„Placebo-Diagnosen“: der schnellste Weg zur eigenen Diagnose

„Akupunktur behandelt nur die Symptome und nicht die Ursachen?“

„Gehen sie lieber nicht zur Akupunktur. Akupunktur behandelt nur die Symptome und nicht die Ursache“, sagte der berühmte Hamburger Professor der Neurologie und schrieb der Patientin ein starkes Schmerzmittel auf.

Das nenne ich Chuzpe.

Ein Witz? Das glauben Sie jetzt nicht?  Doch. Genau so wars. Die Patientin hat es mir selbst berichtet.

Chuzpe hatte der Professor allemal. Recht hatte er aber noch lange nicht:

Die Ursache einer Erkrankung, die „Wurzel“ zu erkennen, ist die Grundlage jeder chinesischen medizinischen Behandlung.

Daher habe ich auch in diesem Fall vor der Akupunkturbehandlung erst einmal nach der Ursache der Erkrankung gesucht, den Puls gefühlt, nachgefragt. Die Ursache der Kopfschmerzen lagen in diesem Fall überhaupt nicht im Kopf, weshalb der Kopfprofessor sie natürlich auch nicht wissen konnte.
Sonst hätte er sich sicherlich gerne selbst um die Ursache der Kopfschmerzen gekümmert und nicht einfach ein Schmerzmittel draufgeballert, das furchtbar magenfeindlich ist, wobei der Magen außerhalb seines Fachbereichs liegt, weshalb ihn das natürlich auch wenig zu stören brauchte.

Placebo- Diagnosen: Diagnosen, die allen gefallen

Im Unterschied zur chinesischen Medizin ist in der Schulmedizin die Ursache einer  Erkrankung für die Diagnose vollkommen uninteressant.
Schulmedizinische Diagnosen sind im Wesentlichen ohne therapeutische Konsequenz. Sie sind so eine Art Selbstzweck. Jeder will gerne mindestens eine haben und sie sind auch voll wichtig für die Abrechnung, für Studien und Statistiken. Daher sollten sie möglichst allen gefallen. (Placebo: „ich werde gefallen“)

Schulmedizinische Diagnose folgen einem einfachen Rezept, das gewährleistet, dass wir am Ende einen Namen haben, der sich möglichst kein bisschen festlegt, was die Ursache der Krankheit betrifft, und dennoch allen gefällt.
Wir können also ohne Weiteres von Placebo- Diagnosen sprechen.

Das Gute daran: Wenn Sie das Prinzip erstmal begriffen haben, haben Sie in Zukunft all ihre Diagnosen ruckzuck selbst gestellt. Das entlastet das Gesundheitssystem und ihre Freunde werden Sie um ihre medizinischen Kenntnisse beneiden.

Rezept für eine Placebo- Diagnose

Man nehme:
den Ort des Geschehens oder eine generelle Wahrnehmung oder einen Laborwert, irgendwas halt, übersetze ihn ins Lateinische oder Griechische und hänge eine Endsilbe daran:

-pathie für „Krankheit“
-algie für „tut weh“
-itis für „Entzündung“
-ose für „irgendwas“

Um diesen Namen zu verlängern, was die meisten sehr zu schätzen wissen, denn schließlich heißen die meisten auch lieber „Meier- Oberklein- Stradivarius“ als einfach nur „Meier“, kann man dann noch längere Adjektive vorschalten:

  • -idiopathisch für „von selbst krank geworden
  • -rezidivierend für „schon wieder krank geworden“
  • -chronisch für „dauernd krank“
  • -agraviert für „noch schlimmer krank geworden“
  • -exazerbiert für „auf einmal richtig schlimm krank geworden)

Wenn mehrere Symptome gehäuft gemeinsam auftreten, nenne man es Syndrom oder Morbus und hänge ein bis maximal drei Namen von verstorbenen Ärzten, am besten aus verschiedenen Ländern, dran.

So erhalten wir im Handumdrehen prima Diagnosen wie:

  • -chronische Gastritis (= dauernd im Magen entzündet)
  • -rezidivierende Polyneuropathie ( = schon wieder an vielen Nerven erkrankt)
  • -idiopatisches Fibromyalgiesyndrom (ganz von selbst tun Fasern und Muskeln weh und andere Symptome sind auch noch dabei)
  • -Morbus Hashimoto (=schon der Doktor Hashimoto wusste damals nicht, was da los ist)

Das macht mich irgendwie gerade richtig sauer (idiopathische exazerbierte Azidose).

Difficile est saturam non scribere.
Das ist keine Krankheit. Das ist von Juvenal:
Es ist schwierig, keine Satire zu schreiben.

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