Heilen lernen, Teil 2

Pan Gu
Heilung ist das Gefühl von Einheit. Damit Sie noch besser verstehen, wie Einheit sich anfühlt, möchte ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Eine Variante der chinesischen Genesis, vermutlich aus Südchina, einer Region mit stark schamanischer Tradition.
Es ist die Geschichte von Pan Gu. Sie werden bemerken, dass es sich um eine schamanische Trancereise oder, wenn sie möchten, eine Regression in die Zeit vor unserer Geburt handelt, zum früheren Himmel, zum Anfang der Zeit.

Immer wenn Heilung stattfindet, erleben wir eine Reise zum Anfang.
Auf dieser Reise wird die Zeit so langsam, bis sie zuletzt ganz stillsteht.

Wenn Sie möchten, verlangsamen Sie nun sich selbst und werden zum neugeborenen Säugling. Dies dauert nur ein paar Atemzüge lang.

Pan Gu

Am Anfang der Zeit herrschte Dunkelheit und Chaos. In der Dunkelheit formte sich ein Ei und im Inneren des Eis entstand Pan Gu- genannt der Ursprüngliche Abgrund.
Viele Zeitalter lang schlief er und wuchs.
Als er zu gigantischer Größe herangewachsen war, streckte er seine riesigen Gliedmaßen und brach so das Ei.
Die leichteren und feineren Anteile schwebten nach oben zum Himmel.
Die dichteren Anteile sanken zur Erde.
Es heißt auch, dass das Auskristallisieren der dichten Anteile die längste Zeit brauchte.
Das Öffnen und Ausströmen ging sehr leicht.
Schnell entstehen geistige Bilder. Nur gemächlich werden daraus die Dinge.
So entstanden Himmel und Erde, Yin und Yang.

Pan Gu sah das alles und es gefiel ihm.
Damit aber Himmel und Erde in Spannung blieben, stellte er sich zwischen sie.
Sein Kopf trug den Himmel. Seine Füße stemmten sich fest in die Erde.
Und weil er so fest auf der Erde stand, transformierte er sich jeden Tag neun Mal.
Wieder und wieder erneuerte er sich. Neun Mal am Tag  war er ein vollkommen anderer und zugleich immer der gleiche.
So  wuchs er immer weiter, zehn Fuß am Tag, 18 000 Jahre lang stemmte er sich gegen den Himmel bis sein Kosmos fest und sicher war.
Da legte er sich hin und starb.

Sein Körper zerfiel und wurde zu allem, was ist.
Wind und Wolken entstanden aus seinem Atem.
Seine Stimme ward Donner und Blitz.
Seine Augen leuchteten als Sonne und Mond.
Seine Gliedmaßen wurden zu den vier Himmelsrichtungen und sein mächtiger Rumpf zu den Bergen. Sein Fleisch zerfiel zu fruchtbarer Erde und all den knorrigen und biegsamen  Bäumen darauf.
Sein Blut strömte als Flüsse durch das Land und seine Venen wurden zu den Kanälen und Wasserwegen, die die Waren zurück zu den Menschen bringen.
Sein Körperhaar wurde zu Gras und Kräutern, seine Knochen und Zähne zu kostbaren Steinen und Mineralien.
Sein Schweiß wurde zum Tau und sein Kopfhaar glich den Sternen am Himmel.
Die Läuse und Flöhe aber, die auf seinem Körper herumwuselten, wurden zu Menschen.

Manche sagen sogar, wenn das Wetter sich ändert, so sind dies Pan Gus Launen.

Nonlokalität und  Quanten Vakuum
Ich möchte Sie nun einladen, einen Bewusstseinssprung zu unternehmen.
Bleiben wir in Ihrem Körper. Ihrem Mikrokosmos. Den Bergen und Flüssen. Sprechen wir über nonlokale Kommunikation. Kommunikation außerhalb von Raum und Zeit.
Wie Sie wissen, sind all ihre Zellen in ständigem Austausch miteinander. Was an einem Ort in ihrem Körper geschieht, wirkt gleichzeitig im ganzen Körper. Dafür bedarf es keiner neuronalen Leitung, keiner Neurotransmitter und keiner Hormone.

Wir erleben dies täglich, wenn wir akupunktieren. Eine Nadel im Fuß wirkt gleichzeitig überall.
Ihr Körper, ihr Nervensystem, ihr Bewusstsein sind eine funktionelle Einheit.
Es gibt kein vorher, kein nachher,  nur ein gleichzeitig.

Im Yi Jing heißt es, was am Himmel die Bilder sind, sind auf der Erde die Formen.
Wir, als Menschen, sind alles zwischen Himmel und Erde.
Wir sind die Bilder und die Formen. Wir schaffen unseren eigenen Kosmos.

Wir sind ein fließendes Feld. Die Chinesen nannten es Shen Qi.

Die Autoren des Neijing, im Suwen (Kap 16), wussten von dieser Gleichzeitigkeit und schrieben:
Sobald das Bewusstsein- Shen sich verändert hat, hört man mit dem Nadeln auf.

Was sich hier verändert, ist sowohl Ihr Shen, als auch das Shen des Patienten.

Die Intention, die in mir entsteht, wirkt im gleichen Augenblick in einem anderen Menschen. In einem Körper, der von mir getrennt scheint, den ich in diesem Augenblick nicht physisch berühre, den ich vielleicht gerade erst kennengelernt habe.

Wir sind eine funktionelle Einheit mit unserer Umwelt. Kein Körper kann für sich existieren.
Wir stehen in ständigem Austausch. Luft, Wasser, Atome, die in einem Augenblick in unserem Körper waren, sind nur wenige Zeit später in einem andern.
Nun behalten selbst subatomare Partikel ihre Erinnerung an das, was sie einst waren.  Ein Bewusstsein durchdringt alles, was ist. Ein einziges Shen Qi.
Es ist unmöglich, uns getrennt zu denken.

Dennoch tun wir es. Wir können es aber auch lassen. Ich denke, es ist an der Zeit diesen materialistischen Narzissmus gehen zu lassen.

Wir denken uns aber nicht nur als getrennt. Wir denken uns auch als dauerhaft. Wir fassen unseren Arm an und befinden ihn für sehr real.
Wir kneifen unseren Bauchspeck und machen uns auf lange Monate zäher Diät gefasst. Veränderungen, so heißt es,  dauern sehr, sehr lange und geschehen in Mikroschritten.

Pan Gu, der seine Füße auf die Erde stemmt, und sich neun Mal am Tag wandelt,  ist demnach doch nur ein altes Märchen?

Die Physik erzählt uns, dass alle Partikel unaufhörlich neu entstehen. Wir sind keine Struktur sondern ein Prozess. In jeder Mikrosekunde werden wir neu aus dem Quanten Vakuum hervorgebracht.

Wir werden aus dem Nichts hervorgewirbelt, schrieb der Mystiker Rumi.

Das wissen wir alten Chinesen schon lange.

Lao Zi  (40 Kapitel) schreibt:
Die Umkehr ist die Bewegung des Dao
Das Weiche ist die Funktion des Dao.
Die zehntausend Wesen werden alle aus dem bereits Differenzierten hervorgebracht.
Das bereits Differenzierte wird aus dem, was noch nicht differenziert ist, hervorgebracht.

Wir sind Ausdruck eines Kosmos, in dem sich alles immer wieder differenziert und verfestigt, manchmal auch blockiert….. und dann erneut öffnet und auflöst.
Beim Auflösen entsteht ein Zwischenraum. Eine Leere.
In der Leere sind unendliche Möglichkeiten.
Heilung ist immer eine Möglichkeit.

Wu Wei (sprich: Uh Wä-ih)
Nun fragen Sie sich, was diese schwärmerischen Worte mit ihrer Arbeit zu tun haben?

Nun, das noch nicht Differenzierte, das Potential der Leere, heißt auf Chinesisch Wu.
Effektives Handeln geschieht in einem Zustand des Wu.
Diese Art des Handelns heißt Wu Wei.

Handeln im Zustand des Ausdifferenzierten, des Definierten, des Blockierten, ist ineffektiv und macht sehr müde.
Laozi 29
„Will man die Welt erobern und greift willentlich ein, so habe ich gesehen, dass dies nicht gelingt. Die Welt ist ein geistiges Ding….Hält man sie fest, so verliert man sie.“

Fortsetzung folgt…

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Medizin von Christine. Permanenter Link des Eintrags.

Über Christine

Ärztin und Heilerin für Chinesische Medizin, Akupunktur, Trance und Träume. Aber auch Tänzerin, Dichterin, Liebende und weise Frau. Zuständig für das ganz alte China, Daoismus, Yin und Yang, Geister, Drachen, Liebeskummer, Ängste und heilsame Transformationen. Bücher: "Der Weg der Kaiserin", "Der Weg des Schamanen", "Chinesische Medizin für den Alltag" und bald noch viel mehr.

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