Mensch Alter!

Anti- Aging? Vor was haben Sie Angst?


Mon Dieu! Que la vieillesse est donc un meuble inconfortable! *

(Colette – in: Correspondance, le 5 décembre 1949)

Zitat dankbar geklaut aus dem Blog des Büros für besondere Maßnahmen. http://mojour.blogspot.de/
So sieht es aus. Das Altern ist in der Tat ein unbequemes Möbelstück. Nichts für Menschen mit schlechten Nerven und hierzulande allemal.
Respekt vor dem Alter? Ach was. Respekt muss man sich schließlich verdienen. Verdient wird hierzulande vor allem Geld. Entsprechend wird vor allem für diejenigen Alten Respekt gezeigt, die genug auf die Seite gelegt haben, um teure und vermutlich außerordentlich langweilige Kreuzfahrten zu buchen.
Alle anderen müssen sich mit billiger Antifalten-Creme über Wasser halten. Denn darauf kommt es in erster Linie an: Wenn schon alt, dann wenigstens so, dass keiner was merkt. Hier könnte ich noch eine Weile weitermeckern, aber das wäre vergleichsweise uninteressant.

Irgendeinen Sinn unterstelle ich der Tatsache, dass wir meist nicht, wie weiland unsere Vorfahren mit knapp fünfzig das Zeitliche segnen. Alles hat einen Sinn. Doch wozu genau brauchen wir alte Menschen?

Eine interessante These besagt, dass im Laufe der zunehmenden Komplexität unserer Gesellschaft das Wissen der Alten notwendig war, um die Kontinuität der Tradition zu erhalten. Die Alten wussten einfach mehr. Um als Bauern zu überleben, brauchten die Menschen viel spezialisiertes Wissen.  Heutzutage ist diese Art von Sachwissen kaum noch notwendig. Der Apfelbaum ist geklont, damit die Würmer nicht dran knabbern, und um das Rezept für das allerbeste Gen-Apfelmus zu finden, schaue ich ins Internet.

Dennoch, ein Menschen, der seine Wurzeln so tief in den Boden des Lebens gewühlt hat, dass in seiner/ihrer Seele etwas gewachsen ist schön.
Überlebenswille, Verwurzelung, Gelassenheit. Liebe. Weisheit.
All diese Dinge werden uns nicht in die Wiege gelegt. Sie sind die Frucht eines Lebens voller Härte und Entbehrung.

Möge dir die Erde leicht sein, wünschten sich die Menschen dereinst, denn die Erde ist nicht immer allzu leicht. Die Alten Chinesen verordneten alten Menschen Kuren, die von den Würmern böser Erinnerungen befreien und Kräuter, die „den Körper leicht machen“. Magische Kräuter, die der Seele zum Flug verhelfen und die, welch lustiges Missverständnis, heute gerne zum Abnehmen verordnet werden. …
Die Erde ist nicht immer leicht. Sie kann lieblich sein, aber genauso oft gefährlich und stürmisch. Es gilt, sich nicht vom ersten Wind umwehen zu lassen, sich nicht von Würmern auffressen lassen, sich nicht fortspülen zu lassen.
Das Leben wirft uns viel Schmerz,  viel Widerwärtigkeit und  viele Herausforderungen vor die Füße. Ein alter Mensch hat all diese überlebt, denn sonst wäre er nicht mehr.  Sie hat ihre eigene Mixtur aus Härte und Flexibilität erprobt. Sie kennt Schlauheit, Kampfeslust und volkommene  Hingabe. Was solche alten Menschen wissen, ist die Kunst, auf dieser Erde zu überleben und dabei lebendig zu bleiben.

An der Wand in meinem Salon hängen Photos von alten Heilern. Einige über hundert Jahre alt. Schamanen leben mit dem Tod. Sie kennen die Angst und das Leid. Sie haben mehr gesehen, als die meisten Menschen ertragen könnten, und ihre Augen sind voller Liebe.

Schau ich mich um, so finde ich kaum so einen Menschen.

Die gegenwärtige Generation der Alten gehört der vielleicht ersten „Generation Spaß“ der Menschheitsgeschichte an.
Sie wollen vor allem Entertainment, Gourmet- Food, ihre Ruhe und keinen Schmerz. Vor allem keinen Schmerz. Regelmäßige „Check-ups“ sollen dafür sorgen, dass der ganze Körper möglichst so bleibt, wie er war. Sobald ein Laborwert sich ändert, muss eine Pille her. Traurig? Noch eine Pille. Schlaflos? Noch eine Pille. Impotent? Muskelschwund? Hormone! Bluthochdruck, das Herz verhärtet und zu? Adern aufbohren oder ganz austauschen und noch ein  paar Pillen.
Das Herz geht so nicht auf, aber es tut auch nicht mehr weh. Keine Sehnsucht mehr, die daran rütteln könnte.

Angst gehört zum Alter, aber sie ist nicht das Ende

Das Alter ist der Winter des Lebens. In der Lehre der fünf Elemente ist dies die Zeit der Angst. Angst macht alt. Wer diese Angst überwindet, durch sie hindurchgeht, darf auf den Frühling hoffen. Auf ewiges Leben.

Ver-ängstigte Menschen halten sich ab der Lebensmitte mit einem Sammelsurium von Pillen über Wasser, die auf ausgeklügelte Weise die Seele töten, weil sie nämlich rein gar nichts mehr spüren darf. Vor allem keine Angst. Sie gleichen mehr einem ausgehöhlten Baum, der von unzähligen Metallpfeilern gestützt werden muss und dessen Mark schon lange durch Beton ersetzt wurde, als einer knorrigen Eiche. Nichts mehr fühlen, sich nichts mehr zutrauen ohne an ein Dauer EKG angeschlossen zu sein, aber um Himmels willen irgendwie weitervegetieren.
Ich möchte keinesfalls über Menschen herziehen, die Pillen einnehmen oder sich gefährlichen Operationen unterziehen müssen.  Jeder hat eine individuelle Geschichte und es liegt mir fern, jemanden dafür zu verurteilen.

Aber ich möchte hier leise zu bedenken geben: Unsere Medizin ist oft der Versuch, sich gegen jede Veränderung zu stemmen und die Menschen zu konservieren wie Früchte in einem Einmachglas. Sehr lebendig sind solche Früchte nicht.

Krankheiten und Schmerzen sind naturgegebene Herausforderungen des Lebens. Sie wollen bewältigt werden. Sie sind vielleicht Wegweiser, die uns sagen: Hier geht es nicht weiter. Oder Prüfungen, an denen wir wachsen sollen. Oder Wege zu den allertiefsten Abgründen unserer Seele. Mitten durch die Angst hindurch.

Gute Medizin sollte den Menschen auf ihrem gefahrvollen Weg den Rücken stärken. Sie sollte sie begleiten und trösten und Schmerzen lindern, sie sollte sich gemeinsam mit ihnen auf die Suche machen, so wie die magischen Helfer in alten Legenden, die die zerstückelten Helden wieder zusammenflickten, ihnen gelegentlich einen zauberkräftigen Trank oder eine geheime Landkarte zusteckten und sie dann wieder losschickten auf ihre einsame Suche nach der Perle oder der Prinzessin oder dem Gral.
Alte Menschen, die diesen Weg gegangen sind, haben jenen Blick in den Augen, der mir von meinen alten Photos entgegenschaut. Es sind Menschen, denen ich gerne zu Füßen sitzen würde, um von ihnen zu lernen. Es sind Menschen, mit denen ich mich sogar auf einer Kreuzfahrt nicht langweilen würde.

Genaugenommen. Ein paar habe ich schon gefunden. Das Leben hat sie teils arg zerrupft und Anti-Aging ist hier kein Thema. Feine Herren. Kämpferische Damen. Sie sind starrsinnig. Aufsässig. Sie erzählen unglaubliche Geschichten von eigenen Kämpfen. Sie lieben das Leben. Sie hören zu und achten ihr Gegenüber. Sie haben ihr Lachen gerettet. Um sie zu besuchen, ist mir keine Reise zu weit und, welch Privileg, sie besuchen sogar mich.
Dann machen wir gemeinsam den Körper leicht.

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