Das Dao in der Schnapsflasche

 

Der Wunderheiler

Damals in Beijing gab es einen berühmten Arzt. Ein Verrückter, sagten die einen. Ein Heiliger, die anderen. Die Menschen kamen von weither, ihn zu sehen. Für mich war es nicht so weit. Ein paar hundert Meter nach Norden, über den Platz des Himmlischen Friedens und dann mit dem Bus nach Osten. Natürlich wollte ich ihn kennenlernen, ihn ausspionieren, sehen, worin sein Geheimnis bestand.
Zahlreiche Geschichten rankten sich um ihn, die wenigsten konnte ich glauben, die meisten widersprachen sich. Aber eines war sicher: Dieser Arzt nahm kein gewöhnliches Geld. Um bei diesem Arzt vorzusprechen, musste eine Flasche Maotai her. Maotai war der berühmte chinesische Schnaps. DER Schnaps. Der Inbegriff chinesischer Lebensart und Verfeinerung. Selten und teuer und für gewöhnliche Menschen quasi unerschwinglich. Nur Filmstars, hohe Parteifunktionäre und Mafiabosse tranken diesen Schnaps. Zumindest im Film.
Im wahren Leben war Maotai ein inflationsresistentes Zahlungsmittel. Eine Flasche Maotai wurde nicht geöffnet und getrunken, genausowenig, wie man hierzulande einen Tausenderschein zusammenrollt, um eine Zigarette damit anzuzünden. Mit Maotai wurden hohe Beamte bestochen und Geschäfte abgewickelt. Nicht weiter verwunderlich also, dass der berühmte Arzt sich mit Maotai bezahlen ließ.

Aber teuer!
„Was bildet der sich ein?“, knurrte mein chinesischer Freund, den ich überredet hatte, sich behandeln zu lassen, „Wieso kostet eine Akupunktur zwei Chirurgengehälter?“
Mein Freund war Chirurg und rechnete alles in Chirurgengehälter um. Der einzige Schnaps, den er sich leistete, war die übliche doppeltgebrannte Beijinger Hausmarke: Erguotou.
Ich war Ausländerin und kaufte den Maotai mit Devisen. Das war nicht so teuer. Ein kleiner Seidenteppich vielleicht oder ein paar amerikanische Sneakers.
„Ich will diesen Arzt sehen und daher musst du dich behandeln lassen.“
„Ist ja schon gut. Wenn du mich fragst, alles Betrüger, diese traditionellen Ärzte.“

Unter solch freundlichen Erörterungen erreichten wir das kleine Restaurant, in dem Doktor Li residierte. Den Geschichten zufolge, war unser Wunderheiler außerdem Restaurantbesitzer und sein eigener bester Gast.
Das Restaurant lag an einer breiten Ausfallstraße. Die Sonne versank gerade hinter uns im graubraunen Smog. Drei oder vier fettige weiße Resopaltische warteten auf Gäste. An einem saß ein dicker Mann, der uns breit anlächelte, als wir die Köpfe durch den verrußten Perlenvorhang steckten.
„Wir suchen Doktor Li“, erklärte ich und zog meinen schmollenden Freund ins Innere des Restaurants.
„Das bin ich“, sagte jener und: „Das wäre doch nicht nötig gewesen“, als ich ihm die Flasche in die Hand drückte.
Er zierte sich nicht im Mindesten, obwohl dies eigentlich zum üblichen Ritual gehörte, wenn große Bestechungsgelder die Hand wechselten. Mein Freund schwieg nur und blickte finster vor sich hin.
Die Wunderheilung ließ auf sich warten. Hier im Restaurant würde sie kaum stattfinden. Soviel war klar. Stattdessen mussten wir uns an einen der Tische setzen und Doktor Li setzte sich zu uns. Er rief allerlei Anweisungen in Richtung Küche und während die ersten Gäste die übrigen Tische bevölkerten und die Sonne ganz versank, wurden zahlreiche Gerichte auf unseren Tisch gestellt. An der Decke baumelte eine einsame Neonröhre.
„Esst“, sagte der Doktor und wedelte einladend mit den Stäbchen. Wir angelten uns Stäbchen aus einem alten Marmeladenglas und wischten sie am Ärmel ab. Dann aßen wir. Das Essen war gut und frisch. Der Doktor probierte ein paar Mundvoll und nickte zufrieden.
Das Restaurant hatte sich gefüllt. Die Gäste kannten sich gegenseitig. Zumindest schien es mir so, denn alle sprachen miteinander und der Doktor watschelte strahlend von Tisch zu Tisch, begrüßte jeden persönlich und nahm Bestellungen entgegen.

Nach einer Weile kam er zu unserem Tisch zurück, in einer Hand die kostbare Flasche, in der anderen drei kleine Porzellanschalen, die er auf den Tisch stellte.
Die Gäste an den anderen Tischen blickten auf. Wir ließen die Stäbchen sinken. Der Verschluss der Flasche knackte.

Stumm sahen wir dem Doktor zu, der in einem einzigen Atemzug die Flasche in das zurückverwandelte, was sie wirklich war: Eine Flasche Schnaps. Duftend, flüchtig, vergänglich. Der Doktor füllte unsere Schalen. Dann zog er einen kleine Flasche aus seiner Jacke und füllte seine eigene Schale mit gewöhnlichem Erguotou:

„Verzeiht, dass ich den edlen Gästen nicht Gesellschaft leiste“
, sagte er und hob die Schale. „Ich habe leider nur einen ganz gewöhnlichen Geschmack.“

Neue Gerichte wurden vor uns abgestellt. Krebse, Hummer, selbstgemachte Fleischtaschen. Wir tranken den Schnaps der Filmstars. Die Neonlampe verbreitete ihr grünliches Licht. Autos rasten durch die Nacht. Der Perlenvorhang klimperte. Aus den Augenwinkeln sah ich den alten Doktor lächeln.

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