Heilen lernen, Teil 3

Teil 3 meines Hauptvortrages auf dem ASA Kongress, 2012 in Solothurn über Heilung als Wiederherstellung der Harmonie zwischen Himmel und Erde

Was tun? Wie beginnen Sie eine Heilung?

Um effektiv zu handeln, auch zu be- handeln, versetzen Sie sich in einen freundlich kindlichen Zustand, am besten in Trance, und überlassen sich dem Fluss des Dao.
Es kann eine Weile dauern, vor allem, weil es eine Weile dauert, bis Sie begreifen, dass es wirklich so einfach ist.

Am Anfang sehen Sie vielleicht noch einen festen Körper mit Krankheiten.
Nach und nach lösen Sie ihn in Regeln und Akupunkturpunkte und Qi Ströme auf und werden von all dem zunehmend verwirrt.
Sie ergeben sich und hören auf nachzudenken. Sie vertrauen sich dem Fluss an.
Ihr Unterbewusstsein, ihre Anbindung an das kosmische Shen Qi übernimmt die Führung.

Um zu illustrieren, wie einfach das ist, hat der Daoist Zhuangzi in einer wunderbaren Geschichte ein Beispiel gewählt, bei dem zunächst niemand an große Gelehrsamkeit oder Verfeinerung denkt.  Einen Fleischermeister.

Die Menschen fragten den Fleischermeister Ding, wie es käme, dass er in Windeseile einen Ochsen zerteilen könne, ohne dass seine Messer jemals stumpf würden.

Dies ist seine Erklärung:
„Was ich liebe, ist das Dao. Es übertrifft die Technik.
Am Anfang, als ich begann, Ochsen zu zerlegen, sah ich zunächst nichts, außer Ochsen.
Nach drei Jahren sah ich keinen unzerteilten Ochsen mehr.
Heute begegne ich dem Ochsen mit meinem Shen. Ich sehe ihn nicht mehr mit meinen Augen. Die Erkenntnis meiner Sinne hört auf und mein Shen zirkuliert, wie es ihm gefällt.
Ich folge den natürlichen Strukturen des Ochsen, schneide dort, wo schon große Spalten sind, führe die Klinge durch die großen Höhlungen, sodass ich der festgelegten Natur des Ochsen folge.“

heil sein heißt heiles Shen
Lassen Sie ihre Hände über die Patienten schweben. Folgen Sie den Linien und Strömen und wenn Sie einen Punkt finden, wo es knäuelt oder Leere herrscht, führen Sie ihre Nadel hinein und schubsen Sie das Qi dorthin, wo es hinfließen möchte. Alltägliche Qi Stagnationen, Blockaden und Krankheiten beheben Sie auf diese Weise im Handumdrehen.

Es gibt allerdings Patienten, bei denen geschieht nichts.
Sie sind verzweifelt und depressiv oder vollkommen gefühllos.
Sie haben schreckliche Schmerzen.
Sie kommen mit einer  Diagnose, die ihnen jegliche Hoffnung geraubt hat und es gibt kein tödlicheres Gift als die Angst.

Die chinesische Medizin lehrt uns, dass dort, wo das Shen Qi gegangen ist, jedes Bemühen nutzlos ist.
„Wer Shen hat, wird leben. Wer Shen verliert, wird sterben.“

Bewusstsein- Shen ist nicht die Psyche der Psychotherapie. Die Psychotherapie behandelt unsere Gedanken und Emotionen. Diese sind aber, genau wie unser Körper, nur Ausdruck der dahinter wirkenden Bewusstheit, der eigentlichen Schöpferin unserer Realität, des Shen Qi.
Wenn wir in Verbindung mit dem kosmischen Shen Qi treten, heißt diese Bewegung hun- Hauchseele. Kehren wir in unseren festen Körper zurück, heißt dies Po- Körperseele.
Auf solche Feinheiten verzichte ich heute.
Statt von Bewusstsein, shen, hun, po usw, werde ich einfach von Seele sprechen.

Seelenverlust und Trauma
Was geschieht, wenn diese Seele, oder Teile davon, verloren gehen?

Die Vorstellung von einer verlorenen Seele findet sich bei vielen Völkern. Menschen mit Seelenverlust sind oft körperlich gesund und psychisch funktionell. Sie führen meist ein vollkommen normales, oft sehr erfolgreiches Leben. Doch dabei fühlen sie sich zutiefst hoffnungslos, ziellos, wie ausgesetzt in einer fremden Welt, einsam, getrieben.
Sie leiden unter Erinnerungslücken, Ängsten und vielfältigen dissoziativen Symptomen. Seltsame Symptome, die von Piaget unter der Bezeichnung Hysterie zusammengefasst wurden.

Menschen mit Seelenverlust leiden oft unter Essstörungen, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Depressionen, Schlafstörungen, neurologisch unlogischen Schmerzen und Empfindungsstörungen, chronischer Müdigkeit, Burnout und all dem anderen Zeug, das schulmedizinisch wenig Sinn ergibt.

Sie kommen überdurchschnittlich häufig in unsere Behandlung.

In dem 2000 Jahre alten Medizinklassiker Neijing wird ein ähnliches Bild beschrieben, als Folge von Kälte.
Im Suwen (Kap 3) steht:
„Wenn Kälte eingedrungen ist, so ist man in seinen Bewegungen nicht wendig, während des Wachseins und Schlafens befindet man sich immer in Alarmbereitschaft. Das Shen Qi schwebt an der Oberfläche.“

Nicht-wendige Bewegungen lassen an Menschen denken, die etwas Unbeholfenes haben, sich nicht recht  am Platz fühlen, bei denen alles irgendwie schief läuft. Hinzu kommt die Dauererregung, die latente Angst. Eine gewisse Geistes- Abwesenheit.

Dies ist eine sehr treffende Beschreibung eines traumatisierten Menschen, eines Menschen mit Seelenverlust.
Und die Kälte ist offensichtlich nicht die Kälte des Winters sondern die Kälte des dorsovagalen Reflexes – der dritten Möglichkeit , neben fight oder flight auf ein Trauma zu reagieren:  freeze- Todesstarre!

Sie sehen: Was wir heute als Trauma bezeichnen, nannten die alten Chinesen schlicht bösartige Kälte.
Ein Trauma muss nicht immer ein großes Ereignis wie Krieg oder Missbrauch sein. Bei innerer Leere und Empfänglichkeit, vor allem bei Kindern, genügt auch ein kleineres Übel, um großen Schaden anzurichten.

Seele zurücksingen
Die Seele drängt es, sich wieder zu vereinen.

Im alten China sangen Schamanen die Seele zurück. Im Süden entstand eine ganze Literaturgattung um diese sehnsuchtsvollen Lieder.
(Diese wundervollen Lieder waren mir eine große Inspiration bei meinem Roman über eine chinesische Schamanin aus dem dritten Jahrhundert)
Ich denke,  die traurigen Lieder, Gedichte und Kunstwerke der Welt drücken die gleiche Sehnsucht aus. Der Tango entstand so. Die Mystik.
Die Intensität unserer Sehnsucht ist die Intensität der Liebe Gottes zu uns, sagte der Mystiker Rumi.

Die lange Nacht der Seele und schwere Krankheit
Viele Menschen begeben sich allein auf einen sehr schweren Weg zurück zu ihrer Seele.
Eine tiefe Verzweiflung, die lange dunkle Nacht der Seele,  können Ausdruck dieser Sehnsucht sein.
Früher oder später wird die Seele sich heilen.
Nicht immer verläuft der Prozess sanft und schmerzlos.
Nicht immer überlebt der Körper.

Wie wir in alten Büchern lesen, sinkt das Qi bei Angst hinab, bei Wut steigt es auf. Manchmal verknäueln sich beide Qi Formen und führen zu Knoten und Geschwüren. Schleim, Stasen und Kälte bringen den Fluss zum Erliegen. Totes Qi stockt in den Leitbahnen.
Das Ergebnis sind schwere, schmerzhafte, teils tödlich verlaufende, körperliche Krankheiten.
Warum ausgerechnet ich, fragen sie sich. Ich war ein guter Mensch.

Hier ist meine Antwort:
Solche Krankheiten sind Geburtsschmerzen der Seele.

Im Lingshu 27 heißt es
„Wenn jemand Schmerzen hat, kehrt Shen zurück, wenn Shen zurückkehrt, entsteht Hitze.“
Dieser Prozess kann sehr hart sein. Gelegentlich braucht die Seele Geburtshilfe durch einen anderen Menschen… … und durch Nadeln.

Fortsetzung folgt

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