Mukoviszidose, Krebs und medizinische Apartheit

Als ich noch in China lebte, arbeiteten traditionelle chinesische Ärzte mit westlich ausgebildeten Ärzten Hand in Hand. Wir verabreichten Patienten auf Intensivstationen Kräuter per Magensonde. Einer meiner Lehrer behandelte sehr erfolgreich große Gehirnblutungen, mit Kräutern versteht sich. Da dabei die Blutgerinnung stark verändert wurde, gab es regelmäßige Laboruntersuchungen und natürlich konnten die Patienten auf Kernspinaufnahmen selbst mitverfolgen, wie die großen Flecken in ihrem Gehirn von Tag zu Tag kleiner wurden. Patienten im Hof übten unterdess auf ärztliche Anweisung Qi Gong gegen ihren Krebs.
Zusammenarbeit. Ich fand das damals ganz selbstverständlich.

Medizinische Apartheit

Willkommen in Deutschland!
Hier passiert so etwas und es passiert leider gar nicht so selten:
Im Radio hörte ich, ein Kind sei durch Mukoviszidose schwer geschädigt worden, weil seine Mutter lieber auf einen Guru hörte als auf die Ärzte. Die Mutter sei nun verurteilt worden.

So Christine, wenn du doch immer so sehr gegen Ärzte bist, was sagst du dazu?
Nun, zuallererst, ich bin nicht gegen Ärzte. Ich bin selbst eine. Ich bin auch nicht gegen Medizin. Ich bin gegen ein System, das uns alle gegeneinander aufwiegelt und Menschen in unnötige Konflikte treibt.
Und ja:
Ich würde meinem eigenen Kind alle Hilfe zukommen lassen, die meine Zeit und meine Kultur bereithalten. Was soll die Frage!

Jeder Heiler in der Geschichte, der seinen Namen verdiente, hätte das gleiche getan und jede Mutter auch.

Ein Pfeil oder ein giftiger Stachel gehören herausgezogen, eh die Wunde vereitert. Gebete sind zu langsam.
Gebete und Rituale können dem Patienten helfen, den Schock zu verarbeiten und nach einem Schock die verlorene Seele zurückzuholen.
Beides muss sein.
Dies ist, wie alle wesentlichen Dinge, einfach genug.

Medizin ist eine Technologie, die klar umrissene Probleme praktisch löst.
Ich bin keine Technologiefeindin.
Die Chinesen operierten und anästhesierten schon vor 2000 Jahren.
Heilkräuter und Mineralien werden nicht einfach blindlings aus dem Boden gerupft. Ihr Anbau und ihre Weiterverarbeitung sind zum Teil ausgeklügelte Verfahren, bei dem giftige Stoffe entgiftet weren und und heilende Stoffe aktiviert werden.
Akupunktur, ein Verfahren, bei dem die inneren Ströme eines Menschen reguliert werden, ist eine ausgeklügelte Technologie. Eine Technologie auch dann, wenn die wenigsten Menschen eine konkrete Vorstellung von diesen Strömen haben. Ich weiß auch nicht, was in meinem Computer passiert, außer dass ich auf irgendwelchen Tasten herumhaue. Ich würde deswegen aber nicht behaupten, dass in diesem Kasten nichts wäre.

Die Nadeln selbst sind ebenfalls Ergebnisse hochentwickelter Technologie. Es wäre reine Dummheit, wie unsere Vorfahren, auf spitze Steine zurückzugreifen, die abbrechen und zerbröseln können und unnötige Schmerzen zufügen. Ich habe mich selbst, in der Wildnis, einmal mit Kakteendornen behelfen müssen und seitdem trete ich keine Reise an, ohne ein paar Edelstahlnadeln mit mir herumzutragen.
Steinzeit? Ohne mich!

Diese Mutter hat ihrem Kind großes Leid zugefügt.
Aber nicht aus Bosheit, sondern aus Angst, aus irgendwelchen seelischen Verstrickungen heraus, in denen sie Hilfe benötigt hätte, die sie hierzulande kaum finden konnte.
Daher bestehe ich eben doch darauf, dass auch in diesem Fall das medizinische System versagt hat.

  • Es hat diese Menschen nicht dort abgeholt, wo sie waren.
  • Es hat  sie in ihrer Angst und Not allein gelassen oder sie vielleicht sogar erst in diese Angst hineingetrieben.
  • Es hat ihre spirituelle Bedürfnisse nicht respektiert.
  • Es hat sie mit der unbeantwortenbaren Frage konfrontiert: Ist die Krankheit seelisch, spirituell oder körperlich bedingt? Und damit in ihre fatale Entscheidung getrieben.

Das passiert leider gar nicht so selten.

Angst entsteht immer dort, wo sich Dinge trennen, wo sich Gräben aufwerfen, die nicht überbrückt werden können. Wo Dinge, Werte, Menschen negiert werden, die eigentlich dazugehören.

Wenn ich vom medizinischen System spreche, dann spreche ich von einem Paradigma, das den Menschen ihre spirituelle Ebene abspricht und sie zu reinen Mechanismen degradiert, die anhand Newtonscher Mechanik funktionieren. So sind wir Menschen aber nicht.
Indem die Medizin, wider besseres Wissen, einen Teil unseres Menschseins negiert, verliert sie das Vertrauen der Menschen, die sehr wohl spüren, dass sie mehr sind als Maschinen aus Kollagen und Enzymen und sonstigem Zeug.
Indem die Medizin, wider besseres Wissen, auf einer längst widerlegten mechanistischen Ansicht beharrt, macht sie sich unglaubwürdig und dies bringt Menschen dazu, sich bei Problemen aller Art an andere Instanzen zu wenden, die, wiederum aus ihren eigenen Ängsten heraus, gerne dazu neigen, ihre Kompetenzen klar überschreiten.
Wenn diese Menschen also, um im Bild zu bleiben, nicht zugeben mögen, dass sie für eingedrungene Pfeile und Dornen nicht zuständig sind, sondern der Chirurg.

Ein guter Heiler weiß um seine Grenzen und versucht, gemeinsam mit denen, die seine Hilfe suchen, das Beste herauszufinden.
Ein Besuch beim Arzt kann das Beste sein.

Ärzte wiederum sind nicht ausgebildet, das spirituelle Vakuum zu schließen, das in unserer Gesellschaft existiert. Das brauchen sie auch nicht. Dafür können sie Giftpfeile herausziehen. Es wäre ausreichend, wenn sie die Arbeit täten, für die sie ausgebildet sind und dort, wo sie nicht weiterwissen, auf die Hilfe anderer Menschen zählen könnten.

Medizin heilt nicht. Ein spirituell gesunder Mensch- ein Mensch mit einer heilen Seele also- heilt sich selbst und nimmt dazu gerne praktische Hilfe beim Stachelziehen an.
Ist die Seele nicht heil, so muss sie vorher geheilt werden.

Traditionelle Gesellschaften hatten daher auch nicht „den Medizinmann“. Sie hatten spirituelle Frauen und Männer, die heute etwas ungenau unter dem Begriff Schamanen zusammengefasst werden. Danebenhatten sie Geburtshelferinnen, Kräuterexperten, Chirurgen und Knocheneinrenker, Zauberer, Masseurinnen, Sänger, Trommler, Dichter, Mütter und Väter und natürlich, am allerwichtigsten, die Alten.
Alle miteinander, gemeinsam also, konnten ihren Kranken gut helfen. Jeder einzelne von ihnen, allein auf sich gestellt, konnte das nicht. Krankheit und Heilung und Tod gehören mitten ins Leben. Sie sind eine Gemeinschaftsaufgabe.
Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Trotzdem versuchen wir alles, was mit Krankheit und Heilung und Tod zu tun hat, säuberlich aus dem Leben herauszutrennen und das ganze Paket den Ärzten aufzuhalsen, die damit eindeutig überfordert sind. (Zumal sie außerdem auch noch die Verwaltungsarbeiten für die Krankenkassen übernehmen müssen, die ihnen zum Dank dafür pro Patient nur ein paar Minuten zubilligt.)
Also teilen sie die übergroße Aufgabe anhand ihrer Weltanschauung in einzelne Gebiete.
So werden Menschen dann von Arzt zu Arzt geschickt, um die einzelnen Organe, jedes für sich, zu analysieren.
Geht gar nichts mehr, wird der Patient zum Sterben auf den Flut geschoben.
Analyse, Trennung, Abgrenzung ist eine Schwächung des Ganzen. Im einzelnen Körper wie in der Gemeinschaft.

Nur in einer solchen Situation kann es dazu kommen, dass ein Kind vor die schreckliche Wahl gestellt wird, entweder zu meditieren oder zum Arzt zu gehen (und womöglich die Liebe der Mutter zu riskieren).

Das medizinische System ist Ausdruck unserer inneren und äußeren Zerrissenheit und gegen dieses System bin ich.

So kommt es auch, dass mich Menschen aufsuchen, die sich „unter keinen Umständen in die Hände der Ärzte begeben möchten“, die es aber besser täten.

Was tue ich in einem solchen Fall? Die Frage ist relativ einfach zu beantworten. Mit drei Tugenden der ursprünglichen nordamerikanischen Völker.

  • Respekt
  • Ehre
  • Integrität

Respekt  heißt: Ich versuche, die Menschen dort abzuholen wo sie sind. Ich respektiere ihre individuelle  Persönlichkeit, ihre Bedürfnisse und ihre Ängste und stelle mich weder über sie noch unter sie.
Ehre heißt: Respekt ist kein Lippenbekenntnis, um die Leute zu beruhigen oder für mich einzunehmen, sondern ich handele entsprechend und stehe zu dem, was ich sage.
Integrität heißt: Ich bleibe mir selbst  treu und spreche deutlich aus, was meiner Meinung nach das Beste wäre. Ich sage klar, wenn ich etwas nicht weiß, nicht kann oder nicht verstehe oder beim besten Willen nicht unterstützen kann.

Respekt, Ehre, Integrität. Sehr medizinisch klingt das nicht. Geht das auch praktisch?

Es geht ganz einfach. Lassen Sie mich eine Krankengeschichte erzählen. (Die persönlichen Fakten wurden selbstverständlich alle verändert.)

Eine OP Schwester, circa fünfzig Jahre alt, klagte über Erschöpfung, mangelnden Lebensmut und vor allem über ihr hartnäckiges Übergewicht.
In den Augen der Frau lag tiefe Traurigkeit. Von ihrer anstrengenden Arbeit in der Notaufnahme eines großen Krankenhauses war sie dauererschöpft, weshalb sie dann am Abend zu Süßigkeiten griff, wofür sie sich dann jedes Mal hasste. Als Kind war sie missbraucht worden. Dieses Problem war ihr wohl bewusst und längst von allen Seiten analysiert worden. Der Stachel steckte aber zu tief, um noch etwas daran zu ändern- meinte sie.
Wir kamen bereits bei der ersten Sitzung überein, dass ich wenig für sie tun konnte. Sie könne Kräuter bekommen, um den Stoffwechsel anzuregen und ihr Energieniveau zu heben. Das würde aber nicht  lange halten, solange sich an ihrer Arbeitssituation nichts ändere.
Ein paar Jahre lang kam sie ungefähr einmal pro Jahr. Jedes Mal nahm sie ein wenig ab, wurde etwas munterer und dann begann alles wieder von vorne.

„Das wird nichts mehr. In meinem Alter gibt es keinen Neuanfang mehr. Und die Kraft dazu habe ich sowieso nicht mehr“, sagte sie.

Ihr Körper sah das anders.

Eines Tages rief sie mich an. Sie habe Krebs an der Wirbelsäule. Nicht so richtig wuchernd. Aber wenn sie sich nicht operieren lassen würde, drohe ihr schon bald der Rollstuhl. Sie wolle sich aber nicht operieren lassen. Sie wisse, dass die eigentliche Ursache dieses Wachstums der Missbrauch sei. Sie wolle lieber mit mir arbeiten.

„Darüber müssen wir reden“, sagte ich.

Sie kam. Die Röntgenbilder und sonstigen Befunde zeigten mir, dass der Krebs, trotz all der Risiken einer Operation an der Wirbelsäule, gut zu operieren sei.
Warum sie das nicht wolle.
Sie wolle eben nicht. Schließlich würde eine Operation ja doch nur das Symptom beheben und außerdem habe sie Angst.

„Ich kann ihnen helfen, die Angst in den Griff zu bekommen. Wir können auch an ihrem Kindheitstrauma arbeiten. Aber nach dieser Sitzung möchte ich noch einmal mit ihnen über die Operation sprechen, denn so wie ich es sehe, ist eine OP  die bessere Methode, ihren Krebs zu behandeln.“
„Wenn mein Körper nicht mehr leben will, dann soll es eben so sein. Ich bin niemals über das weggekommen, was mir als Kind angetan wurde. Es hat doch eh keinen Sinn mehr. Alles bleibt immer gleich.“
„ Im Gegenteil. Sie haben Krebs bekommen. Das ist eine doch genug  Veränderung. Finden sie nicht?“

Sie starrte mich an. In ihrem Gesicht arbeitete es. Etwas war in Bewegung gekommen.

Wir arbeiteten. Die Sitzung war lange und hart. Es flossen viele Tränen.
Sie ging in ihren Körper und fand heraus, dass ihr ganzer Selbsthass sich in diesem einen bösartigen Klumpen zusammengezogen hatte. Auskristallisieren ist ein langsamer und schwerer Prozess, heißt es in einer alten Geschichte, die ich gerne meinen Schülern erzähle. Es hatte lange gedauert, doch nun war der Selbsthass so konzentriert, buchstäblich zum Greifen, dass er bereit war, sich herausschneiden zu lassen. Die Narkose, vor der sie fast noch mehr Angst hatte als vor der OP selbst, wollte sie als schamanischen Tod auffassen.
Sich auf den OP Tisch zu legen, würde ihre persönliche Art sein, rituell zu sterben. Sie war bereit, alles Belastende und Böse zusammen mit diesem Tumor loszulassen und, wenn alles gut ginge, neu geboren zu werden, frei von altem Trauma und all dem, was bisher ihr Leben blockiert hatte.

„Wissen sie was, es mag komisch klingen, aber irgendwie kann ich es gar nicht erwarten, operiert zu werden.“
„Na dann wünsche ich gute Wiedergeburt“, sagte ich.

Wir umarmten uns und sie ging.

Es dauerte ein paar Monate, bis der Brief kam. Sie entschuldigte sich, sich so lange nicht gemeldet zu haben. Sie habe inzwischen ihren Job gekündigt, ihre Heilpraktikerprüfung abgelegt und außerdem ihr Traumgewicht erreicht. Ja, und der Krebs sei auch weg. Die Operation sei eigentlich ein Klacks gewesen. Nicht der Rede wert.

Sehen Sie. Es geht ganz einfach.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Medizin von Christine. Permanenter Link des Eintrags.

Über Christine

Ärztin und Heilerin für Chinesische Medizin, Akupunktur, Trance und Träume. Aber auch Tänzerin, Dichterin, Liebende und weise Frau. Zuständig für das ganz alte China, Daoismus, Yin und Yang, Geister, Drachen, Liebeskummer, Ängste und heilsame Transformationen. Bücher: "Der Weg der Kaiserin", "Der Weg des Schamanen", "Chinesische Medizin für den Alltag" und bald noch viel mehr.

2 Gedanken zu “Mukoviszidose, Krebs und medizinische Apartheit

  1. Ich lebe den Spagat zwischen Pflege in der Intensivmedizin und Heilpraktikerin. Beides gehört für mich zu meinem Verständnis, dem Menschen die optimale medizinische Versorgung zukommen zu lassen. Aber ich muss sie getrennt voneinander leben. Allein schon aus Zeitgründen ist es mir nicht möglich, Patienten mit Angst, Einsamkeit oder Schmerzen durch eine Hypnosetherapie schonend zu behandeln. Stattdessen nehme ich im Krankenhaus schnell wirkende Medikamente, wohl wissend, dass mit ihren Nebenwirkungen häufig das nächste Problem schon in der Wartschleife steht. Unsere Gerätemedzin macht Sinn. Aber darüber alles andere zu vergessen, das den Menschen ausmacht, ist so engstirnig und kalt, es erwächst daraus Angst und Leid.
    Ich kann kein Unfallopfer durch Hypnose akut das Leben retten. Aber ich könnte den Menschen begleiten, Angst und Schmerz lindern und ihm das Gefühl geben, mehr zu sein als ein Stückchen Organismus zwischen den Geräten.

    • Lieben Dank für diese nachdenklichen Worte. Ich habe selbst lange genug im Krankenhaus gearbeitet, um zu wissen, wie sehr dies an unseren Kräften zehrt. Daher auch, und noch mehr Dank dafür, dass Sie dies mit so viel Liebe tun!

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