Wanderlust

 

Vergangenen Sommer plante meine Tochter eine Reise mit der transsibirischen Eisenbahn. Sie wollte den Sommer in einer mongolischen Jurte leben und danach in Peking studieren. Sie war siebzehn.
Es scheint, die Abenteuerlust liegt im Blut.
Erinnerungen.
Es ist dreißig Jahre her. Da kaufte ich selbst meine erste Fahrkarte für die transsibirische Eisenbahn und bereitete mich auf meine erste große Reise vor. Wie aufgeregt ich war. Damals wusste ich nicht, dass meine Reise niemals enden würde.
Ich studierte Chinesisch, Medizin und zuletzt chinesische Medizin. Immer wieder reiste ich nach China, um auch dort meinen Abschluss zu machen. Jahre später kam ich als Ärztin für Chinesische Medizin zurück nach Deutschland und beschloss, die chinesische Medizin in Deutschland zu etablieren. Damals verstand das kaum jemand.
„Sowas braucht niemand!“
„Das ist alles wissenschaftlich noch gar nicht belegt!“.
„Soweit sind die Deutschen nicht!“.

Sie waren soweit und Sie alle wissen, wie es weiterging. Es war eine schöne und aufregende Zeit.
Chinesische Medizin ist mittlerweile ein anerkanntes Heilverfahren. Es gibt kaum noch eine Kleinstadt, in der sich nicht zumindest ein Arzt für Akupunktur finden lässt. Manch einer davon war mein Schüler.
Menschen wie Sie haben dies erreicht. Sie waren überzeugt von dieser neuen und zugleich zeitlosen Art, Gesundheit und Krankheit zu sehen und haben Ihre Gedanken weitergegeben. Sie haben an die Kassen geschrieben und zum Teil endlose Briefwechsel mit Ihren Sachbearbeiterinnen gestartet. Sie haben in Zeitungen, im Fernsehen und im Internet über Ihre Erfahrungen berichtet. Einige von Ihnen haben selbst begonnen, Chinesische Medizin zu studieren.

Während die Chinesische Medizin unaufhaltsam und allen Widrigkeiten zum Trotz Fuß fasste, zog es mich weiter.

Reisen liegt mir im Blut.

Es dauerte lange, ehe ich begriff, dass Reisen innerlich stattfindet. Was immer da draußen sein mag: Erst in unserem Kopf wird aus dem Gewusel an elektromagnetischen Wellen, unseren Sinneseindrücken, eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden.
Es gibt Menschen, die reisen mit großem Geschrei um die ganze Welt und haben doch kaum etwas zu erzählen. Früher schlug sich das in langweiligen Diaabenden nieder. Heute gibt es dafür Facebook.

Andere bleiben zuhause, doch ihre innere Welt ist voll und reich an Abenteuern. Dies sind die wahren Reisenden. Die, die ihren Geist beherrschen und entfalten.

Glücklicherweise lässt sich die Kunst des wahren Reisens erlernen. Sie liegt uns allen im Blut, seit unsere Vorfahren sich an langen Nächten rund um das Feuer Geschichten erzählten und träumten.
Die ersten Begegnungen mit solchen Reisen machte ich bei meinen Behandlungen. Ich setzte ein paar Nadeln und die Behandelten tauchten vor meinen Augen in eine andere Welt. Sie verschwanden buchstäblich und oft kamen sie verändert zurück. Mit neuen Erkenntnissen und strahlenden Augen. Dabei verschwanden Krankheiten. Belastende Lebensentwürfe wurden über den Haufen geworfen. Neue entwickelt.
Ich bekam eine Ahnung, was Akupunktur sein kann. Eine kunstvolle Weise, Trancereisen zu induzieren und zu leiten. Nicht umsonst sind die Akupunkturpunkte im Chinesischen nach Flüssen und Seen, nach Bergen und Tälern, nach Wolken und Regen benannt. Durch das Setzen von Nadeln machen wir uns auf den Weg. In die Tiefe. Ans Licht. In die Vergangenheit oder weit, weit weg.

Die alten Daoisten setzten dafür meist keine Nadeln. Sie lenkten nur ihren Geist an die entsprechenden Körperstellen. Alte Bücher berichten von fantastischen Reisen auf goldschimmernden Wagen über purpurne Wolken und hinab durch juwelengefüllte Höhlen bis hinunter zu den Quellen der Unterwelt, von Begegnungen mit geflügelten Lichtwesen und den Geistern der Ahnen.

Kaum eine Kultur, die nicht von solchen Reisen weiß. Die alten Mythen und Legenden sind nichts weiter als Reiseberichte, weitergegeben von erfahrenen Reisenden, um den Nachkommen die Wege zu erleichtern, gefärbt von den Kulturen, denen sie entstammen. Fischer träumten von Reisen durchs Wasser und Reiter flogen auf Pferden durch die Wolken. Moderne Menschen verwenden andere Bilder. Aber Reisen liegt uns allen im Blut. Die Füße bleiben auf dem Boden, im Materiellen. Der Geist kreist um den Kosmos.
Jeder reist in seine eigene Welt. Am Anfang ist es vielleicht nur ein sonniger Strand oder eine blumige Wiese. Zwei, drei Meter Glück und Entspannung. Doch mit jeder Reise wird diese Welt größer und reicher an Vorstellungen und Erfahrungen.

Unser Problem ist nicht der Mangel an Phantasie, sondern das Übermaß an fremder Phantasie.

Wie gebannt stehen wir inmitten der Vielfalt an Eindrücken, die uns geboten werden. Wir betrachten endlose Aufzeichnungen von Reisen, in 3 D und Dolby Surround, und verlieren die Fähigkeit, selbst zu verreisen. Je mehr unsere eigene Phantasie verkümmert, umso größer wird der Hunger nach solchen Stimulantien. Bücher über phantastische Begebenheiten, Fantasyfilme und SF sind die großen Renner. Doch wie Junkfood können sie den eigentlichen Hunger nicht stillen.

Wer reisen will, sollte seine eigene Reiseroute finden. Nur hier treffen wir unsere eigenen Gottheiten. Nur hier finden wir unsere Bestimmung. Nur hier stillen wir unsere existentielle Sehnsucht und nur hier finden wir Heilung für unsere Krankheiten.

Aber wie? Wo ist der Ausgang aus den eigenen ewig gleichen kreisenden Gedanken?
Wer sich schnell und nachhaltig „wegschießen“ will, greift zu magischen Pflanzen. Auf unserem Kontinent sind dies die Drogen der Hexen, Fliegenpilz, Bilsenkraut und Tollkirsche. Die alten Amerikaner griffen eher zu Peyote oder Ayahuasca und die Asiaten zu Opium und Hanf. Allerdings warnen schon die alten chinesischen Kräuterbücher vor Schädigung des Herz-Yin durch solche Gewaltakte. Keine schöne Sache.

Andere Mittel sind nicht viel weniger rabiat. Wer möchte schon im arktischen Winter auf einer Eisscholle ausgesetzt werden oder ohne Wasser in der Wüste?
(Zugegeben, ich selbst liebäugele gelegentlich damit…Reiselust eben.)
Tagelanges Tanzen und Trommeln sind schon weit weniger fürchterlich.
Noch akzeptabler sind künstlerische Betätigungen wie Musizieren und Malen. Leider nicht für jede(n):

Ich bin nur selten neidisch. Doch wenn mich dieses Übel doch gelegentlich packt, dann angesichts von Menschen, die musizieren und malen. Ganz gleich, was wohlmeinende Pädagogen behaupten: Nicht jede(r) kann malen oder musizieren. Der Beweis dafür bin ich! Dahinter steckt kein unheilvoller Perfektionismus, sondern die Art, wie mein Gehirn arbeitet:
Ich sehe fast nichts und ich höre wenig. Auch nicht in Trance. Dafür tobt es in meinem Körper.

Ich bin Kinästhetikerin. So wie die meisten.
Wer nichts (oder nur wenig) hört oder sieht, leidet nur selten an mangelnder Phantasie oder Kreativität: Sie oder er ist höchstwahrscheinlich ein Kinästhetiker.
Ein fühlender Mensch. Ihre Visionen und Kreationen finden auf der körperlichen Ebene statt.

Seit ich dies begriffen habe, male und komponiere ich mit Nadeln.
Wenn Sie ebenfalls nichts hören und nichts sehen und Phantasiereisen an weiße Strände Sie seltsam unbefriedigt lassen:
Versuchen Sie es doch mal mit Tanz, mit Yoga, mit Taiji oder mit Nadeln. Ihr Körper freut sich.
Wer nicht hören kann, kann fühlen.

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