Emotionen und die Pflege der Mitte

8. und 9. Teil des Vortrages vom Hamburger Qi Gong Kongress:

 

Emotionen

(aus dem Vortrag für Laien anlässlich des Hamburger Qi Gong Kongresses.
Fachleute interessieren sich vielleicht eher für mein Skript vom 45. internationalen TCM Kongress. Hier geht es um Tiefenarbeit mit Akupunktur, Schamanismus, Ekstase, Trauma und andere Bewusstseinsebenen. Demnächst. Hier.)

Grübeln ist die Emotion einer blockierten Mitte.

Auch die anderen Emotionen können blockiert werden.

Das Absenken, das Metall steht für Trauer und Abschied.
Blockiert es, werden die Menschen emotionslos und  distanziert.

Das Schließen steht für Angst und Stille.
Blockiert es, so stellen die Menschen sich ihren tiefen Ängsten nicht und werden panisch und gehetzt.

Das Anheben, das Holz steht für Entwicklung und Kreativität.
Blockiert es, entsteht Zorn. Ist es zu schwach, werden die Menschen schüchtern und schreckhaft.

Das Öffnen, das Feuer steht für Liebe und Freude.
Blockiert es, kommt es zu hysterischer Aufgekratztheit.

Wie gesagt. Dies ist nur eine winzige Einführung und das meiste kannten Sie gewiss schon.

Chinesische Mediziner müssen sehr vielmehr wissen.
Wenn Sie keine chinesische Medizin betreiben, können Sie getrost alles wieder vergessen.

Behalten Sie nur eines:
Ausgeglichenheit heißt nicht Gefühlskälte, sondern dass wir an keiner Emotion festhalten und uns dem Wandel hingeben.

Die Mitte pflegen

Dickes Fell oder alles Schlucken?
Das Qi des Universums kreist in allen Dingen.
Im Körper kreist es in einem verzweigten System von Kanälen, die Kreuzungspunkte und Öffnungen nach außen haben.

Hautveränderungen und Verhärtungen beginnen oft hier. An den Akupunkturpunkten.
Hier setzen wir unsere Nadeln.
Oft ist schon mit ein zwei Nadeln alles wieder gut.

Aber nicht immer.

Das wäre auch zu schön.
Dann könnten wir unsere Emotionen einfach ein und ausschalten.
Wir stechen Nadeln, verstärken mal das eine Gefühl, dämpfen mal das andere.
Hier etwas Schlechtes wegnehmen. Dort etwas  Gutes hinzufügen. Ausleiten und Tonisieren.
Genau wie in der Schulmedizin.
Nur ganz ohne Nebenwirkungen.

Nun.
Tatsächlich versuchen viele, auf diese Weise zu arbeiten.
Aber Sie denken sich sicher schon, dass das nicht funktioniert.

Im Yin Yang Denken gibt es keine Dualität.
Kein Gut und Böse.
Kein Richtig und Falsch.

„Alles, was den Raum zwischen Himmel und Erde anfüllt, ist mein Körper und alles, was Himmel und Erde lenkt, ist meine Natur.“

Wir können nichts wegnehmen. Wir sind eine allumfassende Einheit.

Was also tun, mit all dem unangenehmen Zeug?
Wegschneiden? Betäuben?
Doch ein Antidepressivum schlucken?

Emotionen sind weder schlecht noch falsch noch krankmachend.
Emotionen sind Qi Bewegungen und diese machen, wie jede Art von Bewegung, nicht krank.
Erst, wenn die Gedanken sie festhalten, entsteht das Problem. Eine gute Mitte käut nicht wieder. Sie hält alles in Bewegung

Immer, wenn wir nicht verzeihen und loslassen können und unsere Gedanken immer wieder um den einen Schmerz kreisen-
den Schmerz, der als Schmerz schon längst vergangen ist- oder wäre- wenn wir ihn ließen-
dann haben wir ein Problem.

Emotionen machen uns nicht krank.
Die Gedanken, das Festhalten, sind das Problem.
Sie verhindern die Qi Bewegung und wenn das Qi verlangsamt, wird es klebrig und träge.
Die Mediziner nennen dies Schleim.
Schleim ist ein sehr wichtiges Thema in der chinesischen Medizin, denn dort, wo Schleim ist, wird jede Behandlung sehr mühsam und sehr langwierig.

So ganz im Fluss ist wohl keiner.
Die meisten haben den einen oder anderen klebrigen Teil in sich.
Stellen, an denen alte Verletzungen nagen.
Enge. Stiche. Schmerzen.
Knubbel und Knoten.
Dumpfe Depression.
Die Gedanken kreisen und kreisen.

Das ist nicht gut.

Stärken Sie ihre Mitte- machen Sie ein Gedankenfasten- werfen Sie Ihre Zeitungen in den Müll und den Fernseher am besten hinterher. Schalten Sie Ihr Handy immer mal wieder aus.
Lassen sie alte Kränkungen, alte Missgeschicke, alten Groll los.
Halten Sie nicht an Gut und Böse fest.
An Recht oder Unrecht.
Sie schaden sich selbst.
Lassen Sie alles gehen.

Verzeihen Sie sogar sich selbst.
Eine starke Mitte kann alles verzeihen und alles schlucken.
Oder warum, glauben Sie, hat der chinesische Buddha so einen riesigen Bauch.
Er schluckt alles und bleibt trotzdem fröhlich.

Wenn wir allerdings kein Buddha sind, stellt sich die Frage, ob es wirklich so gut ist, alles zu schlucken. Kommt es nicht irgendwann doch zu „Verdauungsbescherden“?

Was tun, wenn Menschen und „volljammern“ oder gar beleidigen?
Wäre es nicht besser, sich ein dickes Fell zuzulegen?
Das Problem mit dem dicken Fell ist, dass es einem blockierten Metall entspricht.
Ein dickes Fell bedeutet, wir lassen nichts an uns heran, um unseren Ängsten auszuweichen.
Wir werden unsensibel, dicht. Der ganze Körper wird gepanzert, oft schmerzhaft. Das Herz geht zu.
Vielleicht gehen dann dumme Worte nicht mehr an uns heran. Aber dann geht auch gar nichts mehr an uns heran.
Wir werden vielleicht „cool“. Aber cool ist einsam.

Dennoch ist die Versuchung groß, uns ein dickes Fell alias verschlossenes Herz zuzulegen.
Warum eigentlich? Was wäre das Schlimmste, was passieren kann?

Wenn jemand uns böse Dinge sagt, gibt es zwei Möglichkeiten.

Entweder sie berühren uns nicht und wir sehen die bösen Worte als das, was sie sind: Unverdaute Probleme unseres Gegenübers. Wir konstatieren dies mit Mitgefühl.
Alle sind auf dem Weg, also machen auch alle Fehler.
Wenn jemand uns mit Beleidigung und Hass überschüttet, so sind dies seine Probleme.
Wenn jemand uns „Blödmann“ nennt und wir aber wissen, dass wir nicht blöd sind, dann trifft uns das kaum.

Die zweite Möglichkeit, die weswegen wir gerne ein dickes Fell hätten, ist, dass die Worte uns verletzen, dass sie uns bis ins Mark dringen, einen Nerv treffen.
Jemand nennt uns „Blödmann“ oder „dumme Kuh“ und das, nachdem wir gerade durch eine Prüfung gerasselt sind.
Dies schmerzt und kann uns für lange Zeit beschäftigen.
Aber gerade hier besteht eine wunderbare Art, uns selbst ein weiteres Stückchen zu heilen.
Die Dinge, die uns getroffen haben, müssen in irgendeiner Weise wahr sein oder zumindest einen eigenen falschen Glaubenssatz wiederholen.
Wir mögen durch die Prüfung gerasselt sein, aber sind wir deswegen wirklich blöd? Haben uns unsere Eltern für unintelligent gehalten? Unsere Lehrer? Waren wir schon immer neidisch auf alle, denen das Lernen besser gelingt?
Haben wir schon seit Kindheit „eingeschnappt“ reagiert, wenn jemand uns für dumm hielt?

Es tut gut, diesen Schmerz anzunehmen und zu fühlen. Wenn ein Schmerz gefühlt wird, kann er geheilt werden. Eine verletzende Bemerkung kann unseren größten Durchbruch bewirken.

Wir fragen uns: Wo kommt der Schmerz her. Was ist in uns selbst so verletzt, dass jemand nur einen Finger in die Wunde legen musste, um alles wieder aufzuwühlen?

Und dann ist es an der Zeit, uns klarzumachen, dass niemand das Recht hat, uns als dumm zu bezeichnen, da niemand dumm ist sondern höchstens „verstopfte“ Herzöffnungen hat, wie es im alten China hieß. Die lassen sich öffnen.
Dann nehmen wir das wahr, was für uns wichtig ist. Alles andere brauchen wir nicht. Daher ist auch niemand unheilbar dumm.

Machen Sie die Probe: Erinnern Sie sich an Worte, die sie einst verletzt haben oder verletzen könnten. Jeder trägt in sich ein ganzes Sammelsurium an unnötigen Glaubenssätzen.

Sie nicht? Hier ein paar Beispiele:

Aus Dir wird nie was!
Du Fettklops!
Du Trampeltier!
Du denkst immer nur an dich selbst!
Du kommst nie zu Geld!
Nur böse Menschen haben Geld.
Wie Du wieder aussiehst!
Dich will doch eh keiner!
Sei nicht so wählerisch!
Was bildest Du dir eigentlich ein!
Ihre Wahrscheinlichkeit, an Krebs xy zu erkranken, ist erhöht!
Als Frau über 40 musst Du…
Mach dich nicht lächerlich!

Prinzipiell sollten Sie jede Aussage über sich selbst in Frage stellen. Denn immer dann, wenn etwas über Sie gesagt wird, wird das Gegenteil davon negiert und das kann gar nicht stimmen, denn wir sind alles.

Sie brauchen nichts zu schlucken. Sie könnten es einfach auf Ihrem Teller liegen lassen. Oder Sie geben es dem Hund.

Wenn Sie absolut reagieren wollen, sagen Sie einfach:
„So. Das ist deine Meinung. Ich seh das anders.“

Mehr brauchen Sie nicht zu tun. Keine Diskussion. Es lohnt nicht, bösen Worten großes Gewicht zu geben.
In Wahrheit sind wir alles. Halten Sie daran fest. Dann bleibt das Herz offen und niemand kann sie zu irgendetwas abstempeln, das Ihre Ganzheit in Frage stellt.

Ein verschlossenes Herz ist immer schlimm, denn es trennt uns von der Einheit und erzeugt die schlimmste aller Illusionen: Die, alleine zu sein.

(zurück zum Inhaltsverzeichnis des Vortrages über Glück und Gesundheit, Qi und Seele in der chinesischen Medizin)

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Über Christine

Ärztin und Heilerin für Chinesische Medizin, Akupunktur, Trance und Träume. Aber auch Tänzerin, Dichterin, Liebende und weise Frau. Zuständig für das ganz alte China, Daoismus, Yin und Yang, Geister, Drachen, Liebeskummer, Ängste und heilsame Transformationen. Bücher: "Der Weg der Kaiserin", "Der Weg des Schamanen", "Chinesische Medizin für den Alltag" und bald noch viel mehr.

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