Man darf sich selbst nicht schlecht behandeln

Reisbrei mit Rosen und Selbstrespekt

Vor drei Jahren reiste ich in einem chinesischen Überlandbus in die Wildnis des chinesischen Südwestens. Solche Fahrten sind oft sehr lang. Am Ziel angekommen, hatten mein chinesischer Sitznachbar, ein Arzt aus Sechuan, und ich uns alles erzählt, was zwei unaufhörlich plappernde Menschen sich in dreißig Stunden erzählen können. Wir beschlossen, ein paar Tage gemeinsam weiterzureisen und unsere Photographierkünste miteinander zu messen. Beim Aussteigen gesellten sich zwei weitere Chinesen zu uns. Ein hochgewachsener junger  Mann mit dem Lächeln eines Filmstars und eine strahlend schöne junge Frau.

Die Sonne versank hinter den Bergen. In der abgelegenen kleinen Stadt flanierten unzählige chinesische Touristen durch die engen Straßen. Lampions baumelten von den alten Pfahlbauten und warfen Myriaden von Lichtern über den gemächlichen dahinströmenden Fluss. Aus kleinen Teehäusern klang Gesang. Mit einem Wort, wir fanden uns in der Kulisse eines Märchenfilmes wieder.  Nur Herberge fanden wir nicht.

Die Stadt war so ausgebucht wie Italien im August. Selbst die hässlichen Hotels am Rande der Stadt waren längst überfüllt. Gelegentlich gab es einzelne Betten mit zerissenen Laken oder Zimmer ohne Fenster. Kein Problem für drei von uns. Immerhin hatten wir circa dreißig Stunden Busfahrt hinter uns. Nur unser vierter Mann  lehnte jeder dieser spärlich gesäten Möglichkeiten resolut ab.  Also schlurften wir, zunehmend lustlos, weiter von Hotel zu Hotel.
Er hatte sich in den Kopf gesetzt, in dieser restlos ausgebuchten Stadt drei elegante Zimmer mit allem Komfort und Blick über den Fluss zu finden und das alles zum Preis eines Gemeinschaftsschlafsaales.
„Man darf sich selbst nicht schlecht behandeln!“, erklärte er mit Würde.
„Er ist immer so“, entschuldigte ihn seine Partnerin und strich ihm liebevoll über das Gesicht.
„Er wird schon noch müde werden“, grinste der Arzt.
Ich erwog Rebellion. Ich brauchte keine drei eleganten Zimmer mit Blick über den Fluss. Ich wollte eine einzelne schmale Pritsche. Möglichst waagrecht.
Um es kurz zu machen, wir fanden genau, was wir suchten. Noch schöner. Dachterrasse mit Blick über den Fluss. Geschnitzte Fensterläden.

In der Nacht, nach einem unbeschreiblich köstlichen Essen in der Stadt, bei dem der Herr Nummer vier alle Fische eigenhändig auf Frische und das Gemüse auf Knackigkeit geprüft hatte, bevor er es dem Koch zur gefälligen Zubereitung überließ, schlossen wir uns der flanierenden Menge an. Ich photografierte verstaubte Lampions, Berge von Mandarinen, magische Pilze, zerbrochene Musikinstrumente und zum Dörren aufgehängte Schweineköpfe, als unter milden Spott des Arztes, der ähnliches unternahm, aber mit Stativ und Spiegelreflex.

Nach einigen Stunden beschloss unser vierter Mann, den wir mittlerweile den „großen Vorsitzenden“ getauft hatten, was er mit ruhiger Selbstverständlichkeit zur Kenntnis nahm, er wünsche nun zum Abschluss der Nacht noch einen Reisbrei zu speisen. Das wäre sehr wichtig, um unsere Mitte nach all den vielen Eindrücken wieder zu harmonisieren.

Nun gibt es nächtlichen Reisbrei in den großen Städten der Küste, Kanton etwa, oder Hongkong. Aber morgens um drei in einer Kleinstadt des wilden Westens sind solchen Extravaganzen Grenzen gesetzt. Wir erklärtem ihm das, jeder mit seinen eigenen Worten. Wir waren inzwischen zu müde, um große Geduld für seine, vernünftigerweise kaum erfüllbaren, Ansprüche aufzubringen. Selbst die liebliche Frau befand sich am Rande der Rebellion.
Unser großer Vorsitzender indess blieb unbeirrt:
„Ich verstehe, dass ihr müde seid. Doch Reisbrei wird uns allen guttun nach diesem Tag. Man darf sich selbst nicht schlecht behandeln.“

Um es kurz zu machen. Wir fanden ein idyllisches kleines Teehaus, das sich auf nächtlichen Reisbrei spezialisiert hatte. Ich entschied mich für Reisbrei mit Rosenknospen.

Reisbrei mit Rosen für Harmonie und Glück

Reisbrei mit Rosen für Harmonie und Glück

Der Duft der Rosen erfüllte den Raum. Der Tee war erlesen. Mit restlos harmonisierter Mitte und entsprechendem Gelächter gratuliertem wir unserem großen Vorsitzenden zu seiner erleuchteten Einsicht und dieser nahm unsere Demutsbezeugungen mit würdevollen Lächeln entgegen.
Wir blieben ein paar Tage zusammen, fuhren mit Einbäumen durch modrige Flussarme, besuchten verlassene Dörfer, tranken Schnaps und gingen zugleich jeder seinen eigenen Interessen nach, so friedlich und vergnügt, wie vier grundverschiedene Menschen sein können, wenn ein erleuchteter Anführer unter allen Umständen darauf besteht, stets die Beste aller Möglichkeiten für alle zu finden.
Beim Abschied tauschten wir, wie es sich gehört, e- mail Adressen aus. Der „große Vorsitzende“ entschuldigte sich bei mir:
„Es war mir eine große Ehre, mich mit einer Ausländerin auszutauschen und in liebevollem Respekt zu verweilen, obwohl unsere Gedanken in so vielen Dingen unterschiedlich sind. Dies ist ein glückverheißendes Vorzeichen für meine Frau und mich. Du musst wissen, dies ist unsere Hochzeitsreise. Doch wenn du das Land verlässt, kann ich leider keinen Kontakt mit dir aufrechterhalten. Ich bin in sehr hoher Position bei der Armee und es ist mir nicht erlaubt.“
„Aber wir können uns gerne schreiben. Ich hab solche komischen Vorschriften nicht“, lachte die junge Frau.
„Das darfst sie natürlich. Aber ich darf es nicht. Das wirst du verstehen. Es ist eine freiwillige Entscheidung und ich respektiere meinen Kodex. Man darf sich selbst nicht schlecht behandeln.“
Er lächelte mich an und verneigte sich. So nahmen wir Abschied.

Ich denke gerne an die beiden und an manchen Tagen, wenn ich dazu neige, mich selbst aus Trägheit zu wenig zu respektieren, höre ich in meinem Kopf die leisen Worte:
„Man darf sich selbst nicht schlecht behandeln.“

2 Gedanken zu “Man darf sich selbst nicht schlecht behandeln

  1. Sehr geehrte Frau Li,

    ich lese Ihre weisen Geschichten mit großem Vergnügen. Diese gefällt mir besonders gut! Nun zu meiner Frage: Ist das Rezept für den Mitte stärkenden Reisbrei überliefert?
    Gerne würde ich mir selbst diesen Brei zubereiten. Danke und herzliche Grüße
    Nadama

    • Liebe Nadama,

      lieben Dank für Ihren Kommentar. Der Reisbrei geht sehr einfach. Sie nehmen eine halbe Tasse weißen chinesischen oder thailändischen Reis und koche diese mit sechs Tassen Wasser bis der Reis ganz zerfallen ist. Das ist das typische chinesische Frühstück. Genausogut können Sie auch Reste von fertig gekochtem Reis mit weiterem Wasser zerkochen lassen. Zuletzt lassen Sie die gewünschten Zutaten noch kurz mitziehen. Zum Beispiel eben getrocknete Rosen. Es kann aber auch jee andere Zutat mitgekocht werden. In China sind dies meistens salzige Zutaten. Aber Früchte oder Blumen oder Heilkräuter sind auch sehr schön. Im Internet finden Sie viele Rezepte unter der Bezeichnung „Congee“.
      Alles Liebe, Christine Li