Der Auftrag der alten Lakotafrau

Lass Deine Stimme hören!

Beinahe hatte ich es vergessen. Es ist viele Jahre her, da schenkte ich meiner kleinen Tochter zum Geburtstag eine Reise zu den „echten“ Indianern. Wir reisten zum ersten Mal zum Sonnentanz im Land des Lakota Volkes.
Nachdem der heilige Baum wieder abgebaut war, blieben wir noch einige Zeit auf der Büffelranch eines Freundes, Fred, dessen Sohn im Alter meiner Tochter war und der freundliche Pferde besaß, auf denen die beiden ohne Sattel über die Prärie galoppierten.
Inzwischen hatten wir uns angewohnt, unter freiem Himmel zu schlafen. Beide Kinder hatten in diesem Sommer ihre Erfahrungen mit schwarzen Witwen gemacht und mit den winzigen „brown recluse“ Spinnen, deren Bisse die Gesichter der Kinder bis zur Unkenntlichkeit entstellt hatten. Die beiden klagten nicht, denn beim Sonnentanz ist Schmerz der Weg zu den Geistwesen.

singing spiderwoman

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Aber neue Bisse wollten wir nicht riskieren und Spinnen beißen eher im Zelt oder im Haus, wo sie sich in die Enge gedrängt fühlen. Im Freien huschen sie meist einfach davon. Genau wie die Klapperschlangen, deren Bisse wir noch weniger riskieren wollten.
In jener Nacht schwitzten wir in einer Schwitzhütte, die seit Generationen an diesem Ort gestanden hatte. Der sehnsüchtige Gesang der Koyoten drang von draußen zu uns herein. Als wir aus dem Bauch von Mutter Erde krochen, hingen Wolken wie eine schwere dunkle Decke über der Prärie. Wir vier lagen nebeneinander auf unseren Matratzen und ließen uns von den dicken Tropfen, die bald schon herabprasselten in den Schlaf spülen.

Als ich aufwachte, war der Himmel klar und schwarz. Unzählige Augen zwinkerten vom Himmel herunter. Die Koyoten waren längst verstummt. Meine Tochter und unsere neuen Freunde schliefen tief und fest.
Day and Night by Christine Li
Aber ich war nicht die einzige, die wachte. Ich fühlte eine atemlose Präsenz. Neben einer kleinen von Sträuchern stand sie, in altertümlichem Lederkleid, umwabert von weißen Wolken. Sie sah mich an. Mein Herz raste davon. Unmöglich, die anderen zu wecken, denn nicht einmal einen Finger konnte ich bewegen.
Sie verstand wohl meine Angst, denn auch sie bewegte sich nicht. Ihre Augen ruhten auf mir, als wollten sie mir sagen: Fürchte dich nicht.
So verharrten wir. Ich in Starre und sie in zeitloser Ruhe. Langsam, ganz langsam, fand ich meinen Atem wieder. Sie stand immer noch da und wartete, bis ich endlich statt Panik nur noch ruhige Aufmerksamkeit fühlte.
Da begann sie zu reden. Es klang wie Lakota. Eine Sprache, die ich immer noch nicht verstehe. Einen einzigen Satz sagte sie und sah mich an.
Ich versteh dich nicht“, dachte ich.
Da wiederholte sie den Satz. Wieder und wieder und in Gedanken wiederholte ich die unverständlichen Laute, bis ich endlich Silbe für Silbe mitdenken konnte, was sie mir sagte.
Sie sah mich noch einmal an und nickte mir zu. Dann löste sie sich auf und dann waren dort, am Rande des kleinen Gebüsches, nur noch die weißen Nebelschwaden.

Eine Weile blieb ich wach liegen und wiederholte die Worte in meinem Herzen, bis ich mir ganz sicher war, sie niemals wieder zu vergessen, oder zumindest nicht bis zum nächsten Morgen.
Als die anderen Menschen erwachten, erzählte ich Fred von meiner Vision.
„Ja“, sagte dieser. „Die Frau lebt da seit langer Zeit. Allerdings erscheint sie nur Kindern und Verrückten.“
Er grinste bei diesen Worten.
„Sie hat etwas gesagt“, sagte ich. „Auf Lakota.“
Ich wiederholte, so gut ich konnte, die langsilbigen Worte: „Weißt du, was das heißt?“
Er nickte: „Lass deine Stimme hören!“
„Und was meint sie damit?“
„Vielleicht meint sie, du sollst beten?“
Das wollte ich tun.
Was sonst konnte sie meinen. Was sonst hätte ich sagen sollen und wer außer der Geisterwelt wollte mir zuhören?
Im Laufe der Jahre vergaß ich die Indianerfrau und ihren seltsamen Auftrag.

Nun, nach langer Zeit, sehe ich sie wieder vor mir, die alte Indianerin in ihrer schönen alten Tracht.
Lass deine Stimme hören!

Inzwischen gibt es doch so einiges, was ich gerne sagen möchte.
Oder vielleicht ist es auch nur eine einzige Sache:
Es ist an der Zeit, dass wir Menschen uns wieder selbst heilen.

Zu sehr sind wir verängstigt worden. Uns ist eingeredet worden, Heilen sei eine komplizierte Sache, nur für Experten, und selbst dann meistens unmöglich.
Lange Zeit habe ich das selbst geglaubt. Wie auch nicht. Wenn menschliche Körper, ihre Anatomie, ihre Physiologie, all die komplizierten Prozesse im Körper doch nahezu unverständlich sind. Wie könnte es nicht den Experten vorbehalten sein, sich da einzumischen?

Dann, nach und nach, sind Zweifel in mir erwacht.
Heilung geschieht immer wieder und in jüngster Zeit oft immer leichter. Spontan und ganz ohne Experten. Diese sind, nach vielen Jahren und milliardenschweren Investitionen in Forschung, nach Kilometern von Büchern und Diskussionen, dem Geheimnis von Heilung kaum näher gekommen. In der Zwischenzeit sterben immer mehr Menschen an den Nebenwirkungen neuer, kaum erprobter Wundermittel. Da forschen sie vor sich hin, die Illusion, dereinst das Wesen von Heilung zu begreifen, unerreichbar vor der Nase, wie die Karotte, die man dem Esel vor der Nase baumeln lässt, damit er läuft und läuft.

Dabei ist Heilung gar nicht so schwer.
Mitgefühl ist der Schlüssel.
Bescheidenheit.
Respekt.
Stille.
Den Rest macht der Körper.

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Über Christine

Ärztin und Heilerin für Chinesische Medizin, Akupunktur, Trance und Träume. Aber auch Tänzerin, Dichterin, Liebende und weise Frau. Zuständig für das ganz alte China, Daoismus, Yin und Yang, Geister, Drachen, Liebeskummer, Ängste und heilsame Transformationen. Bücher: "Der Weg der Kaiserin", "Der Weg des Schamanen", "Chinesische Medizin für den Alltag" und bald noch viel mehr.

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