Von Toten, schwarzer Kleidung und Akupunktur

Ich möchte Ihnen eine kleine Geschichte erzählen.
Es war zu der Zeit, als ich mich in die Wege der kubanischen Santeria einfühlte. Wie jeden Tag wühlte ich mich durch die engen Gassen im Barrio Jesu Maria. Mein Santeria Pate Jorge, der mich bei meiner Ausbildung unterstützte, der sonst immer lachte und endlose Geschichten aus seiner Zeit als Seemann erzählte, saß mit betrübtem Gesicht im Schatten vor der winzigen Ladenwohnung des Babalawo, des Priesterheilers.
„Heute können wir nicht arbeiten“, erklärte er.
„Was ist los?“
„Ich kann den Arm nicht bewegen. Es schmerzt teuflisch. Wir werden eine Zeremonie machen müssen, um den Eggun zu vertreiben, der da reingeschossen ist. Aber ich hab wirklich keine Zeit dafür und auch kein Geld“.
Egguns sind Geister von Toten, die nichts als Unheil anrichten, wenn man sie nicht respektiert. Dann müssen sie mit Opfergaben besänftigt werden, was ziemlich teuer werden kann.
„Vielleicht kann ich in der Zwischenzeit ein bisschen helfen“, bot ich an.
„Du?“
  „Ich stech mit Nadeln. Akupunktur. Kommt aus China.“
Jorge sah nicht sehr überzeugt aus: „Ich weiß, was Akupunktur ist, und in China war ich auch schon“, brummte er. „Wird kaum was bringen bei einem Eggun.“

In der Zwischenzeit hatten sich allerhand Leute versammelt und wir gingen ins Haus. Der Babalawo saß mit ausgestreckten Beinen auf dem Boden vor seinem Wahrsagebrett. Wir erklärten ihm die Lage.
Er nickte: „Interessant. Aber Chinesen haben eine sehr alte Kultur. Warum also nicht?“
Ich nadelte den Punkt Mittlere Insel.
Jorge zuckte heftig, sein Schokoladenteint wurde aschfahl. Dann schrie er: „Du hast mich geheilt. Der Eggun ist rausgefahren.“
Im Allgemeinen dauert eine solche Behandlung deutlich länger und erfordert Stimulation der Nadel, Rotation und Massage des Armes und meistens ein paar Wiederholungen. Doch Jorges Schmerz war offensichtlich vollkommen verschwunden.
Der Babalawo untersuchte den Arm und konsultierte sein Brett.
Er nickte anerkennend: „Du hast die Wege für die Geister geöffnet. Mit einer Nadel. Das ist eine sehr überlegene Technologie.“
Nach diesem Tag arbeiteten wir eine Zeitlang  zusammen. Der Babalawo befragte sein Brett und rezitierte uralte und wortreiche Wahrsagungen in der Sprache der afrikanischen Yoruba. Er riet zu Opfern an Ochun oder Chango, ermahnte untreue Ehemänner und verschrieb Kräuter. Jorge unterhielt uns alle mit seinen Geschichten. Wenn es aber Egguns zu vertreiben galt, griff ich zu den Nadeln. So verschwanden die Beschwerden schneller. Freilich riet der Babalawo dringlich dazu, den Toten dennoch ein Opfer zu bringen, wie es sich gehörte, denn über sieben Generationen seien wir mit unseren Toten verbunden und so lange solle man sie auch ehren.
Die Behandlungen dauerten selten länger als bei Jorge. Was mich wunderte. Aber der Babalawo erklärte mir, dass es schließlich kein Wunder sei. In Deutschland würde niemand die Egguns ehren und nach all den Kriegen und Grausamkeiten sei das Land sei vollkommen überlaufen mit wütenden und rachsüchtigen Toten. Wenn so einer erst einmal Besitz von einem Lebenden ergriffen habe, würde man ihn kaum wieder los. Die vielen Egguns seien auch der Grund, warum die Deutschen so traurig seien und nicht tanzten. Dies, und die Tatsache, dass alle immer schwarze Kleidung tragen würden.  Das sei zwar sehr schick, aber es ziehe die Egguns an wie verrottendes Fleisch die Fliegen.
Eine Zeitlang habe ich dann kein Schwarz mehr getragen…

2 Gedanken zu “Von Toten, schwarzer Kleidung und Akupunktur

  1. Hallo schöne Seite! Ich habe gelernt, dass Akupunktur auch zur besänftigung der ahnengeister erfunden wurde. Passt doch gut. Weiter alles liebe auf dem weg

    snow goose

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