Von Leuten, die wirklich krank sind. Wirklich. Wirklich!

 

Die letzten Helden

Wer immer sich längere Zeit mit den Wegen der Krankheiten befasst, stößt früher oder später auf den Begriff: Sekundärer Krankheitsgewinn.

Einleuchtend genug ist die Idee. In den Lehrbüchern stellt sie sich so dar: Der kleine Junge, den sonst niemand groß beachtet, bekommt Bauchweh. Er muss nicht zur Schule, wo ihn alle hänseln, weil seine Nikes nur ein me-too Modell von Deichmann sind. Er muss keinen Vokabeltest schreiben. Stattdessen sitzt seine Mama am Bett und streichelt ihn und kocht ihm süßen Brei mit heißen Kirschen und liest ihm stundenlang vor. Dabei trägt sie natürlich eine karierte Schürze, wie alle guten Mamis.
Etwas älter geworden, darf er einfach in alten Sweats auf der Couch liegen. Die besorgte Freundin kommt ihn besuchen und bringt ihm biologische Säfte, statt ihn einen unverbesserlichen Slacker zu nennen. Er muss sich noch nicht einmal ins verhasste Fitnesscenter schleppen. Im besten Fall bekommt er Krankentagegeld und natürlich sind seine Kollegen nett und rücksichtsvoll und erledigen all seine Arbeit, ohne daraus zu schließen, er sei eigentlich überflüssig.
Kranke Frauen bekommen außerdem riesige Liliensträuße.
Ich nenne es das viktorianische Modell, denn in Illustrationen dieser krankheitsbesessenen Epoche finden sich solch rührende Szenen von weinenden Verwandten und verzweifelten Geliebten, die sich mit Suppe und Opiumpastillen um einen armen Kranken scharen, in großer Zahl.

Die Menschen, die ich kenne, profitieren nicht von ihren Krankheiten.
Ihre Freunde haben keine Zeit, sie zu bemitleiden. Sie sind allein und ihre Schmerzen so groß, dass sie es kaum noch zur Apotheke schaffen. Sie sitzen stundenlang in vollgestopften Wartezimmern, nur um ihre Kankheit legalisieren zu lassen. Sonst verlieren sie ihren Job. Ihre Wohnung sieht aus wie ein Schlachtfeld. Sie fallen durch die Prüfung. Die Freundin hat die Nase voll. Sie können immer weniger tun und kaum etwas essen. Allerdings haben sie ohnehin nichts im Haus.

Die seltenen Kranken, die von ihrer Krankheit profitieren, erkenne ich daran, dass sie eigentlich nicht besonders froh wirken, wenn sie erfahren, dass ihre Krankheit geheilt werden könnte. Sie bombardieren mich stundenlang mit Fragen zu meiner Ausbildung und Qualifikation und wollen genau wissen, ob ich genau solch einen Fall schon einmal behandelt habe.
Sie haben sich ein ungeheures Wissen zu ihren Symptomen angegoogelt und glauben mir kein Wort, obwohl sie trotzdem stundenlang nachfragen.
Sie weisen noch einmal eindringlich darauf hin, wie selten ihre Krankheit ist. So selten, dass es längere Zeit und hohe Kosten erfordert hat, ihre Umwelt überhaupt davon zu überzeugen, dass sie wirklich krank sind.
Sie zählen all die Fachleute auf, die auch schon an ihrem Leiden gescheitert sind.
Oft nennen sie voll Stolz den abstrusen Namen ihrer Krankheit, den ihnen, nach langer Odysee zu diversen Fachleuten, irgendein besonders belesener Pathologe verliehen hat wie einen Orden.
„Ist ihnen eigentlich bewusst, dass ich an Morbus xyz leiden und nicht an banalem Husten?“, sagen sie empört und mit einer Intensität, die mich an die Kranken mit Münchhausen-Syndrom erinnert, dem seltsamen Leiden, bei dem Menschen sich bewusst selbst schädigen, um ihre Ärzte zu täuschen.
Diese Patienten schädigen sich nicht bewusst. Doch gesund zu sein, ist eine bedrohliche Vorstellung für sie.
Manchmal schleppen sie sogar ihre Mutter mit sich, die mich voll Verachtung mustert und mir mit strenger Miene erklärt, dass ihr dreißigjähriger Sohn ein besonders schwerer Fall ist, seit seiner Geburt. Was hat die Dame schon alles durchgemacht mit diesem Kind!  Ihr ganzes Leben hat sie geopfert. Wenn es eine Kur gäbe, diese gute Mutter hätte sie gefunden.
Wage ich, die Fremde, etwa nun, all dies in Frage zu stellen?
Wie ich etwa gar, dem Ganzen ein Ende zu setzen?
Ihre Augen funkeln böse.
Ich friere.

Solche Patienten haben schon alles versucht, einschließlich diverser Methoden, an die sie selbst nicht glauben und wehe denjenigen, die immer noch glauben, ihnen sei es nicht ernst mit ihrer Krankheit.

Andererseits steht jetzt plötzlich ihr ganzer Lebensplan auf dem Spiel, wenn sie nicht  innerhalb von zwei Wochen ihre beeindruckende Krankheit wieder los sind.
Dies bringt sie in einen entsetzlichen Konflikt. Sie müssen gesund werden, aber etwas in ihnen will es nicht.
Leider haben sie wenig Zeit für Behandlungen, da sie schon ein halbes Dutzend andere Heiler-Termine in dieser Woche haben. Freitag abend um 18.30 h ließe sich aber eventuell einbauen.

„So“, sagen sie und sehen mich aggressiv an: „Glauben sie immer noch, sie könnten mir helfen?“
Ich kann ziemlich trotzig sein und sage meist ja.
Freitag abend 18.29 h sagen sie ihren Termin ab.

Andere vertragen keine Kräuter. Nadeln tun ihnen weh. Hypnose akzeptieren sie nicht und ihr letzter Osteopath habe ihnen leider ein paar Rippen gebrochen.

So sensibel sind sie.

Daher: Bitte nicht anfassen. Bitte überhaupt nichts tun.

Dennoch sitzen sie zwei Stunden bei mir und erzählen mir umständlich und detailliert, wie schlimm alles ist.
Wollen sie es denn so?, frage ich sanft.
Da werden sie wütend und werfen mit Gegenständen.

Sie sind die letzten Helden:

Sie triumphieren über alle Formen von Therapie und Medizin.
Meine Krankheit ist stärker als eure Medizin, sagen sie.
Sie entziehen sich all denen, die ihnen helfen wollen.
Mir kann keiner, sagen sie. Misch dich nicht in mein Leben ein!
Auch wenn es schmerzt: Dieser Schmerz gehört mir. Er definiert mein Territorium.
Hier bin ich sicher.
Wie in alten Märchen wird die Krankheit zu ihrem persönlichen Fluch. Ihrer Bestimmung. Ihrem Zauber.

Indem sie sich jeder Heilung entziehen, gewinnen sie ihre Macht zurück, die ihnen meist schon als Kind genommen wurde. Von ehrgeizigen, übergriffigen Eltern. Von Menschen, die ihre Grenzen nicht respektierten.
Indem sie alles verlieren, können sie noch einmal ganz neu anfangen.
Manchmal führt der Weg eines Helden durch dunkle Wälder und dorniges Gestrüpp.
Manchmal bleiben wahre Helden unverstanden und allein.

Wer bin ich, ihnen all das zu nehmen.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Heilung, Medizin, Trauma von Christine. Permanenter Link des Eintrags.

Über Christine

Ärztin und Heilerin für Chinesische Medizin, Akupunktur, Trance und Träume. Aber auch Tänzerin, Dichterin, Liebende und weise Frau. Zuständig für das ganz alte China, Daoismus, Yin und Yang, Geister, Drachen, Liebeskummer, Ängste und heilsame Transformationen. Bücher: "Der Weg der Kaiserin", "Der Weg des Schamanen", "Chinesische Medizin für den Alltag" und bald noch viel mehr.

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