Die Legende der Ochun

Wollt ihr wissen, warum Ochun, die Göttin der Liebe, so unansehliche Kleider trägt?

Gepriesen sei Eleggua. Gepriesen seien all die, die nicht mehr sind.
Wie jeder weiß, sind die Farben der Ochun gelb und braun. Dies war freilich nicht immer so. Denn einst war sie reines Licht, geboren aus ihrem Vater der Sonne, und ihre Kleider waren weiß und rein und glänzten wie poliertes Silber. Doch weise ist Obatala und so geschah es und sie stürzte hinab.
Als sie erwachte, fand sie sich tief unter der Erde. Gefangen in einer Felsspalte, eng und schwarz. Unendlich weit war der Himmel. Trocken und dunkel die Erde. Trocken und dunkel und ohne Leben. Eine Schwere zog sie tiefer und tiefer. Sie sank und sank. Schwere Steine bedrückten ihre Brust. Kein Licht weit und breit.

Ich wünschte, ich wäre tot, dachte Ochun.

Sie war aber nicht tot. Schwerer drückten die Steine und schwerer. Tiefer sank sie und tiefer, bis zum heißen Kern der Erde, und dort endlich blieb sie liegen. Nun bin ich tot, dachte sie, und immer noch spürte sie nichts.
Da hörte sie das Trommeln. Leise zunächst und wie im Traum. Die Göttin wunderte sich sehr, denn sie kannte keine Musik. Es war aber ihr Herz, das sie zum ersten Mal hörte. Lauter und lauter trommelte das Herz. Es fehlte nicht wenig und es wäre zersprungen. Da ergab sie sich ihrem Schmerz und starb.

Sie wurde zur Träne. Heiß war die Träne, klar wie Kristall und süß wie Ochun. Sie quoll und füllte alle Spalten der Tiefe, bis zuletzt die Erde selbst überquoll von all dem Schmerz. Wie ein lieblicher Gesang sprudelte die Quelle hervor. Leise murmelnd floss das Bächlein über die uralten Steine, die damals die einzigen Bewohner der Erde waren. Die uralten Steine wunderten sich über die lieblichen Töne und begannen zu tanzen. Bald rauschte es und dröhnte ringsumher.

Der Himmel aber dehnte sich unerreichbar und fern und hörte sie nicht.

Das Bächlein wurde zum Fluss. Wie eine Schlange wand er sich durch Schluchten und Täler und weite Länder. Die Erde, die seit Anbeginn der Zeiten unfruchtbar gewesen war, trocken und hart, wurde weich und feucht. Ferner und ferner wanderte der Fluss und schlängelte sich durch alle Länder und trübte sich vor Erschöpfung und Trauer. Die weißen Kleider der Göttin wurden schmutzig, gelb wie der Ocker und braun wie die Steine, und darüber weinte sie noch mehr. Wie sollte ihr Vater sie erkennen, in solchen Kleidern? Hässlich war sie und ohne Heimat und so starb sie zum zweiten Mal.

Da trauerte die Erde und bedeckte ihren Leib mit geschmeidigem Moos und ihr Haupt mit zärtlichen Gräsern. Überall entstanden Pflanzen. Sie wuchsen und starben und mit jeder Pflanze, die sich hingab und starb, schuf die Erde neues Leben. Aus ihrer Mütterlichkeit entstanden Mais und Kartoffeln. Aus ihrer Lieblichkeit entstanden Nelken und und Heliotrop. Aus ihrer Klugheit entstanden Kaffee und Koka. Aus ihrer Sehnsucht entstanden Tabak und Traube. Aus ihrer Verrücktheit entstanden die giftigen Pilze und aus ihrer Wildheit die Mandragora. Ihre Weisheit aber wurde zur Liane des Todes.

Die Göttin der Liebe vernahm nichts von all dem. Nichts.

Blind vor Tränen und taub vor Verzweiflung irrte sie durch die Länder. Gelber und schmutziger wurden ihre Kleider, verbrannt und dunkel ihr Gesicht und ihre Tränen flossen und flossen. Als alle Tränen geflossen waren, gelangte sie zum Ufer des Meeres. Da ergoss sie sich in die mächtigen Fluten und starb zum dritten Mal.

Klar war sie nun und unendlich weit und in ihrem glitzernden Leib spiegelte sich der Himmel.

Gepriesen sei Eleggua. Gepriesen seien all die, die nicht mehr sind und gesegnet all die, die meiner Geschichte gelauscht haben.

Ein Gedanke zu “Die Legende der Ochun

  1. Wunderschön. Ist der von dir?
    Irgendwie bin ich auf diesen Text aufmerksam geworden. Gesucht hatte ich nach mehr Infos zu Ochun.

    Liebe Heike, vielen Dank. Ja, der Text ist von mir. Deine homepage sieht aber auch sehr schön aus. Licht und Liebe aus Hamburg

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