Du brauchst einen Guru.

Du brauchst einen Guru. Wieso eigentlich?

Ich hab eine alte Freundin, ehemalige Lehrerin, und vielleicht ist das ja der Ausgangspunkt des Ganzen,  also besagte Freundin behauptet, immer mal wieder und meistens aus heiterem Himmel:

„So kommst du nicht weiter. Du musst dir einen Lehrer suchen.“

Diese Aussage entgleitet ihrem Mund wie eine unbestreitbare Tatsache. In etwa so wie: „Regen fällt immer von oben nach unten“ oder „Wenn Du dir den Hals zuschnürst, wirst du blau anlaufen.“ An dieser Stelle fällt es mir, wie Sie bemerken, schwer, eine wirklich unbestreitbare Tatsache zu finden. Eine Art monumentum aere perennius der Wahrheit.
Aber stellen wir uns einfach vor, Regen würde wirklich immer von oben nach unten fallen. Tun wir so, als gäbe es keine Stürme, die das Wasser waagrecht am Fenster vorbeipeitschen und als wäre selbst die unfassbare Schwerkraft so etwas wie eine verlässliche und quasi ewige Größe.
Für die, denen das nicht gelingt, als weiteres Beispiel das mit dem zugeschnürten Hals.

Es geht auch nicht daran, ob wir jetzt ein Beispiel für eine solche immerwährende Wahrheit finden. Es geht darum, dass meine Freundin es schon gefunden hat.
Ihre Wahrheit lautet: Jeder Mensch braucht einen Lehrer und wer keinen Lehrer hat, sollte sich tunlichst aufmachen, einen zu finden, sonst kommt sie nicht weiter .

„Du brauchst einen Guru.“, insistiert sie, hartnäckig, immer wieder, just wie weiland der ältere Cato, der bei jedem beliebigen Thema anmerkte, man müsse übrigens außerdem auch noch die blühende Stadt Karthago dem Erdboden gleichmachen.
Seit Jahren kommt meine Antwort auf dieses Ansinnen (das mit dem Guru) so spontan wie knapp: „Ne.“
An sehr gesprächigen Tagen sage ich eventuell: „Ne. Wieso?“

Die beredte und wortgewaltige Frage „Wieso?“ drückt vieles zugleich aus.
Hier kommt mein Blogbeitrag zum Lehren und zum Lernen. Für all die Gurus dieser Welt.

Die Freundin studiert eine bestimmte Schule des Buddhismus und arbeitet sich seit Jahren unermüdlich hinauf in der strengen Hierarchie. Von den Lernenden zu den ein Bisschen Lehrenden zu den noch ein Bisschen mehr Lehrenden.  Von doof zu schlau. Wie Pädagogen sagen würden.
Besagtes Lehrsystem hat uns viele Perlen der Weisheit geschenkt. Es ist eines der ältesten und großartigsten intellektuellen  Gebilde, die der menschliche Geist je konstruiert hat.
(Zumindest sehen die schönen seidenen und bunt bemalten Schriftrollen mit ihren kunstvoll gemalten Zeichen so aus, dass das Mädchen in mir, das gerne  Indiana Jones geworden wäre, kugelrunde Augen bekommt.)
Es ist auch nachvollziehbar, dass die meisten dieser Dinge den meisten Menschen verschlossen bleiben werden, schon allein deshalb, weil das Ganze in einer verdammt schwer zu erlernenden Sprache geschaffen wurde. Ein Lehrer kann daran wenig ändern. Auch dann nicht, wenn er in die Sprache und Tradition hineingeboren wurde und dies seit vielen Inkarnationen, an die er sich alle prima erinnern kann. Es geht ja nicht darum, dass der Lehrer die Sache lernt,  sondern darum, dass ein anderer sie lernen soll.
Vielleicht stehen ganz andere Dinge auf dem kosmischen Lehrplan des Schülers:

  • eine gütige Mutter zu werden
  • im Rollstuhl zu sitzen und fröhlich zu bleiben
  • angesichts eines langweiligen Jobs die eigene Phantasie zu bewahren
  • einen geschundenen, übergewichtigen Körper zu lieben und zu heilen
  • von heißgeliebten Träumen Abschied nehmen.

Das sind natürlich nicht so beliebte Studienfächer wie das Erlernen eines schwierigen esoterischen Systems in einer fürchterlich schwer zu erlernenden Sprache.
Mit letzterem kenne ich mich aus.
Ich habe es mit einem ähnlich komplexen System bereits versucht: der chinesischen Medizin, inklusive ihrer Esoterik und Alchimie- bis heute und vermutlich noch für lange, lange Zeit nahezu ausschließlich in chinesischer Sprache zugänglich (von ein paar ausländischen to-do-Anleitungen abgesehen, die hier im Westen als „TCM“- traditionelle chinesische Medizin- verkauft werden)
Ich habe bereits einmal in einer Bibliothek gesessen, einen ganzen schwülen Sommer lang, auf der Suche nach Weisheit. Mit Spezialerlaubnis des chinesischen Kultusministeriums. Vor mir  unfassbar kostbare Originalschriften.
(„Nicht reinschreiben!“, ermahnte mich die Bibliothekarin streng, bevor sie mir die über Tausend  Jahre alten Texte aushändigte. Ach China!)

Da saß ich nun in jener Bibliothek, vor Texten, die ich nicht verstand, und schrieb sie einfach ab. In den Nächten saß ich dann über den abgeschriebenen Texten und versuchte, sie zu entziffern. Rein sprachlich verstand ich das Zeug am Ende. Was ich nicht verstand, war das Leben darin. Ich lebte nicht in dieser Zeit. Ich kannte diese Krankheiten nicht. Wie zum Beispiel die vielen verschiedenen Arten zu erkranken, nachdem man einem Toten begegnet war.

Ein großer Lehrer braucht nichts zu unterrichten

Also ging ich zu meinem Lehrer. Ein gütiger und weiser Mensch. Ein berühmter Literat und Poet. Ein Professor für altes Chinesisch. So ähnlich dem Bild des weisen alten Chinesen, wie einer nur sein kann. Er saß inmitten seiner Bibliothek, ein Glas Tee vor sich, mit dicker Lupe über alte Texte gebeugt, sprach mit seinen Vögeln und hieß mich immer wieder willkommen, ganz als ob er nichts Besseres zu tun gehabt hätte. Er wollte mir wirklich gerne helfen. Aber er verstand die alten Texte auch nicht. Nicht so wirklich. Er lebte in einer anderen Zeit als die Menschen vor Tausend Jahren. Er lebte in einem ganz anderen Kosmos als ich. Einem Kosmos, in dem sein großes Wissen über das alte China ihm während der Verfolgungen der Kulturrevoution nicht wenige Male beinahe den Kopf gekostet hätte.

Also gab es drei Universen:
Das eines Heilers mit besonderem Interesse an Dämonen, der vor Tausend Jahren gelebt hatte.
Das eines alten chinesischen Dichters mit immensen Wissen über antike Schriftzeichen und Tee.
Das Meine. Wissbegierig. Ungeduldig. Leidensfähig. Komplett grün hinter den Ohren aber stolze Doktorin der chinesischen Medizin.

Die Überschneidungen dieser Welten war minimal.
Dennoch fanden wir sie. Wir tranken Tee. Ich lernte von ihm Güte und Reinheit und wie ein Oolong Tee aufzubrühen ist. Er lernte von mir, dass auch Ausländer mit schrecklicher Aussprache seines geliebten Chinesisch gewisse Dinge lernen können. Ich durfte meine Wäsche waschen, denn wo ich wohnte, gab es kein fließendes Wasser. Seine Frau kochte speziell für mich auf eine Weise, dass ich trotz meiner Schwangerschaftsübelkeit ein wenig bei mir behalten konnte.
Aber was ich eigentlich lernen wollte, blieb uns beiden, auf unterschiedliche Weise, verschlossen.

Dies war nicht erste und vor allem nicht die letzte Erfahrung dieser Art. Ich bin vielen weisen Menschen begegnet. Weisheit haben sie mir nicht beibringen können. Ich bin Menschen mit großer Macht begegnet. Heilern. Zauberern. Auch sie haben mir nichts von diesen Dingen vermitteln können. Bin ich faul? Ich denke nicht. Ich habe einige Sprachen gelernt. Meterweise Bücher gelesen. Bin um die Welt gereist und habe, statt am Strand zu liegen und bunte Getränke zu schlürfen, in dumpfen Hütten gehockt und mich von Moskitos stechen lassen.
Keiner hat mich unterrichten können. Jede besitzt ihre eigene Weisheit und diese ist nur für sie selbst bestimmt und gilt nur in ihrem eigenen Universum.

Dennoch habe ich von all jenen Menschen viel gelernt. Erst im Nachhinein kann ich sagen wie viel. Es ist genau so viel, wie jede Frau, die wach ist und sich so gut sie es vermag, dem Leben öffnet, lernen kann. Zugleich möchte ich behaupten, dass die Menschen, denen ich begegnet sind, eben so viel von mir gelernt haben.

Lernen, genauso wie das Heilen, ist ein Austausch. Lerne ich nicht, lernt auch mein Gegenüber nichts.

Das Konzept des Guru passt da nicht. Gelerntes wird nicht von oben nach unten weitergegeben. Es misst sich nicht in Prüfungen und Hierarchien und Titeln.

Gelerntes misst sich in Atemzügen. Es entsteht in Liebe.

Eine besondere Form des Lernens entsteht dort, wo Menschen einander Schaden zufügen, sich verletzen, betrügen, berauben.  Von Liebe ist hier erst einmal nicht viel zu bemerken. Dies sind Augenblicke, in denen wir uns entscheiden dürfen, aus der Situation zu lernen und unser Herz zu öffnen und in Liebe zu bleiben oder uns zu verschließen und nicht zu lernen.

Je größer das Leid ist, das uns zugefügt wird, umso wertvoller die Lektion.  Wenn wir verstehen, sie bei uns zu behalten.

Vielleicht ist dies der Grund, warum einige der tibetischen Lehrer, die in den Westen geflohen sind, so weise Menschen sind. Sie sind es nicht, weil sie eine so eindrucksvolle Tradition im Rücken und so schöne Schriftrollen im Gepäck haben und von hochrangigen Gurus gelernt haben. Sie sind es, weil sie sich dafür entschieden haben, trotz großen Unrechts nicht zu verbittern.
Nicht Scharen von Gurus haben jemanden wie Nelson Mandela zu einem großen Mann gemacht, sondern sein Mut, angesichts all der Dinge, die er erleben musste, sein Herz offen zu halten.
Ein solcher Mensch braucht keinen Lehrer. Das Leben ist der Lehrer und Gott allein weiß, was für ein fürchterlicher Lehrer das Leben sein kann. Besonders für die Fortgeschrittenen.

Meine Antwort „Wieso?“ auf die Behauptung „Du brauchst einen Guru.“, will also eigentlich Folgendes sagen:

Was genau ist ein Lehrer, wenn jede Begegnung uns weiterbringt?
Warum soll ich NOCH einen Lehrer brauchen, wenn ich doch ohnehin den ganzen Tag lerne und von allen Begegnungen, von allen Missgeschicken und selbst von einer zerbrochenen Tasse mehr lernen kann, als ich verkraften kann?
Warum soll ich überhaupt noch lernen wie ein armes kleines Schülerlein, wenn alle Menschen gleich stark und gleich begabt sind und wir alle gemeinsam unser Ziel erreichen werden oder gar nicht?
Was gibt es überhaupt zu lernen, wenn alle Weisheit des Universums jederzeit für alle Menschen frei zugänglich ist?

Nein. Einen Guru brauchen wir nicht. Wir brauchen auch keinen Arzt. Was wir vielleicht brauchen, immer wieder, ist jemand, der uns in Güte und Ruhe aufnimmt und uns einen Tee aufbrüht.