burnout, Müdigkeit, Erschöpfung

Das Problem ist verbreitet und das nicht erst seit heute.

Gestern traf ich zufällig einen alten Freund und konnte kaum glauben, wie erschöpft er aussah.
Nach wenigen Sekunden in seiner Nähe überwältigte mich ein Gefühl von Schwere, Muskelschmerzen und Mühe, bei jeder Bewegung, das ich sonst nur von schweren Erkältungen kenne.
(auxch ohne Pulsdiagnose, fühle ich Beschwerden anderer Menschen im eigenen Körper mit)

„Du fühlst dich übel“, stellte ich fest.

„Als hätte ich die ganze Nacht gesoffen“, war die prompte Antwort. „Ich kann nicht mehr.“

„Noch einer!“, dachte ich. „Es nimmt überhand.“

burn out.

In meiner Erfahrung trifft es die Kreativen, die Ehrgeizigen, die Überflieger, die, denen ihre Arbeit Erfüllung bedeutet, am Ehesten.
Dies ist kein Wunder, denn jeder andere macht vorher schon Pause oder „krank“.
Nicht so die wirklich Erfolgreichen.
Nach langen Studien, gezielten Weiterbildungen, mutigen Jobwechseln und jahrelanger 120- prozentiger Leistung und großer Selbstdisziplin, ist etwas Einzigartiges entstanden: Der Traumjob.
„Mein Problem ist, dass mir meine Arbeit so viel Spaß macht. Ich würde am liebsten noch mehr arbeiten“, erklärt mein Freund und beginnt, von seinen neuen Projekten zu erzählen. Die schwarzumrandeten Augen leuchten.
Das macht das Ganze ja so schwer. „Kürzertreten“ ist keine Option.
Ich kenne es aus eigener Erfahrung. Arbeit kann wie ein Rausch sein.

Was liegt näher, als auf einem Gebiet, auf dem man wirklich gut ist, das Allerbeste zu geben und zwar BEDINGUNGSLOS?

„mehr ist mehr“.
Mehr Herausforderung, mehr Freude, mehr Anerkennung, mehr Geld.
So weit nirgendwo ein Problem in Sicht.
Warum also nicht die Nächte durcharbeiten, die Wochenenden im Flieger verbringen und Mahlzeiten nur noch aus Pappkartons essen?

Hier einige Gründe, warum nicht:

Als erstes leidet das Sozialleben (und wenn schon…).
„Eigentlich macht mir nur noch die Arbeit Spaß. Alles andere ist mir zuviel.“
„Auf der Arbeit bin ich charmant und immer gut drauf. Kaum komme ich nach Hause, schreie ich die Kinder an.“
„Beim Autofahren werde ich zum Mörder.“
„Meine Frau hat mich rausgeschmissen.“

Dann leidet der Schlafrhythmus (auch noch machbar)
„Morgens brauch ich drei Espressi und abends eine Flasche Wein.“

Achtung: Wer nach einer durchgeschlafenen Nacht noch kaputter ist als vorher, ist bereits auf dem Weg ins Burn out.

Dann kommt diese blöde Infektanfälligkeit (besonders aggressive Viren, hat schließlich jeder).

Dann:
-Gewichtszunahme (nervt schon mehr)
-Traurigkeit, Unzufriedenheit, mangelnde Motivation (nur nicht durchhängen!)
-Dauerkopfschmerz, Pillen helfen nicht richtig (müsste mich bei Gelegenheit mal durchchecken lassen)
-Ohrgeräusche (zeitaufwendige Besuche bei Ohrenärzten)
-Rückenschmerzen (wollte sowieso mehr Sport machen)
-Libidoverlust (keine Zeit)
-Kurzatmigkeit (war das wirklich nur ein Stockwerk?)
-Allergien (Pillen)

Eigentlich macht das alles schon keinen Spaß mehr. Aber dummerweise ist gerade an diesem Punkt die Arbeit das einzige, was wir noch im Griff haben.
Alles andere entgleitet uns mehr und mehr.
Ein Außenstehender mag dies nicht begreifen, aber dies ist der Punkt, an dem die Betroffenen noch mehr Termine machen und sich geradezu in ihre Arbeit verbeißen und neue, waghalsige Projekte initieren. Dabei ist das vollkommen logisch: Solange wir in der Beschleunigung bleiben, produzieren wir Corticosteroide und diese Stresshormone wirken wie Doping. Zu Hause andererseits können wir nicht schlafen, die Stimmung ist schlecht und alles tut weh.

Kleiner Schlenker: Viele dieser Beschwerden können mit Hormonen gelindert werden.
Es ist daher nicht verkehrt, verschiedene Hormonspiegel untersuchen zu lassen.
Muskelschwund, und Libidoverlust können mit einem Abfall der männlichen Geschlechtshormons Testosteron zusammenhängen.
Meistens ist dies aber nicht der Fall und dann würde eine Substitution das eigentliche Problem eher vertuschen.
Nach jahrelangem Stress besteht oft auch eine Erschöpfung der Nebennierenrinde (Kortikale Erschöpfung). Dann werden immer weniger Corticosteroide gebildet. Typisch dafür sind Krankheiten, die immer am Wochenende ausbrechen (wenn die Stresshormone ganz abfallen), allergischer Dauerschnupfen und bleischwere Müdigkeit, sobald wir zu Ruhe kommen.
Auch die Schilddrüse kann erschöpft sein (besonders bei Frauen). Dies führt zu Erschöpfung, Kälte und Gewichtszunahme.

Hormonsubstitution ist völlig legitim und wirkt oft „Wunder“, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein beginnendes burn out vorliegt.

In der chinesischen Medizin sehen wir, wie meistens, die Dinge andersherum.
So betrachtet sind die niedrigen Hormonspiegel nicht Ursache, sondern Resultat der Erschöpfung.
(Genaugenommen sehen wir die Dinge gleichzeitig.)
Dies gilt auch und gerade dann, wenn die Organe, die normalerweise diese Hormone produzieren sollen, schon ganz verkümmert sind!
Künstliche Hormone einzunehmen, ließe die körpereigene Hormonproduktion noch mehr stagnieren.

Bei Hormonmangel ist es daher besser, den Menschen so zu stärken, dass die körpereigene Produktion wieder einsetzt.
Stress ist keine moderne Erfindung, sondern eine physiologische Reaktion von Lebewesen auf Notlagen unterschiedlichster Art.
Stress dauert normalerweise nicht lange und richtet daher auch keinen Schaden an. Eine Nacht Schlaf und alles ist wieder gut.
Anders der Dauerstress: Er verbraucht die Reserven und dies führt zu  burn out.
Noch einmal: Wer nach einer durchgeschlafenen Nacht noch kaputter ist als vorher, ist auf dem Weg ins burnout.
Das „Vermehren der Kraft“ ist ein eigenes Fachgebiet in der chinesischen Medizin,
mit hocheffizienten Kräutern und Akupunkturkombinationen.

Die meisten lassen allerdings sich nicht behandeln (keine Zeit).

Dann geht es zügig weiter mit:

-Bluthochdruck (Pillen)
-Nebenwirkung der blutdrucksenkenden und cholesterinsenkenden Pillen: Depression, Impotenz,  Gewichtszunahme
-Hörsturz (zeitaufwendige Besuche bei noch mehr Ohrenärzten und anderen Spezialisten rund um die Welt)
-Muskelschwäche, Dauer“verkaterung“, Gelenkschmerzen, schwache Sehnen, Nackenbeschwerden
-Magen und Darm Problemen, Reizdarm.

Auch hier gibt es immer noch Abhilfen und zwar in der angegebenen Reihenfolge.
1. mehr Erholung (muss)
2. bessere Nahrung (muss)
3. chinesischer Medizin (Kräuter und Akupunktur) (optional)
4. Hypnose, Neuprogrammierung des Atem- und Schlafrhythmusses (optional)

Die meisten tun immer noch nichts, abgesehen von dem jährlichen check und einer Handvoll Pillen.

Ab jetzt wird es böse:
-Hörsturz
-Herzinfarkt
-Schlafanfall
-Depression, Selbstmord

Die Entwicklung von burnout ähnelt einer Schlammlawine.
Am Anfang kullern ein paar Kügelchen zu Tal. Irgendwann rutscht der halbe Berg hinterher.
Im Augenblick rutscht es überall um mich herum.
Den meisten ist es peinlich, ihre „Schwäche“ zuzugeben. Solange, bis sie auf einer Intensivstation liegen, mit Kanülen in beiden Armen und am Hals und einem Dauerkatheter in der Blase.
DAS wäre mir peinlich.

Heute morgen dann die Nachricht im Radio, dass der Trainer von Schalke 04 sich öffentlich zu seiner Erschöpfung bekannt hat.
Meine Hochachtung vor diesem mutigen Mann, der sich in einem so machobetonten Sport,
gegen den äußeren Schein und gegen einen  Traumjob,  für die eigene Gesundheit entscheidet.
Ich bin mir sicher, er wird nicht nur sich selbst, sondern auch vielen anderen durch sein Vorbild helfen.

Gute Besserung, Herr Rangnick, und einen guten Neustart in ein Leben nach Ihren eigenen Gesetzen!

3 Gedanken zu “burnout, Müdigkeit, Erschöpfung

  1. Sehr geehrte Frau Bodenschatz-Li, bin gerade zufällig auf Ihren Artikel über Burnout gestolpert und fühle mich total angesprochen! Ich bin 55 Jahre alt und seit Ende März arbeitsunfähig schrieben. Es begann mit Schwindel und Ohrgeräuschen ! Mein Weg von Facharzt zu Facharzt würde einen ganzen Roman ergeben, schließlich und endlich legte mir meine Hauärztin nahe, daß ich mir psychologische Hilfe suchen muß. Suizidgedanken hege ich glücklicherweise nicht, auch habe ich Phasen, in denen ich sogar manchmal recht fröhlich und unternehmungslustig bin. Leider werde ich aber immer schnell ausgebremst, da die Energie einfach nicht ausreicht! Mein Psychologe hat ein Burnout und eine leichte Depression attestiert. Ich nehme am Abend ein Psychophamaka, um schlafen zu können, das konnte ich bereits seit Jahren nicht mehr richtig und dann noch Tropfen , falls ich ezwischendurch eine Panikattacke bekomme. Diese Attacken außern sich in verstärkten Ohrensäusen, Schwindel und ein „Gummigefühl“ in den Beinen. Ein Dauerschnupfen ist jetzt leider auch noch dazugekommen. Habe jetzt eine Reha eingereicht und warte auf die Genehmigung. Es gab viele Anzeichen, leider habe ich sie auf die Wechseljahre geschoben. Im nachhinein waren es aber Vorboten des Burnout. Ich habe Sorge, daß ich in meinem Alter nicht mehr zurück in den Beruf komme, ich möchte aber noch nicht in die Frührente. Meine Psychologin sagte, ich soll an sowas noch garnicht denken, ich kann mich aber leider nicht ganz davon frei machen, da ich zu dem Typ gehöre, der an sich gerne arbeitet! Ich hoffe, daß ich auf der Reha Wege finde, nochmal aus diesem Drama rauszukommen. Leider esse ich nicht regelmäßig frisches Obst und Gemüse, da ich es vom Elternhaus nicht richtig „gelernt“ habe. Stattdessen habe ich aber vermehrt Heißhunger auf Süßigkeiten, was sich natürlich auf die Figur niederschlägt! Ich wollte das nur gerne mal loswerden, zu Glück sehe ich zumindest, daß ich nicht die einzige mit derlei Beschwerden bin, sondern mein Leiden mit vielen Menschen teile. Das bemerke ich jetzt umso mehr, seitdem ich selbst diese Krankheit habe. Ich möchte aber betonen, daß ich mich noch nicht aufgegeben habe und verbleibe mit freundlichen Grüßen Ihre G. N.

    • Liebe Frau N.,

      vielen Dank für diese persönliche Darstellung eines Problems, das ja so viele Menschen heute betrifft. Sicherlich können sich viele hier mit ihren Worten identifizieren. Was ich besonders ermutigend finde, ist ihre Beteuerung, dass Sie sich nicht aufgegeben haben. Das ist bei jedem Problem die wichtigste Grundlage. Burnout ist ein Problem, eine Herausforderung, die gelöst werden will. Nur ärgerlich, dass diese Herausforderung darin besteht, dass man eigentlich gar nicht mehr mag (oder kann). Wie soll man das lösen?
      Ein kleiner Hinweis ist, dass Sie sagen, dass Sie, so wie die meisten, nicht gelernt haben, sich gut zu ernähren. Ernährung besteht nicht nur im Essen, sondern auch in seelischer „Herzensnahrung“ und burnout liegt, chinesische gesehen, an einem unterernährten seelischen Herzen.
      Burnout beginnt oft in der Kindheit, da viele Kinder von klein auf keine Ermutigung bekommen. Sie werden nicht bestärkt in dem, was sie sind. Stattdessen wird ihnen ständig gezeigt, was sie noch alles schaffen müssen, wo sie nicht gut genug sind und wer alles „besser “ ist als sie. Nach ein paar Jahrzehnten wird es den ausgetrockneten Seelen dann zu viel und sie brennen lichterloh – bis sie dann eben ausgebrannt sind.

      Heilung kann beginnen, wenn wir lernen, unsere Herzen selbst zu nähren. Wir können unsere eigenen liebenden Eltern werden und uns ab und zu etwas „Liebes“ zu sagen. Über eigene Fehler zu lächeln. Uns vor anderen Menschen verteidigen. Lernen zu sagen: „Das will ich nicht“ oder „Das ist mir zu viel.“ Und auch, das ist wichtig, indem wir uns vor diesen meckerigen inneren Stimmen verteidigen, die uns ständig einreden wollen, wie dumm, dick, schlecht oder schlampig wir sind.
      Und wenn wir schon dabei sind, können wir auch, aber liebevoll, darauf achten, dass unsere inneren Kinder nicht zu viel naschen, sondern auch mal was Gesundes bekommen. Am besten geht auch das, wenn wir uns selbst immer wieder etwas sagen wie: „Siehst du, meine Kleine, heute hast du schon viel weniger genascht als neulich. Das hast du sehr gut gemacht. Ich bin stolz auf dich.“

      Das Ganze dauert lange und auf zwei Schritte vorwärts kommt immer mal wieder einer rückwärts. Aber auch dafür sollten wir uns nicht ausschimpfen sondern zärtlich zu uns sein.

      Auch wenn oft behauptet wird, burnout sei schwer zu heilen: Die Menschen, die sich bisher mit burnout an mich gewendet haben, haben es alle geschafft, wieder glücklich und munter zu werden. Nicht weil ich irgendwelche Wundermittel hätte, sondern weil es wirklich möglich ist, sobald wir lernen, immer lieb zu uns selbst zu sein.
      Ich hoffe, dies gibt allen, die dies hier lesen, ein wenig Mut.
      Und noch einmal vielen Dank für ihren offenen und mutigen Brief.

  2. Liebe Christine, danke, daß Sie so schnell geantwortet haben, damit hatte ich so kurzfristig dann doch nicht gerechnet! Ich habe mir nie vorstellen können, daß ich in ein derartiges Loch fallen könnte! Fürs erste sage ich Tschüß und alles Gute, Ihre Frau N.