Die singende Seele

12. und 13. Teil des Vortrages vom Hamburger Qi Gong Kongress

Die lange dunkle Nacht der Seele

(aus dem Vortrag für Laien anlässlich des Hamburger Qi Gong Kongresses.
Fachleute interessieren sich vielleicht eher für mein Skript vom 45. internationalen TCM Kongress. Hier geht es um Tiefenarbeit mit Akupunktur, Schamanismus, Ekstase, Trauma und andere Bewusstseinsebenen. Demnächst als pdf.)

Ich wollte Ihnen eigentlich vom vollkommenen Glück erzählen
und jetzt sind wir bei unheilbaren Krankheiten angekommen.

Das hat wohl mit meiner Arbeit zu tun, die sich genau in diesem Territorium bewegt.
Doch hinter all den vielfältigen Symptomen finde ich immer wieder das gleiche Leiden:
Tiefen existentiellen Schmerz. Eine Traurigkeit, die einfach nicht vergehen will.
Die lange dunkle Nacht der Seele.

Dieser Schmerz ist nicht die Traurigkeit des Metalls- der Lunge, die herbstliche Melancholie, denn diese wandelt sich und vergeht.

Wir erinnern uns an den chinesischen Medizinklassiker:

„Wenn das Herz leer ist, sind die Menschen traurig.“

Von Metall ist hier nicht die Rede, sondern vom leeren Herzen, das doch, wie wir gerade gehört haben, zum Feuer und zur Freude gehört.

Was meinen die alten Weisen mit „leerem Herz“ und warum macht es so traurig?

Die Medizin der Seele

Um diesem tiefen Schmerz auf die Schliche zukommen, fangen wir noch einmal ganz von vorne an.

Bevor die chinesische Medizin, mit all den komplizierten Regeln, die inzwischen dicke Bibliotheken füllen, ausformuliert wurde, gab es eine andere Art, die Dinge zu sehen.
Der Kosmos war lebendig und beseelt.
Im Neijing heißt es: Die Weisen der frühesten Zeit brauchten keine Kräuter und keine Akupunktur. Höchstens mal ein kleines Schnäpschen zu rituellen Zwecken. Sie waren eins mit dem Dao.

„Die Menschen in alter Zeit haben die Einheit erreicht“, sagt auch Laozi. (39)

In der chinesischen Medizin von heute ist dieses Bewusstsein von Einheit ein Stück weit verlorengegangen. Vielen Ärzten geht es um einzelne Probleme, um Krankheiten und übles Qi, die eliminiert werden müssen, als ob sie nicht Teil von uns wären.

Im Qi Gong ist das Bewusstsein von Einheit noch erhalten.
Qi Gong in seiner frühesten Form war der magische Tanz der Schamanen.
Denken Sie an all die Tierformen. Denken Sie an die ekstatischen Bewegungen im Zifa Taiji Gong. Denken Sie an Pan Gu, der die Füße auf die Erde stemmt und den Himmel trägt.

Im Schamanismus geht es um die Einheit von Himmel, Erde und Mensch.
Im Schamanismus ist alles beseelt.
Schamanismus ist eine Medizin der Seele.

Hören wir noch einmal die Worte des Laozi: (Kap. 39):

„Der Himmel erlangt die Einheit, um klar zu sein.
Die Erde erlangt die Einheit, um fest zu sein.
Die Seele (Shen) erlangt die Einheit, um inspiriert (ling) zu sein.“

Klar wie der Himmel.
Fest wie die Erde.
Inspiriert wie die Seele.
Was bedeutet das?

Inspiriert- auf Chinesisch Ling- bedeutet von magischer Kraft durchströmt.
Ling ist das Wort, das in Ausdrücken wie Reiki vorkommt.
Reiki wird in China „ling qi“ ausgesprochen.

Ling ist die Kraft, mit der der Himmel auf die Erde einwirkt.
Ling ist die Kraft, die in die Schamaninnen einströmte, wenn sie den Regen herbeitanzten.

Ich bin hier nicht politisch korrekt. Im alten China waren Schamaninnen tatsächlich Frauen, die mit langen wehenden Ärmeln tanzten.
Das Schriftzeichen für ihr magisches Fluidum, das Ling, von den Sternen und dem Regen zu uns herunterströmte, besteht aus tanzenden Schamanen, drei singenden oder schreienden Mündern und dem Regen, der von oben über der Zeichen herabregnet.

Ling ist die Kraft, die in ihre Nachfahren, die Qi Gong Tänzer und manchmal auch in die Akupunkteure einströmt.
Unser Ling wird genährt, wenn wir auf dem Rücken liegen und den Wolken oder den Sternen nachsehen.
Dann spürt unsere Seele vielleicht das Gefühl, mit allem verbunden zu sein:
Dies ist Ling

Shen wohnt im Herzen. Wenn wir es verlieren, oder Teile davon, so ist unser Herz leer. Wir verlieren das Gefühl von Einheit und dann sind wir traurig. Dann weint unser Herz.
Es schreit nach Ling, wie einst die Schamaninnen mit den wehenden Ärmeln.
Die sogenannte lange tiefe Nacht der Seele ist die Sehnsucht nach der Einheit.

(zurück zum Inhaltsverzeichnis des Vortrages über Glück und Gesundheit, Qi und Seele in der chinesischen Medizin)

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Über Christine

Ärztin und Heilerin für Chinesische Medizin, Akupunktur, Trance und Träume. Aber auch Tänzerin, Dichterin, Liebende und weise Frau. Zuständig für das ganz alte China, Daoismus, Yin und Yang, Geister, Drachen, Liebeskummer, Ängste und heilsame Transformationen. Bücher: "Der Weg der Kaiserin", "Der Weg des Schamanen", "Chinesische Medizin für den Alltag" und bald noch viel mehr.

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