alles genau so, wie sie es einst ersponnen hatte.

Das Mädchen hatte die Spinne längst vergessen. Hatte sie nicht die Spinne besiegt und ihre Macht in sich aufgenommen? Nun schlürfte sie Schönheit aus glitzernden Tautropfen und mit jedem Tropfen vergaß sie und vergaß und zuletzt sich selbst. Ein fernes Lied ließ da das Netz erzittern und ein Schauer von Licht und Farben ergoss sich über das Mädchen und als sie aufhorchte, da sah sie den Sänger in einem der Tropfen gespiegelt.
Ich sing dir das Spinnenlied, sang er, das Lied von Sehnsucht und Trauer und von den Menschen, die leben wollen. Willst du leben?
Oh ja, erwiderte sie und öffnete ihr Ohr.
So sang der Sänger: Wir wollen leben, leben wollen wir. Die Menschen sind eins. Heilig ist die Pfeife. Großväter, Großmütter, habt Erbarmen mit uns.
Wild und traurig war seine Stimme. Schlag um Schlag fiel sein Stock auf das Fell seiner Trommel und mit jedem Schlag fühlte sie den Schmerz in seiner Brust und ihr Herz erbebte. Seine Augen spiegelten tausendfarbenes Licht und bald schon tanzte sie sein Lied. Sie tanzte und tanzte und als er seine Klauen in sie schlug, schloss sie die Augen, um nicht zu sehen, und ergab sich ganz. Süß drang sein Gift in sie ein und tiefer fühlte sie das Leben und als sie erwachte und benommen den Kopf hob, da war er verschwunden. Bitterkeit quoll aus ihrem Bauch, hinauf in den Hals und nahm ihr den Atem und als sie in einem Schwall sein Gift erbrochen hatte, da blickte sie in die uralten Augen der Spinne, die ihre Haut abgestreift hatte und über ihr hing, ohne Ende und ohne Beginn, für alle Zeit.

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