Der alte Kondor

 

Seelenflug ohne zu fliegen

In dieser Nacht träumte ich von hohen Gipfeln. Unter mir quollen die Wolken. Darunter, unsichtbar, die Erde. Mein Kopf saß schief auf Schultern, die ich nicht fühlte. Noch fühlte ich wenig, der Traum entfaltete sich langsam. Dann Trockenheit. Kälte. Wind. Vor allem Wind. Meine Knochen zersplittert, voll Luft und Schmerz, doch zäh.
Der Blick so weit.
Natürlich wusste ich nicht, wer ich war. Denn ich sah mich nicht und niemand sah mich.
Ich saß allein. Lange saß ich und wartete ich auf den einen Atemzug, auf den Wind, der mich durchströmen und mich weit über die glasigen Wolken tragen würde. Doch der Atem rasselte und stockte und nichts geschah. Ich saß nur und fühlte mich selbst.
Keine Erinnerung kam, um zu helfen. Ich saß nur. Ich spürte meinen rechten Flügel. Die breiten Federn, bereit sich zu entfalten. Die andere Seite reglos. Verdreht. Feines Knistern, wenn der Wind sie streifte.
Ich saß und fühlte den Wind, der mich nicht lockte, wie er sollte. Meine Füße krallten sich auf trockenen Fels. Ich dachte nach. Überlegte wie ein Mensch und da wusste ich: Ich war ein Kondor. Nur ein Kondor konnte so hoch gelangen. Ein Kondor mit zwei gesunden Flügeln, die sich ausbreiten, ohne darüber nachzudenken. Also hörte ich auf zu denken und ergab mich meiner Kondornatur, die nur eines kannte. Zu sein.
Mein Flügel war zerfetzt worden. Vielleicht vom Wind. Vielleicht von einem Sturz. Keine Erinnerung. Ich spürte großes Alter. Zu alt für Erinnerungen.
Ich war ein sehr alter Kondor und in mir lebte keine Erinnerung an weite Flüge über tiefe Täler. Nichts. Es gab kein vorher und kein nachher. Nichts. Außer dem Wind.
Der Wind durchströmte meinen Körper und stieß gegen verdrehten Knochen. Rüttelte daran. Ich fühlte ihn. Er würde den Flügel heilen. Eines Tages würde ich fliegen. Doch nicht jetzt. Nicht an diesem Tag. Freilich wusste ich nichts von Tag und Nacht. Nur die Wolken zogen unter mir dahin. Tief darunter lebten andere Wesen. Wesen, von denen ich nichts wusste.
Ein Kondor weiß nichts von sich selbst und er weiß nichts von anderen Wesen. Er kann nur Kondor sein und auch davon weiß er nichts. Er weiß auch nicht, dass andere Kondore fliegen und sich weit über den Felsen erheben. Er weiß nicht, dass er verletzt ist. Er sitzt nur und fühlt den Wind, der ihn durchströmt und heilen wird. Er wartet und schaut.
Er wartete lange. Doch nichts geschah. Der Flügel heilte nicht und so saß ich die ganze Nacht und es war gut so.

Manches verstand ich, in dieser Nacht. Ich verstand, dass Heilung geschieht ohne unser Zutun. Ich verstand, dass sie manchmal nicht geschieht und dass es für beides eine Zeit gibt.
Vor allem aber verstand ich, dass ein Kondor nicht weiß, dass er ein Kondor ist.
Nur Menschen wissen solche Dinge und können daher die Gestalt aller Wesen annehmen. Sie können eine Birke sein oder eine Maus oder ein Kondor. Daher hieß es in einem alten Buch, dass der Mensch die Erde beherrschen wird. Er beherrscht sie, weil er alle Wesen sein kann. Er beherrscht sie, so wie man Latein beherrscht oder Mathematik. Nicht, weil sie ihm gehören wie einem König die Dinge gehören. Ist es ein Wunder, wenn er stets etwas anderes sein will?

Ein Kondor beherrscht nur sich selbst. Niemals fiele ihm ein, ein anderer sein zu können. Er kann nicht unzufrieden sein mit sich selbst. Er hadert nicht mit seinem Alter und seinem verkrüppelten Flügel. Er beneidet nicht die anderen, die sich in die Lüfte erheben. Er ist alles, was er ist. Er spürt den Wind in seinen Federn und in seiner Brust und darüber hinaus gibt es nichts für ihn. Auf seine Weise ist er glücklich.

Ein Gedanke zu “Der alte Kondor

  1. jo, lieber v.b., danke für Deine interessanten Gedanken. Ich seh das so: Ursache und Wirkung gibt es nicht, kein vorher, oder nachher. Es gibt nur ein Aufeinandereinwirken über Resonnanz. Da ich nun einmal eine zermatschte Schulter habe, bin ich mit allen anderen Wesen, die ebenfalls „verkrüppelt“ sind verbunden. Mitakuye Oyasin!