Kriegsenkelin

Heute, zum Totengedenktag,  gedenke ich meiner toten Großeltern.

Mein Heiler- Kollege und Santeria Lehrer Valdonio erklärte mir vor Jahren auf Kuba:

„Ihr aus Europa seid voller Toter. Ihr könnt euch kaum noch bewegen vor Schmerz und Trauer. Deswegen tanzt ihr so schlecht.“

Er unterrichtete mich, wie ich die Egguns, die Toten also, mit Hühnerblut zu füttern hatte, und er gab mir einen Altar, einen alten Dachziegel, den ich, getränkt mit Hühnerblut und verklebt mit Hühnerfedern, durch den Zoll schleppte und weisungsgemäß in meinem Garten vergrub.
Nach dem Motto: Wer weiß, vielleicht hilft‘s ja.
Der Tot des Huhnes ist eine andere Geschichte und gehört nicht hierher.
Während das arme Vieh in meinen Händen zuckte, lernte ich einiges über mich und das Leben, vor allem, wie schnell es durch die Hände rinnt, und ich lernte, dass Lebewesen wirklich leichter werden, wenn die Seele aus ihnen herausströmt.  Es war ein elender Vorgang.

Aber die Egguns klebten fest. Hühnerschlachten hilft nicht gegen den Tod.

Jahre später, pünktlich zum Herbstanfang, nahm der Schmerz überhand. Schmerz war ein alter Freund. An den meisten Tagen meines Lebens, solange ich zurückdenken konnte, schmerzte zumindest die Hälfte meiner Knochen. Skoliose, Rheuma. Fibromyalgie. Unnötige Namen.
Wie mich überhaupt medizinische Diagnosen kaum überzeugen können. Was mich bewegt, sind die Ursachen solcher Zustände. Schmerzhaften Zuständen ein Etikett zu verpassen, ist für mich keine Diagnose. Gnosis heißt „Erkenntnis“ und nicht „Benennung“.

An diesem ersten Herbsttag  war die Diagnose ausnahmsweise klar. Ich hatte getanzt. Ein angenehmer Schmerz, wohltuend und überschaubar. Grund genug, dem Ganzen noch ein Bad mit Meersalz und Algen  folgen zu lassen.
Der Schmerz strömte angenehm durch den Körper und ich ließ mich ganz einsinken. In den Schmerz, tief ins Wasser. Es dauerte eine Weile und mein Kopf sank unter Wasser. Ich spürte nun nichts mehr. Nur eine Erstarrung, die noch zunahm, als ich mich ihr ganz ergab. Dies war kein Muskelkater mehr.

Ich lag allein in einer zerstörten Landschaft. Ausgeblutet, verkrampft von zahllosen Wunden und vor allem vor Kälte. Erstarrt vor Angst. Versteckt hinter etwas Dunklem. Einem Bretterverschlag? Eine weite Ebene mit einzelnen Birken und unklaren Trümmern. Eine Landschaft, die ich schon oft gesehen hatte, obwohl ich noch niemals dort gewesen war.
Nonlokalität. Alles ist gleichzeitig und hier. Ich war in Russland. Kriegsende. Ich war mein Großvater. Der, der niemals zurückgekommen war. Der, dessen Geschichte verloren ging. Der spurlos aus dem Leben verschwand. Der, dessen Grab bis heute niemals gefunden wurde.
Mit einem Mal begriff ich, dass seine Spur in mir fortlebte. In meinem schmerzenden Körper. In meiner lebenslangen Traurigkeit.
Großvater, dachte ich. Erzähl mir deine Geschichte.

Ich sank tiefer und im gleichen Augenblick hörte ich Geräusche. Todesangst. Dann, ein Knall, ohrenzerfetzend wie ein Schuss. Mein Herz zerriss. Wenig fehlte und ich wäre, feige, aus dem Wasser aufgetaucht. Ich blieb unten. Ich starb.

Später kochte ich und lud meinen unbekannten Großvater zu einem letzten Abendessen ein. Ich erzählte ihm aus meinem Leben und wie sehr ich ihn vermisste. Ich erzählte ihm vom unendlichen Schmerz meiner lieben Oma. Wir weinten beide und tranken Wein. Dann ließ ich ihn gehen.
Der Schmerz ging dann auch. Zumindest ein Teil. Der Großvaterteil. Das fiel mir aber erst viel später auf.

Heute, zum Totengedenktag gedenke ich meiner Ahnen. Sie sind bei mir.

2 Gedanken zu “Kriegsenkelin

  1. Hallo Frau Li,

    eine traurige Geschichte finde ich, der Tod des Huhnes, Ihre Schmerzen und Ihre Traurigkeit und Ihr Großvater der im Krieg sein Leben lassen musste und der Schmerz seiner Frau. Ich bewundere Sie dafür, dass Sie die Spur zu ihm gefunden haben und das Sie zu Ihrem vermissten Großvater Kontakt aufnehmen konnten und ihn verabschieden konnten. Und ich freue mich für Sie, dass Sie weniger Schmerzen haben.
    Mein Urgroßvater ist auch im Krieg gefallen. Leider weiß ich nichts über ihn. Wenn ich auf dem Friedhof bei meinen Großeltern war, bin ich immer an den vielen Namen vorbei gelaufen auf diesen grauen Platten, die vielen Menschen die ihr Leben im Krieg lassen mussten. Mir ist es immer länger nachgegangen was sie dort wohl erlebt haben müssen, wie viel Todesangst sie durchleben mussten, wie sie wohl zu Tode kamen und wie viele Menschen dann einfach nicht mehr nach hause kamen und einfach irgendwo lagen und wie schlimm es wohl für die Angehörigen sein musste sie nicht mal beerdigen zu können, ihnen nicht mal eine normale Ruhestätte geben zu können.
    Alle Schäden oder Tode an Menschen sind traurig und grausam.
    Liebe Grüße,
    J.M.

  2. Hallo Frau Li,

    eine traurige Geschichte finde ich, der Tod des Huhnes, Ihre Schmerzen und Ihre Traurigkeit, Ihr Großvater der im Krieg sein Leben lassen musste und der Schmerz seiner Frau. Ich bewundere Sie dafür, dass Sie die Spur zu Ihrem vermissten Großvater gefunden haben und Kontakt zu ihm hatten und sich von ihm verabschieden konnten. Und ich freue mich für Sie das Sie weniger Schmerzen haben. Mein Urgroßvater ist auch im Krieg gefallen. Leider weiß ich nichts über ihn. Wenn ich damals auf dem Friedhof bei meinen Großeltern war, bin ich immer an den ganzen Namen auf diesen grauen Platten vorbei gelaufen, die ganzen Menschen die alle ihr Leben im Krieg lassen mussten. Es ist mir immer länger nachgegangen, was sie dort wohl erlebt haben müssen, wie viel Todesangst sie gehabt haben müssen, wie sie wohl zu Tode kamen und wie viele dann einfach nicht mehr nach hause kamen und einfach irgendwo lagen und wie es wohl für die Angehörigen war, sie nicht mal beerdigen zu können, ihnen nicht mal eine normale Ruhestätte geben zu können. Schäden und Tode an Menschen sind alle traurig und grausam.
    Liebe Grüße,
    J.M.