Was ist TCM und was ist chinesische Medizin

TCM

TCM heißt schlicht Traditionelle Chinesische Medizin. Der Begriff TCM hat sich seit einigen Jahren in Deutschland eingebürgert und viele denken, er umfasse die gesamte chinesische Medizin. Weit gefehlt!
Von den Techniken her bietet TCM eine Menge: Akupunktur, Moxibustion, Kräutermedizin, Tuina. Anmo, inzwischen auch wieder Qi Gong.
(Qi Gong war lange Zeit verpönt. Als ich in 1986 zum ersten Mal für längere Zeit in China lebte, gab es zwar so eine Art Taiji Quan Unterricht mit Musikbegleitung, doch um echtes Qi Gong zu studieren, musste ich mich nachts heimlich aus der Universität für chinesische Medizin schleichen und vor die Stadt fahren, wo ein alter Herr heimlich in einer Garage unterrichtete).
Trotz dieser großen Auswahl an Techniken, lassen sich kompliziertere Erkrankungen mit TCM nicht zufriedenstellend behandeln. Dafür denkt diese Medizin zu simpel.
TCM ist ein extrem reduziertes Medizinsystem, das einst von Mao Zedong ins Leben gerufen wurde. Dieser  hatte erkannt, dass die, im republikanischen China verbotene, chinesische Medizin außerordentlich billig und effektiv war, allerdings auch voll „konterrevolutionären Aberglaubens und Irrlehren“. Um dieses nationale Schatzkästchen zu reaktivieren, musste zuerst alles Konterrevolutionäre enfernt werden. Als konterrevoutionär galt eigentlich alles, was nicht von Mao Zedong selbst erdacht worden war. Im Falle der Medizin waren dies vor allem: Daoismus, Konfuzianismus, Dämonenlehre, Feng Shui, Astrologie, Schamanismus, Alchimie und der größte Teil der fünf Elemente Lehre.
Tausende von Büchern wurden auf das handliche Format einer einzigen kleinen roten Medizin- Bibel zusammengefasst. Ich besitze noch eine davon. Sie ist wirklich sehr, sehr klein. Im Laufe der Jahre wurde dieses Büchlein um die Ergebnisse von Studien erweitert. Schließlich musste die TCM auch modern und wissenschaftlich sein. Diese Studien belegten meist Heilungsraten von 99.9 Prozent. Denn wenn ein maoistischer Arzt einen maoistischen Patienten behandelt, musste immer alles gut gehen. (Wenn es nicht gut ging, wurde den Patienten die Mao Bibel in die Hand gedrückt.)
Das Ergebnis war eine Art pseudowissenschaftliches Kunstgebilde, das auch im Westen, wenngleich erst nach mehreren Jahrzehnten, gut akzeptiert werden konnte.

TCM wird inzwischen sogar an einigen schulmedizinischen Kliniken wie dem UKE in Hamburg praktiziert. Sogar manche Kassen zahlen ab und zu für Akupunktur, sofern sie auf den Vorgaben der  TCM beruht, und fast nur zur Behandlung von Schmerzen.

Gefühle in der Medizin: TCM und MAO Hemmer

Da TCM sehr schlicht ist, haben mittlerweile viele Menschen eine eigene Meinung darüber. Neulich wurde einem meiner Patienten von einem seiner Bekannten mitgeteilt: „Deine Krankheit ist psychosomatisch. Daher kannst du dich nicht mit chinesischer Medizin behandeln lassen. Die chinesische Medizin kennt nämlich gar keine Gefühle.“

Puuuh!
Die chinesische Medizin kennt keine Gefühle?
Wer muss da nicht dreimal schlucken? Eine Medizin ohne Gefühle?
Etwa weil die Chinesen keine Gefühle kennen? Solche Behaupten sind mehr als ein bisschen rassistisch, und sie blindlings nachzupappern, zeugt nicht von großem Witz.

In einem Punkt allerdings hatte der Herr schon ein wenig recht: Zumindest wenn er von TCM spricht: Diese betrachtet Gefühle mit Unbehagen.

In der chinesischen Medizin sind Gefühle zunächst wertfreie Bewegungen des Qi. Problematisch werden sie durch unser Denken. (Eine Ansicht, die die chinesische Medizin mit den griechischen Stoikern und  einigen modernen Psychotherapieformen teilt)

Die TCM, die etwas einfacher gestrickt ist, schloss daraus, dass Menschen mit Gefühlen selbst schuld waren, weil sie verkehrt dachten, das heißt, weil sie nämlich den Vorsitzenden Mao nicht liebten. So etwas behielten die meisten  vorsichtshalber für sich.
Die, die doch zugaben, sich emotional nicht so gut zu fühlen, riskierten eine Umerziehung im Sinne des „Mao Zedong Denkens“. Dies hieß im Klartext: Sie wurden in ein Lager geschickt oder mussten zumindest an einer endlosen Reihe sehr öder Schulungen teilnehmen oder Selbstkritik betreiben, was als sehr demütigend erlebt wurde.

Ähnlich geht es vielen Patienten hier im Westen. Wenn sie im Zusammenhang mit ihren Krankheiten von Gefühlen sprechen, und außerdem keine eindeutigen labormedizinischen oder radiologischen Beweise für ihr Kranksein vorbringen können, dann sind ihre Krankheiten eingebildet. Oh. Pardon. Sie sind „psychosomatisch“.

Für solche Krankheiten gibt es einen speziellen Fachbereich mit einem winzigen Forschungsbudget und niedrigem Ansehen (verglichen mit „richtiger Medizin“ wie etwa Kardiologie): „Die Psychosomatik“. Psychosomatische Krankheiten werden nicht richtig ernst genommen.

Man erzieht die Patienten allerdings hierzulande nicht um. Man heitert sie lieber mit Drogen auf. Oft Hemmern der Monoaminooxidase, kurz „MAO Hemmer“. Die Patienten bleiben dann zwar krank, aber es stört sie nicht mehr so.

Doch ob Mao Denken oder MAO Hemmer: Glücklicherweise sind sowohl TCM als auch die moderne Apparatemedizin nichts als vorübergehende Modeerscheinungen. Kein Jahrhundert alt. Das geht vorbei.

Die wahre chinesische Medizintradition

Anders als diese Modemedizinen bestehen andere Medizintraditionen (wie auch Ayurveda oder die ägyptisch- griechisch- arabische Medizin) schon so lange, wie die Schriftsprachen selbst und die Erfahrungen dahinter beruhen auf den akkumulierten Erfahrungen der gesamten Menschheit.

Eine dieser alten Traditionen ist die chinesische Medizin. Die chinesische Medizinliteratur ist etwa 2000 Jahre alt. Archäologen haben noch weit ältere Akupunkturnadeln gefunden. Diese Tradition wuchs immer weiter bis in unsere Zeit hinein. Neue Dynastien ließen jeweils die Bibliotheken ihrer Vorgänger überarbeiten,  Ärzte wurden im ganzen Land herumgeschickt, um die Erfahrungen und Rezepte der Dorfärzte zu sammeln, welche dann an kaiserlichen Akademien ausgewertet, erprobt und verglichen wurden. Über viele Jahrhunderte entstand so ein riesiger Korpus an medizinischer Erfahrung. Aufs Genaueste niedergeschrieben, kommentiert und mithilfe von Nachschlagewerken zugänglich gemacht.
Auch heute, nach dem Untergang der TCM, zumindest in China, wächst die chinesische Medizin wieder weiter. Ärzte studieren die alten Bücher und integrieren sie mit moderner Forschung wie seit eh und je.
Das nenne ich Erfahrungsmedizin!

Heute bestehen in der chinesischen Medizin wieder viele Traditionen friedlich nebeneinander: Daoismus, Konfuzianismus, Yi Jing Lehre (I Ging), Yin Yang Lehre, Feng Shui, Schamanismus, Alchimie und westliche Medizin- einträchtig vereint mit lokalen Traditionen. Zum Beispiel auch Medizinen der Klöster, wie des Shaolin Klosters.

Natürlich lernen die meisten erst einmal die Akupunkturpunkte und Kräuterrezepte, verschiedene Diagnostikverfahren wie Antlitzdiagnostik, Zungendiagnostik und Pulsdiagnose. Eigentlich sollte jeder riechen, sehen und fühlen können, was ein Patient braucht, auch ohne dass dieser es mitteilt. Aber danach darf jeder machen, was er oder sie will. Qi Gong, Sexualmagie, Massagetechniken, Tuina, Anmo, Pilztherapie.
Ich kannte einmal einen chinesischen Arzt in Westchina, der sich selbst Homöopathie beigebracht hatte und in erster Linie Kügelchen verschrieb. Aber natürlich bezeichnete er sich dabei als chinesischen Arzt. Hypnose und Indianermedizin? Warum nicht.
Es gibt wohl kaum eine offenere und neugierigere Medizin.

Da fragt sich, was einen chinesischen Arzt überhaupt zum chinesischen Arzt macht.

Eine verbindliche Gemeinsamkeit ist eine intensive Schulung in energetischem, ganzheitlichem Denken, oft anhand der allerältesten Medizinklassiker und dem Yi Jing (I Ging). Darauf folgt die Lehre bei einem oder mehreren alten Ärzten oder Ärztinnen und eine Schulung in medizinischer Ethik anhand der Fallgeschichten von Ärzten früherer Zeiten.
Es wird auch verlangt, dass ein chinesischer Arzt sich selbst gut behandelt und seine Medizin vorlebt. Die Geschichte zeigt, dass in der Tat die meisten der berühmten Ärzte ein sehr hohes Alter, oft weit über hundert Jahre, erreichten (wenn sie nicht der Politik zum Opfer fielen).
Chinesische Medizin ist weniger eine bestimmte Methode als eine sehr persönliche Art, Medizin zu leben.

Wer zahlt für chinesische Medizin

Wer heilt hat recht. Wer zahlt, hat die Macht.
An einem Krankenhaus in China werden meist alle Methoden angeboten. Die chinesischen Patienten entscheiden selbst. An Krankenhäusern wird sogar offen gelegt, wer die besten Ärzte sind und die Patienten können sich dann entscheiden: Etwas mehr für Dr Wang oder, reicht für diesen kleinen Eingriff doch Dr Li?
Einige entscheiden sich nicht für die beste Methode, sondern für die, die sie bezahlen können. Dies ist nicht immer gut. Daher sparen viele Chinesen für den Fall, dass ein Familienmitglied krank wird, schon vorher über Jahre.

Diese Freiheit haben wir nicht.
Wir sparen nicht und wir entscheiden auch nicht. Wir sind zu blöd für solche Freiheiten. Wir zahlen in die Krankenkassen ein und diese entscheiden dann, was wir brauchen.
Da wir aber über viele Jahre so viel eingezahlt haben, entscheiden die Kassen sich oft für die allerteuersten Methoden. Ist das nicht nett?
Daher dürfen die meisten Patienten im Westen sich auch nicht mit chinesischer Medizin behandeln lassen. Die ist zu billig.

Was ist Oriental Medicine?

Neben dem sehr engen Begriff TCM gibt es, quasi als Gegenbewegung, im Westen Schulen, die versuchen, alle fernöstlichen Medizinen zu integrieren:
Im Anglo- Amerikanischen Sprachbereich wird auch von „Oriental Medicine“ gesprochen. Vom Anspruch her umfasst Oriental Medicine neben chinesischer Medizin auch Japanische Medizin und koreanische Medizin, mit hie und da einem Quentchen Tibetischer Medizin oder Ayurveda.  Die meisten der DOM (Doctors of Oriental Medicine) sind auf entweder Chinesische Medizin oder Japanische Medizin spezialisiert. Alles zu beherrschen, ist schlichtwegs nicht möglich (und auch nicht nötig).

Chinesische Gefühle, Medizin und ein Wort von Su Dongpo, dem großen chinesischen Dichter und Arzt

Nur noch einmal zum Klarstellen:
Alle Menschen haben Gefühle. Die Chinesen sublimieren ihre Gefühle oft in Form wundervoller Musik, Gedichten und auch in ihrer Medizin.
Wie genau die chinesische Medizin sich Gefühle vorstellt und was dies für uns, auf unserer unersättlichen Suche nach Glück, bedeutet, schreibe ich ein andermal.

Freude und Schmerz sind so unabwendbar wie das Wachsen und Vergehen des Mondes und nichts daran ist schlecht. 

Der Politiker, Arzt und Dichter Su Dongpo schreibt:

„Zum menschlichen Leben gehören Kummer und Freude, Vereinigung und Trennung,

genauso kennt der Mond den Neumond, das Wachsen, die Fülle und das Vergehen.“

Su Dongpo (1037- 1101)

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