Prometheus und der Adler

Prometheus

Bestimmte Leute halten sich für schlau. Sie sagen, die Götter hätten Prometheus bestraft, weil er den Menschen das Feuer gebracht hat. An einem Felsen soll er gekettet sein, wo ein Adler ihm die Leber zerfrisst. Aber sie irren sich, denn ein Gott ist Prometheus und göttlich sind die Menschen und sonst gibt es nichts als flirrende Unendlichkeit.

Einst, vor langer Zeit lebten die Menschen im Dunkel. Frierend kauerten sie in ihren Höhlen und wussten nicht, was tun. Es ist dunkel, sagte Prometheus, dunkel und kalt. Ich werde hinaufgehen und das Feuer zur Erde bringen, denn dies ist meine Bestimmung. So machte er sich auf, das Feuer zu suchen. Mit einem Stock stieß er vor sich auf den Weg, um nicht in die tiefen Felsspalten zu stürzen, die überall in der kalten Erde klafften. Lange ging er so. Er ging nach Osten und nach Westen, in den Süden und den Norden. Doch er fand nichts.

Da legte er sich hin und schlief und im Traum sah er hoch hinauf und dort war es hell. Weit, weit dort oben, dort muss es sein, sagte er sich. Ich erinnere mich. Das ist das Feuer. Ich werde auf einen Berg steigen und den Menschen das Feuer hinabholen. So suchte er nach einem Berg und stieg hinauf. Wie mühsam das war. Blind, auf Knien und Händen, kroch er voran, hinauf zwischen schwarzen Kluften, die er mit den Fingern ertastete. Steine rollten hinab und schlugen tief unter ihm auf. Ein anderer hätte sich gefürchtet. Doch Prometheus stieg und stieg bis er die Spitze des Berges erreichte und immer noch war es dunkel und kein Feuerschein weit und breit.

Ich werde auf keinen Fall umkehren, sagte sich Prometheus, denn ich habe versprochen, das Feuer zu bringen und dies ist meine Bestimmung. Jahre vergingen und Prometheus kroch blind durch die Berge. Hinauf und hinab, doch ganz gleich wie hoch er stieg, das Feuer fand er nicht.
Wir armen Menschen, sagte sich Prometheus. Auf allen Vieren kriechen wir dahin. Wie leicht hat es doch der Adler. Ohne Mühe fliegt er hinauf auf die höchsten Höhen, um Atzung zu bringen für seine Jungen.

Da schlachtete er ein Schaf und kroch nackt in die blutige Haut und überließ sich seinem Traum. Als er schlief, senkte der Adler sich hinab und packte die blutige Haut und dachte nicht anders, als dass es ein Schaf sei. Da werden meine Adlerjungen sich freuen, sagte er sich. Doch wie schwer war dieses Schaf! Kaum schaffte der mächtige Vogel es hinauf zu seinem Horst. Auf der höchsten Spitze eines Berges war der Horst und dort warf er die Haut mit Prometheus zwischen die jungen Adler. Diese freuten sich und begann, an der Haut zu zerren.

Der Adler aber stieg hinauf in die höchsten Höhen, zwischen flauschigen Wolken schwebte er im Licht, denn so liebte er es. Die jungen Adler unterdess zerrissen die Haut des Schafs und fanden Prometheus. Wie erschreckten sie sich da und schrieen laut nach ihrem Vater. Dieser aber hörte sie nicht, denn er schwebte über den flauschigen Wolken und wiegte sich im Licht. Die Donnervögel sahen ihn und ärgerten sich. Umhüllt von Blitzen und schwarzen Wolken flogen sie heran und zerrten an den Flügeln des Adler. Von allen Seiten umtosten sie ihn, doch dieser lachte nur und stieg noch höher. Weit weit hinauf, wo kein Sturm ihn erreichte, wo nichts mehr war als endlose Stille. Da wüteten die Donnervögel und ließen schwere Regentropfen und eisige Hagelkörner auf die Erde prasseln. Blitze tobten durch die Luft. Von weit oben sah es der Adler und sein Herz wurde schwer. Dort unten lagen seine Adlerjungen und gewiss würden sie sterben in diesem Unwetter. Doch wie sollte er hinab zu seinen Jungen in diesem Sturm? Der Adler weinte.

Unten im Horst aber lag Prometheus. Die Adlerjungen hatten sich erschreckt und in ihrer Angst nach seinen Augen gepickt. Nun aber, als die eisigen Hagelkörner auf sie herabprasselten und die Regengüsse drohten, den Horst hinabzuspülen, zitterten sie und riefen lauter nach ihrem Vater, der hilflos über den Wolken schwebte und nicht hinabfand zu seinen Kleinen. Nun, da die jungen Adler von ihm abgelassen hatten, lag Prometheus nackt im Sturm und umschlang zitternd seinen frierenden Körper. Eine Weile lang zog er den Kopf ein und schützte sein Gesicht vor dem Ansturm des Gewitters. Es war kalt und nass, doch zumindest hatten die kleinen Bestien von ihm abgelassen mit ihren scharfen Schnäbeln.

Da drang der jämmerliche Schrei der jungen Adler in sein Ohr. Er liebte sie nicht, doch in seiner Leber fühlte er ihren Schmerz, wie jedes lebendige Wesen den Schmerz der Kleinen fühlt. Sorgsam breitete er die blutige Haut des Schafes über ihre zerfledderten Flügel und mit leise gurrenden Geräuschen aus seinem Mund beruhigte er sie, so gut er es vermochte. So kauerten sie und rückten näher zusammen und endlich ließen die Donnervögel ab von ihrem wilden Spiel.

Der Adler stieß hinab und wen fand er da in seinem Horst: Einen Menschen! Mit seinen Krallen stürzte er sich auf Prometheus und nicht viel hätte gefehlt und dieser wäre hinabgestürzt in die schwindelnde Tiefe.
„Lass ab, Vater“, schrieen da die jungen Adler. „Dieser flügellose Adler hat uns mit der Haut des Schafes bedeckt, als die Hagelkörner hinabprasselten. Ohne ihn wären wir alle gestorben.“
Da ließ der Adler ab von Prometheus und sah ihn verwundert an: „Wer bist du, Fremder?“
„Ein Mensch.“
„Du hast meine Jungen gerettet und ich will nicht undankbar sein, denn dies ist nicht die Art der Großen. Was ist dein Begehr?“
„Hilf mir, das Feuer zu suchen.“
„Vom Feuer hab ich wohl gehört. Doch es ist weit, weit über den Wolken und meine Kraft reicht nicht bis dort hinauf. Wenn es so sein wird, stürzen wir ab.“
„Dennoch ist dies mein Begehr“, sagte Prometheus, denn er hatte es versprochen.

Was sollte der Adler da tun? Er beugte sein Haupt und ließ den nackten Menschen zwischen seine mächtigen Schwingen klettern. So stiegen sie hinauf. Weit hinauf über die Wolken erhoben sie sich, höher als der Adler jemals geflogen war. Da drehte der Adler sein Haupt und sagte: „Meine Schwingen zittern und meine Augen erblinden von der Höhe.“
„So friss die meinen“, sagte Prometheus.
Der Adler stieß den Schnabel in die Augen des Prometheus und dieser ward blind.
Der Adler aber stieg höher hinauf.
Wieder drehte der Adler sein Haupt und sagte: „Meine Schwingen zittern und mir gebricht es an Kraft.“
„So trink mein Blut“, sagte Prometheus. 
Der Adler aber stieß den Schnabel in den Hals des Prometheus und trank sein Blut. Da schwanden diesem die Sinne und sein Kopf sank auf die Brust.
Der Adler aber stieg höher hinauf.
Wieder drehte der Adler sein Haupt und sagte: „Meine Schwingen zittern und mein Mut verlässt mich.“
„Dann friss meine Leber“, stöhnte Prometheus.
Der Adler stieß seinen Schnabel in die Leber des Prometheus und dieser verging fast vor Schmerz.

Höher und höher stieg der Adler und fand das Feuer. Sacht ließ er Prometheus neben dem Feuer zu Boden gleiten und wedelte mit seinen Schwingen Wärme über den starren Körper. Da erwachte Prometheus. Der Adler wedelte den Feuerschein in die blinden Augen und da konnte Prometheus sehen.
Nur die Leber konnte der Adler nicht heilen.

Dann nahmen sie das Feuer und brachten es zurück zur Erde. Der Schmerz in der Leber aber blieb dem Prometheus und so ist es seither bei all denen, die von unstillbarer Sehnsucht getreiben werden. Vielleicht ist es ja gut so, denn ist nicht alles gut so, wie es ist?

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