Tanz in den Mai

 

Vor langer Zeit war ich auf einer Party in China. Studenten. Alle mehr oder weniger verliebt. Alle tanzten. Nur einer nicht. Mariano, der ewig unglücklich verliebte und heimwehkranke Kolumbianer. Der lag in einer Ecke und schluchzte haltlos. Wir Ausländer kannten ihn nicht anders. Einer der chinesischen Kommilitonen fragte mich, was mit dem Mann los sei.
Ich versuchte es ihm zu erklären. Gar nicht so einfach, denn die chinesischen Bezeichnungen für „liebeskrank“ und „herzkrank“ sind die gleichen.

Xiaoming nickte: Wir werden ihn akupunktieren.
Das geht doch nicht, sagte ich. Er ist nicht krank. Er hat Liebeskummer. Seine Seele ist krank.
Letzteres war wiederum auch gar nicht so einfach zu erklären. Denn nun meinte der Chinese, es läge an der Leber.
Nein, liebeskrank, wiederholte ich.
Also herzkrank. Wir werden ihn akupunktieren, erklärte Xiaoming.
Während ich weiter auf ihn einredete, um ihm zu erklären, dass Mariano einfach unglücklich war und nicht krank, zog er ein paar Nadeln aus seiner Hosentasche und rammte sie dem weinenden Kolumbianer ohne weitere Umstände in die Handgelenke. Die Behandlung war nicht sehr subtil. Immerhin waren wir auf einer Party. Doch Mariano wehrte sich noch nicht einmal, er blickte nur ein wenig verwirrt zu uns auf.
Es wäre gelogen, zu behaupten, dass Mariano sich freudestrahlend erhoben hätte. Jeder hat Krankheiten, die sind ihm einfach wichtig:
Auf seinen Liebeskummer ließ Mariano nichts kommen. Aber nach einiger Zeit erhob er sich. Mit todernster Miene taumelte er zum Kassettenrekorder, wechselte die Musik und begann Cumbia zu tanzen. Er tanzte die ganze Nacht und wer Cumbia kennt, weiß, es ist ein fröhlicher Tanz.
Moral: Akupunktur ist gut. Tanzen ist besser.
In diesem Sinnen: Einen schönen ersten Mai!

Die Sache mit dem Liebeskummer=herzkrank beschäftigt mich bis heute sehr. Inzwischen bin ich über viele weitere Krankheitsbezeichnungen gestolpert, bei denen unklar bleibt, ob es sich um die Seele oder den Körper handelt.
Die gibt es natürlich auch in unserer Sprache und sie stammen meist aus den Zeiten der Humoralpathologie: Da läuft Leuten dann zum Beispiel die Galle über…eine Laus über die Leber…das Herz bricht ihnen…sie bekommen kalte Füße vor etwas…und müssen sich verpissen.

Der Unterschied ist, dass solche Vorstellungen in China nicht nur in der Sprache erhalten geblieben sind, sondern auch in der Medizin.
Die chinesische Medizin ist daher nicht psycho-somatisch sondern macht überhaupt keinen Unterschied zwischen Psyche und Soma. Es gibt nur Qi.

Das muss unsereins erst einmal „verdauen“.
Wir, die wir aus der Dualität kommen, fragen immer wieder: „Was war denn nun zuerst?“
Hat er sich erst Sorgen gemacht und bekam davon Magenschmerzen, oder macht er sich Sorgen, weil er Magenschmerzen hatte?
Hat er Herzklopfen, weil er sich fürchtet, oder fürchtet er sich, weil er seit Jahren Angst um sein Herz hat?
Wir fragen nach Ursachen. Nach Gründen. Das ist in unserer geistigen Tradition so verwurzelt. Es ist die Grundlage unserer Logik. Dies muss aber nicht so sein. Denken geht auch anders.
In China gibt es diesen Kausalitätszwang nicht.
Es gibt kein: Wenn dieses, dann jenes.

Beziehungen zwischen Ereignissen beruhen auf dem Resonanzprinzip.
Ein konfuzianischer Philosoph hat dies einst so beschrieben:
„Wasser sammelt sich in feuchter Erde. Wo Krieg herrscht, da wachsen Dornen auf den Feldern.“
Ängstliche Menschen leben in einer Resonanzwolke von ängstlichen-angstauslösenden Ereignissen.
Für mich hat es lange gedauert, meinem Denken zu erlauben, aus dem Korsett von Ursache und Wirkung zu schlüpfen, die aristotelischen Zwänge hinter mir zu lassen. Aber einmal draußen aus dieser Höhle vermisse ich nichts. Alles ist heller und leichter geworden.
Mein Geist tanzt.

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