„Krankheiten wegmachen“ ist nicht Heilen

Manchmal wäre es schön, ein Schmerz oder ein Unglück gingen einfach weg.

Die Versuchung liegt nahe, und ich begegne ihr öfters, mir zu wünschen, irgendein Symptom einfach „wegzumachen“. Wie gerne würde ich dann meine Hand erheben, magische Worte murmeln und der Kopfschmerz wäre verschwunden. Insbesondere bei uns nahe stehenden Menschen kann der Wunsch, ihnen ein Leid zu erleichtern oder wegzunehmen, geradezu übermächtig werden.
Es funktioniert nicht so leicht.

Der Leib ist zum Erleben da. Kein Teil daran, auch nicht der Schmerz, ist überflüssig.

Rein logisch gesehen, ist es schon einmal nicht möglich, zu erkennen, wo das „Falsche“ anfängt und das „Richtige“ aufhört. Wie genau sollen wir den Kopfschmerz entfernen, ohne den Kopf gleich mit zu entfernen (ein Wunsch, den Menschen mit heftigen Trigeminusneuralgien oder Cluster Headaches durchaus äußern könnten).
Wie sollen wir die Traurigkeit entfernen, ohne die Sensibilität gleich mit zu entfernen.
Wie sollen wir eine Allergie entfernen, ohne das Immunsystem ganz und gar plattzumachen.

Obwohl es absurd, ja geradezu kindisch, erscheint, geht die Schulmedizin genau diesen Weg.

Es stimmt. Manchmal ist der Krankheitsprozess kaum noch zu ertragen. Das Leben als solches kann ausgesprochen unerträglich werden. Hochvernünftige und spirituell geneigte Menschen nehmen, unter voller Kenntnis der Nebenwirkungen, gelegentlich drastische Medikamente oder unterziehen sich Operationen, weil sie sich dem Kampf nicht mehr gewachsen fühlen.
Erst neulich hörte ich von einem tapferen jungen Mädchen, deren jahrelange Schmerzen dazu geführt hatten, dass sie sich zuletzt auf eigenen Wunsch das Bein amputieren ließ.
Hier bleibt uns nur noch schweigendes Mitgefühl und Ehrfurcht angesichts einer Seele, die soviel Leid tragen muss.

In der heilerischen Medizin entfernen wir Krankheiten nicht. Wir können es nicht.

Dies kann ausgesprochen frustrierend sein. Schließlich wollen die Menschen genau das von uns und nichts sonst: Wir sollen „das Doofe“ wegmachen. Möglichst schnell. Und außerdem, bitteschön, ohne Entfernung von Körperteilen und all die anderen  Nebenwirkungen der  „bösen“ Schulmedizin.
Das wollen nicht nur unsere Klienten. Wir selbst wollen es auch.
Wenn es so allerdings so einfach wäre, hätte die Pharmaindustrie dies längst patentiert!

Apotheken in China verkaufen  „traditionelle pflanzliche“ Mittel, in die der gute chinesische Apotheker seelenruhig starke Schmerzkiller oder Cortison gemischt hat. Wenn auf diese Weise,  unter dem Vorwand der TCM (traditioneller chinesischer Medizin) also „rein pflanzlich“ der Schmerz nachlässt, sind alle froh. Zumindest für eine Weile.

(An dieser Stelle verzichte ich darauf, Ihnen zu erzählen, was dereinst in Shanghai einer naiven deutschen Studentin der chinesischen Medizin, die die Schriftzeichen für Cortison noch nicht kannte, passierte, als sie ein solches Mittel  entdeckte und es begeistert und in hohen Dosen und über längere Zeit gegen ihre damalige Nesselsucht einsetzte.)

Jahrelang lebte ich in der Illusion, dass ich nur noch besser werden müsste, nur noch ein bisschen mehr lernen müsste, um irgendwann allen Menschen ihr Leid wegzunehmen. Einfach mal einen Schmerz wegmachen, oder wenigstens einen Pickel.
Davon abgesehen, dass ein solcher Wunsch für eine narzisstische Störung spricht, ist er vor allem grundsätzlich nicht zu erfüllen.
Gewiss, Schmerzen und Pickel und Störungen aller Art verschwinden auch in der Naturheilkunde, sonst wäre der Job wirklich zu blöd. Aber sie verschwinden erst dann, wenn sie ihre Aufgabe erfüllt haben, wenn sie ganz und gar gefühlt und angenommen worden sind und ihre Bedeutung verstanden worden ist.

Nehmen wir den Fall eines hypothetischen fettleibigen Menschen:

Dieser Mensch hasst sich selbst leidenschaftlich für sein Aussehen und seine Hilflosigkeit angesichts seiner Gefräßigkeit. Sein einziger Wunsch: Das Fett muss weg.
Er glaubt fest, sein Selbsthass würde verschwinden, sobald er nur ein wenig schlanker wäre. Wenn er nur nicht so einen „ekelhaften Schwabbelkörper“ hätte. Wenn nur sein Stoffwechsel nicht so langsam wäre. Wenn er nur nicht immer wieder diese Rückfälle hätte. Seit Jahren schwankt er zwischen Fastenkuren mit der bekannten, an Größenwahn grenzenden Euphorie und selbstmitleidigen und selbstzerstörerischen Fressphasen. Der berühmte Jojo- Effekt hat ihn fest in der Hand.
Die Schulmedizin könnte das Fett einfach absaugen. Schluss. Weg. Alles gut. Zumindest für eine Weile. Fett kommt nämlich auch nach Absaugungen wieder.
Das weiß er. Das würde ihn jedoch nicht schrecken. Auch die hohen Preise schrecken ihn in seiner Verzweiflung nicht mehr.  Was ihn zurückhält, ist eine vages Gefühl, dass er beim Fettabsaugen das letzte bisschen Würde einbüßen würde.
Eine ganz leise Stimme, die ihm zuraunt, dass er es noch einmal versuchen soll mit sich selbst.

Also geht er zur chinesischen Medizin. Akupunktur soll den Stoffwechsel anregen und die Heißhungerattacken mildern. Eine Weile klappt das. Die chinesische Ärztin oder der Arzt stärkt die Mitte und stellt außerdem verschiedene Ernährungsprogramme zusammen, die er zunächst mit bekannter Euphorie durchzieht, bis er einen Diät- Rückfall hat und damit die nächste Selbsthassphase einleitet.

Sie fällt diesmal allerdings etwas leichter aus als bisher. Stärkung der Mitte heißt nämlich nicht nur Belebung des Stoffwechsels sondern vor allem: Stärkung des Selbstvertrauens. Vermehrte Selbstliebe. 

Das Fett wird zunächst nicht weniger. Aus irgendwelchen Gründen, dies ist schließlich ein vollkommen hypothetischer Fall, stört der mangelnde Fettverlust den Gewichtsverlust- Klienten aber nicht. Denn inzwischen, ganz gemächlich, hat er ein wenig mehr Nachsicht mit sich selbst. Mehr Geduld. Er sieht sich selbst mit einem Lächeln.

Also lässt er sich weiterhin die Mitte stärken und damit sein Selbstvertrauen und je mehr er sich selbst lieb gewinnt, umso mehr nährt er sich gut.

Dies ist ein langes Hin und  Her. Aber da es ein ganz und gar hypothetischer Fall ist, haben wir am Ende einen glücklichen schlanken Menschen.
Das Abnehmen ist im Verlauf dieses Prozesses zu einer erwünschten Nebenwirkung geworden, während wir uns um die eigentliche Krankheit kümmerten: die verkümmerte Selbstliebe.

So ist es oft: Was die Menschen stört, wie in unserem Beispiel das Übergewicht, ist nicht die Krankheit, sondern nur ein Symptom, ein Hinweis auf das wahre Problem, in unserem Fall die Selbstliebe.

Achtung: Übergewicht, wie jedes Symptom, kann Hinweis auf unzählige verschiedene Probleme sein. Nicht immer geht es ausschließlich um Selbstliebe. Gerade bei sehr starkem Übergewicht kommen sehr viel tiefliegendere Ängste und Traumata oder zusätzliche Vergiftungen und Stoffwechselstörungen hinzu. Erst wenn wir das eigentliche Problem identifiziert haben, verliert das Symptom- die Fettsucht- seine Bedeutung.

Die chinesische Medizin nennt dies: Die Wurzel behandeln. Wer sich auf die Symptome beschränkt, behandelt die Zweige.

Viele Menschen kommen mit einem bestimmten Symptom- Akne, Tinnitus, Rückenschmerzen- und ich muss ihnen zunächst erklären, dass ich eine Menge für sie tun kann, aber genau diese Symptome erst im Verlauf eines umfassenderen Heilungsprozesses verschwinden werden. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
Ich sage dies immer ganz ehrlich. Manchmal frage ich mich, warum nicht mehr Menschen schreiend aus meiner Praxis rennen. Vielleicht spüren sie meine Ehrlichkeit und meine wohlwollende Intention und begreifen, dass solche Dinge mehr wert sind, als die sofortige Entfernung aller Symptome.

Vielleicht spüren sie auch, dass sie sich, oft schon nach einer Sitzung, sehr viel lebendiger fühlen und die lästigen Symptomen an Bedeutung verloren haben.

Menschen in ihrem Körper sind ein lebendiger, individueller und unverwechselbarer Prozess-ein Weg der Seele zu sich selbst. Nichts auf diesem Weg ist überflüssig. Jeder Mensch geht seinen ganz spezifischen Weg, einen Weg, den sonst niemand geht, und auf diesem Weg gibt es eben auch einzigartige Beschwerden.  
Schmerzen, Missempfindungen, Funktionsstörungen und vor allem auch all die schmerzlichen Emotionen, die wir so gerne „weghätten“  sind Wegweiser auf diesem Weg des Heil- werdens.
Am Ende dieses Weges steht eine Seele, die ganz und gar mit sich im Reinen ist, die altes Karma aufgelöst hat und sich in ihrem Körper wohlfühlt.

Niemand, nicht der Mensch selbst, schon gar nicht ein Außenstehender, kann mit Bestimmtheit sagen, was die Bedeutung eines Symptoms, einer veränderten  Funktion, eines Schmerzes, einer Trauer oder einer schlechten Laune ist.
Nichts ist überflüssig:
Vielleicht wird der Schmerz eine seelische Veränderung bewirken, vielleicht wird der Mensch durch eine reduzierte Funktion lernen, auf neue Weise mit bestimmten Anforderungen umzugehen, vielleicht ist die Entzündung Ausdruck einer tieferliegenden Reinigung.
Vielleicht kann sogar der kindische Wunsch, irgendwann Herrin aller Leiden zu werden, dazu führen, dass eine Ärztin, die von diesem Wunsch getrieben ist, auf ganz unerwartete Weise dennoch sehr viel über Krankheit und Leiden lernen wird.

Was schließen wir daraus? Nun. Gesundwerden ist nicht so einfach. Es braucht ein wenig mehr Zeit und Mühe, als uns lieb wäre. Dafür geht es aber auch um viel mehr, als nur die einzelnen Symptome.
Es geht um Heilung. Ein langer und komplizierter Prozess des ganzen Menschen.

Krankheiten sind individuelle Rätsel, die die Seele uns stellt. Jedes Mal, wenn es uns gelingt, eines dieser Rätsel zu lösen, öffnet sich, wie im Märchen, eine Tür und die Reise kann weitergehen.
Wir, die Ärzte, sind die hoffentlich weisen Berater bei diesem Rätselraten. Wie Detektive sammeln wir alles, was uns auf die richtige Spur bringen könnte und wenn wir der Lösung ein wenig näher gekommen sind, schubsen wir die Menschen, mal mit Worten, mal, indem wir Hand anlegen oder Substanzen verordnen, zurück auf den Weg.

Frage: Und was ist mit all diesen esoterischen Büchern zur Entschlüsselung einzelner Symptome? Zum Beispiel von Louise Hay?
Antwort: Solche Bücher sind nett gemeint, da sie zumindest respektieren, dass Krankheiten eine seelische Komponente haben. Sie greifen aber zu kurz und verhindern, dass wir unseren Problemen die Aufmerksamkeit schenken, die sie erfordern.
Klar: Schmerzen im Fuß können heißen, jemand muss dringend selbständig werden. Selbständig zu werden ist schließlich nie verkehrt. Die Fußschmerzen können aber auch heißen, dass die Schuhe zu klein sind. Oder  es gibt eine Verstrickung mit einer toten Tante, die Fußschmerzen hatte. Oder der Stoffwechsel ist gestört. Oder eine alte Sportverletzung braucht noch einmal Aufmerksamkeit.

Und so ist es eine weitere ärztliche Aufgaben, allzu schnelle und bequeme Lösungen in Frage zu stellen. Es gibt so viele Möglichkeiten, schmerzende Füße zu haben, wie es Menschen gibt.

„Erkenne Dich selbst“, stand über dem Eingang zum Tempel des Apollon zu Delphi.
Diese Aufgabe kann uns niemand abnehmen.

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