Im Geisterstrom

Teil 4: Auf der Suche nach den Ahnen- eine europäische Visionssuche

 

In der chinesischen Medizin ist die Erde das Zeichen von Feuchtigkeit, Gedanken, Duft, Ermattung, Bescheidenheit, Mütterlichkeit und Ernährung.
Das Wasser entspricht dem Winter, der Angst und dem Tod und damit auch der Wiedergeburt.
Eine winzige Einführung in die Fünf Elemente Lehre finden Sie in meinem Vortrag zum Hamburger Qigong Kongress.

In dieser Nacht regnete es unaufhörlich. Es begann bereits am Nachmittag. Ich wanderte durch einen endlosen Wald.  Ganz weit oben, unerreichbar zwischen hohen dunklen Baumkronen ahnte ich den mattgrauen Himmel. Unten war alles Dichte und Moder. Tote Bäume lagen in wirren Verstrickungen übereinander.
Toter Baum by Christine Li

 

 

 

 

 

Verworrenes Holz by Christine Li

Keine Menschenseele weit und breit.
„Lasst mich hier herauskommen, ehe die Nacht kommt!“, war mein Gebet und weil es schlicht und unmissverständlich war, wurde es erhört. Beten will gelernt sein.

Nach ein paar Meilen öffnete sich der Wald und entließ mich an den Fluss. Schwärzlich mäanderte er durch seine moorige Heimat. Letzte Sonnenstrahlen rieselten zwischen Wolkenrissen hinab auf die Erde. Unter den Grasbüscheln glitzerte Wasser und meine Füße sanken tief.

die "Kalte Moldau"

Ich fand eine winzige Erhebung, bewachsen von Ebereschen und leuchtend gelbem Johanniskraut, stellte mich vor und bat höflich um ein Nachtlager.

Auch in dieser Nacht spendete ich keinen Tabak, sondern bot an, Müll einzusammeln und mitzunehmen.

Die Bewohner der kleinen Insel empfingen mich freundlich. Es gab keinen Müll hier. Ich durfte mich ausruhen.
Im Halbdunkel nestelte ich in meinen wenigen Habseligkeiten. Alle Kleidung übereinander, der Schlafsack und ganz außen der unbezahlbare Biwacksack. Die zusammengerollte Filzdecke als Kopfkissen. Kleiner Luxus.
Bald schon umfing mich vollkommene Dunkelheit.

Moldaunacht by Christine Li

Frieren würde ich diesmal nicht. Das bisschen Wind schreckte mich nicht, nicht nach den stürmischen Attacken der Bergstürme und dem Gewitter am Hang in den Nächten davor. Aber trocken war die Wiese selbst hier auf dem Hügelchen nicht. Genaugenommen war sie klatschnass.

Der Regen fiel und fiel. Die Wolken ließen kein einziges Sternchen hindurchscheinen. Wasserlast für eine lange Nacht. Ich zog den Biwacksack fest zusammen. Nur eine Lücke zum Atmen ließ ich frei.
Doch nicht umsonst sagen die Chinesen: Wasser ist das Stärkste. Wasser findet immer seinen Weg; es schleicht durch jede Ritze und rinnt in jede Form, und wenn es hoch genug steht, drückt es auch von unten nach oben.

Aber kalt, so kalt, wie ich es in der Höhe erlebt hatte, war es hier unten nicht. Kein Grund zur Besorgnis, sagte ich mir. Die Vögel schliefen im Regen, die Rehe schliefen im Regen. Das einzige, was mich vom Schlafen abhielt, waren mal wieder die Gedanken.
Da lag ich, halbwegs weich und kuschelig in der matschigen Erde und anstatt einfach damit zu sein, konstruierte ich meine Zukunft. Du wirst nass werden und dann wirst du eben doch noch frieren. Dann wirst du nicht schlafen können. Weil ich gleich dabei war, dachte ich dann noch über die Welt im Allgemeinen nach. Die Lage im nahen Osten. Kriege und Krankheiten. Trennung und Entfremdung und Hass. Außerdem zerbrach ich mir den Kopf darüber, wo ich eigentlich war und wo ich am nächsten Morgen hinmusste. Ob ich überhaupt jemals zurückfinden könnte. Auch darüber, ob die Menschheit als solche jemals zurückfinden würde. Und wohin. Lauter Konjunktive. Könnte, sollte, müsste.

Bei Feuchtigkeit kreisen die Gedanken, lehrt die chinesische Medizin.

Voila. Sie kreisten. Klebrig. Unergiebig. Ich fühlte mich kein bisschen weich und kuschelig. Ich war ein einziger Widerstand. So langsam spürte ich auch den Wind, der schwach, aber stetig das Wasser auf meinem Biwacksack verdunsten ließ und mit jedem kleinen Wehen Schauer durch meinen Körper sandte.

„Still jetzt! Riech!“, sagte jemand mit der energischen Stimme der Naturwesen. Es war das Johanniskraut.

Ein Schwall von würziger Wärme durchdrang mich. Ein kurzer Gedanke noch: Wie kann Johanniskraut so stark riechen? Noch dazu mitten in der Nacht? Dann verlor sich auch dieser letzte Gedanke im Duft.
Ich entfaltete mein Luxuskopfkissen und wickelte den Filz um den Biwacksack. Der Filz sog sich voll und bildete eine feuchtwarme Packung, die meine Wärme im Körper hielt und den Wind draußen. So dämmerte ich ein.
Am nächsten Morgen regnete es immer noch und der Himmel hing tief und grau. Statt einer leichten Filzdecke durfte ich nun einen nassen Bleiklumpen in meinen Rucksack stopfen. Da meine Blasen gegen Schuhe rebellierten, stapfte ich barfuß durch das saftige Gras entlang des Ufers.

Mein Weg führte mich auf die Spuren all der Menschen, die viele Jahrhunderte diesem Fluss gefolgt waren. Auf dem Rücken keine Mikrofasersäcke mit ein paar nassen Decken. Sie ertrugen hölzerne Kruken mit ledernen Säcke voller Salz. Je schwerer, destso besser- Denn Salz war das weiße Gold.
Immer weiter den Goldenen Steig hinauf  trug mich der Geisterstrom. Da waren junge Männer, mit schweren Säcken, voller Hoffnung und Tatendrang. Bereit zur Rebellion. Frauen, die dem Zug folgten, Kinder im Tragetuch und im Bauch und auf dem Rücken schwere Säcken. Alte Männer, müde und gebeugt von ihrer Last, Säcken, die von Jahr zu Jahr kleiner wurden und doch immer schwerer für sie, bis sie endlich ihren Widerstand aufgaben und unter ihrer Last zur Erde sanken.

Bohemian Grave by Christine Li

ein ganz kleines Grab

So wanderten sie. Jahraus, jahrein. Nächte unter Sternen und unter grauen Wolken. Tage unter glühender Sonne und im beißenden Wind. Salz rieselte aus den Säcken und brannte sich tief in die verschwitzte Haut.

Wie leicht ich es da hatte. Zwischendurch verlor ich mich zwischen den Bäumen. Aber ein Weg, den so viele Menschen gewandert sind, verliert sich niemals ganz. Ich folgte dem Fluss hinauf, zurück in die Berge, so wie all die Generationen vor mir.

Und dann war mit einem Mal all der Regen gefallen. Ein kleiner See lächelte den ersten Morgenstrahlen entgegen. Ein alter Mann mit einem Pilzkorb trat aus dem Gebüsch. Ein kurzer Blick. Eine Fremde mit moorigen Füßen, zerzaustem Haar, verwühltem grauen Rock. Er zuckte mit den Schultern. Hier war ich und hier war er. Zwei Wanderer auf ihrem Weg. Er nickte freundlich.
Nur noch wenige Meilen bergauf.
Auf dem Berg gab es Tränken für Mensch und Tier. Bier und Schnaps. Die wenigen Bewohner handelten mit allem, was sie hatten. Schnitzereien, Pilze. Felle. Die Frauen mit ihren Kochtöpfen und ihren Körpern.
Viel hatte sich seit jener Zeit nicht verändert. Die gleichen Waren. Dazu Zigaretten und Benzin für die modernen Tiere. Straßenstrich und Dutyfree. Reste von Stacheldraht. Kommunistischer Plattenbau. Halbverfallene Häuser. Das unvermeidliche Chinarestaurant.

So früh am Morgen lag alles wie tot.
Nur vor dem „Hotel Kultural“ räumte eine dicke ältere Frau mit grellgelben Haaren Biergläser zusammen. Ich ging auf sie zu und fragte zweifelnd: „Kava?“
Sie lächelte zahnlos. Selbstverständlich.
Ich folgte ihr nach drinnen. Es roch säuerlich. Zigarettendunst und vergilbte Vorhänge behaupteten sich gegen ein paar lustlose Sonnenstrahlen.  Zwei weitere ältere Frauen mit verschiedenfarbigen Haaren und ausgebeulten Jogginganzügen saßen um einen Tisch mit halbleeren Bierflaschen und überquellendem Aschenbecher.  Böhmische Volksmusik dudelte aus dem Radio. Es war morgens früh um sieben.

Die drei Hexen von Macbeth, dachte ich. Ähnliches mochten sie über mich denken. Wir waren uns nicht fremd.

Die erste der drei Hexen machte eine einladende Geste mit dem Arm: Such dir einen Platz aus. Ich wies auf die Veranda. Sie nickte. Hier standen ein paar Holzbänke. Ich warf meine kleine Last von mir und streckte die Füße unter den Tisch.

Unterdess heizte sie drinnen ihren Kessel.
Nach einer Weile trat sie zu mir. In den Händen ein riesiger  Cafe latte. Duft von Zimt und Kaffee drangen in meine Nase.
„Wow!“, sagte ich und hoffte, dies sei ein internationales Wort.
Ich machte die Geste für „Essen“.
„Friestick?“, fragte meine Kollegin.
„Ja! Bitte!“.
Diesmal kam eine Platte mit achtzehn Scheiben fettiger Salami, sechs Scheiben Pressschinken und sechs weiteren Scheiben Schmelzkäse, ungefähr Hundert Gramm Butter und ein Korb, vollgehäuft mit Graubrot und weißen Hörnchen.

Eine riesige Menge ungesundes Zeug. Aber solche Luxussorgen haben wir hier bei uns nicht.

Sie strahlte mich an. Ich strahlte zurück.
„Wundervoll!“, sagte ich.

Ich aß eine lange Zeit. Nicht, weil man Fasten nicht mit Salami und Spam brechen sollte. Solche Dinge bekümmern mich nicht sehr. Sondern weil ich immer wieder in die Sonne blinzeln musste, während mir Ströme der Dankbarkeit das Gesicht hinabronnen. Sie mochten sich wundern, die Hexen da drinnen. Aber sie hatten bestimmt schon viele Tränen gesehen. Fremde und eigene. Genau wie ich.
Sie ließen mich in Frieden. Ich mümmelte fettige Salami. Zerzaust und müde, mit schmutzigen Füßen und verheultem Gesicht und unendlich dankbar. Ich durfte sein, wie ich war und wurde genährt. Ich war angekommen.

Was ich noch erwähnen wollte: Das Wichtigste im Zeichen der Erde sind Dankbarkeit und Liebe.

Froh und dankbar,
die vierte Hexe

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Liebe, Literaturfetzen von Christine. Permanenter Link des Eintrags.

Über Christine

Ärztin und Heilerin für Chinesische Medizin, Akupunktur, Trance und Träume. Aber auch Tänzerin, Dichterin, Liebende und weise Frau. Zuständig für das ganz alte China, Daoismus, Yin und Yang, Geister, Drachen, Liebeskummer, Ängste und heilsame Transformationen. Bücher: "Der Weg der Kaiserin", "Der Weg des Schamanen", "Chinesische Medizin für den Alltag" und bald noch viel mehr.

2 Gedanken zu “Im Geisterstrom

  1. Hallo Frau Li,
    danke, dass Sie diese wertvolle Geschichte geteilt haben, besonders die letzten Abschnitte.
    Ich hatte manchmal versucht in Kontakt mit unseren Naturwesen zu kommen, leider habe ich es nicht geschafft.
    Liebe Grüße, J.M.

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