Reinigung mit Salzwasser

 

Chirurgen sind toll. Klar und mutig. Ihr alterprobtes Motto lautet: Ubi pus, ibi incide. Wo Eiter ist, dort schneide rein! Genau da. Nicht woanders. Als ich noch sehr jung war, gerade erst Ärztin, bat mich ein sehr geliebter Mensch, bei der Eröffnung eines Geschwürs zu assistieren. Eine heikle und ungewöhnliche Bitte. Der Chirurg, ein erfahrener und mitfühlender Mensch, sah mich an. Prüfend. Dann zuckte er die Schultern und nickte. Es war kein gewöhnliches Geschwür. Ein mehrfach kunstvoll operiertes und hoffnungslos metastasiertes Karzinom. Zu sehen war, außer all der Narben früherer Operationen, wenig. Die Haut etwas gespannt, minimal gerötet.Die Schmerzen waren höllisch. Der Chirurg nahm sein Skalpell und zog es einmal quer über die Haut und da quoll es hervor. Riesige Mengen stinkender Eiter. Der ganze Bauch schien sich aufgelöst zu haben. Wir reinigten all die vereiterten und entzündeten und verkrusteten Häute und Falten, Sehnen und Muskelschichten, so weit es eben ging, mit riesigen Mengen von simplem Salzwasser. Wie Herakles, der einen ganzen Fluss durch den Stall des Augias lenkte, um die Verunreinigungen vieler Jahre fortzuspülen. Ein paar Stiche. Die Haut war verschlossen. Mein Vater konnte wieder lachen. Dies ist die materielle Ebene. Hier kennen wir uns aus und hier operieren auch wir. Jede/r kennt die Zeremonie für zu lange Fingernägel. Sie funktioniert ohne Beten, Singen oder Tanzen und sogar ohne homöopathische Globuli. Frau braucht dazu eine gute Feile, oder von mir aus eine Schere, die Zähne oder, aber nur notfalls, einen garstigen Knipser. Der Rest ist einfach. Ein Pickel wird ausgedrückt, aber erst wenn er reif ist. Schnell, sauber, gut. Natürlich platzt er irgendwann von selbst, wenn Sie ihm die Zeit geben, und auch das ist gut. Es gibt andere Schmerzen. Da tun wir uns schwer. Seelische Schmerzen. Auch hier ist von außen wenig zu sehen. Schließlich sind wir hart und tapfer. Innen aber tobt es. Es tobt so sehr, dass auch hier manch einer die Chirurgen ruft. Irgendwas muss sich doch wegschneiden lassen. Doch dies ist nicht die materielle Ebene. Das Prinzip gilt aber auch hier: Ubi pus, ibi incide. Nur wissen wir nicht, wo und nicht, wie. Daher tun wir es selten. Eher beißen wir die Zähne zusammen. Lenken uns ab. Trinken Wein. Essen zuviel. Arbeiten zuviel. Schlucken betäubende Pillen. Konsumieren. Reißen uns zusammen. Sagen, das wird schon wieder. Kreieren und behandeln alle möglichen anderen Wehwehchen. Machen Urlaub und tun, als wäre nichts gewesen. Concealer auf die Augenringe. So haben wir es als Kinder gelernt. Durchhalten. Nichts anmerken lassen. All das hilft soviel, wie ein Pflaster auf einem eitrigen Geschwür. Nichts. Es wird schlimmer und schlimmer. Breitet sich aus. Wird chronisch. Chronische Müdigkeit. Chronische Lustlosigkeit. Wenn das Gift richtig kocht, entstehen am Ende körperliche Schmerzen. Endlich kann der Chirurg etwas finden. Welche Erleichterung. Nur leider erreicht er in diesem Fall nicht die Wurzel des Übels. Um das Herz zu öffnen und seelische Schmerzen herausfließen zu lassen, müsssen wir sie spüren. So wie der Pickel reifen muss. Genau hinsehen. Ein bisschen Respekt für die verletzte Seele. Zugeben, wenn es weh tut. Sagen: Autsch. Das war schlimm. Ich bin traurig, wütend, ängstlich. Sich ganz ergeben und fortschwemmen lassen auf einer Woge von Schmerz. Wirklich weinen. Kein forciertes Buhuu. Ich bin immer wieder ergriffen zu sehen, wie viel da fließt, wenn es endlich fließt. Riesige Mengen von Salzwasser. So einfach. So gut.  Später wird es leichter. Je offener das Herz wird, je schneller es sich hingibt, umso weniger staut sich an. Am Ende fließt alles einfach durch. Ein offenes Herz fühlt sich roh an, roh und wund, so als wäre die Haut abgezogen. Leise liegt es in der Brust, unbeirrbar trommelt es sein Lied. Allen Winden ausgesetzt, wie eine zitternde Weide. Hingebungsvoll, verletzlich und unzerstörbar.Dies ist der Ort, an dem das echte Lachen entsteht.

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Über Christine

Ärztin und Heilerin für Chinesische Medizin, Akupunktur, Trance und Träume. Aber auch Tänzerin, Dichterin, Liebende und weise Frau. Zuständig für das ganz alte China, Daoismus, Yin und Yang, Geister, Drachen, Liebeskummer, Ängste und heilsame Transformationen. Bücher: "Der Weg der Kaiserin", "Der Weg des Schamanen", "Chinesische Medizin für den Alltag" und bald noch viel mehr.

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