Hauptvortrag Christine Li: Heilen lernen

Liebe Kolleginnen und Kollegen aus Europa (und natürlich auch all die, die sich für die magischen Beziehungen zwischen Himmel und Erde und die Mechanismen der Heilung interessieren).
auf vielfachen Wunsch veröffentliche ich hier noch einmal eine schriftliche Version meines Hauptvortrages auf dem diesjährigen ASA Kongress in Solothurn. Es waren anregende und inspirierende Augenblicke mit Ihnen. Lieben Dank, Christine Li

Heilen lernen, Teil 1

Ich bin sehr gerührt, dass so viele hier sitzen, um mir zuzuhören.  Vermutlich könnten viele von Ihnen hier oben stehen.
Sie alle haben ihre Erfahrungen mit Krankheit und mit Heilung gemacht.
Sie sitzen hier, weil die Prozesse um Heilung und Krankheit Sie faszinieren.
Sie haben alle ihre eigenen Fragen und Antworten dazu.

Da nun aber ich hier stehe, …und ich hoffe, die liebenswürdigen Veranstalter dieses Kongresses werden dies nicht bereuen…,
werde ich ihnen erzählen, welche der vielen möglichen Fragen und Antworten mich zurzeit beschäftigen:
Ich begann vor circa 30 Jahren als Chinawissenschaftlerin und Ethnologin mit Schwerpunkt Medizin und Heilung. Dieser Schwerpunkt nahm überhand und ich schrieb mich für Medizin ein.

Ich erwartete das Schlimmste. Meine Erwartungen wurden übertroffen: Alles drehte sich um Krankheiten, die mit allen Mitteln gestoppt, unterbrochen oder zumindest verlangsamt werden mussten.
Als ob der Mensch kein lebendiger  Bewusstseinsprozess sondern vielmehr eine etwas dümmliche Maschine sei.


Weiterentwicklung oder  Heilung waren nicht vorgesehen.

Unter vorgehaltener Hand wurde von Spontanheilungen gemunkelt, von Menschen, die sich der Statistik entziehen. Untersuchung darüber interessierten niemanden. Das waren irgendwelche religiösen Spinner. Es sollte sie am besten gar nicht geben.

Dennoch schloss ich das Studium ab. Ich kann sehr dickköpfig sein.

Dann ging ich zurück nach China und studierte und praktizierte ein paar Jahre lang moderne TCM, mit all ihren Defiziten.

Breakdance Akupunktur

Zurück in Deutschland verwunderte mich die Intensität, mit der einzelne Menschen auf meine Akupunktur reagierten und zwar immer dann, wenn ich mich genau an traditionelle Nadeltechniken hielt.

Die Patientinnen verließen ihre Körper, fanden sich in der Vergangenheit, im Embryonalzustand, hatten seltsame Visionen, wanderten zum Teil bis an den Rand des Universums.
Sie zuckten, krampften und verdrehten die Augen. Bei all dem blieben sie ansprechbar.
Ich war fasziniert.
Insgeheim nannte ich es Breakdance Akupunktur.

Moderne chinesische Lehrbücher raten in solchen Fällen zum schleunigen Entfernen der Nadeln.
Etwas hielt mich davon ab:
Den Betroffenen ging es nach solchen Sitzungen außergewöhnlich gut. Sie kamen zu sich und strahlten mich an.
Sie wirkten wie neue Menschen oder vielmehr wie vollkommen erneuerte Ausgaben ihrer selbst.

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle definieren, was ich unter Heilung verstehe:
Heilung ist für mich die Realisation des individuellen Potentials, die Erfüllung des eigenen Schicksals in Harmonie mit Himmel und Erde.

Meine Breakdance Patienten schienen diesem Ziel ein Stück näher gekommen zu sein.

Die Suche

Ich erinnerte mich an eine Textstelle in einem meiner alten chinesischen Bücher, die ich mir einst eingeprägt hatte.
Da hieß es, sinngemäß: außergewöhnliche und extreme Reaktionen (Delirium, Ohnmacht, Krämpfe und plötzliche Inkontinenz) nach Setzen oft einer einzigen Nadeln seien vollendete daoistische Medizin.
Danach käme es zur Heilung.
Eine Handvoll Schriftzeichen, altchinesisch knapp, ohne weitere Erklärung und wiedergefunden habe ich sie bis heute nicht.

Ich wollte wissen, was für Krankheiten das waren, welche Punkte und was geschah, wenn Patienten in Trance fielen. Ich wollte in der Lage sein, den Prozess besser zu steuern und sicherer damit umzugehen. Die moderne chinesische Literatur half hier nicht weiter.
Die Klassiker wiederum, sind für die geschrieben, die das Dao bereits erfasst haben. Den anderen bleiben sie unverständlich.

Eine Odyssee begann. Ich lernte Hypnose, Regressionstherapie, Trauma Therapie, Körpertherapie, verschiedene schamanische Traditionen, saß auf Bergen, im Eis und in Schwitzhütten und schlachtete Hühner mit Santeria Priestern.

Hab ich erwähnt, dass ich sehr dickköpfig sein kann?

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Da wir nur eine Stunde haben, möchte ich nicht zu sehr in die Ferne schweifen. Ich werde hier bei Ihnen bleiben.
Sie sitzen hier, weil sie sich, so wie ich, für das Thema Heilung interessieren.

Heiler
Wir Heiler sind oft Menschen, die Schmerz sehr gut kennen. Wir können uns einfühlen und es begeistert uns, wenn es Menschen besser geht.
Natürlich wollen wir Menschen heilen.
Dabei fühlen wir uns oft alleingelassen und vor allem unzureichend. Wir fühlen, wir müssen unbedingt noch mehr erreichen, noch besser werden, noch mehr lernen.
Das Resultat heißt Burnout.
Viele Ärzte geben ihren Beruf auf. Die Suizidrate ist hoch unter uns.
Diese Gefühle sind nicht heilend.
Denken sie an die Worte des Laozi in seinem Buch Dao De Jing (Tao Te King):

„Der Weise ist wie ein gerade geborener Säugling.“

Bewahren Sie ihre Unschuld und ihren Frohsinn und wenn Sie sie verloren haben, erobern Sie sie wieder zurück.

Es gibt kein Gesetz, das lautet: Je mehr wir leiden, umso besser geht es unseren Patienten.
Die Sache mit dem verwundeten Heiler funktioniert nicht.

Resonanz, Hypnotisierbarkeit, Angst und Amygdala
Das Gegenteil scheint der Fall zu sein.
Patienten treten mit uns in Resonanz.
Ein hanzeitlicher Philosoph schrieb: auf einem Schlachtfeld gedeihen Disteln und Dornen.

Aus einer anderen Perspektive könnten Sie sagen, dass Menschen dann besonders leicht zu hypnotisieren sind, wenn sie in einem hoch emotionalen Zustand sind oder Schmerzen erleiden.
Typische Patienten.
Hypnotisierbarkeit wird weiterhin erhöht durch Autoritätspersonen. Das sind in diesem Fall wir.
Wenn wir uns leidend, unsicher, müde und besorgt fühlen, so überträgt sich dies und wird jeden Heilungsversuch im Keim ersticken.

Die Hirnforschung hat gezeigt, dass der Anblick eines ängstlichen Menschen zu ähnlichen Gefühlen beim Betrachter führt, die Amygdala wird stimuliert. Die Menschen fühlen Angst.
Und es gibt kein tödlicheres Gift als die Angst.

Wir sind miteinander verbunden.
Ihre erste Heilung wird daher unter Umständen ihre eigene sein.
Wenn ihnen dies gelingt, oder schon gelungen ist, haben Sie das Schwerste bewältigt. Ich wage zu sagen, der Rest geht von allein.

Himmel, Erde, Mensch
Wie fühlt sich Heilung an?
Heilung ist das Gefühl von Einheit. Sie sind nicht mehr allein. Sie fühlen tiefe Zuversicht und Vertrauen. Sie sind verbunden.

Spezifische Laborwerte fühlen Sie wiederum nicht…!

Laozi schreibt dazu (Kap. 39):

„Die Menschen in alter Zeit haben die Einheit erreicht.“

(Die Menschen in alter Zeit waren bei den klassischen Schriftsteller das Ideal.)
Er schreibt weiter:
„Der Himmel erlangt die Einheit, um klar zu sein.
Die Erde erlangt die Einheit, um fest zu sein.
Das Bewusstsein- Shen- erlangt die Einheit, um wirksam (ling) zu sein.“

Wir sind Himmel, Erde und Bewusstsein zugleich.
Wenn wir Einheit erreichen, werden wir klar, fest und wirksam sein.
Wirksam- ling- ist das Wort, das in Ausdrücken wie Reiki vorkommt,
das in China ling qi (ling tschi) ausgesprochen werden würde.
Ling- bedeutet schamanisch- magisch.
Durch Einheit werden Sie zum Heiler.

Einheit ist nicht nur das Gefühl von Verbundenheit mit allen anderen Menschen. Einheit heißt, wir erleben uns als Teil eines einzigen geistigen Prozesses, der sich zwischen Himmel und Erde erstreckt. Einheit mit allem, was ist.

Der neokonfuzianische Philosoph Zhang Cai schrieb im elften Jahrhundert in seiner westlichen Inschrift.

Himmel ist der Vater und Erde ist die Mutter. Ich, dieses winzige Wesen, bin mittendrin hineingemischt. Daher ist alles, was den Raum zwischen Himmel und Erde anfüllt, mein Körper und alles, was Himmel und Erde lenkt, ist meine Natur.“

Fortsetzung folgt…

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