Schamanismus mit Seelenverlust

Disclaimer: Dies ist eine Satire. Lesen kann zu Seelenverlust führen und ich will auch keine bösen e mails von Ihnen  erhalten.
Proceed at your own risk!

Schamanen sind ja jetzt modern. Jeder will Schamane sein. Bei traditionellen Völkern ist der „Beruf“ nicht so beliebt. Viele betrachten ihre Begabung eher als Fluch. Wer von der Geisterwelt dazu ausersehen wird, als Kontaktstelle zwischen ihr und der Menschenwelt zu fungieren, muss allerhand durchmachen. Die new age Heilerszene, sieht das nicht so. Ein paar workshops und schon geht es munter los. Ich frage mich, wo dieser Mut herkommt. Die Geisterwelt ist nicht gemütlich. Wer sich wirklich hierher begibt, jongliert mit Tod und Verderben.

Die traditionellen Heiler sprechen bei solchen selbsternannten Geisterexperten gerne von Plastik Schamanen, und meinen damit Leute, die ihre heiligen Traditionen plagieren und verramschen. Völker, die ohnehin um ihre kulturelle Identität kämpfen müssen, finden es nicht komisch, wenn ihre Traditionen so leicht genommen werden. Auf der hochinteressanten Homepage von plasticshamans.org fragt sich einer, was die Katholiken wohl dazu sagen würden, wenn sich jemand nach einem workshop in praktischem Christentum zum Papst ernennen würde.

Dem lässt sich eigentlich nichts hinzufügen.

Deshalb gebe ich auch nicht gerne zu, dass ich auch mal eine Ausbildung in Core Schamanismus gemacht habe. Aber hier ist das traurige Geständnis: Ich habe auch mal eine Ausbildung in Core Schamanismus gemacht.  Und noch nicht einmal irgendein halbgarer Wochenendkurs. Oh nein. Nach meinem schamanischen Motto: „Opfer müssen gebracht werden“, habe ich direkt die erforderlichen Gazillionen hingeblättert und mich in die Hände von Sandra Ingermann und Michael Harner PERSÖNLICH begeben.
Davon vielleicht ein andermal.

Zunächst, für die weniger Erleuchteten, eine kurze Erklärung.
Also. Was ist Core Schamanismus?Vor einigen Jahrzehnten saß der Antropologe Michael Harner im südamerikanischen Dschungel, scratchte seine Moscitobites und überlegte, wie sich die Zehntausende von Jahren Erfahrung der Schamanen und magischen Heiler der alten Völker in ein einfaches System bringen lassen könnten. Es musste ja irgendwie möglich sein, Kontakt zur Geisterwelt aufzunehmen, ohne dazu tagelang von bösartigen roten Ameisen angeknabbert zu werden, durstig auf mittelamerikanischen Mesas zu delirieren, von Peyotekakteen in den Wahnsinn getrieben zu werden, sich in Höhlen des Himalaya einmauern zu lassen oder allein auf einer Eisscholle über die arktischen Meere zu treiben, um sich mit den Geistern von Eisbären zu beraten. Alles anerkannte Verfahren. Aber eben doch sehr unmodern und vor allem unkomfortabel.

Michael Harner war da schlauer. Er beschloss, dass diese spektakulären Verfahren eigentlich nur kulturelles Beiwerk waren, höfliches Vorgeplänkel für das erwünschte Gespräch mit den Geistern. Der (weiße) Nordamerikaner kommt gerne direkt zum Kern: „Hallo Geister sagt er. Ich hätte folgendes Problem. Wir haben 10 (oder 15 oder 30) Minuten, um es zu lösen.“ Dann kommen die Geister und lösen das Problem und zwar pronto. Man muss eben klar sagen, was man will und Zeit ist schließlich Geld. So einfach ist das. Die Geister hängen schließlich ohnehin nur in ektoplasmatischen Raum herum und haben nichts zu tun. Der Schamane hingegen hat eine lange Warteliste von gutbezahlenden Klienten, um die er sich kümmern muss. Dazu die Bücher und Workshops und Fernsehauftritte. Um es nicht ganz so einfach zu machen, -irgendwas muss auf den Workshops schließlich unterrichtet werden-, entschied Michael Harner, dass es gewisse Regeln gibt, an die sich alle Core- Schamanen zu halten haben, damit es auch klappt. Es sind nicht viele Regeln, aber um sie richtig zu beherrschen, muss man vorher alle seine Workshops besuchen. (Ich liste die Regeln gleich auf, aber erst, nachdem ich noch ein Bisschen schreibe. Wer sie also wissen will, muss sich erst zum Ende dieses Textes durchkämpfen. Das kostet dann zwar keine Tausende von Dollars, aber zumindest ein wenig Zeit. So ganz doof bin ich ja auch nicht und wer jetzt denkt, er sei schlauer und einfach nach unten scrollt, tut dies auf eigene Gefahr. Geister können schon ein wenig sauer werden, wenn einer allzu hektisch ist.)

Bevor ich die Ausbildung machte, konsultierte ich schnell noch eine echte Core Schamanin in eigener Sache. Nachdem ich mein halbes Leben mit Fragen der Heilung vertan hatte, fand ich, es sei nun an der Zeit, für den entscheidenden Schritt, und neugierig bin ich natürlich auch immer. Also googlete ich mir eine Schamanin. Geld sollte keine Rolle spielen. Ganz intuitiv entschied ich mich für diejenige mit der ansprechendsten homepage. (In spirituellen Dingen ist Intuition extrem wichtig.) Die Dame hatte glücklicherweise einen Termin für mich und ich fühlte gleich, wie all meine Probleme auf ihr Haltbarkeitsdatum zutrifteten. Zu besagter Stunde fuhr ich in meinem vierradangetriebenen und angenehm klimatisierten Vehikel hinauf auf den eleganten Hügel in bester Lage der Stadt. Eine geschmackvolle Villa, vorne traditionelles Adobe, in der Mitte echte Navajoteppiche und antike Trommeln, hinten eine enorme Glasfront mit Blick über Mesas und Täler, empfing mich.
Die Dame, ganz in Donna Karan oder so, aber mit einer bunten Kette um den Hals, entschuldigte sich höflich für das Chaos und servierte einen Kräutertee aus organischem Anbau. Wir nahmen Platz auf der riesigen Couchgarnitur, blickten über die Berge und sie hörte sich mein Problem an. Ja, ja, sagte sie. Seelenverlust. Das merke ich gleich. Ich nickte. Ja. Das hatte ich auch schon bemerkt. Alle haben Seelenverlust. Das ist das Gute im Core Schamanismus. Daher werden auch alle geheilt. Man muss die Seele nur zurückführen. Dann machten wir uns an die Arbeit. Ein Futon wurde ausgerollt. Dort lag ich dann und wartete. Sehr aufgeregt. Endlich würde alles gut werden.
Die Dame holte noch schnell ihren i pod und legte sich neben mich. Ich wusste natürlich, was sie tat. Sie hörte ihren zehnminütigen Trommeltrack, der sehr zentral ist, im Core Schamanismus. Der Core vom Core, sozusagen. Nachdem sie so zehn Minuten in der Geisterwelt getriftet hatte, erhob sie sich und blies auf mein Kronenchakra, also irgendwo auf den Kopf. Gut, dachte ich mir. Nun bläst sie die abtrünnige Seele wieder in mich ein. Nun wird alles gut! Ich wartete auf irgendein besonderes Gefühl. Das blieb aber aus. Aber ich war auch noch nie so richtig hellsichtig gewesen. Das würde sich ja nun ändern. Ein wenig länger hätte es allerdings schon dauern können, haderte ich, für so viele Dollars. War ich denn kein schlimmer Fall? Doch dann ermahnte ich mich. Spirituelle Dinge berechnen sich eben nicht so eindimensional, in Minuten und Dollars.
Die Dame bat mich wieder auf die Couch und bei einem weiteren Tee erklärte sie mir, dass die Sache in der Tat überaus ernst gewesen war. Nicht eine, oh nein, gleich drei Seelenteile waren mir in sehr früher Kindheit abhanden gekommen. Zwei davon sogar bei einer Entführung durch Aliens. Kein Wunder, dass es mir so schlecht ging. Nun aber würde alles gut werden. Die Aliens hatten mich zwar entführt, aber sie waren keine von den wirklich bösen, den Greys, wie sie mir erklärte. Sie waren ganz normale nette Aliens und sie hatten sogar leichte Verbesserungen an meinen geklauten Seelenteilen vorgenommen. In Zukunft würde ich daher nicht nur generell glücklich sein. Ich hätte nun auch die Fähigkeit, die DNA zu verändern. Doch sicherlich ein Vorteil bei meiner Arbeit. Betroffen nickte ich. Ja. Das wäre zweifellos ein Vorteil. Sie empfahl mir, auf dem Rückweg einen süßen Keks zu essen, damit die Seelen gleich merkten, wie süß das Leben sei. Dann musste ich noch schnell bezahlen und durfte gehen.Nach dieser Erfahrung meldete ich mich natürlich sofort bei Michael Harner an, flog nach California und machte die ganze Ausbildung. Ich will auch so ein Haus.
Die versprochenen Regeln verrate ich nun übrigens doch nicht. Zu schwierig. Aber wenn Sie Probleme haben, bekommen Sie gerne einen Termin. Ich verändere auch Ihre DNA.

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Über Christine

Autorin, Sinologin und einstmals auch Ärztin für chinesische Medizin. Schreibt: Romane über chinesische Alchimisten, Initiaten, Heilerinnen, Piratinnen, Tiger und andere kindliche Seelen. Liebt: Trance und Träume. Das alte China. Alchemie, Magie und goldene Nadeln. Seelenwanderungen, Drachen, Transformationen, giftige Pflanzen und ihre flauschigen Katzen. Sucht: Gnosis. Bisherige Bücher: "Der Weg der Kaiserin", "Der Tanz des Schamanen", "Chinesische Medizin für den Alltag".