Wenn das Wünschen nicht mehr hilft

15. und 16. Teil des Vortrages vom Hamburger Qi Gong Kongress

Vom Kreiieren und Wünschen

(Letzter Teil des Vortrages anlässlich des Hamburger Qi Gong Kongresses.
Fachleute interessieren sich vielleicht eher für mein Skript vom 45. internationalen TCM Kongress. Hier geht es um Tiefenarbeit mit Akupunktur, Schamanismus, Ekstase, Trauma und andere Bewusstseinsebenen. Demnächst. Hier.)

 
Im Yi Jing heißt es, was am Himmel die Bilder sind, sind auf der Erde die Formen.
Wir erinnern uns, dass wir als Menschen die Achsen zwischen Himmel und Erde sind. Unsere Mitte gibt den Dingen einen Sinn. Benennt sie. Dies ist unsere Gedankenseele.
Indem wir flüchtige Erscheinungen benennen, erhalten sie eine Realität.
Aus Bildern am Himmel werden Formen auf der Erde.

„Am Anfang war das Wort“ heißt es in der jüdischen Schöpfungsgeschichte.
Den meisten Völkern ist ihre Schrift heilig.
Worte sind Magie.
Umso mehr, wenn eine Bilderschrift benutzt wird.
Den Chinesen war dies stets bewusst. Kaum ein Volk liebt seine Schrift so sehr wie die Chinesen.

Wenn wir etwas wirklich richtig benennen, so nehmen wir Kontakt mit dem Himmel auf. Ling- das magische Fluidum wird aktiviert. Wir brauchen nun nur noch loszulassen:
So wie Pan Gu, der sich hinlegte und zu allem zerfiel, was ist.

So ist auch zu verstehen, warum unsere Seele so traurig wird, wenn sie Ling verliert- und sie verliert es immer dann, wenn sie ihr Gefühl für Einheit verliert.
„Der Himmel erlangt die Einheit, um klar zu sein.
Die Erde erlangt die Einheit, um fest zu sein.
Die Seele (Shen) erlangt die Einheit, um inspiriert (ling) zu sein.“

Wie wir ling zurückgewinnen steht hier.

Benennen heißt aber nicht, Dinge festnageln wollen. Wenn wir uns mit fixen Ideen der Wandlung des Shen- Qi entgegenstemmen, so stockt unser Qi-
zum Beispiel, wenn wir nicht verzeihen und loslassen wollen oder wenn wir uns unbedingt darauf versteifen, dass unsere Wünsche auf eine bestimmte Art erfüllt werden müssen.

Der Weise benennt, lässt los und überlässt sich dem Wandel.

Die Seele zurücksingen

Sie kennen nun die Seelen.
Die Seelen gehen niemals ganz verloren.
Das Haus verliert nichts, pflegte meine Oma gerne zu sagen.
So ist es auch mit den Seelen.
Auch wenn Teile unsere Qi davon sausen bis zum Himmel: Wir sind dieses Haus, wir sind der Kosmos.

Aber manchmal kommt es uns schon so vor, als wären wir von Gott und der Welt verlassen.
Hier haben wir das Gefühl von Einheit verloren. Unser Herz ist verschlossen und reicht nicht mehr bis zum Himmel. Wir haben kein Ling mehr.

Ohne Ling geht alles schief.

Ohne Ling klappt nichts, von den Dingen, die wir uns wünschen.

Ja, unsere Wünsche sind eigentlich nur noch zögerliche Vorschläge. Wir wissen gar nicht mehr, was wir wollen, wir trauen uns nicht, es zu wollen und wenn wir doch einmal einen Wunsch äußern, dann tun wir dies zweideutig und mit Hunderten von Fragezeichen.
So kreiieren wir nichts.
Ling geht verloren, wenn die Seele die Einheit verliert. In sich selbst und mit der Welt.
Dies sind unterschiedliche Formen von Seelenverlust.

Die Vorstellung von einer verlorenen Seele findet sich bei vielen Völkern. Auch bei uns gibt es das Märchen vom verlorenen Schatten.

Menschen mit Seelenverlust sind oft körperlich gesund und psychisch funktionell. Sie führen eventuell ein normales, oberflächlich erfolgreiches Leben. Doch dabei fühlen sie sich wie ausgesetzt in einer fremden Welt, hoffnungslos, einsam.

Sie leiden unter:

  • Erinnerungslücken
  • Ängsten
  • vielfältigen dissoziativen Symptomen
  • Nahrungsmittelunverträglichkeiten
  • Überempfindlichkeiten gegen seltsame Dinge
  • Depressionen
  • Schlafstörungen
  • neurologisch unlogischen Schmerzen
  • Missempfindungen
  • chronischer Müdigkeit
  • Burnout
  • hormonellen Störungen
  • Immunschwächen
  • und vielen anderen Dingen, die schulmedizinisch nur wenig Sinn ergeben

Aus einer nicht- klassischen Sicht können wir sehen, dass Seelenverlust immer dann passiert, wenn wir traumatisiert werden.
Daher kombiniere ich in meiner Arbeit Erkenntnisse aus der Traumatherapie und anderen Arbeiten mit veränderten Bewusstseinszuständen mit den Weisheiten der chinesischen Schamanen.

Für Ihre Zwecke, als Qi Gong Praktizierende ist soviel Komplikation nicht erforderlich.

Der chinesische Medizinklassiker sagt:

„Wer Shen hat, wird leben. Wer Shen verliert, wird sterben.“

Was tun, mit der verlorenen Seele?

Wir können sie zurücksingen.
Wir können unseren Namen in die vier Himmelsrichtungen rufen wie die Prärieindianer.
Wir können die Seelen mit verlockenden Speisen und Räucherwerk anlocken und ihr Gedichte vorsingen wie die alten Chinesen.
Auch, wenn wir aus tiefstem Herzen weinen, kommt die Seele zurück.

Ganz traditionelle Akupunktur holt Seelen auch zurück. Dies ist die wichtigste Aufgabe der Akupunktur. Denn wenn die Seelen zurückkehren, lösen sich die übrigen Probleme oft wie von selbst.

Die Autoren unseres Klassikers (Suwen Kap 16) schrieben:
Sobald die Seele – Shen reagiert, hört man mit dem Nadeln auf.

Wie ich schon angedeutet hatte, ist Qi Gong aus dem Tanz der Schamanen vorgegangen.
(Tanz des Schamanen ist übrigens auch der Titel eines wunderschönenen Buches über Männer und ihre Energie)
Mit Qi Gong können Sie daher Ihre Seelen auch zurückrufen.
Wenn Sie in Zukunft wieder üben und ihre Hüfte oder ihr Fuß oder sonst ein Teil nicht mit üben wollen, dann können Sie sich daran erinnern.

Wie beim Wünschen liegt das Geheimnis darin, sich nicht in Details zu verbeißen. Lassen Sie los.
Vergessen Sie alles, was Sie mit dem Qi Gong erreichen wollten.
Vergessen Sie alle Gedanken und Sorgen, ob Sie die Form schon beherrschen, ob Sie alles richtig machen, ob sie doof und unbeholfen aussehen und warum sich immer noch nichts tut.
Lassen Sie all das los.
Lassen sie das Qi frei.
Ergeben Sie sich. Wie Pan Gu.
Umarmen Sie ihre Krankheiten, ihren Schmerz, ihre lange dunkle Nacht der Seele-
Krankheiten sind Geburtsschmerzen der Seele.
Fühlen Sie alles, was ist.
Strecken Sie sich bis zum Himmel und lassen Sie los.

Denken Sie an ihre Vorfahren, die alten Schamanen, die bei Dürre und Hitze, unter praller Sonne, tagelang tanzten bis der Regen wieder floss.
Damals wie heute ging es um Leben und Tod.
Die Füße fest in den Boden gestemmt.
Der Kopf weit über den Wolken.
So üben Sie.
Wenn Schleim sich mobilisiert und ihre Seele sich wieder ausbreitet, kommt es manchmal zu seltsamen Erscheinungen: Stiche, Kribbeln, Zuckungen, Krämpfen, Blitze, Kopfweh, Gliederschmerzen, Flashbacks, Visionen und Halluzinationen.
Fühlen Sie die Erde, führen sie ihr Qi zurück zum Dantian und geben Sie den flüchtigen Qi Formen keine besondere Bedeutung:
Sie sind weder am Rande des Wahnsinns noch kurz vor der Erleuchtung. Sie müssen auch nicht zum Neurologen.
(Es kann gut sein, dass die Kundalini, ihr Drachenfeuer, sich aktiviert hat, doch dies ist ein anderes Thema.)

Lassen Sie ihr Ego los!
Üben Sie weiter.
Früher oder später wird die Seele sich heilen.
Dann weint sie vor Glück.

(zurück zum Inhaltsverzeichnis des Vortrages über Glück und Gesundheit, Qi und Seele in der chinesischen Medizin)

4 Gedanken zu “Wenn das Wünschen nicht mehr hilft

  1. Liebe Frau Li, danke ,dass Sie uns wieder so reich beschenkt haben, herzlicher Gruß aus Düsseldorf
    Barbara Schaffner

    • Liebe Frau Schaffner, wie schön von Ihnen zu hören und danke für den netten Kommentar. Die wahre Freude beim Schreiben entsteht ja erst dadurch, dass auf der anderen Seite jemand ist und liest. Vielen Dank für Ihre Treue!
      Christine Li

  2. Liebe Frau Li, danke ,dass Sie uns wieder so reich beschenkt haben.Herzlicher Gruß aus Düsseldorf
    Barbara Schaffner

    • Liebe Barbara Schaffner, danke für den netten Kommentar. Die Freude beim Schreiben kommt vor allem dann, wenn ich weiß, dass ich auch gelesen und verstanden werde. Alles Liebe, Christine Li