Datenchaos, verlorene mails und die Yin-Pflege

Da mein online Kalender für Zürich offensichtlich die meisten Buchungen erfolgreich verhindert hat, gibt es jetzt noch viele freie Termine.

Ihr könnt auch gerne noch buchen.

Ich indess sitze gemütlich am Züricher See und mache einen kleinen Urlaub aka „nähre das Yin“.

Da mein Ego, mir hinten links im Kopf eine lästige Stimme installiert hat, die nahezu nie offline geht und immer mault, ich solle doch, bitteschön, die Zeit nutzen und mal was tun, wühle ich mich ausserdem eben gerade durch meine alten emails.

Was finde ich?

Perlen finde ich. Ihr alle. Sie alle. So viele haben mir so viele schöne, kluge, poetische Mails geschickt. Manchmal entstand eine Korrespondenz. Manchmal brach sie ab. Manchmal fing sie nie an. Diese Mails und verhinderten Gespräche finde ich nun und bin recht betrübt. Das wollte ich nicht. Das Unverzeihlich geschah nicht etwa, weil ich kein Interesse hätte, mich „zu geil für diese Welt“ fühlte oder weil jemand mich geärgert hätte.

Nein. Es geschah aus dem schlichten Grund, dass die Daten mich immer wieder überwältigen. Dann gehe ich ein paar Tage offline. Lasse den Computer vollkommen aus. Lade mein Handy nicht mehr auf. Warte, bis die latente Kaltschweissigkeit wieder nachlässt. Nähre das Yin.

Das Yin nähren, das klingt gut und weise. Die Essenz pflegen auch. Beides ist nicht genau das Gleiche, würden meine TCM Kollegen sagen. Aber, hallo. Beides ist hilfreich und besteht in erster Linie darin, zu entschleunigen und den Computer auszlassen. Kräuter und Akupunktur sind nur zur Unterstützung.

Entschleunigung ist lebensnotwendig. Denn wie sonst sollte ich in der Praxis all die Ängste auffangen, die mir so präsentiert werden. Von anderen, die im gleichen Boot sitzen.

Alles gut also. Den Computer kaltzustellen; das ist ja nicht so schwer. Das Problem entsteht dafür beim Wiedereinschalten. Denn all die  Entschleunigung lässt den Datenberg ins Unermessliche anwachsen. Dann bleiben all die schönen Briefe liegen. Gehen verschütt‘ unter unnötigen Mails. Verschwinden im grossen Wust vergangener Mails oder werden von meinem aggressiven Spamfilter gefressen.

Früher (früher war alles besser:)), als es noch private Papierbriefe gab, lagen diese in ihren unterschiedlichen  oft bunten Umschlägen herum. Schon die Handschrift liess ahnen, von was für einer Person sie waren. Manche wurden in der Handtasche herumgetragen, zum Schutz in Bücher gelegt, zu besonderen Anlässen hervorgeholt und nochmal gelesen. Manche gaben Anlass zu innern Zwiegesprächen. Andere wurden rituell verbrannt oder wütend zerrissen.

Dann kam der Augenblick, sich mit einer Flasche Wein oder einer Kanne Tee ans Werk zu machen, das Briefpapier, nicht irgendein Papier, hervorzuholen und die inneren Zwiegespräche in eine äussere Form zu bringen.

So entstanden immer wieder Briefe, die weit weit über den intimen Kreis der Korrespondenten hinauswirkten. Wer die Briefe von Kafka oder Rilke kennt, weiss, was ich meine. In Imitation dieser Form entstanden Briefromane. Von den „Gefährlichen Liebschaften“ bis zu „Daddy Langbein“.

Briefe sind grossartig.

Ich erinnere mich an Zeiten, in Shanghai, als wir nach dem Unterricht zum Pförtner unserer chinesischen Uni rannten und fragten, ob Post gekommen sei. Manche bekamen selten etwas. Ich bekam recht viel Post. Manchmal mehrere Briefe pro Woche. Das waren die grossartigen Wochen.

Ich habe sie alle beantwortet. Ich habe niemals einen vergessen. Wie auch. Er blieb ja auf dem Schreibtisch liegen.

Jetzt aber, wie gesagt: ich schaffs nicht mehr.

Ich könnte natürlich meinen Mailserver instruieren, eine automatische Antwortmail zu versenden. Aber das wäre wirklich das Letzte. Das wäre, aus meiner Sicht, noch schlimmer, als offen zu kapitulieren.

Die schönen, lustigen, nachdenklichen Briefe, die offenherzigen Hilferufe, die Gedichte und Erzählungen, die ich bekomme, verdienen keine Antwort von Google oder Yahoo. Sie verdienen auch kein copy und paste aus anderen Briefen. Nein, das geht nicht.

Stattdessen bitte ich um Verständnis, falls mal wieder etwas untergegangen sein sollte. Wer zu lange wartet, möchte bitte einfach kurz nachfragen. Ich krame dann alles wieder hervor. Ehrlich. Meistens. Also, wenn ich nicht gerade am Züricher See sitze und das Yin nähre.

 

Wie gestalten Sie ihr Zusammenleben mit der Technik? Ist es überhaupt möglich, ohne unsere Menschlichkeit zu verlieren?

 

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Medizin von Christine. Permanenter Link des Eintrags.

Über Christine

Ärztin und Heilerin für Chinesische Medizin, Akupunktur, Trance und Träume. Aber auch Tänzerin, Dichterin, Liebende und weise Frau. Zuständig für das ganz alte China, Daoismus, Yin und Yang, Geister, Drachen, Liebeskummer, Ängste und heilsame Transformationen. Bücher: "Der Weg der Kaiserin", "Der Weg des Schamanen", "Chinesische Medizin für den Alltag" und bald noch viel mehr.

2 Gedanken zu “Datenchaos, verlorene mails und die Yin-Pflege

  1. Ich sitze im ice zurück nach hause. Kehre zurück von vier tagen mit meiner 82jährigen grossmutter. 
    Für vier tage war ich bei ihr in meiner heimatstadt, die ich vor vier jahren verliess. Meine winzig kleine grossmutter ist ein  junges mädchen in einem alten körper. Ein sonnenschein. Trotz 17 tabletten am tag, morphinpflastern, polyneuropathie der füsse, mit mehreren wirbelkörpereinbrüchen und einem verstrahlten darm nach einer krebserkrankung. Sie kann ihre  wohnung nur noch selten verlassen. Und nun hat sie sich dank unserem mutmachprogramm nach langen monaten der unsicherheit entschieden, das internet zu nutzen. 
    Plötzlich ging alles ganz schnell. Wir haben einen anschluss bereitstellen lassen. Ihr ein ipad besorgt. Es in eine elegante, gut duftende braune lederhülle gesteckt. Alles installiert was notwendig war und ich bin kurz entschlossen zu ihr gereist. Für vier tage.
     
    „ipadinternetskypefortbildung“.
      
    Wir hatten viel freude zusammen, tiefe gespräche, viele stunden miteinander – grossmutter und enkeltochter – bei unserer ersten begegnung vor 26 jahren eine liebe auf den ersten blick. ich habe für sie gekocht, während sie udo jürgens auf youtube hôrte, nach teneriffa reiste, zur blutblume recherchierte, sich die webseite von qvc ansah, ihre erste email versendete und mit aurelius, einem ihrer drei urenkel skypte. 
    Sie ist glücklich und dankbar sich die welt und die welt ihrer in alle winde verstreuten enkelkinder nach hause holen zu können. 
    Sie geniesst es durch unsere wohnung zu wandern die sie nie sehen würde, in meine schubladen zu schauen und sich die für sie unbekannten gewürze in meiner küche erklären zu lassen. 
    Und als sie die kalligraphie eines vietnamesischen zenmeisters über dem küchentisch sieht, auf der steht: „ich bin angekommen – ich bin zuhause“ sagt sie: „ich nach den vier jahren deines weggehens und dank der möglichkeit dich auch über die 650 km hinweg zu sehen, nun endlich auch.“

    Ja. 
    Obwohl ich eine briefeschreiberin bin, gerne langsam und mit genuss lebe, und vielleicht aus einem anderen jahrhundert komme – Ich bin dem internet sehr dankbar für das was es zu geben vermag.  
    Und den laptop meines mannes schmeisse ich vielleicht doch irgendwann mal aus dem fenster.

  2. Ich sitze im ice zurück nach hause. Kehre zurück von vier tagen mit meiner 82jährigen grossmutter. 
    Für vier tage war ich bei ihr in meiner heimatstadt, die ich vor vier jahren verliess. Meine winzig kleine grossmutter ist ein  junges mädchen in einem alten körper. Ein sonnenschein. Trotz 17 tabletten am tag, morphinpflastern, polyneuropathie der füsse, mit mehreren wirbelkörpereinbrüchen und einem verstrahlten darm nach einer krebserkrankung. Sie kann ihre  wohnung nur noch selten verlassen. Und nun hat sie sich dank unserem mutmachprogramm nach langen monaten der unsicherheit entschieden, das internet zu nutzen. 
    Plötzlich ging alles ganz schnell. Wir haben einen anschluss bereitstellen lassen. Ihr ein ipad besorgt. Es in eine elegante, gut duftende braune lederhülle gesteckt. Alles installiert was notwendig war und ich bin kurz entschlossen zu ihr gereist. Für vier tage.
     
    „ipadinternetskypefortbildung“.
      
    Wir hatten viel freude zusammen, tiefe gespräche, viele stunden miteinander – grossmutter und enkeltochter – bei unserer ersten begegnung vor 26 jahren eine liebe auf den ersten blick. ich habe für sie gekocht, während sie udo jürgens auf youtube hôrte, nach teneriffa reiste, zur blutblume recherchierte, sich die webseite von qvc ansah, ihre erste email versendete und mit aurelius, einem ihrer drei urenkel skypte. 
    Sie ist glücklich und dankbar sich die welt und die welt ihrer in alle winde verstreuten enkelkinder nach hause holen zu können. 
    Sie geniesst es durch unsere wohnung zu wandern die sie nie sehen würde, in meine schubladen zu schauen und sich die für sie unbekannten gewürze in meiner küche erklären zu lassen. 
    Und als sie die kalligraphie eines vietnamesischen zenmeisters über dem küchentisch sieht, auf der steht: „ich bin angekommen – ich bin zuhause“ sagt sie: „ich nach den vier jahren deines weggehens und dank der möglichkeit dich auch über die 650 km hinweg zu sehen, nun endlich auch.“

    Ja.
     
    Obwohl ich eine briefeschreiberin bin, gerne langsam und mit genuss lebe, und vielleicht aus einem anderen jahrhundert komme – Ich bin dem internet sehr dankbar für das was es  zu geben vermag.  
    Und einen der zwei laptops bei uns zu hause schmeisse ich vielleicht doch irgendwann mal aus dem fenster.