Angst vor dem Alter

Angst vor dem Tod, vor Einsamkeit, vor Krankheit, vor Armut… und Angst vor Spinnen
spiderlady by christine li

Neulich sagte eine Freundin zu mir: „Es macht mir nichts aus, sechzig zu sein. Was mich bedrückt ist, die nächsten dreißig Jahre lang eine alte Frau zu sein.“

„Du bist eine alte Frau“
, erklärte ich in meiner einfühlsamen Art. „Und? Ist es so schlimm?“

„Nö“
, sagte sie und lachte.

Nun ist meine Freundin eine Frau, die über viele Jahre das Talent kultiviert hat, über nahezu alles lachen zu können. Lachen ist ihre persönliche, mächtige Medizin.
Manchen ist gar nicht zum Lachen zumute, wenn sie ans Alter denken.
Die Misere steigert sich an den gefürchteten „Runden Geburtstagen“. Bei manchen mit vierzig, bei manchen schon mit dreißig. Zunehmend beginnt die Angst vor dem Alter schon mit zwanzig.

Dämliche Klischees wie „man ist so alt, wie man sich fühlt“ oder noch dämlichere Schlager wie „mit 66 Jahren fängt das Leben an“ helfen gar nicht.

Frühere Generationen schwindelten über ihr Alter. Vor allem Frauen, deren sexueller Wert spätestens ab dreißig rapide gegen Null strebte.
Heutzutage, wo jeder unser Alter googlen kann, nutzen Lügen wenig. Wie in vielen Dingen geht es daher weniger darum, was wir sind (für immer 29 oder 39), als darum, wie wir aussehen. Der Selbsthass, der sich hier auslebt, ist erstaunlich:

  • Nervenlähmung (Botox)
  • Silikonimplantate
  • Haut-über-die-Ohren-ziehen-und-neu-Vertackern (facelifts)
  • Abraspeln oder Verätzen (skin-resurfacing)
  • Krebsförderliches Aufschwemmen mit Hormonen.

Die Ergebnisse werden dann gerne fotografiert oder gefilmt und veröffentlicht. Seht her: Ich bin siebzig und sehe aus wie ein Zombie (hier ist ein lustiger Kurzfilm über Zombies), aber alt sehe ich nicht aus!
Niemand will alt aussehen.

(Schlechte Zeiten für Herrn K., die berühmte Kreation Bert Brechts:
Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: „Sie haben sich gar nicht verändert.“
„Oh!“ sagte Herr K. und erbleichte.
)

Die Angst vor dem Alter steht in direktem Widerspruch zur Angst vor dem Tod. Wer nicht alt sein will, könnte ja einfach jung sterben. Aber das will dann wiederum kaum jemand.
Alle wollen älter werden und möglichst gar nie sterben. Manche frieren vor lauter Angst sich oder zumindest ein paar Zellen ein.
Nicht sterben wollen, aber auch nicht alt werden wollen. Wir haben die Wahl zwischen zwei Ängsten- Ängsten vor zwei Dingen, die letztendlich unvermeidlich sind. Nicht sehr aussichtsreich.

3 gedankliche Versuche, der Angst vor dem Alter zu entfliehen

  • Milde Weisheit: „Ich altere mit Würde“, „Das Äußere ist nicht alles“, „Gott sieht das Herz“, „Wer mich liebt, muss mich nehmen, wie ich bin“, „Hauptsache gesund“
  • Intellektueller Angriff: „Diesen Konsumterror mache ich nicht mit“. „Das sind doch alles Idioten“. „Mich kriegen die nicht.“
  • Selbstverurteilung: „In der dritten Welt wären sie froh, so alt zu werden“, „Ich sollte mich schämen, so äußerlich zu sein“

Die Wahl dieser Methoden ist konstitutionsabhängig. Erdemenschen neigen zu Weisheit. Holzmenschen wählen den Angriff und Metallmenschen hacken auf sich selbst herum.
Sie alle erleben das Gleiche: Ängst lassen sich nicht wegdenken.

Ein berühmter Erdemensch war Konfuzius. Für ihn führte Altern zu Freiheit und geistiger Öffnung:
Mit fünfzehn hatten mein Geist und mein Herz auf Lernen eingestimmt.
Mit dreißig fand ich meinen Standpunkt.
Mit vierzig hatte ich keinen Zweifel mehr.
Mit fünfzig begriff ich das Gebot des Himmels.
Mit sechzig verfeinerte sich mein Gespür.
Mit siebzig konnte ich meinem Geist und meinem Herzen freien Lauf lassen, ohne mich zu verlieren.

Konfuzius hatte leicht reden. Denn im alten China wurden alte Menschen wirklich respektiert. Sie hingegen fragen sich, was passiert, wenn der Weise achtzig wird oder neunzig und mit Alzheimer in einer Pflegeklinik liegt. Öffnet er sich dann immer noch der Weisheit des Universums?

Ich verstehe Ihren Zynismus.

Aber zunächst einmal und nur am Rande: Altern und Krankheit sind zwei vollkommen voneinander unabhängige Dinge.
Ich wiederhole: Altern und Krankheit haben nichts miteinander zu tun.
Viele Menschen werden mit zunehmendem Alter immer gesünder.
Ich sehe solche Menschen täglich.
Es ist nicht leicht, denn mit jeder Herausforderung, jeder negativen Erfahrung, müssen wir uns neu sortieren. Manche geben dann auf und überlassen sich dem Strom der „Alterskrankheiten“. Wer nicht aufgibt, sammelt Erfahrung.
Sogenannte „Abnutzungserscheinungen“  und „verschlissenen Gelenke“ sind die Folge von Verspannung, Trauma und Fehlbelastung und damit allesamt heilbar oder zumindest vermeidbar. (Was allerdings mit jeder chirurgischen Intervention wegen der Vernarbung schwieriger wird.)  Die chinesischen Ärzte, über die es historische Daten gibt, erreichten nicht selten ein Alter im dreistelligen Bereich, sie waren kerngesund und sie haben ihre „anti-aging“ Methoden, das heißt ihre Erfahrungen, akribisch niedergeschrieben.

Krankheit und Schmerzen haben wenig mit Alter und viel mit Trauma, Erneuerung und Wandlungsprozessen zu tun.

Doch selbst wenn Alter nicht gleich Krankheit ist. Alter bedeutet für viele Menschen Einsamkeit, Armut und jammervollen Verfall. Wir hören immer wieder von Menschen, die in ihren eigenen Exkrementen liegend gefunden werden, weil dem Nachbarn der Gestank auffällt. Wer je ein Pflegeheim aufgesucht hat (ich habe als Studentin in einem besonders schlimmen dieser Art gearbeitet) vergisst das Elend nicht so leicht. Unsere Welt ist so. Für alte Menschen gibt es keinen Platz.
Den Kopf in den Sand zu stecken, während in unserem Inneren schlimme Befürchtungen vor sich hin gären, raubt uns die Kraft.
Die Weisheit des Konfuzius hilft uns leider nicht so richtig: Er lebte in einer Welt, in der alte Menschen eine wichtige Stellung hatten. Als Lehrer. Als Vorbild. Alte Menschen galten als schön.
Wir leben in einer Welt, in der Menschen Konsumartikel mit Verfallsdatum sind. Wir sollen in möglichst kurzer Zeit viel konsumieren und produzieren und dann möglichst vom Erdboden verschwinden.
Unsere Realität ist das Ergebnis unserer kollektiven Gedanken. Darauf haben wir Einfluss.Wir können uns wehren.
Wehren heißt nicht „meckern und klagen“. Wehren heißt, die Dinge neu zu denken. Denken wir uns eine neue Realität. Erfinden wir uns neu.
Gleichzeitig gilt es, die Ängste zu erleben, denn durch sie hindurch kommen wir in unsere kreative Kraft. Und nur mit dieser Kraft werden die neuen Gedanken Realität.
Sich selbst beruhigen und alte Ängste Wegdenken funktioniert nicht.  Ängste lassen sich nicht wegdenken. Wir müssen durch sie hindurch.

Trotzdem reden wir uns immer wieder gut zu. Manchmal klappt es. Wir fühlen uns unbesiegbar.
An anderen Tagen stehen wir auf, der Rücken ist steif, das Gesicht zerknautscht, im Briefkasten liegt eine Einladung zur Krebsvorsorge, der Karrierezug ist abgefahren, den Job kriegt ein Jüngerer und Männer wollen sowieso nur Frauen unter dreißig. An solchen Tagen bezahlen wir wider besseres Wissen 98 Euro für ein edel verpacktes Töpfchen mit 20 Gramm Vaseline, 17 Konservierungsmitteln und „kostbaren“ Spuren von Ginseng, Weintraubenextakt oder Q 10 oder verabreden einen Termin zur Testosteroninjektion.

Und dann fühlen wir uns, als hätten wir den Kampf verloren. In Wahrheit war es der falsche Kampf. Wir können Ängste nicht wegdenken.

Weisheit ist keine Waffe zum Angst töten.
Die chinesische Medizin lehrt uns, dass wir Angst (Wasser) mit Hilfe von Gedanken (Erde) eindämmen können. Von Austrocknen wird nichts gesagt. Ohne Wasser gibt es kein Leben.

Ängste sitzen tiefer

Ängste sitzen im Kern unserer Seele, und wir können sie nicht wegdenken.
Die Angst zu altern und die Angst vor dem Tod sind keine falschen Gedanken. Es sind Ängste. Noch dazu zwei in sich widersprüchliche. Beide unauflösbar, unausweichlich. Sie halten uns fest wie ein Spinnennetz. Je mehr wir zappeln, umso dichter schlingen die klebrigen Fäden sich um unser Herz.
Das Zappeln sind unsere Gedanken. Mit Denken kommen wir nicht raus aus dem Netz.
Die Spinne weiß das. Sie wartet geduldig und lässt uns zappeln; sie freut sich an unserer Angst, bis sie uns fressen kann.

Spinnengedanken

spiderprincess by christine li

Mit Spinnen kenne ich mich aus. Mit Ängsten auch. Lange Zeit war ich eine Spinnenphobikerin ersten Ranges. Das heißt auch, dass ich bis heute oft an Spinnen denke. Ich bin ein Bisschen besessen von Ihnen und verdanke ihnen viel.
Ich weiß, dass mehr Menschen an Spinnenbissen sterben als Menschen von Haien aufgefressen werden. Ich weiß auch, dass es solche Spinnen nur in Australien gibt. Hierzulande wäre es deutlich sinnvoller, Angst vor Autos zu haben.
Habe ich aber nicht. Ängste folgen keiner Logik.

Lange Zeit glaubte ich, Ängste seien einfach dumm.
Viele Menschen glauben das Gleiche. Zum Beispiel die unzähligen Menschen, die mir mitleidig erklärt haben, dass Spinnen vollkommen harmlos, ökologisch nützlich, faszinierend und schön sind.
Das nutzt aber nichts. In Gedanken habe ich keine Angst vor Spinnen. Ich denke die Angst nicht. Meine Angst ist kein dummer Gedanke. Sie ist einfach Angst.
Daher ist auch die NLP (neurologisches Programmieren), die auf Umprogrammierung der Gedanken beruht, zweimal an meiner Phobie gescheitert. Ich konnte durchaus darüber lachen, dass ich beispielsweise eine Nacht lang in Unterwäsche durch Kathmandu gerannt bin, nur weil auf meinem Hostel-Bett plötzlich eine Spinne saß. Ich konnte auch darüber lachen, dass ich mir einmal beinahe ein Bein gebrochen habe, weil ich aus Angst vor einer Plastikspinne die Treppe hinunterfiel.
Aber ich konnte nicht an Spinnen denken, ohne völlig außer Rand und Band zu geraten, und somit funktionierte NLP nicht (zumindest nicht, wie es damals praktiziert wurde.).

Ängste sind keine dumme Angewohnheit, gegen die wir uns abhärten könnten.
Ich habe versucht, ins Terrarium zu gehen. Minutenweise erst, dann länger. Systematische Desensibilisierung. Es klappte nicht.
Meine einzigen Tranquilizer-Erfahrungen verdanke ich meinem vergeblichen Versuch, Lexotanil einzunehmen und solchermaßen benebelt Bilder von Spinnen zu betrachten. Ich warf das Buch quer durch den Raum und am nächsten Tag fühlte ich mich, aufgrund der Pillen, so, als hätte mich jemand durchgeprügelt. Seitdem habe ich einen Heidenrespekt vor solchen Drogen.

Angst beruht nicht auf Trauma.
Traumata sind physiologische Reaktionen auf Erlebnisse, denen ein Lebewesen nicht gewachsen war. Traumatisierte Menschen fürchten sich vielleicht vor vielen Situationen- und oft mit gutem Grund. Sie mögen unsicher sein und in vieler Hinsicht anders reagieren als untraumatisierte Menschen und ihr Lebensgefühl ist oft erheblich verändert und eingeschränkt. Zu Trauma gehören außerdem veränderte Körperwahrnehmungen und  physiologische Veränderungen. Trauma ist eine ernste Beeinträchtigung des Lebens.
(Wenn Sie traumatisiert sind, empfehle ich Ihnen, sich helfen zu lassen und keine Angstmedittation über Ihre tramatisierenden Erfahrungen zu machen. Zur Bewältigung von Trauma bedarf es Hilfe durch Menschen, Gemeinschaft, Rituale.)
Angst kann immer auftreten und bei jedem. Angst ist Teil des Lebens. Ein wichtiger Teil, wie wir sehen werden.

Aus dem gleichen Grund ist Angst kein Privileg neurotischer oder „gestörter“ Menschen
Jeder hat Angst.

Das heißt, bei Angst hilft es nicht:
-die Gedanken zu ändern und sich gut zuzureden (kognitive Therapie, Weisheit)
-sich abzuhärten (Desensibilisierung)
-sich zu analysieren (Psychoanalyse)

Dies alles sind Interventionen auf der Gedanken- und Handlungsebene. Auch Psychoanalyse bleibt im verbalen Bereich. Dem Reich der Gedanken und Bedeutungen, auch wenn diese vielleicht verübergehend vergessen sein mögen. Die Seele erreicht die Psychoanalyse nicht. Die Seele will nicht analysiert werden, sondern gehört.
Ängste- vor Spinnen, vor dem Tod, vor dem Alter- leben nicht auf der Gedankenebene, sondern tiefer.

Die Ebene ändern: Traumzeit

Ängste leben in der Dunkelheit, der Ebene des tiefen Yin. Der Körperlichkeit, der Dunkelheit, der Nacht, des Winters und des Todes. Wir nehmen diese Ebene normalerweise nicht wahr, sondern schweben im Netz der Gedanken über dieser Ebene. Voller Angst, das Netz könnte reißen. Nur in Träumen und Alpträumen reißt es uns in die Tiefe. Daher wollen viele Menschen nicht einschlafen oder brauchen gefühlsabtötende Medikamente dafür.
Schlafstörungen sind eine ernsthafte Störung, bei der wir einen wesentlichen Teil unserer Wirklichkeit nicht integrieren können. Denn Träume sind in vieler Hinsicht wahrer als unsere Gedankenwelt, die wir täglich nach Geschmack und Mode und allgemeiner Übereinkunft selbst kreieren.
Der daoistische Dichter Zhuangzi träumte einst, ein Schmetterling zu sein und sinnierte, er wisse eigentlich nicht, ob er Zhuangzi sei, der träume, ein Schmetterling zu sein, oder ob er ein Schmetterling sei, der träume, Zhuangzi zu sein.

Der Unterschied zwischen Träumen und dem, was wir Realität nennen, ist nicht „Wahrheit“ sondern Kohärenz. Während wir im Traum einfach sind und flüssig durch ein amorphes Feld von Erscheinungen und Empfindungen gleiten, können die wenigsten dies im „wahren“ Leben. Im wahren Leben sind Veränderungen sehr zähflüssig und bedürfen oft massiver Interventionen oder großer Geduld.
So bleibt der Tisch in meiner Zimmerecke für lange Zeit der gleiche Tisch. Unsere Gedanken halten ihn fest und kreieren ein kontinuierliches Skript, das die meisten von uns, mehr oder weniger mit anderen Menschen teilen und durch Sprache immer wieder aneinander angleichen. Wir sind uns (fast) alle einig, dass dort in der Ecke ein Tisch steht und daher bleibt er dort stehen, bis wir ihn verschieben.

Dinge, die aus diesem gemeinsamen Skript herausfallen, das heißt den allergrößten Teil dessen, was ist, nehmen wir nicht wahr. Tun wir es doch, laufen wir Gefahr, für verrückt gehalten zu werden.

Chinesische Medizin: Gefühle als Ausdruck des inneren Qi Mechanismus

„Qi-Mechanismus“ ist ein etwas klobiger Ausdruck dafür, dass sich alles hebt und senkt, so wie Wasser absinkt und zu Eis wird und sich bei Wärme wieder in die Wolken erhebt. Für die chinesische Medizin funktionieren alle Dinge so. Außerhalb unseres Körpers erleben wir sie als Wetter, Wind und Wolken. Im Körper als Gefühle. Unsere Gefühle sind, genau wie das Wetter, immer vorhanden. Sie sind unser energetisches Feld, im stetigen Austausch mit der Umwelt und niemals gleich.
Trauer und Angst sind Gefühle des Sinkens. Wut und Freude sind Gefühle des Aufsteigens.
Wir können unsere inneren Qi Bewegungen genausowenig kontrollieren wie das Wetter. Sie bleiben niemals gleich. Wir können nur versuchen, sie in jeder Sekunde wahrzunehmen und ihre Wandlung zu erleben.
Im Wachzustand ist dies nicht so einfach, denn unsere Gedanken halten immer wieder einzelne Zustände fest wie in einer Fotographie.
Aus dem fließenden Feld werden so einzelne, winzige Ausschnitte, nämlich immer dann, wenn ein Gefühl sich an ein Objekt klammern kann, das wir mit vielen Menschen teilen. Statt wie Wasser und Nebel zu fließen, sagen wir dann: Dies ist traurig, dies ist schön.
Dies sind nicht Gefühle sondern Meinungen, die wir mit anderen Menschen teilen. In der Gemeinsamkeit mit anderen bekommen unsere flüchtigen Gefühle Realität. Je mehr Menschen sich einer Meinung sind, umso mehr Bedeutung bekommt das Gefühl. So kommt es, dass Menschen sich gemeinsam intensiver freuen können, dass sie sich gemeinsam in Panik und Hysterie steigern können und dass die meisten Menschen vor ähnlichen Dingen Angst haben.

(Am Rande: Gemeinsame Gefühle kanalisieren das Qi und entwickeln große Kraft. Viele Kulturen benutzen gemeinsame Rituale zum Heilen. Unsere Kultur hat dies leider vergessen. Durch Krankheit müssen wir hierzulande alleine durch und bleiben daher, nicht selten, darin stecken.)

Noch einmal: Unsere Angst ist immer da. Sie ist das fließende Gefühl, wenn das Qi absinkt. Wenn wir sagen: „Ich habe Angst vor diesem oder jenem“, so halten wir diesen Augenblick fest. Woran wir unsere Gefühle festmachen, ist sozialer Konsens.

Ausdrucksformen von Angst

Angst ist sozialer Konsens. Das Sinken des Qi findet immer statt. Unsere Ängste werden geschürt. Früher der Inquisition und der Kirche, heute von der Industrie und den Medien.
Zu früheren Zeiten ängstigten sich Menschen vor Dämonen und Teufeln. Vor dem Alter hätte sich kaum jemand gefürchtet. Alter war ein Privileg.

Unsere heutige Angst vor dem Alter hat zwei Komponenten.

  1. Angst vor Krankheiten. Krankheiten sind ein Riesengeschäft. So wird im Augenblick die Angst vor Wucherungen im Körper von der medizinischen Industrie sehr propagiert und Menschen mit starker Angstschwingung finden hier viel Gelegenheit, ihre Angst in Form von Krebsangst auszuleben. In Wahrheit haben Alter und Krankheit wenig miteinander zu tun, da wir mit zunehmender Erfahrung durchaus auch gesünder werden können.
  2. Angst vor sozialer Ausgrenzung. Angst vor Einsamkeit. Angst, nicht mehr gebraucht zu werden. Unsere Körper und unser Leben werden zunehmend als Konsumartikel erlebt. Wir sollen möglichst schnell, möglichst viel produzieren und konsumieren. Wenn das Tempo sinkt, verlieren wir unseren Wert. Wir sind Konsumartikel mit Verfallsdatum. Wer nicht absolut perfekt ist, reich, erfolgreich, jung und äußerlich makellos, ist beschädigte Ware. Je älter wir werden, umso beschädigter sind wir nach dieser Logik. Der feste Job oder der Partner (der „Traumjob“, der „Seelengefährte“, die „Zwillingsseele“) sind oft der einzige Halt, an dem wir uns festkrallen wir Ertrinkende. Je älter und „wertloser“ wir werden, umso mehr klammern wir, umso mehr befürchten wir, ohne Geld und ganz alleine zurückzubleiben. So kommt es dann oft auch, denn Ängste, an denen wir gedanklich und als Kollektiv, festhalten, entwickeln eine große energetische Dynamik.

Angst vor Alter, Angst vor Krankheit, Angst den Job zu verlieren und und Angst vor Einsamkeit erscheinen den meisten Menschen heute nachvollziehbar. Sie gelten als Teil des Lebens, wenn nicht vernünftig, dann doch leider unvermeidlich. Sie sind es aber genauso wenig wie die Angst davor, dass meine Nachbarin, die Hexe, eine Monatsbinde unter meiner Türschwelle vergraben haben könnte.

Je größer unsere Angst ist oder je schwieriger wir sie fühlen können, umso mehr Objekte sucht sie sich. Auch dann noch halten die meisten Menschen sich an Objekte, über die eine gewisse Einigkeit besteht. Viele Menschen finden Spinnen „eklig“. Daher ist Angst vor Spinnen verhältnismäßig verbreitet.
Rosen gelten für die meisten Menschen als schön. Die Angst vor Rosen oder Gänseblümchen ist hingegen sehr viel seltener.
Viele Menschen möchten gerne dünn sein. Diätwahn gilt als geradezu normal. Dies gibt Menschen mit großer Angst die Möglichkeit, diese Angst als Magersucht (Anorexie) zu erleben. (Anorexie ist  Angst und kein „Diätwahn“. Daher helfen kognitive Verfahren- das Gedankenändern, hier nicht!)

Je größer das Angstpegel in uns ist, umso leichter brechen wir durch das dünne Eis der vagen Ablehnung bestimmter Objekte wie Mäuse, Spinnen oder Nahrungsmittel hinunter in die Tiefe, wo die Angst uns den Atem nimmt. Sehr ängstliche Menschen geraten außer sich über Dinge, über die kaum noch Konsens besteht. Zum Beispiel darüber, dass ihre Schuhe nicht ordentlich nebeneinander stehen.
Ich vermute stark, dass intensive Angst auch hinter dem derzeitigen Boom an Nahrungsmittelunverträglichkeiten steckt, insbesondere wenn Menschen fast nichts mehr vertragen.
Im Extremfall braucht die Angst gar kein Objekt mehr. Das Ergebnis sind Panikattacken.

Wege aus der Angst?

Angst lebt in uns. Wir können ihr nicht entkommen. Wir können uns nicht einreden, dass die Dinge, vor denen wir Angst haben, gar nicht so schlimm sind. Gedanken wirken nicht auf der Ebene, auf der die Angst lebt. Gedanken wirken im Konsensbereich unserer Realität. Sie sind beliebig konstruierbar und sie sind Grundlage der Dinge unserer Umwelt.

Unsere Seele folgt ihrer eigenen Logik und nimmt sich unsere Gedanken nicht so sehr zu Herzen.  Angst ist eine Schwingung unserer Seele.
Angst ist das Gefühl, das entsteht, wenn unsere Seele durch die Trennung geht, das Absterben und Loslösen, das jeder Wiedervereinigung vorangeht. Um zu sterben, müssen wir alles hinter uns lassen: unsere Familie, unsere Freunde, sogar den Körper. Daher haben wir vor dem großen Tod meist auch große Angst.
Daneben gibt es in jedem Augenblick des Lebens kleine Tode. Einschlafen. Ausatmen. Orgasmen. Wir können sie zum Üben verwenden, damit das völlige Loslösen nicht mehr so schwer wird.

Angst ist immer. Angst möchte genauso empfunden werden wie das neue Gefühl des Wiedererwachens, wenn alles wieder erblüht: der Freude.
Angst und Freude wechseln sich ab in einem ewigen Kreislauf. Trennung und Vereinigung. Leben und Tod. Einschlafen und Erwachen.
Wer versucht, der Angst zu entfliehen (etwa mit Psychopharmaka), lässt sich darauf ein, keine Freude zu erleben.

Glücklicherweise geht das nicht lange.

Wege zurück zur Angst.

Nehmen Sie Spinnen. Sie mögen harmlos sein. Für eine Phobikerin sind sie ein Portal zur Angst. Sie können ihr helfen, sich mit abgetrennten Gefühlen zu vereinen. Denn was immer große Ängste in uns auslöst, hilft uns, einen Weg in die Tiefe anzutreten.

Da ich durch diesen Weg gegangen bin, beschreibe ich ihn kurz. (genaueres hier:)

In einem Zustand tiefer Entspannung stellte ich mir Spinnen vor. Sie nahmen schnell riesengroße Gestalt an und wollten mich fressen. Ich saß ihnen wie gelähmt gegenüber und strengte mich an, sie mit Gedankenkraft im Zaum zu halten. Aussischtslos.Ich erschöpfte mich in schierer Panik. Dann endlich fand ich den Mut und gab auf. Die Spinne  fraß mich und ich wurde zu ihr. Ich begriff, dass es keine Trennung gab. Spinne und Nicht-Spinne. Ich und die anderen. Tod und Leben. Alles ist eins.

Oder, wie ich einst schrieb: „Das Mädchen konnte nicht mehr sterben, denn sie war unsterblich. Ihr Herz hatte Iktome besiegt.“

Das gleiche Verfahren (hier beschreibe ich die Angstmeditation noch einmal genauer) gilt für alle anderen Ängste auch. Ganz gleich ob es Angst vor Falten, Angst vor der Dunkelheit, Angst vor Schlaganfall, Angst, niemals einen Partner zu finden, Angst vor sexueller Hingabe (Orgasmusschwierigkeiten), oder Angst vor Krankheit, Angst vor Alter, Angst vor Verfall und Tod ist oder Ihre eigene seltsame und ganz persönliche Angst, die sie niemandem eingestehen möchten:

Der Weg ist immer mitten hinein.

Wenn Sie glauben, dass die Angst vor Spinnen und die Angst vor Krebs nicht miteinander vergleichbar seien und Angst vor Dunkelheit ohnehin einfach nur dumm sei, so möchte ich Ihnen versichern, dass Angst immer einfach Angst ist. Absinkendes Qi.
Keine Angst ist dumm. Jeder Mensch lebt in ihrer/seiner eigenen Welt mit ganz eigenen Ängsten. Ängste sind Risse in unserer makellosen Alltagswelt, die von Logik zusammengehalten wird.  Unsere Angst ist unser persönliches Portal hinunter zu unserer Wahrheit, in die Unterwelt wie die Schamanen sagen. Dort, wo düstere Fabelwesen und weise alte Frauen uns Geheimnisse zuraunen. Der Ort, wo wir lernen, was unsere Körper, unsere Gefühle und unsere Realität im Inneren zusammenhält.

Vielleicht gelingt es Ihnen dort unten, Kontakt mit ihrer eigenen weisen alten Frau aufzunehmen und sie an die Oberfläche zu bringen. Die Welt braucht dringend weise alte Frauen (und störrische alte Knacker!). Die Zeit der Hexenverbrennung ist vorbei.
Die Zeit ist gekommen, nicht mehr bescheiden, lustlos, ordentlich gekämmt und „in Würde“ zu altern- sondern laut kichernd die Fackel unserer alten Frau (oder unseres verrückten alten Mannes) in die Welt zu tragen.

Also mitten hinein in die Angst.
Aus Angst gibt es keinen anderen Ausweg und alle Versuche, die Angst zu unterdrücken, führen dazu, dass sie an anderen Stellen wieder an die Oberfläche drängt. Wenn Angst überwindbar erscheint, so ist es keine Angst.

Angst ist das Sinken des Wassertropfens, ehe er sich mit dem Ozean vereint. Denkt der Wassertropfen etwa, er habe Angst vor dem Ozean? Denkt er etwa, er habe Angst, nicht mehr zu sein? Alles, was er fühlt, ist Einsamkeit und so sinkt er und sinkt. Es gibt keinen anderen Weg. Es gibt nur den Weg mitten hinein.
Wenn wir uns mit unserer Angst vereinen, so ergeht es uns wie all den Helden in unseren Märchen. Wir bekommen die Prinzessin und das Königreich. Die Prinzessin ist unsere Seele. Das Königreich ist unsere angeborene Macht.