Heilsame Traurigkeit

Sei ruhig traurig

Seit ein paar Tagen vertiefe ich mich in Traurigkeit. Oder versuche es zumindest. In ein paar Tagen möchte ich den Damen eines Wiener Salons über die Kaiserin etwas über die Traurigkeit erzählen. So ganz gelingt es nicht. Gestern Nacht noch las ich einen wunderschönen Brief von Rilke über Traurigkeit, Einsamkeit und das Schöpferische darin.  Ich hörte mir Ludwig Hirsch an und sein Lied  über die „Pillen gegen Traurigkeit“. Ich habe mir sogar auf Skype von dem Tango Sänger Luis Luduena zwei Stunden lang traurige Tangos vorsingen lassen.

Die Traurigkeit ist das innerste Wesen aller schönen Dinge
, sagte mir Luis. Sei ruhig traurig.

Nichts zu machen.

Heute morgen wache ich in aller Frühe auf und grinse über beide Backen.
Was hab ich jetzt schon wieder angestellt. Traurigkeit ist eine meiner leichtesten Übungen.  Wenn mir etwas Trauriges begegnet, wenn meine PatientInnen weinen: Ich weine mit. Ich bin ein ausgesprochen rührseliges Wesen. Leicht gerührt und selig dabei.

Noch diesen Winter war ich oft traurig über alle Maßen.
Erst neulich erwachte ich aus einem schweren und trüben Traum. Mir träumte, in meiner Wohnung stünde eine wundervolle und üppige Pflanze. Ein dunkler Mann krallte sich in die Pflanze und, mehr aus Tolpatschigkeit, denn aus Bosheit, begann er  einzelne Blätter zu zerrupfen. Erst eins dann mehrere. Die Pflanze duckte sich scheu. Doch wohin soll eine Pflanze schon fliehen. Sie ist ein stilles Wesen, erdgebunden und nahezu (nicht ganz!) bewegungslos. Ganz Yin.
Das Unheil nahm seinen Lauf. Trotz meiner vorsichtigen und zunehmend verzweifelten Bemühungen, den Mann von der Pflanze wegzulocken, zerstörte er sie immer weiter. So weit, bis ich ihm schließlich den Blumentopf entriss und weinend davonlief. In meinen Armen war nur noch ein zartgrüner Strunk. Nahezu tot.
Als ich aufwachte, fand ich den Traum so bedrückend, dass ich mehr wissen wollte.
Nun lässt sich die Bedeutung von Träumen erforschen im Zustand der Hypnose, der Trance. Ich wiegte mich noch einmal in den Halbschlaf, in einen Zustand der Hypnose, in dem ich eins wurde mit der Pflanze.
Nun spürte ich, in Trance,  wach und bewusst, den unsäglichen Schmerz, das Leid und den Kummer dieses einst so schönen Wesens. Ich spürte von innen die Verzweiflung und das langsame Verwelken und sich Auflösen. Mein ganzer Körper zerfiel. Die Zehen krümmten sich vor Leid. Endlich flossen die Tränen. Sie flossen wie ein unendlicher Strom. Von den Wurzeln bis hinauf in die verkümmerten Blattansätze. Ich weinte, schluchzte, schrie und spürte all den  Schmerz von Mutter Erde, unserer Mutter, unserer eigenen Weiblichkeit. Weinend floss alles davon und verflüssigte sich, bis zuletzt nur noch ein endloser Tränenstrom blieb. Der trockene Stumpf reckte sich und begann, ganz vorsichtig und in der Tiefe, neue Triebe zu entwickeln. In diesem Strom spürte ich die Verheißung, dass alles sich immer wieder erneuern kann. Ich spürte, dass gewisse Dinge ewig sind.
Ich hatte, mal wieder, weinend in der Nacht, alle Tränen geweint und Tränen sind ein Gebet. Nicht umsonst heißt die Visionssuche bei den Lakota: „Weinen in der Nacht“.
Nicht umsonst musste die afrikanische Göttin der Liebe, Ochun, so viel weinen. Am Ende der Tränen löst sich alles in Liebe auf.

Genaueres Nachdenken zeigt natürlich, dass gerade hier das Problem liegt, bei meinem derzeitigen Traurigkeitsprojekt: Ich habe genug geweint.
Der Frühling erwacht. Die Zeit für Traurigkeit ist vorbei. Die Tränen haben die Erde befeuchtet und nun kann alles wieder wachsen. Dies gilt zumindest für alle die, die im Winter alle Tränen geweint haben und ihrer Angst ins Gesicht gesehen haben.


Wenn wir lange Zeit zu tapfer sind: Hoffnungslosigkeit, Depression und Burnout

In der vergangenen Woche aber sah ich einige in meiner Praxis. Die waren lange Zeit zu tapfer gewesen. Sie hatten den Winter über noch durchgehalten. Sie hatten nicht geweint, als es an der Zeit war. Sie waren vielleicht ein Leben lang immer wieder ungeliebt und misshandelt worden und sie hatten alle ihre Stärke mobilisiert, bis am Ende ihre ungeweinten Tränen versiegten. Zurück blieb das Vertrocknete. Tiefe Hoffnungslosigkeit. Freudlosigkeit. Depression.
Nun ist es in Zeiten großer Bedrückung oft nicht leicht zu weinen. Oft ist uns auch schon als Kindern gesagt worden, wir sollten uns nicht so haben. Erwachsene haben gerne so eine zynische Art, den Schmerz kleiner Kinder zu verspotten. Dann werden die Kinder tapfer und als Erwachsene werden sie starr. Sie gewöhnen sich an, den Kopf hoch zu tragen, den Nacken hart zu machen und allzeit zu lächeln. Viel Freude strahlt dieses Lächeln freilich nicht aus. Es ist mehr ein eingefrorener Mechanismus der Selbstverteidigung. Von Jahr zu Jahr wird es mehr zum Grinsen. (Es heißt zwar oft, Lächeln verschönere das Gesicht. Doch diese Art des Grinsens führt zu Falten.)

Die Anstrengung wird übermenschlich und dann, oft nach einer einzigen weiteren Verletzung, nach Verlassen- Werden, einer Trennung, Liebeskummer, einem Todesfall oder sonstigen Verlust, bricht alles zusammen. Depression. Burnout.

Einige wenige weinen dann wochenlang oder monatelang und das ist gut so. Auch scheinbar endloses Weinen findet sein Ende. Gelegentlich lässt der Fluss sich mit  Hilfe von Akupunktur wirkungsvoller gestalten und dadurch beschleunigen. Abbrechen lässt er sich nicht ohne Schaden.

Pillen gegen die Traurigkeit: Antidepressiva, Tranquilizer und Hormone

Manch eine aber spürt, dass sie ihr hochgestecktes Arbeitsprogramm so nicht erfüllen kann, oder sie schämt sich oder findet es schlichtwegs lästig oder peinlich, und lässt sich Pillen gegen Traurigkeit verschreiben.  Pillen gegen Traurigkeit verhindern das natürliche Ebben und Fluten der Gefühle. Sie halten den Körper unter ständigem Beschuss durch fröhliche Neurotransmitter, auch wenn eigentlich als anderes als Fröhlichkeit angesagt ist.  Sie verlangen dem Körper die allerletzten Yin Reserven ab. Die Pflanze vertrocknet dann ganz und gar. Die Augen werden fiebrig. Die Wangen rot. Um das mangelnde Yin, die Festigkeit und Erdverbundenheit zu kompensieren, kommt es oft zu Gewichtszunahme. Oder zu Libidoverlust- denn Sex braucht starke Yin Reserven. Gegebenenfalls bleibt die Menstruation aus- was dann wiederum durch Hormone beschossen wird. Unfruchtbarkeit ist auch eine Option, dann gibt es noch mehr Hormone. Der Körper quillt auf. Wird feucht. Die Beine schwer. Die Venen dick.
Ganz so, wie wenn auf völlig vertrocknete Erde mit einem Mal ein paar Liter Wasser gegossen werden.  Dann ist alles wieder nass. Aber die vertrockneten Wurzeln, die schon lange nicht mehr in die Erde geschmiegt sind und sich verschlossen haben gegen Nahrung, verlieren so eher noch den letzten Halt.
Einige Male lässt die Dosis sich noch erhöhen. Aber irgendwann ist diese Option mit zu vielen Nebenwirkungen verbunden.

Dann geht nichts mehr. Übrig bleiben Griesgrämigkeit, Hoffnungslosigkeit und, nicht selten stetige Gewichtszunahme und dauerhafter Libidoverlust.
Nein, nicht ganz. Es kann immer alles gut werden. Solange ein leicht grüner Strunk verhanden ist, lässt sich das Pflänzchen wieder heranziehen. Mit sehr sanften, Yin befeuchtenden europäischen oder chinesischen Kräutern. Oft Wurzeln von Pflanzen, die im Trockenen gedeihen und Pilzen, die sich darauf verstehen, sich tief in trockene Baumstümpfe zu graben, säuerlichen saftigen Beeren. Es gibt gute Medizin gegen Vertrocknung, Griesgrämigkeit, Lustlosigkeit und Falten. Aber ohne Weinen geht es nicht. Fürchten Sie sich nicht. Es ist wirklich schön. Die Chinesen sagen, Tränen sind das Wasser des Herzens. Sie sagen auch, es reinigt die Nieren.

Wenn Sie genug geweint haben und vielleicht noch ein bisschen mehr Auflösung brauchen:

Als nächstes schreibe ich hier über das Schwitzen. Dabei geht es um Angst und für viele auch um Wechseljahre.
Ein heißes Thema. Zum Zerfließen schön.

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