Ich krieg die Krise

Vor Jahren hielt ich einmal einen Vortrag in München. Am Abend stieg ich in die S- Bahn, die mich zum Flieger zurück nach Hamburg bringen sollte. Am Nachmittag war heftiger Schnee gefallen. Die Bahn glitt mit mir und all den anderen, die auch zum Flughafen unterwegs waren, durch die Nacht. Vor dem Fenster hing ein dichter flauschiger Vorhang von Schnee. Dahinter endlose Reihen öder Vorstädte, für diese besondere Nacht verkleidet  als schneebedeckte bayrische Dörfer.
Im Zug war es hell erleuchtet und die laptop-bewaffneten Menschen guter Dinge nach einem Wochenende voll Arbeit oder bei der Fernbeziehung.
Dann ruckelte der Zug und blieb stehen.  Mitten im Niemandsland zwischen zwei weit auseinanderliegenden Dorf-Vorstädten. Der Zug war aus den vereisten Schienen geglitten und lag nun mit leichter Schräglage in einem weiten verschneiten Feld. Das Notlicht ging an. Dann geschah nichts mehr.
Es dauerte nicht lange und der Zugbegleiter verkündete knapp, in dieser Nacht kämen wir nicht mehr zum Flughafen.
Die schnelleren unter den schnellen Mitfahrern hatten längst ihre Smartphones gezückt und versuchten, ein Taxi zu rufen. Doch wie es so ist, nachts, mitten im Feld, im tiefen Schnee. Da kommt kein Taxi.
Es war insgesamt recht lustig anzusehen, was die einzelnen Menschen unternahmen, um doch noch nach Hause zu kommen, während zusehends klarer wurde, dass auch der letzte Flieger inzwischen gestartet war.
Die meisten waren sich über folgende Dinge einig:

  • So geht es nicht!
  • Da muss man doch was unternehmen!
  • Immer die Bahn!
  • Man muss die Airline verklagen!
  • Man muss sie ALLE verklagen!

Den Schnee wollte niemand verklagen. aber das Ganze ist natürlich schon zehn Jahre her. Inzwischen mag sich das geändert haben.

Es war ein klassischer Katastrophenfilm- allerdings ohne die Katastrophe.
Am tiefsten beeindruckte mich die dreißigjährige Frau im perfekt sitzenden italienischen Kostüm, die auf dem Gang stand, mit ihrem nutzlosen Handy gestikulierte und, in schriller Tonlage, wieder und wieder schrie:
„Das ist das Entsetzlichste, was ich je erlebt habe.“

Wenn Sie, warmherzige Leserin, jetzt in heller Aufregung schweben sollten und sich fragen, ob ich das weiße Inferno überlebt habe: Ja. Sonst könnte ich diese Zeilen ja nicht schreiben.

Neulich erzählte mir jemand, dass ein, an sich netter, älterer Herr zu einer jüngerer Verwandten gesagt haben soll: „Ihr braucht alle mal einen Krieg.“
Dem wird wohl kaum einer zustimmen mögen. Dennoch verstehe ich, was der selbst offensichtlich kriegstraumatisierte Herr sagen wollte: Wir sind innerlich erstarrt und zugleich panisch, wie überzüchtete Mastschweine. Wir brauchen dringend etwas mehr Bewegung im Kopf.

Die Menschen im Hier und Jetzt unserer übertechnisierten und überregulierten Zivilisation der 21. Jahrhunderts besitzen wenig Resistenz gegenüber allem Neuen.
Die Bahngesellschaft ändert den Fahrplan, der Flieger verpasst den Anschluss, der Fernseher geht kaputt, Parmaschinken ist ausverkauft: schon heißt es:
„Ich krieg die Krise“.

Während alt und jung sich regelmäßig zum Strechting, Yoga, Fitness schleppt, um, nach tagelangem Bewegen einiger weniger Finger über der Tastatur, auch mal den restlichen Körper zu aktivieren, ist der Geist mangels Gebrauch vollkommen atrophiert.
Damit meine ich nicht die wenigen Gehirnareale, die die meisten pausenlos überstrapazieren, weil sie sie zur Organisation ihres Berufes und ihrer alltäglichen Sorgen brauchen.

Ich meine den ganzen Rest unseres Geistes, den wir noch nicht einmal kennen.
Den Rest, der träumt, phantasiert und kreativ mit neuen Situationen umgehen kann.
Den Rest, der Dinge sieht, hört, wahrnimmt, die anderen verborgen bleiben.
Den Rest, der die Zukunft und die Vergangenheit als ein fließendes Feld begreift, in dem wir uns nach Belieben bewegen können.
Den Rest, der die Verbundenheit mit der ganzen Welt kennt.

Das ist im Übrigen bekannt. Sonst würde es nicht ständig heißen, wir sollten „raus aus der Komfortzone“.

Das tut allerdings niemand gerne.

 

  • Dafür muss schon ein Zug entgleisen.
  • Dafür muss jemand schwer krank werden.
  • Dafür braucht ein anderer Liebeskummer.
  • Dafür braucht es eine richtige Krise.

In richtigen Krisen läuft der Geist aus den vereisten Gleisen.

Neue Wege sind aber noch nicht gebahnt. Wer Pech hat, geht dann eiligst zum Psychiater und lässt sich betäubende Medikamente verschreiben, um den Geist davon abzuhalten, wild in alle Richtungen und immer wieder auch mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen.
Die Psychiatrie, Erbin der Kirche, als unsere offizielle Ansprechpartnerin in Sachen „fremde Wege des Geistes“, hält von solchen Erneuerungsbemühungen nichts:

Wenn es nicht so geht wie immer, dann soll es lieber gar nicht gehen.

Alles andere wäre, quasi, Blasphemie. Bewusstseinserweiterung ist ihr suspekt. Emotionen sind für sie Ausgeburten des Teufels- pardon- Neurotransmitter auf Abwegen. Serotoninmangel.

Während meiner eigenen Ausbildung in Psychiatrie erlebte ich eine solche Krise.
Ich arbeitete damals in einer geschlossenen Anstalt an einer Klinik, in der viele neue Medikamente und immer mal wieder Elektroschock- pardon- Elektrokrampftherapie- ausgetestet wurden. Ohne Fleiß kein Doktortitel.
Nach einigen Monaten inmitten weinender, schreiender und mit stets neuen Chemiecocktails erneut zum Schweigen gebrachter Menschen, nach demSchlafentzug endloser Nachtschichten, in einer fremden Stadt ohne Freunde, starb dann auch noch mein Vater.
Die Oberpsychiaterin verkündete umgehend:
„Glauben sie jetzt aber nicht, dass sie wegen so etwas einfach frei bekommen könnten.“
Glaubte ich natürlich nicht. Soweit kannte ich mich aus in der Psychiatrie.

Statt frei bekam ich die Krise. Meine Gedanken rasten und drehten sich. Ich konnte nicht mehr schlafen. Ich brach ständig in Tränen aus. Es ging mir kaum noch besser als den Patienten um mich herum. Nur verstand ich es besser zu verbergen.
Um nicht ganz wahnsinnig zu werden, ging ich zu einem niedergelassenen Psychiater. Ich war immer noch der Meinung, Psychiatrie müsse irgendetwas mit Geist zu tun haben. Die Praxis mit ihren hohen antiken Regalen voller Bücher wirkte auch durchaus geistvoll. Nicht so, wie die Klinik mit ihren formaldehyd-getränkten Plastikmöbeln.
Ich schöpfte Zuversicht.
Der gute Mann hörte mir in etwa drei Sekunden zu. Dann zückte er den Block und verschrieb mir genau das Medikament, das wir gerade an der Klinik austesteten. Ein Medikament, dessen genaue Wirkung keiner verstand, dessen Nebenwirkungen aber alles in den Schatten stellten, was sonst so am Markt war.
Kurz: das teuerste und modernste Psychopharmakon, das sich finden ließ.
Es war klar, der gute Mann hielt mich für „verrückt“.
Es war auch klar, dass dieser Psychiater nicht wusste, was er da tat.

Um Schlimmeres zu verhindern, nahm ich den giftigen Zettel, bedankte mich höflich, erhob ich mich, so schnell es gerade noch ging, um nicht als kopflose Flucht interpretiert zu werden und schlich quasi rückwärts aus dem Raum.
Draußen auf der Straße fing ich an zu rennen, schrie vor Wut, ich zerriss den Zettel und tobte und weinte noch den ganzen Tag. Danach ging es mir schon viel, viel besser.

Spitzfindige Menschen mögen einwenden, der Psychiater hätte mich geheilt. In der chinesischen Geschichte gibt es diverse Aufzeichnungen von Ärzten, die ihre Patienten heilten, indem sie sie in voller Absicht richtig wütend machten.

Der Psychiater mag Ähnliches bewirkt haben. Allerdings ziehe ich Ärzte vor, die wissen, was sie tun.

Bei vielen Menschen löst schon das Wort „Krise“ eine Krise aus. Warum eigentlich?
Die Krise bei den Krankheiten ist, wenn sich die Krankheiten verstärken, nachlassen, in eine andere Krankheit umschlagen oder aufhören.“ (corpus hippocraticum)
In der Humoralpathologie war eine Krisis das Showdown, in dem sich entschied, ob ein Mensch auf einer neueren und gesünderen Ebene weiterleben konnte oder starb.
In einer Krisis werden die Karten neu gemischt.

Krisen gehören nicht nur zum Leben. Sie sind die eigentlichen Höhepunkte.

In einer Krise werden Fähigkeiten und Funktionen aktiviert, die uns sonst nicht zur Verfügung stehen.
Jeder kennt die Geschichte von der Mutter, die im Notfall ein Auto heben kann, das auf ihrem Kind liegt.

Wenn in unserem Geist vergleichbare Kräfte aktiviert werden, kannn dies sehr verwirrend sein.

Wir werden hellhörig und hellsichtig bis zur Halluzination. Wir riechen plötzlich alles. Wir sehen Töne und hören Gerüche. Telepathische Fähigkeiten werden aktiviert. Die Gedanken rasen auf zehnspurigen Autobahnen in alle Richtungen.
Emotionen werden teils vollkommen blockiert, teils aktiviert.
Wir erkennen uns selbst nicht wieder.
Wir erleben zum ersten Mal Fähigkeiten, von denen wir nicht einmal ahnten, dass wir sie haben. Auch dann, wenn uns die Fähigkeiten eher als Zusammenbruch aller Funktionen erscheinen, weil wir mit diesen neuen Funktionen Dinge erleben, die noch keinen Namen haben und was keinen Namen hat, sollte auch besser nicht existieren. Wenn es doch existiert, ist es eine Einbildung. Und Einbildungen sind ganz schlecht.
Daher bestehen die bisherigen Therapie darin, möglichst alle neu erweckten geistigen Abläufe mit Chemikalien zu blockieren.

Wäre es nicht besser, die neuen Wahrnehmungen in unser altes Feld zu integrieren?
Wenn die Neurotransmitter in einer Krise auf völlig unbekannte Hirnareale einstürmen, kann uns dies in Angststarre versetzen. Besser ist es, die unbekannten Hirnareale schon vorher zu trainieren. Geistige Wege können gebahnt werden. Wir können bereits vor einer seelischen Krise unser Bewusstsein so weit erweitern und stretchen, dass im Ernstfall keine „Gehirnmuskelzerrung“ resultiert.

Für jemanden, die so vorbereitet ist, ist ein verpasster Flieger nicht „das Schrecklichste, was mir je passiert ist“, sondern eine gute Gelegenheit, einen Nachtspaziergang im Schnee zu machen, ein Lied (binaural, mit Schumann Resonanz Tönen) zu komponieren, interessante Kontakte mit den anderen Gestrandeten anzuknüpfen oder über die Levitation von Zügen vermittels kollektiver Geisteskraft nachzudenken.

Erweiterung des Bewusstseins

Die Funktion von Systemen ist die Selbstreproduktion. Schulen und medizinische Einrichtungen, die die Kirchen in Sachen Geistigkeit abgelöst haben, halten nicht viel von Erweiterung und Erneuerung geistiger Abläufe.
Dem stehen Tausende von Menschen gegenüber, die sich in Meditationskurse einschreiben und Achtsamkeitstraining buchen. Andere versuchen sich in Trommelkreisen und Astralreisen. Auch wenn dies nur zaghafte Anfänge sind, so ist der Stillstand beendet.

In der Traumatherapie, in der Hypnose, im Schamanismus und in der Akupunktur erleben wir viele außerordentliche Bewusstseinszustände. Außereuropäische Völker wissen seit langem um die subjektiven Seiten dieser Phänomene und sie haben ausgeklügelte Techniken entwickelt, in außerordentlichen Bewusstseinszuständen zu arbeiten und zu heilen.
Die moderne Hirnforschung kommt diesen Traditionen nun auf halben Wege entgegen. In jüngster Zeit sind viele Techniken entdeckt und wiederentdeckt worden, unser Bewusstsein zu erweitern, ohne dabei vollkommen verrückt zu werden.
Nur ein Bisschen. Ekstatisch eben.

Die Angst vor Ekstase ist so unbegründet wie die Angst unserer Rokoko Vorfahren vor dem Baden in Wasser. Ekstase ist Ausdruck eines wachsenden Bewusstseins, das sich in alle Richtungen dehnt und streckt.

Wenn es mal zu schnell geht, hilft Rennen, Toben und Schreien. Und Akupunktur hilft eh.
Wie die Arbeit in und mit veränderten Bewusstseinszuständen funktioniert, trage ich gerade in einem Skript zusammen, das auf meinen Vorträgen auf dem 45. Internationalen Akupunkturkongress 2014 beruht.
Mein persönlicher Beitrag zur Bewusstseinserweiterung.

2 Gedanken zu “Ich krieg die Krise

  1. hallo,
    vielen dank für den wirklich sehr interessanten artikel!
    wer kennt das alles nicht selber!
    im übrigen:
    die wirksamste medizin ist die natürliche heilkraft, die im Inneren eines jeden von uns liegt. ( hippokrates )
    liebe grüsse
    kurt kölbach

    • Lieber Kurt,
      ich war schon lange nicht mehr online. Aber ich wollte mich herzlich bedanken für den Kommentar und wünsche Dir viel Erfolg bei deiner Arbeit. Es ist so gut, dass immer mehr Menschen die alten Wege wieder gehen – und sie sogar mit der Rute finden lernen 😉
      Nur auf diese Weise können wir uns gegen die zunehmende Ver-Unmenschlichung wehren, die uns aufgedrückt werden soll.
      Alles Liebe,
      Christine Li

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