Pulsdiagnose- spirituelle Diagnose

Die Chinesische Medizin ist nicht einfach in allem das Gegenteil zu dem, was wir hier im Westen haben. Auch dort gibt es gelehrte Dispute, Eitelkeiten, Gockelkämpfe und Grabenkriege. Auch dort gibt es eine Weiterentwicklung, die in vielen Dingen rasanter verlief als in unserer westlichen Medizin und das seit Zweitausend Jahren! Nicht umsonst stehen bei mir so viele Bücher  im Regal: Es gibt viele verschiedene Arten von chinesischer Medizin.

Seit einigen Jahren lese ich zunehmend ältere Bücher.

Zum einen, weil ich einen Roman über Ärzte, Schamanen und Alchimisten der Jin Dynastie (265- 420 n. Chr.) schreibe
(Mein einfach wundervoller und magischer Roman heißt: Der Ruf des Kormorans und das erste Kapitel finden Sie hier auf dieser Homepage)
– zum anderen, weil es mich seit meiner Kindheit zu den halbverschütteten Weisheiten unserer allerersten Vorfahren hinzieht.
Zu den Menschen aus der Zeit, „als das Wünschen noch half“. jener Zeit, als Menschen sich in Tiere verwandeln konnten und schamanische Dichter auf goldenen Wagen über die Wolken reisten.

Ein klassisches Lehrbuch der Akupunktur aus der Jin Dynastie, das Jia Yi Jing des Herrn Huangfu Mi schreibt Folgendes über die Pulsdiagnose:

„Für die spirituelle Diagnose brauchen die Ohren nicht zu hören. Mit einem leuchtenden Auge, einem offenen Geist und der Fähigkeit, klar zu unterscheiden, entsteht ein klares Bild. Obwohl er es nicht in Worten ausdrücken kann, sieht der Untersuchende als einziger unter seinen Kollegen es klar.
Dieses Bild ist für ihn wie der Abendstern, so hell tritt es hervor, oder wie die Sonne, die sich zeigt, wenn der Wind die Wolken zerstreut. Aus diesem Grund…nennt man diese Form der Diagnose spirituell und sie basiert auf den drei Positionen (der Finger auf dem Puls) und den neun Anzeichen.“

Danke, Herr Huangfu! Das haben Sie sooo schön gesagt, obwohl es sich doch tatsächlich kaum ausdrücken lässt:
Die Finger liegen auf dem Puls, fühlen und tasten verschiedene Qualitäten, oberflächlich, tief, und während sie dies tun, entsteht vor dem inneren Auge ein Bild. Nicht visuell und doch hell und strahlend, wie alle Bilder, die im Herzen entstehen und nicht auf der Netzhaut. Ein bisschen hell-seherisch, das Ganze.

Knapp tausend Jahre später hat ein konfuzianischer Philosogh (Cheng Yi, 1033- 1107 n. Chr.) über die Pulsdiagnose gesagt: „Pulsdiagnose ist Empathie.“
Freilich sagte er nicht „Empathie“ sondern „ren“. Ren war damals ein wichtiger Begriff in der Philosophie. Das Zeichen besteht aus „Mensch“ und „zwei“. Kurz gesagt, das, was zwischen zwei Menschen ist oder idealerweise sein könnte, das gleichzeitige Sein zweier Menschen, die Resonanz zwischen zwei gleichgestimmten Menschen, die aufeinander einwirken wie zwei gleichgestimmte Saiten eines Instrumentes.
Ich übersetze es kurz mit Empathie- Einfühlsamkeit, obwohl Herr Cheng das vielleicht nicht so gerne gesehen hätte, denn Gefühlen stand er als Konfuzianer skeptisch gegenüber.
Aber das ist ja nicht mein Problem.
Überhaupt ist mir Herr Cheng schon viel zu modern…

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Über Christine

Ärztin und Heilerin für Chinesische Medizin, Akupunktur, Trance und Träume. Aber auch Tänzerin, Dichterin, Liebende und weise Frau. Zuständig für das ganz alte China, Daoismus, Yin und Yang, Geister, Drachen, Liebeskummer, Ängste und heilsame Transformationen. Bücher: "Der Weg der Kaiserin", "Der Weg des Schamanen", "Chinesische Medizin für den Alltag" und bald noch viel mehr.

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