Trauma ist erlebte Hilflosigkeit

 Trauma ist unbeschreiblich. Daher spreche ich gerne von Geistern und Dämonen. Für mich drückt diese Metapher das Gefühl  bei Trauma am besten aus, das Gefühl von körperlicher Bedrohung und Hilflosigkeit angesichts einer Gefahr, die für andere eventuell gar nicht so schlimm aussieht. Außerdem lassen Geister sich benennen und austreiben, und das macht mich froh.

In China sprechen die Ärzte schon lange nicht mehr von Geistern:
Bereits vor zweitausend Jahren wurde aus Geistern und Dämonen im Körper die Diagnose „bösartige Kälte“. Kälte blieb für lange Zeit einer der wichtigsten Ursachen von Krankheit. Kälte blockiert den Fluss des Qi in den Meridianen, so wie in einem gefrorenen Fluss im Winter. Ganze Körperteile oder einzelne Hautareale werden taub oder kribbeln. Funktionen fallen aus. Es kommt zu unerklärlichen und oft starken oder quälenden Schmerzen. Hände und Füße sind meist kalt oder werden plötzlich, wenn der Körper sich wehrt, anfallsweise, heiß und rot. Die Verdauung gerät durcheinander. Die Libido verschwindet. Das Herz schmerzt. Die Stimmung wird düster und winterig. Wärme, Licht und Bewegung helfen, aber die Symptome kommen wieder, solange die Kälte nicht ganz vertrieben wird.
(Obwohl die Kältetheorie die chinesische Medizin im Sturm eroberte,  wurde die Fachrichtung „Geisteraustreiben“ in der medizinischen Ausbildung noch sehr lange beibehalten. Bis zur Tangzeit gab es an den kaiserlichen Akademien eine offizielle Fachrichtung dafür. Vereinzelte Kräuterrezepte gegen Geister gibt es bis heute auch in modernen Lehrbüchern. Sicher ist sicher…) 
Im Westen sind Geister ebenfalls schon lange passe’. Bei verwickelten, medizinisch unlogischen, Krankheiten sprachen die Ärzte lieber von Hysterie. Benannt nach dem griechischen Wort für Uterus, der die Frauen angeblich „irre“ macht. Der Psychiater Janet hat sich vor über Hundert Jahren dieser Diagnose angenommen und sie genauer erforscht. Bei Männern und Frauen.
Heute spricht man meist von Dissoziation und Trauma.

Um traumatisiert zu werden, muss ein Mensch weder Krieg noch Erdbeben überleben.

Der entscheidende Faktor, der ein unangenehmes Ereignis zum Trauma werden lässt, ist die erlebte Hilflosigkeit in diesem Augenblick.
 

Sehr häufig sind daher Erlebnisse aus unserer frühesten Kindheit traumatisierend, dem Alter, in dem selbst einfaches Weglaufen unmöglich ist.
„Als Kind zu heiß gebadet“ zu werden, ist kein Witz: Ein Säugling, der sich urplötzlich in brüllend heißem Wasser findet, kann nicht schimpfend aus der Wanne hüpfen, alles was er wahrnimmt, ist reinste Panik.
Häufiger noch ist das Alleine- liegengelassen- werden, das in unserer Kultur als vollkommen normal gilt und sogar als Erziehungsziel propagiert wird, aber von einem kleinen hilflosen Menschen als genauso lebensbedrohend erlebt wird wie von einem Affenbaby: „Ich bin von meiner Familie getrennt und werde nun entweder verhungern oder von Leoparden gefressen werden“.

Medizinische, vor allem chirurgische, Eingriffe mit ihrer Kombination aus Schmerz, Angst und Hilflosigkeit erfüllen auch sehr oft alle Kriterien eines Traumas. Vor allem in der Kindheit. Aber nicht nur dann. Viele Beschwerden meiner Patienten haben nach einem chirurgischen Eingriff begonnen und bestehen oft über Jahre weiter, auch wenn der Eingriff erfolgreich war und die Narben, scheinbar, längst verheilt sind. Die Seele vergisst es nicht so leicht, wenn der Körper so tief verletzt wird. Auch dann nicht, wenn dies in Narkose geschieht.

Wer Hilflosigkeit oft genug erlebt hat, wird im Laufe der Zeit auch dann hilflos reagieren, wenn die Lage, objektiv gesehen, nicht bedrohlich ist. Schließlich könnte man ja weggehen. Wenn da nicht dieses unerklärliche Gefühl von Lähmung oder Panik wäre…

Aus immer wieder erlebter Hilflosigkeit wird erlernte Hilflosigkeit.
Erlernte Hilflosigkeit ist das Gefühl, dass das Leben selbst zu schwierig ist, wir unserem Körper nicht trauen und ringsumher Bedrohungen lauern.

Die kleinsten Anforderungen werden zu viel.

Und dazu noch all diese Beschwerden!

Welche Beschwerden dies sind?

Typisch für Trauma, wie ich es sehe, sind unter anderem:

-Worte fehlen.
Ein Mix von Beschwerden, die man gar nicht so richtig in Worte fassen kann. Das Gefühl, vollkommen elend zu sein, obwohl angeblich nichts Ernstes vorliegt.

-Zunehmende Verschlimmerung.

Körperliche Symptome werden im Laufe des Lebens schlimmer, oft ab dem mittleren Alter, was oft zu Diagnosen wie „Verschleißerscheinungen“ führt, obwohl keiner so recht sagen kann, wie es zu so einer starken „Abnutzung“ gekommen sein könnte und warum der Körper sich nicht, wie er es üblicherweise tut, von selbst erneuert.

-Zunehmende Schonung.

Spezielles Mousepad, orthopädische Matratze, Krankschreiben, Schonung, Krankengymnastik, Massage, helfen alle irgendwie, doch die kleinste Tätigkeit führt zum sofortigen Rückfall und jedes Mal scheint es schlimmer zu werden

-Zunehmend strenge Diät.

Weglassen bestimmter Nahrungsmittel (Zucker, Weizen, Gluten, Alkohol, Hefe, Milch, Kernobst und dann immer mehr…) lindert ein Teil der Symptome, aber richtig Ruhe kehrt nicht ein. So kommt es zu einem zunehmend strengen Leben. Eine meiner Patientinnen lebte mehrere Jahre nur von Margarine einer besonderen Marke und Wasser einer einzigen Quelle.

-Verzweifeltens Rennen von Spezialisten zu Spezialisten
Keiner versteht mich. Das Gefühl, als Hypochonder betrachtet zu werden. Aber die Patienten wissen, dass sie sich ihre Beschwerden nicht einbilden!
Die Symptome ergeben keinen medizinischen Sinn. Die Ärzte runzeln die Stirn (und rollen insgeheim die Augen). Das Labor findet nichts. Die dritte Bauchspiegelung ergibt auch nichts. Daraus folgt ein zunehmend verzweifelteres Rennen von Spezialisten zu Spezialisten und bei vielen Misstrauen und Verbitterung.

-Pseudodepression.

Die gesamte Lebensfreude und Energie gehen verloren, die Libido ist im Keller, soziale Beziehungen zerbrechen, weil man nur noch im Bett liegen möchte, oft als „Depression“ fehldiagnostiziert, doch im Unterschied zu Depression liegt der Schwerpunkt auf körperlichen Schmerzen und Missempfindungen und der unbewussten Überzeugung: Da müsste etwas zu machen sein. Nur was?

-Antidepressiva helfen.

Leider nicht auf Dauer. Die Dosis muss ständig erhöht werden, die Beschwerden brechen immer wieder durch.

-Schmerzmittel helfen fast nicht.

Ausnahme: Die ganz starken Schmerzmittel auf Opiatbasis, da diese im Gehirn ansetzen.

-„schräge Diagnosen“.

Je nach Fachrichtung der Therapeuten z.B.: psychosomatische Erkrankung, Depression, Menopause, Andropause, mid life crisis, burn out, Fibromyalgiesyndrom, multiple Nahrungsmittelunverträglichkeit, toxic building syndrome, Erdstrahlen, gestörte Narben, blockierte Chakren, schlechtes Karma …
Lieber eine komische Krankheit als gar keine.

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Über Christine

Ärztin und Heilerin für Chinesische Medizin, Akupunktur, Trance und Träume. Aber auch Tänzerin, Dichterin, Liebende und weise Frau. Zuständig für das ganz alte China, Daoismus, Yin und Yang, Geister, Drachen, Liebeskummer, Ängste und heilsame Transformationen. Bücher: "Der Weg der Kaiserin", "Der Weg des Schamanen", "Chinesische Medizin für den Alltag" und bald noch viel mehr.

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