Die Legende der Obba

Habt Ihr je das Moos gefühlt? Wie es sich an die alten Steine schmiegt und das Hallen eurer Schritte besänftigt. Weich und unbeirrt übersteht es die trockenen Stürme, die über die Erde toben und wenn Regengüsse das Land überfluten, saugt es sie auf. Von Staub lebt es und verharrt gern im Dunkeln. Zärtlich empfängt es Euch, wenn Ihr Eure Ohren in seine Stille schmiegt. Zärtlich empfängt es alle, die Lebenden und die Toten.

Nur die Ameisen, die wimmelnden Töchter der Oya, stören die Stille. Sie kribbeln und beißen und ihr Gift wirft hitzige Blasen auf Eurer Haut. Finden sie Euch aber tot, so zerreißen Euch die winzigen Zähne und zerren Euch hinunter zu Oko, den Uralten. So war es von Anbeginn der Zeit, denn am Ende darf nichts so bleiben, wie es war.
Daran konnte auch Obba nichts ändern, die Schöne.

Dies ist ihre Geschichte.

Wie jeder weiß, lebt die Orisha Obba auf dem Grabhügel. Getreulich lauscht sie den endlosen Klagen derer, die nicht mehr sind. Im Dunkeln lebt sie, dort, wo auch ihr dereinst wohnen werdet und einstmals gewohnt habt. Um den Kopf trägt sie eine Binde und verbirgt die klaffende Wunde, die niemals verheilt.
Das war freilich nicht immer so. Einst bewohnte sie ein prächtiges Haus und ihr Garten war wohlbestellt. Im Schatten saß sie, las in ihrem Buch und lauschte auf den kleinen Vogel, dort in den blühenden Sträuchern, der ihr sein Lied sang. Kein Kummer trübte ihre Seele und wer weiß schon, wovon sie träumte, nachts, unter ihren seidenen Decken.

Eines Morgens, just als sie zum Brunnen ging, donnerte Chango vorbei. Der Hufschlag des weißen Hengstes ließ die Erde erbeben und wie immer umtosten ihn Oyas neunfarbige Blitze und wie ein Blitz traf es Obba. Wie angewurzelt blieb sie stehen. Lange, lange sah sie ihm nach. Selbst als er längst in einer Staubwolke verschwunden war, konnte sie ihren Blick kaum abwenden. Als sie endlich ihre beiden Eimer aufhob und zurück zum Haus ging, zitterte sie am ganzen Leib.
Vergiss ihn, sagte sich Obba. Du hast friedlich ohne ihn gelebt und so wird es bleiben. So einer wie der, das ist nichts für dich. Ihr Herz aber hörte nicht auf die Worte des Verstandes. Es pochte und klagte so laut wie nie zuvor.

Lass ihn ziehen, sagte sich Obba. Du bist nicht lieblich wie Ochun und du schleuderst keine neunfarbigen Blitze wie Oya. Nicht einmal tanzen kannst du.
Aber ihr starrsinniges Herz wollte nicht hören. In die Ecke flog das Buch und ihr Herz pochte lauter und lauter und verjagte den kleinen Vogel.
So vergingen die Tage. Die Früchte ihres Gartens verfaulten. Wildes Gras überwucherte ihre Beete. In ihrer Brust, dort wo das Herz wohnt, war nichts als Tumult.
Dann begab es sich, dass Chango wieder vorbeiritt. Obba saß bei ihrem Feuer und rührte im Kessel. Es ist wahr: Sie besaß keinen Honig wie Ochun und sie konnte keine Blitze schleudern wie Oya. Aber kochen, das konnte sie.

Wie alle richtigen Männer liebt Chango nicht nur die Liebe und den Kampf. Er liebt es auch, seinen Bauch vollzuschlagen und als er die Düfte witterte, die aus dem Haus der Obba bis zur Straße hinauszogen, da überlegte er nicht lange und trat ein. Wusste er doch zu gut, dass keine Frau ihm etwas verweigerte und genau so kam es. Überglücklich schöpfte Obba ihm Schüssel um Schüssel aus ihrem Kessel. Chango aß und als er gesättigt war, da erzählte er von seinen Taten.

Nun beherrschte Obba nicht nur das Kochen.

Viel mehr noch beherrschte sie die Kunst des Lauschens, des Zuhörens, des Verstehen und was es an diesen Künsten noch geben mag. Wer immer sich unter den Menschen und unter den Orishas darin hervortat: Obba übertraf ihn bei weitem. Das rechte ihrer Ohren hörte die Worte der Menschen, den Gesang der Trommel, das Knurren des Jaguars, das Kichern der Ameisen und sogar die schwermütigen Überlegungen der Steine. Ihr linkes Ohr aber hörte die unhörbaren Geschichten, die aus dem Inneren aller Wesen entspringen, es hörte die unaussprechlichen Geheimnisse und selbst die allerverborgensten Wünsche blieben ihm nicht verborgen. Niemand konnte hören wie Obba.

Am nächsten Tag kam er zurück. Er aß aus ihrem Kessel und er erzählte von seinen Taten. So ging es viele Tage, bis er all seine Taten berichtet hatte. Ihr könnt Euch denken, wie lange das dauerte, denn wer hätte mehr angestellt als Chango! Danach berichtete er von den Dingen in seinem Herzen und danach saß er still und Obba lauschte seinem Schweigen.
Es hätte nicht viel gefehlt, und Obba hätte Chango ganz gewonnen. Obwohl sie doch keinen Honig besaß wie Ochun und keine Blitze schleudern konnte wie Oya.
Doch zärtlich war sie und sanft. Stille kehrte in Changos Herz. Vielleicht wäre er geblieben. Doch wann ist etwas geblieben, wie es war, nur weil es gut war? Und was wäre aus der Welt geworden, wenn Chango bei Obba geblieben wäre? Wie still es geworden wäre, ohne seine Trommeln und den Hufschlag seines weißen Hengstes. Was wäre aus all den Geschichten geworden, die die Menschen sich von ihm erzählen.

Gewiss wäre die ganze Welt eingeschlafen.

Was denkt sich dieses fade kleine Ding, murrte Oya. Soll denn alles bleiben, wie es ist? Wütend krachten ihre Blitze in die alten Felsen und diese zerbarsten bis tief ins Herz der Erde. Bunte Farbwirbel kreisten um ihr Haupt und in ihrem Aufblitzen verwandelten sich die Dinge.

Zu Obba aber sagte sie: „Siehst du denn nicht, dass er nie der Deine sein wird. Du magst lesen können und lauschen. Aber deinem Kessel mangelt es an Würze. Ich werde dich lehren für Chango zu kochen.“
Wie konnte Obba, die Weise, so leichtgläubig sein, fragt ihr Euch? Doch ich will Euch einmal sehen und Eure Klugheit, wenn Chango auf seinem weißen Hengst vorbei donnert.

Am nächsten Tag ging Obba zu Oya, damit sie lernte, für Chango zu kochen. Oya hatte sich einen rosigen Turban um den Kopf geschlungen.
„Schau“, säuselte Oya, „Was meinst du wohl, was dort im Kessel schwimmt?“
„Es sieht aus wie zwei kleine Pilze“, murmelte Obba.
Oya lachte. Bunte Funken wirbelten knisternd um ihren rosigen Turban. Sie ist wirklich eine mächtige Zauberin, dachte Obba eingeschüchtert und starrte auf die vielen Farben.
Hätte sie lieber auf ihr linkes Ohr gehört, das alle verborgenen Dinge vernimmt. Dann wäre das Unheil nie geschehen. Aber wenn ein Herz eingeschüchtert ist und seine eigene Macht vergisst, dann entsteht ein Lärm, der sogar Ohren betäubt, die so fein sind wie die der Obba.

„Pilze!“, rief Oya. „Das wird kaum genügen, für einen wie Chango, der die ganze Welt durchstreift und nach Belieben Himmel und Erde durchquert. Etwas Besonderes ist in diesem Kessel. Ein Liebeszauber ist es, der bewirkt, das selbst ein Mann wie Chango sich jederzeit nach mir verzehrt. Es sind meine Ohren“, mit diesen Worten zeigte Oya auf ihren Kopf: „Siehst du, ich hab sie mir abgeschnitten.“
Eigentlich sah Obba ja nur den Turban. Doch sie nickte nur.

Am nächsten Tag begann Obba zu kochen. Sie schlachtete einen Widder und kochte ihn mit gequetschtem Mais und Bananen und befolgte auch sonst alle Anweisungen Oyas. Sie ergriff ein scharfes Messer und, ratsch, ihr rechtes Ohr fiel in den Kessel. Der Schmerz durchfuhr sie wie ein Blitz, schlimmer als der feurige Blick Changos. Vor dem Kessel brach sie zusammen. Ein roter Strom. So floss ihr Blut. Sie verlor die Besinnung und war beinahe tot.

Eine Weile später kam Chango, den die Düfte anlockten. Es gelang ihr gerade noch, auf die Beine zu kommen und in aller Eile ein Tuch um ihr schmerzendes Ohr zu schlingen. Sie sah grausig aus. Bleich und zittrig. Am liebsten wäre ihr gewesen, er wäre gleich wieder gegangen. Doch stattdessen musste sie zusehen, wie er sich unbeirrt selbst eine Schüssel vollschöpfte und begann davon zu essen.
„Dies ist die beste Speise, die du mir je bereitet hast“, sagte er und wieder einmal trafen seine Augen sie wie ein Blitz. Obba vergaß ihren Schmerz.

Nun würde er für immer bleiben.

Doch, oh weh, sein Löffel fand ein rundliches Stückchen, wie er es noch nie gegessen hatte und fischte es heraus. Verwundert runzelte Chango die Stirn: „Was ist das?“
Obbas Herz trommelte so, dass Chango, der ein Meister der Trommel ist, fühlte, dass etwas ganz und gar nicht gut war.
Mit einem Ruck riss er das blutige Tuch vom Kopf der Obba und sah sofort, was geschehen war. Sein Antlitz entflammte vor Zorn. Er brüllte Worte, die Obba nicht mehr verstand. Doch ihr linkes Ohr hörte den Abscheu in seinem Herzen.

Donner brauste um seinen Kopf und dazwischen knisterten spöttisch die bunten Blitze der Oya und als der Regen losbrach, der jedem Gewitter folgt, verhüllte Obba ihr geschändetes Haupt und flog zum Grabhügel. Dort wohnt sie seither und lauscht den endlosen Klagen derer, die nicht mehr sind. Getreulich bewacht sie ihre grauen Häuser und umhüllt sie mit zärtlichem Moos.

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Über Christine

Ärztin und Heilerin für Chinesische Medizin, Akupunktur, Trance und Träume. Aber auch Tänzerin, Dichterin, Liebende und weise Frau. Zuständig für das ganz alte China, Daoismus, Yin und Yang, Geister, Drachen, Liebeskummer, Ängste und heilsame Transformationen. Bücher: "Der Weg der Kaiserin", "Der Weg des Schamanen", "Chinesische Medizin für den Alltag" und bald noch viel mehr.

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