Verlorene Seelen und Medizin der Seele

Die verlorene Seele

Die meisten Menschen nehmen das Defizit durchaus wahr. Auch wenn nicht alle sich trauen, offen darüber zu reden: In unserem modernen Denken ist kein Platz für die Seele.
In unserer Sprache jedoch, dieser wundervollen Schatztruhe der kollektiven Erinnerung, finden wir bis heute die Vorstellungen unserer Vorfahren von Seelen, die wandern, sich herumtreiben oder manchmal ganz verloren gehen.
Wir sagen:

  • „Ich bin nicht ganz bei mir“.
  • „Ich bin nicht ganz bei Trost“.
  • „Ich bin von allen guten Geistern verlassen“.
  • „Ich stehe neben mir“,
  • „Ich bin gar nicht richtig da“,
  • „An jenem Tag ist ein Teil von mir gestorben“.

Nun. Was genau meinen wir mit solchen Aussagen? Würde es nicht reichen, zu sagen, ich kann mich nicht konzentrieren oder mein Geist ist wie benebelt?
Nein. Offensichtlich nicht. Benebelt zu sein, ist etwas vollkommen anderes als nicht ganz da zu sein- obwohl wir durchaus an beiden Zuständen zugleich leiden können. Gegen das benebelt sein hilft ein Glas Wasser, ein Kaffee, frische Luft. Gegen das nicht-ganz-da-sein hilft der Kaffee nicht.
Nicht richtig da zu sein, ist mehr als eine vorübergehende geistige Verwirrung.
Neben sich zu stehen, ist keine Denkstörung sondern eine sehr reale Wahrnehmung.

Unsere Seele, oder ein Teil davon, ist uns abhandengekommen. Wie im Märchen vom verlorenen Schatten.

Doch nicht nur die verlorene Seele wird beschrieben. Auch für das Zuviel gibt es unzählige Ausdrucksweisen:

  • „Sie lebt in mir“.
  • „Er geht mir nicht aus dem Kopf“.
  • „Du liegst mir schwer im Magen“.
  •   „Ich bin wie besessen von ihr“.
  •  „Manchmal bin ich gar nicht ich selbst“.

Unsere Sprache zweifelt also offensichtlich weder daran, dass unsere Seele verloren gehen kann, noch daran, dass fremde Besucher sich in ihr einnisten können.
Nur wir selbst, wir zweifeln oft sogar daran, dass wir überhaupt eine Seele haben.
Und in unserer technologischen Medizin sind wir uns sogar ganz sicher: Seele gibt es nicht.

In der Seelenmedizin ist die Seele alles

.Seelen verkörpern sich und erschaffen ihre eigene Welt.
Eine Seelenmedizinerin weiß, dass viele Seelen im Verlauf dieses In-die Welt-Tretens zerstückelt werden und ihr Leid und ihre Konflikte in Form von körperlichen Beschwerden manifestieren.
Ein Seelenmediziner weiß, dass Verluste von Seelenteilen und Besetzungen durch Seelenteile anderer Menschen zu Krankheiten führen. Er weiß, wie es zu solchen Verlusten und Besetzungen kommt und wie wir diese heilen können.

Seelenmedizin verdankt viele ihrer Ideen den schamanischen Traditionen der Völker der Welt. Unsere europäischen Vorfahren wussten um die Bedeutung der Seele und sie kannten viele Techniken, um mit diesen Kräften zu arbeiten. In Europa war dieses Wissen bis vor kurzem nur noch in abgelegenen Gebirgstälern zu finden. Seit einigen Jahrzehnten bemühen Menschen sich um die Wiederbelebung dieser Traditionen.
In anderen Regionen der Welt sind schamanische und seelenmedizinische Traditionen noch lebendiger.  Doch hinter vielen der bunten folkloristischen Fassaden verbirgt sich nicht viel mehr als Konsum und leeres Ritual, oft teuer verkauft an Heilsuchende aus aller Welt. Wahre Perlen gibt es, doch sind sie schwer zu finden.

Chinesische Medizin als Seelenmedizin

Auf einem Qi Gong Kongress in Hamburg hatte ich vergangenes Wochenende das Vergnügen über die schamanischen Wurzeln der chinesischen Medizin zu sprechen.
In der Chinesischen Medizin ist der Grundgedanke der Gedanke, dass alles miteinander verbunden ist. Der Kosmos ist ein großer lebendiger Organismus. Ein selbstorganisierender Prozess– wie mensch auch sagen könnte.

Wenn wir alles als Eins und miteinander verbunden begreifen, begreifen wir auch, dass Qi und Seele letztendlich das Gleiche sind.
Seele ist Qi- von innen betrachtet.
Seele ist der Yin Aspekt des Qi. Qi ist der Yang Aspekt der Seele. Da Yin und Yang aber nicht voneinander zu trennen sind- Sind Qi und Seele eins.

Seele oder Qi- Yin oder Yang in der Wahrnehmung der Einheit

Unser Leben- Qi und Seele- werden unterschiedlich erlebt.
Manche Menschen nehmen auf Yang Weise wahr- dann empfinden sie vielleicht eher eine taube Stelle am Körper oder irgendwelche Funktionseinbußen.
Andere Menschen nehmen auf Yin Weise wahr- sie empfinden dann in einer ähnlichen Situation ihr seelisches Abgeschnittensein oder einfach große Traurigkeit.

In unserer Welt folgt daraus, dass die Yang Menschen von Arzt zu Arzt rennen, oft ganze Arzt Odyseen hinter sich bringen, bei der oft niemand was findet, nur nur sehr unspezifische Syndrome- am besten mit eindrucksvollen Namen, die übertuschen sollen, dass keiner versteht, was da los ist.
Die Yin Menschen, die mit der Einsamkeit undder Abgeschnittenheit hingegen leiden still. Vielleicht konsumieren sie Psychopillen (Antidepressiva) oder Alkohol. Im großen und ganzen fühlen sie sich einfach auf unsägliche Weise dem Leben nicht gewachsen. Auch dann, wenn sie beruflich erfolgreich sind, fühlen sie sich irgendwie als „Betrüger“ und „Hochstapler“.

Seelenrückführung- was ist das

Es gibt heutzutage eine Menge kommerzielle Angebote, die Seele zurückgeführt zu bekommen. Unsere Vorfahren machten dafür einen Spaziergang im Wald. Seelenrückführung ist eigentlich nichts Besonderes. Seelenanteile kommen meist sehr schnell zurück. Da unsere Seele bei aller Zerstückelung heil und eins ist, brauchen wir uns nur an diesen Zustand der Ganzheit zu erinnern(daher der Spaziergang in der Natur) und schwupps ist sie wieder da.
Die Augen werden feucht, wir weinen, und wir fühlen uns für einen Augenblick zutiefst gerührt.

Wir tun dies im Traum. Beim Sex. Beim Bungee-Springen oder Bergsteigen. Beim Tanzen oder Musikhören. Im Gebet oder in der Meditation.
Sehr schwierige und unerreichbare Seelenteile erreichen wir durch Akupunktur.

Genauso schnell ist sie dann oft wieder weg. (Daher der tägliche Spaziergang im Wald unserer Großeltern. Der Sonntagsspaziergang in die Fußgängerzone ist kein Ersatz.)
Die eigentliche Kunst beim Seelenzurückführen ist die Integration dieser Seelenteile. (Die sind ja schließlich nicht grundlos davongeschwirrt.)
In einer weitgehend seelenlosen Kultur ist dies sehr schwer.

Wahrer Schamanismus als Gemeinschaftswerk

Das Besondere der schamanischen Traditionen sind ihre tiefen Wurzeln in einer menschlichen Gemeinschaft, in der die Seele sich zurechtfindet und geborgen ist. Hier ist alles beseelt und alles gehört zusammen.Traditionelle Schamanen arbeiten nicht mit einem Trommeltonband und schon gar nicht alleine.
Schamanische Seelenrückführung ist kein Einzelkämpferakt. Eine  traditionelle Heilung ist Sache der Gemeinschaft.
Eine Schamanin ist nichts ohne all die Menschen, die das Feuer machen, das Essen zubereiten, die Musiker und Tänzerinnen, die kreischenden Kinder,  die Verwandten, die dem Kranken beistehen, die lebenden und die toten, die menschlichen und alle anderen. Denn auch die endlosen Reihen der Ahnen und die Geister der Landschaft, die Totemtiere und Pflanzengeister wirken an einer schamanischen Heilung mit.
Eine lebendige Gemeinschaft ist weit weit mehr als ethnographisches Beiwerk, wie der Core Schamanismus behauptet.
Eine lebendige Gemeinschaft ist der Nährboden für die schamanische Arbeit. Sie ist das Yin in dem das Yang, die Seelenreise, die Trance und was immer der Schamane tut, wurzeln kann.

Punktuelle schamanische Interventionen außerhalb einer lebendigen Gemeinschaft können zu großen Problemen führen, wenn die „Geheilten“ danach alleine gelassen werden.

Der eigentliche Kampf beginnt nach der Seelenrückholung.

Es stimmt und immer mehr Menschen wissen dies auch: Eine heile Seele, das Gefühl von Einheit mit allem, ist die Voraussetzung für die Heilung des Körpers.
Doch mit einer gewaltsamen Zurückführung besonders hartnäckig verschwundener Seelenanteile beginnt für viele der eigentliche Leidensweg. Solange wir keinen Zugang zu dem verlorenen Seelenanteil hatten, waren wir vielleicht abwesend oder in vielen Dingen nicht ganz da. Doch nun, da wir wieder alles spüren, spüren wir zunächst vor allem all das, was gar nicht in Ordnung war. Die Gründe also, warum die Seele überhaupt erst fliehen musste. Erinnerungen kommen zurück, die oft nur schwer zu ertragen sind. Die Welt stürzt auf uns ein. Die Seele flieht erneut und wird sich nun nicht mehr so schnell zurückholen lassen.
(In der Traumatherapie würden wir dies Retraumatisierung nennen und Retraumatisierung ist ein schwerer Fehler, denn mit jedem Mal, das wir ein Trauma erleben, bahnen sich die physiologischen Reaktionen tiefer. Bei Trauma ist „Abhärtung“ der falsche Weg.)

In unserer Welt, in der nur noch wenige Dinge gewiss sind und jeder mehr schlecht als recht sein eigenes Universum zurechtbastelt, ist ein zurückgeholter Seelenanteil sehr viel schwerer zu integrieren, als in einer Stammeskultur, in der alle wissen, was zu tun ist und wie so eine Seele zu pflegen ist.
In einer heilen Gemeinschaft wird die Arbeit der Reintegration gemeinsam getan. Es gibt ein Festessen, Musik und Tanz, oft tagelang, und auch danach wird niemand alleine gelassen.

Lange dunkle Nacht der Seele- alias Depression: Wenn die Seele von selbst den Weg sucht

In der chinesischen Tradition wird viel Wert darauf gelegt, mit dem Qi zu arbeiten und nicht dagegen. Alle Dinge haben ihre Zeit. Wenn die Zeit reif ist, kommen auch weit weit fortgeflogene Seelen ohne große Gewaltaktion zurück.

Die Seele sehnt sich nach Hause.

Ein sehr poetischer Ausdruck für diese Sehnsucht ist „lange dunkle Nacht der Seele“. Manche Menschen leiden jahrelang unter Traurigkeit. Dem Verlust unserer ursprünglichen Einheit mit allem.
Eine Trennung- Verlassenwerden- Betrogenwerden- Liebeskummer- zerstört dann oft das letzte Stück Verbundenheit mit der Welt, das sie vielleicht spürten. Dann bricht der Damm und sie halten den Schmerz nicht mehr aus. Die meisten, gerade „gestandene“ erwachsene Menschen verstehen selbst nicht, warum ein „bisschen Liebeskummer“ ihnen so vollständig den Boden unter den Füßen wegziehen kann.
Es ist verständlich, wenn viele irgendwann zu „Happy Pills“, zu Antidepressiva zu greifen. Es ist auch verständlich, wenn Ärzte in ihrer Hilflosigkeit welche verordnen. Wer will schon mitansehen, wie jemand sooo traurig ist.

Traurigkeit ist kein Verbrechen, sie ist keine Charakterschwäche und sie ist vor allem auch keine Krankheit.
Genau wie die Angst Medizin sein kann, kann auch Traurigkeit Medizin sein.

Die gleiche Kultur, die aus der heiligen Trommel ein Trommeltonband gemacht hat– hat aus unserer heiligen Traurigkeit ein behandlungsbedürftige Krankheit gemacht.
Wir brauchen dies nicht länger hinzunehmen. Wir sind keine „plastic people“.
Wir dürfen so lange traurig sein, wie notwendig, wenn der Schmerz groß genug ist, wenn die Tränen ausreichend viele sind, wenn der tiefe innere Wunsch immer stärker geworden ist- dann kommt die Seele zurück.

Viele Menschen leiden unter solchen Schmerzen.
Vielleicht mag dies für manche ein Trost sein:
Wenn die Not und der seelische Schmerz kaum noch zu ertragen sind, sind wir oft nur noch einen winzigen Schritt entfernt von der Heilung.
Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten.
Oder, chinesisch ausgedrückt: Extremes Yin bringt Yang hervor.

Noch ein Hinweis: Wenn Sie ein bisschen wühlen und herumclicken: Hier auf meiner Homepage findet sich allerlei, zur Aufmunterung trauriger Menschen. Sporadisch wird noch mehr dazukommen.
Ich habe selbst ausreichend Schmerz erlebt. Ich kann mitreden. Mein tiefer Wunsch ist es, Ihnen zu helfen. Diese Homepage, meine Bücher und meine Kurse sollen dazu beitragen.

Und wenn die Seele zurückkommt- was dann?

Erst fließen ein paar Tränen der Rührung. Dann sind die meisten so froh wie vielleicht seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Farben leuchten wieder. Das Essen schmeckt wieder. Beschwerden verschwinden.
Aber auch Schmerzen werden nun wieder stärker gefühlt. Es knackt und knirrscht im ganzen Körper. Viele Patientinnen machen danach eine recht holprige Phase durch. Manchmal sind die Schmerzen in vormals tauben Körperteilen kaum noch auszuhalten. Vor allem in der Nacht. (Es ist so, wie wenn ein eingeschlafenes Bein wieder zum Leben erwacht- nur viel schlimmer.)
Diese körperlichen Schmerzen dauern nicht so lange. Meist nur ein paar Tage.
Länger dauern Hautausschläge. Manche Menschen werden fleckig rot. Es juckt. Es ist, als ob sich lange Zeit vereiste Gefühle nach außen durchbrechen.
Die Diagnose des Hautarztes lautet oft Acne rosazea. Er wird Ihnen sagen, dass man diese schulmedizinisch nicht behandeln kann, dass sie aber bald vorbei geht. Da hat er recht.

Bei denen, die mehr im Yin erleben, kommen vielleicht Erinnerungen in Form von Alpträumen und Wachträumen. Schön ist das auch nicht, aber Sie werden sehr viel über sich lebst lernen und vieles besser einordnen können.

Ob Yang oder Yin: Wir fühlen alles wieder intensiver- sowohl im Yang- im Körper- als auch im Yin- seelisch.
Veränderung- vor allem Heilung- schmerzt.

Unterstützen können, in etwa dieser Reihenfolge:

  • Spiritualität (beten)
  • Musizieren oder Singen oder Tanzen
  • anderen Wesen helfen
  • Kontakt mit lebenden Pflanzen- rausgehen
  • Kontakt mit Tieren
  • Kontakt mit Kindern
  • Freunde und Freundinnen mit Einfühlungsvermögen und Erfahrung
  • ganz zuletzt: Akupunkturnadeln, Kräutern, Körpertherapie oder andere Mittel, die die Seele und Qi wieder „glattbügeln“.

    Eine intakte Seele bedeutet, die Einheit mit allem, was ist, zu spüren. Liebe.
    Aus welcher Perspektive Ihnen dies am Besten gelingt, wissen nur Sie.

 

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