Granatapfelkerne

Einst las ich eine Geschichte der Sufi über Heilung, die mich tief berührte. Da ich sie nirgends finden kann, erzähle ich sie hier nach. Unweigerlich werde ich sie vollkommen verändern. Doch wer weiß, vielleicht bleibt es eine berührende Geschichte. Wahr ist sie allemal und wer sie versteht, mag sich Granatapfelkerne kaufen, denn dies ist die Zeit.



Ein weiser alter Lehrer ging dereinst mit seinem Schüler auf Wanderschaft. Da sie schon lange Zeit so wanderten und den ganzen Erdball umkreisten, blieb es am Ende nicht aus, dass der Schüler alles wusste. Vielleicht wusste er sogar mehr als der Meister und er brannte vor Begierde, dies zu zeigen.

So geschah es, dass die beiden eines Nachts, als der Mond hell und rund am Himmel schien, am Feuer einen Mann trafen, der sich über die Maßen freute, zwei so unvergleichlichen Weisen begegnet zu sein. Zaghaft warf er sich den beiden vor die Füße und bat um Heilung.

„Lasst mich!“
, bat da der Schüler und der Meister gewährte es lächelnd.
Also fragte der Schüler den Mann nach seiner Krankheit und der Mann nannte ihm diese, soweit er sie verstand.
Er hatte kaum zuende gesprochen, da rief der Schüler schon:
„Granatapfelkerne! Ihr braucht Granatapfelkerne.“

Da bedankte sich der Mann und ging seiner Wege und fand Granatäpfel und aß die Kerne und nichts geschah.

Der Mond wuchs und nahm wieder ab und wieder kam eine Nacht. Da sahen sie, wie der Kranke sich ihrem Feuer näherte.
   „Und?“, bedrängte ihn der Schüler. „Seid ihr genesen?“
Doch der Kranke schüttelte betrübt den Kopf und setzte sich ein wenig abseits.

Da rückte der Alte dichter zu ihm heran und fragte ihn freundlich nach all den Dingen, die ihm begegnet waren in jenen Tagen seit dem letzten Vollmond. Und der Mann erzählte.
Da fragte der Meister ihn nach all den Dingen, die ihm in früheren Zeiten begegnet waren. Er fragte ihn nach seiner Familie und seinem Heimatdorf. Er fragte ihn nach seinen Freunden und den Dingen, die er liebte und denen, die er hasste. Er fragte ihn nach seiner Meinung über die Getreidepreise und das beste Futter für Kamele und nach seiner eigenen Lieblingsspeise und nach dem Traurigsten, das ihm je widerfahren war. Und der Mann erzählte alles.
Sie lachten und weinten und am Ende sangen sie die wehmütigen Lieder des Alten Volks.
Die ganze Nacht saßen sie so am Feuer und als die Sonne sich rötlich am Himmel erhob, fragte er ihn nach seiner Krankheit. Da erzählte der Mann zuletzt  auch diese.

Der Meister nickte und sagte: „Ihr braucht Granatapfelkerne.“
Da ging der Kranke und kaufte Granatapfelkerne und er genaß zur Stunde.

„Ich hatte also recht“
, sagte der Schüler. „Er brauchte Granatapfelkerne.“
„Nicht ganz“
, lächelte da der Alte. „Er brauchte Granatapfelkerne und Zeit.“

 

2 Gedanken zu “Granatapfelkerne

  1. Das ist doch ohnehin das Geheimnis, die Zeit heilt alle Wunden, sie braucht nur so mächtig lange dazu. Manchmal eben ein ganzes Leben lang…

    • …da kommen dann eben doch die Granatapfelkerne zum Tragen, die zu Zeiten die Sache ein klein wenig verkürzen mögen. Gelle, großer Alchemist?