Das Netz der Spinne

 

Ein luzider Alptraum. Klebrige weiße Fäden überall. Hände, die an mir zerren und mich mehr und mehr verwickeln in dieses Netz. Ein intensives Gefühl von Bosheit. Dann, nach mehreren Malen entsetzten Aufwachens und tapferem Weiterträumens, die Befreiung: Die Lakota nennen es das Netz der Spinne. Die Spinne Iktome, eine Trickstergottheit, hält uns in ihrem Netz aus Illusionen gefangen. In unserer dualen Realität erleben wir Dinge als gut oder böse. Auf einer höheren Ebene fällt diese Bewertung fort. Iktome ist nicht böse. Sie will uns etwas lehren und wie alle Trickstergottheiten wählt sie den Weg mitten durch die Schwierigkeiten. Indem sie uns hoffnungslos verstrickt, lehrt sie uns, dass wir uns zwischen Befreiung und Tod entscheiden müssen, und dass beide letztendlich das Gleiche sind. Wir sind Iktome. Unsere Illusionen sind Produkte unseres Egos. Unser Ego versucht, unsere Existenz mit vernünftigen Überlegungen unter Kontrolle zu halten. Dadurch verstricken wir uns mehr und mehr in das Netz von Ursache und Wirkung. Die Gedanken rennen und kreisen und wir wissen nicht mehr ein noch aus. Die Zeit rennt uns davon. Wir wollen und gieren und je mehr unsere Ängste und unsere Unzufriedenheit uns packen, umso mehr versuchen wir zugleich, uns herauszuwickeln und dieses ganze intellektuelle Gezappel verstrickt uns tiefer und tiefer in etwas, das von sich aus gar nicht existiert und erst durch unser Gezappel gewirkt wird. Da wir alle eins sind und wir alle gemeinsam in diesem Netz zappeln, wirkt es aber vollkommen real für uns. Und weiter geht das Gezappel. Für viele Menschen kommt der Augenblick der Befreiung im Tod, wenn diese Existenz für sie verblasst. Andere kommen schon in diesem Körper an einen Punkt, an dem nichts mehr geht. Durch Krankheit, Bankrott, das Ende einer Beziehung, Liebeskummer oder den Verlust einer beruflichen Illusion. Immer dann, wenn die ganze Existenz ins Wanken gerät, lockert sich das Netz. Die Wände werden schief. Schlaf und Wachrhythmus lösen sich auf. Alles, was wichtig war, verliert seine Bedeutung. Nichts funktioniert mehr und nichts kann uns mehr locken.Die meisten „fangen“ sich, fangen sich selbst wieder ein und verwickeln sich aufs neue. Bis zum nächsten seelischen Börsencrash. Einige wenige lassen los und ergeben sich und plötzlich öffnet sich das Netz. Iktome verschwindet und alles wird leicht und heiter. Und dann gibt es zunehmend die, die sich aus eigener Kraft befreien und lernen, der unschuldigen Freude ihres Herzens zu folgen. Unschuldig, weil sie nichts bewirken will und sich nicht verstrickt. Die lernen, das zu werden, was sie ohnehin schon sind. Die begreifen, dass Zeit unendlich und immer nur jetzt ist. Dass es keine anderen gibt, da wir alle eins sind. Dass unsere einzige Sünde die Absonderung ist. Dass unsere Realität unsere eigene Kreation ist. Eine unendliche kosmische Melodie. Der Gesang unseres eigenen Herzens. Und auch diese Befreiung ist kollektiv. Je mehr von uns der unschuldigen Freude des Herzens folgen, umso mehr lockert sich das Geflecht und dann werden wir alle wie Kinder.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Visionen von Christine. Permanenter Link des Eintrags.

Über Christine

Ärztin und Heilerin für Chinesische Medizin, Akupunktur, Trance und Träume. Aber auch Tänzerin, Dichterin, Liebende und weise Frau. Zuständig für das ganz alte China, Daoismus, Yin und Yang, Geister, Drachen, Liebeskummer, Ängste und heilsame Transformationen. Bücher: "Der Weg der Kaiserin", "Der Weg des Schamanen", "Chinesische Medizin für den Alltag" und bald noch viel mehr.

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