Bin ich krank genug, um von Ihnen behandelt zu werden?

…schließlich habe ich doch bloß Heuschnupfen

Telefonisch bin ich schwer zu erreichen- sagen viele.
Dafür bemühe ich mich wirklich sehr, alle
Fragen, die mich per e Mail erreichen, ausführlich, wenngleich nicht immer sofort, zu beantworten.

Manche Fragen werden öfter gestellt. Heute erreichte mich dieser Brief:

Frage: Bin ich bei Ihnen richtig?

Hallo Frau Li,

meine Freundin M.N. hat Sie mir sehr empfohlen („mit Abstand die Beste!“) – viele Grüße.
Ich habe seit gut 20 Jahren nervige Allergien, die sich vor allem auf die Nase auswirken. Diesen möchte ich mich nun endlich stellen. Ich habe viel auf Ihrer Internet-Seite gelesen, bin beeindruckt und unsicher, ob ich mit meinem recht kleinen Problem bei Ihnen richtig bin.
Ich freue mich auf eine Antwort,
viele Grüße,
Y. Z..

Meine Antwort:

Liebe Frau Z.,

danke für Ihre mail und natürlich danke für das Lob.
Zunächst einmal vorweg: für mich gibt es keine kleinen und großen Probleme und keine schlimmen oder nicht so schlimmen Krankheiten.
Viele Menschen kommen mit einer „kleinen Störung“: ein schmerzhaftes Knie, ein verdorbener Magen, Halsweh, Nachtschweiß, Hitzewallungen, Gehetztheit.
Nicht jeder Körper schreit gleich Zeter und Mordio. Manchmal ist es nur ein Fingernagel oder eine Verfärbung der Haut an einer kleinen Stelle.
In der chinesischen Medizin gibt es ein geflügeltes Word, das lautet:
„Der überlegene Arzt behandelt Krankheiten, die noch nicht erkennbar sind. Der mittelmäßige Arzt behandelt Krankheiten im Entstehen. Der schlechte Arzt behandelt Krankheiten.“

Heuschnupfen, die allergische Rhinitis, aber auch Nebenhöhlenentzündungen oder Dauerhusten sind Krankheiten im Entstehen.

(Ein richtig „kleines Problem“ ist die allergische Rhinitis im Übrigen nicht. Sogar die gesetzlichen Kassen geben hier gelegentlich einen Zuschuss für chinesische Behandlung (nicht bei mir, ich habe keine Kassenzulassung).

Klein oder nicht klein ist in der chinesischen Medizin nicht die Frage.
Die Frage stellt sich anders: Auf welche Weise möchten Sie gegen Ihre allergische Rhinitis (?), ihren Heuschnupfen (?) vorgehen? Die Behandlung mit Akupunktur ist inzwischen relativ standardisiert (und auf maximale Ausschöpfung des Kassenzuschusses ausgerichtet): Ein paar Nadeln ins Gesicht und die Hände, manchmal die Beine. Viele Sitzungen, etwa 10 Mal, manchmal eine zweite und dritte Runde, „zur Stabilisierung“.
Bei Ärztinnen, die außerdem chinesische Kräutermedizin betreiben, gibt es Dekokte oder Pulver, die Sie ebenfalls ein paar Wochen lang einnehmen.
Bei jahreszeitlich bedingten Allergien (Heuschnupfen, Asthma im Winter) gibt es außerdem noch eine Intensivkur von ca vier Wochen in der symptomfreien Zeit (meist Spätsommer).
Im nächsten Jahr wird das dann wiederholt.
Diese Behandlungen sind oft sehr effektiv. Der Zeitaufwand ist allerdings erheblich und die Kosten hoch.
Nachvolziehbar, wenn viele sich lieber ein paar Pillen einwerfen und die Nebenwirkungen wie Matschkopf und Dauermüdigkeit, Wassereinlagerung und Gewichtszunahme tapfer in Kauf nehmen.

Kosten und Zeit lassen sich stark einschränken. Da diese Behandlungen komplett standardisiert sind- ein Fortschritt der modernen Massenmedizin, gerade auch in China- bedarf es keiner richtigen traditionellen Diagnose. Sie könnten sich ein Lehrbuch der chinesischen Medizin kaufen und die Sache anhand der Symptom- Tabellen selbst in die Hand nehmen. Dann dauert es zwar fast genauso lange. Das heißt oft 20- 30 Sitzungen und oder Kräuter. Aber ohne das Sitzen im Wartezimmer und viel billiger.

Stark unterstützend ist eine dauerhafte strenge Diät (ohne Laktose, Gluten, Zucker, Alkohol und Rohkost- Obst). Das heißt: Nie mehr Erdbeereis.
Für so ein kleines Problem….;-)

Tatsache ist: Wenn die Nase dauernd juckt oder trieft, und über Jahre nicht besser werden will, so ist dies absolut nicht in Ordnung. Oft lohnt es sich, diesem Dauerhaften Mucken des Körpers nachzugehen. Wie ein kleines Kind, das jammert und quengelt, so tut auch der Körper dies niemals ohne Grund: Wir sollten ihn ernst nehmen.
Zähnezusammenbeißen gilt nicht in der chinesischen Medizin.

Da ich chinesische Medizin anhand der klassischen Tradition gelernt habe, und auch, weil ich sehr neugierig bin, mache ich bei allen Beschwerden gründliche Diagnosen und versuche mich in die jeweilige Person einzufühlen- unter anderem nonverbal, über die Schwingungen des Herzens: Pulsdiagnose. Manchmal liegen die Ursachen kleiner, aber hartnäckiger und lästiger, Beschwerden ziemlich tief und genau deshalb kommen sie immer wieder. Wie „Unkraut“, das zwar abgemäht, aber nicht bis auf die letzte Wurzelspitze ausgegraben wird. Auf Dauer beschwerlich und unbefriedigend.
(Ich hab natürlich nichts gegen Unkraut. Alles Heilpflanzen. Ich weiß…)

Die radikale, wurzelausgrabende Lösung ist im allgemeinen einfacher und schneller. Wenn mensch sie findet, die Wurzel. Das klappt natürlich nicht immer oder zumindest schaff ich es nicht immer. Ich bin nicht immer und nicht für alle „die Beste“.
Was vielleicht auch noch zu sagen wäre: radikal heißt nicht zwangsläufig tiefenpsychologisch. Ich suche nur nach Blockaden des Qi, vor allem durch Kälte, denn Kälte verlangsamt und senkt ab. Kälte ist oft der physische Ausdruck von Angst: weshalb wir vor Angst auch frösteln und mit den Zähnen klappern. Da chinesische Medizin schlicht und simpel denkt, wird diese Kälte mit Hilfe von Wärme, erhitzenden Kräutern oder Moxibustion (Verbrennen und Ausräuchern mit Hilfe von Beifuß) behandelt.

Außerdem suche ich nach verlorenengegangenen Seelenanteilen. Die chinesische Medizin entstand einst aus dem Schamanismus. Seelenrückführung und Vertreibung von Dämonen waren bis zur Modernisierung (zum ersten Mal durch die Konfuzianer, noch einmal durch Mao Zedong) wichtige Teile der chinesischen Medizin. Aus dem alten China kennen wir viele Kräuterrezepte mit Namen wie „Trank, der die Seele zurückruft“ oder Akupunkturpunkte mit Namen wie „Haus der Seele“.
All diese Punkte und Rezepte sind heute so wirksam wie vor 2000 Jahren. Die Ausbildung an chinesischen Universitäten spricht heute nicht mehr von diesen Dingen. Ich habe sie nur durch mein Studium des Klassischen Chinesisch und der Medizingeschichte kennenlernen dürfen. Da sie mir aber wichtig schienen, habe ich mich später aufgemacht, und in anderen Traditionen nach tieferem Wissen oder zumindest Hinweisen gesucht. Ich danke all diesen Heilern, Lehrern und Freunden (Tibeter, Santeros, Lakota, Shipibo, Alchimisten und europäische Hexen ) für ihre große Liebe und Fürsorge und ihr großes Wissen. Inzwischen gehe ich meinen eigenen Weg, der sich aus vielen kleinen Bruchstückchen zusammengesetzt hat.

Wenn das alte zusammengeknäuelte Qi sich entfaltet oder verlorene Seelenanteile zurückgeholt werden, kommen oft Geschichten ans Licht. Um diese geht es aber nicht. Die sind längst vergangen. Hypnose, Hypnoanalyse und ähnliche Methoden (NLP, Gestalt, voice dialogue, Rückführung ) dienen mir vor allem bei der schadstoffarmen Entsorgung- damit es nicht zu Retraumatisierung kommt. Schon gar nicht, wenn jemand eigentlich nur seinen Heuschnupfen loswerden wollte.
Die meisten Menschen, die einen Teil ihrer Vergangenheit vergessen haben, haben einst gute Gründe dafür gehabt. Es ist nicht notwendig, alte Geschichten noch einmal zu durchleben. Allerdings kann es nützlich sein, sie verblassen zu lassen, zu entschärfen oder mit einer neuen Bedeutung zu versehen. Hierfür bietet sich natürlich vor allem NLP (neuro- linguistisches Programmieren) an, das sich sehr gut mit Rückführung und Hypnose kombinieren lässt.
Manchmal waren die alten Geschichten allerdings auch so banal, wie ein großer schwarzer Teddybär, der in der Ecke stand und uns einfach furchtbar erschreckt hat. Dann ist es eine große Erleichterung, zu erfahren und noch einmal zuerleben, dass alles gar nicht so schlimm IST.

Im allgemeinen ziehe ich es vor, die alten Geschichten ganz im Dunkeln zu lassen und nur, wie in der moderneren Traumatherapie empfohlen, eine sanfte Vollendung der unterbrochenen Stressreaktion zu begleiten. Dies äußerst sich oft als leichtes Zittern, Tränenfließen, Wärme- und Kältegefühle und ein paar Emotionen unspezifischer Natur.
Genau wie die alten Chinesen es beschrieben haben.

Wundern Sie sich jetzt nicht über diesen langen Erguss anlässlich einer so kleinen Frage. Die Dinge sind eben nicht immer so unbedeutend, wie sie uns erscheinen mögen.

Von Herzen,
Christine Li

www.bodenschatz-li.de


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.