Putzsucht

„Sie sind immer so ausgeglichen“, sagte neulich eine freundliche Dame.  „Gewiss meditieren sie viel.“
Nun ja, ich meditiere wirklich viel und ich akupunktiere mich fast täglich, aus Neugier (mal sehen, was dieser Punkt in Kombination mit jenem so bewirkt)  und auch reiner Genusssucht (statt fernsehen) oder um innere Prozesse zu beschleunigen.
Wenn aber die schwarze und gelbe Galle zu brodeln beginnen, greife ich zu einem bewährten Hausmittel. Ich putze!
Putzen ist wundervoll befreiend und wirbelt allerlei inneren und äußeren Staub auf.
„Vorsicht, Mama putzt!“, pflegte meine Tochter ihren kleinen Bruder zu warnen und ihn auf Zehenspitzen in ein weit entferntes Zimmer zu ziehen.
„Du kannst ruhig sitzen bleiben“, sagte ich neulich zu einem Gast, während mein Staubsauger bereits zwischen seinen Füßen tobte.
Mein Freund Steven Bluehorse schüttelte den Kopf, ein schräges Grinsen im Gesicht:
„I know better than to get in the way of a woman cleaning“, griff seine Marlboro und verschwand auf dem Balkon.
Offensichtlich ist das Phänomen auch den Lakota bekannt.
Putzende Frauen. Eine Kraft, mit der Mann rechnen muss!
Es gibt immer was zu putzen. Sogar für eine relativ entspannte, wenn notwendig sogar halbwegs schlamperte,  Frau wie mich. Das hat sogar Konfuzius so gesehen, der dringend empfahl, jeden Morgen den Hof zu fegen.
Vor Zeremonien wird nicht nur geräuchert, sondern erst einmal geputzt und danach natürlich auch, um den neutralen Zustand wieder herzustellen. Letzteres wird gerne vergessen.  Dabei gehe ich auch gerne mit dem Besen im Kreis herum, schüttle alle Vorhänge (ups: Tipibahnen) und verjage mit lautem Klatschen alle bösen Gedanken, die sich dahinter verstecken. (Erinnern Sie sich noch an die garstig- lustigen Eumel, die in der Werbung der Siebziger in den Gardinen hingen und diese vergilben ließen? Wie so oft ist unsere Werbung voll tiefer Weisheit. Die Stimme des Volkes.)
Vor großen Festtagen wird seit alters geputzt. Frühjahrsputz, Herbstputz.
Vor Geburten wird geputzt, manche Frauen renovieren hochschwanger noch flugs die ganze Wohnung.
Viele Frauen bemerken während der Menstruation gesteigerte Putzsucht.

Während ich so, mit Putzutensilien bewaffnet durch die Wohnung stürme und inneren, wie äußeren Staub aufwirble,  kreisen böse Sätze in meinem Kopf.
Meine bösen Sätze haben, natürlich, mit Dingen zu tun, die ich noch nicht aufgearbeitet habe (lange Zeit ganz vorne: die drei großen Ms-  Mutter, Männer,  Medizinstudium).  Was mich sonst noch beschäftigt, sind die Unterdrückung traditioneller Kulturen (auch unsrer eigenen), die Abholzung des Amazonas, Grausamkeit gegen Tiere, die Grausamkeit vieler Frauen gegen sich selbst und die heillose Folgsamkeit und anerzogene Hilflosigkeit mancher Patienten.
Nun sind solche Sätze nichts als seelischer Staub. Trüb und negativ. Sie verdunkeln das Licht, während sie so herumwirbeln. Aber sie müssen aufgewirbelt werden, sonst bilden sie irgendwann eine dicke Schicht, die sogar unsere Träume trübt.

Enthüllungsjournalismus verfolgt genau diesen Zweck. Sogar Skandalreporter mit ihrer oft geradezu unterirdischen Bosheit erfüllen eine reinigende Funktion. Im Dreck wühlen.  Selbst noch  die scheinbar unnötigen hasserfüllten Kommentare der Leserinnen, die mithilfe des Internets zuweilen kaum ein Ende nehmen wollen, erfüllen eine reingende Funktion. Hasstiraden, Klatsch und Tratsch, Indiskretion und Neugier. Üble Nachrede, Rufmord und wie sie alle heißen. Alles notwendig.
Toleranz? Mitgefühl? Ach was: „Diesen Idioten muss doch mal jemand die Meinung sagen. Ich jedenfalls lass mir nicht den Mund verbieten.“ Wir Deutschen, Muslims, Patrioten, aufrechten Denker, besorgten Bürger, und wie wir alle heißen, müssen auch mal loswerden, was andernfalls in uns verrottet.

Seit einiger Zeit denke ich über die Funktion der reinen Bosheit nach. Hier ist sie: Staub aufwirbeln, zum Teil ganze Mistbeete umgraben. Erst danach kann Neues entstehen. Das Putzen ist die Mutter aller Dinge.

Es muss noch eine Menge Staub aufgewirbelt werden, ehe wir uns „alle einfach lieb haben“ können. Alles muss immer wieder aufgewirbelt werden, wieder und wieder.
Wie in einem Haus, das lange Jahre nicht renoviert wurde, erscheint die Aufgabe zu Zeiten übermenschlich. Ein Augiasstall. Doch keine Bange und frisch den Besen gepackt. Wir brauchen keinen Herakles. Wir putzen selbst.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen:  Bei regelmäßigem Aufwirbeln wird  der Staub weniger, und damit gibt es zunehmend weniger böse Sätze.  Ich bin nicht so richtig stolz auf meine  Bosheit, aber lustig ist sie wiederum schon. Bevor der Strom meiner persönlichen „Perlen“ ganz versiegt, werde ich daher einzelne davon in den Tiefen meiner Seiten verstecken.
Hier schon mal drei von heute morgen (Falten der Wäsche, Ausräumen der Geschirrspülmaschine):

Das gesamte Medizinstudium passt auf einen kleinen USB Stick.

Wenn Akupunktur eine Pille wäre,  wäre sie schon längst mit Milliardenaufwand erforscht worden und wir wüssten ganz genau „wie sie wirkt“, das heißt, wir besäßen genaue Angaben über sämtliche Blutchemikalien und Neurotransmitter,  die sich unter ihrer Wirkung verändern. Allerdings wäre Akupunktur dann patentiert und für den Großteil der Menschheit unerschwinglich.

Die medizinische Ausbildung gleicht einem Jesuiten Kolleg. Die Mehrzahl wird gebrochen, Menschenmaterial zu späterer Verwurstung an den Kliniken. Die geborenen Machtmenschen und die Söhne alter Professorendynastien hingegen werden in ihrem gallopierenden Narzismus noch bestärkt, indem man sie zu Chefärzten macht.

Solche Sätze mögen wahr sein oder nicht. Sicher ist: Sie helfen nicht. Sie enthalten keine Lösung und keine Vision. Aber indem ich sie ausspreche, reinige ich meine Seele und dann schütte ich das Putzwasser aus.

Zu guter Letzt, meine Kinder rennen nicht nur davon, wenn ich den Besen wirble. Sie putzen auch selbst. Heute brachte mein Sohn eine Wasserkaraffe mit engem Hals auf Hochglanz, indem er geschickt und hingebungsvoll mit Hilfe von dünnen Tüchern und Essstäbchen darin herumwühlte.
„Jetzt wirst du hoffentlich nicht mehr einfach aus der Flasche trinken“, ermahnte ich ihn, ganz mütterliches Hygienekomitee, als er mir das glasklare Produkt seiner Bemühungen demonstrierte. „Diese Nasskeimkolonien entstehen sonst ganz schnell wieder.“

„Ach was, alles wird immer wieder schmutzig. Dann putz ich sie eben noch einmal“
, war die gelassene und weise Antwort meines Zwerges.

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Über Christine

Ärztin und Heilerin für Chinesische Medizin, Akupunktur, Trance und Träume. Aber auch Tänzerin, Dichterin, Liebende und weise Frau. Zuständig für das ganz alte China, Daoismus, Yin und Yang, Geister, Drachen, Liebeskummer, Ängste und heilsame Transformationen. Bücher: "Der Weg der Kaiserin", "Der Weg des Schamanen", "Chinesische Medizin für den Alltag" und bald noch viel mehr.

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